✎ Luis Murschetz - Der Hamster Radel
Als ich „Der Hamster Radel“ von Luis Murschetz nach der letzten Seite schloss, lautete mein spontanes Urteil: ungeeignet. Die dargestellte Situation ist hart, stellenweise bewusst überzeichnet, und mein ...
Als ich „Der Hamster Radel“ von Luis Murschetz nach der letzten Seite schloss, lautete mein spontanes Urteil: ungeeignet. Die dargestellte Situation ist hart, stellenweise bewusst überzeichnet, und mein erster Gedanke galt verstörten Kindern, die mit Bildern von Leid und Gefangenschaft konfrontiert werden, ohne dafür bereits einordnende Werkzeuge zu besitzen.
Mit zeitlichem Abstand verschob sich diese Einschätzung deutlich. Nach einer Nacht wurde klar, dass der Text als bewusstes, unbequemes Plädoyer funktioniert. Murschetz erzählt keine niedliche Tiergeschichte, sondern legt den Finger auf ein Thema, das gerne verdrängt wird: Viele Kleintiere leben eingesperrt, nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus menschlicher Bequemlichkeit. Sie werden vergessen, falsch gehalten, unzureichend versorgt - von artgerechter Haltung kann in vielen Fällen keine Rede sein.
Das Buch erschien erstmals 1975, und genau das sieht man ihm an. Die Illustrationen wirken unverändert, der Zeichenstil ist altmodisch, sämtliche dargestellten Menschen sind weiß, die Hamster alles andere als verniedlicht. Der visuelle Zugang ist ein wenig sperrig. Diese Sperrigkeit ist kein Zufall, sie verstärkt die Unruhe, die der Text erzeugen will.
Der Verlag empfiehlt das Buch ab drei Jahren. Diese Altersangabe halte ich für problematisch. Kinder in diesem Alter können die Tragweite der dargestellten Situation kaum erfassen. Für meine Siebenjährige hingegen war der Zeitpunkt richtig. Das Buch eröffnete Gespräche über eingesperrte Tiere, Verantwortung und darüber, warum es in unserer Familie bewusst keine Haustiere gibt. Genau hier liegt die Stärke des Textes: im gemeinsamen Reflektieren, nicht im schnellen Vorlesen.
Über die offensichtliche Tierschutzebene hinaus bietet das Buch auch Erwachsenen eine zweite Lesart - eine gesellschaftskritische Parabel. Das Hamsterrad lässt sich mühelos als Sinnbild für den monotonen Alltag deuten, aus dem viele ausbrechen wollen. Die Einsamkeit des Hamsters, das permanente Strampeln ohne Anerkennung, die vergeblichen Versuche, es dem unsichtbaren Gegenüber / der/dem Chef*in recht zu machen, spiegeln Erfahrungen wider, die zahlreiche Menschen da draußen machen. Der Text legt nahe, dass Veränderung Mut erfordert, manchmal Gemeinschaft, manchmal nur den ersten Schritt.
Für die ersten Jahre der Grundschule ist dieses Buch deshalb gut geeignet, nicht wegen seiner Leichtigkeit, sondern wegen seines Diskussionspotenzials. Gerade in der Weihnachtszeit erinnert es eindringlich daran, dass Tiere keine Geschenke sind, sondern Lebewesen mit Bedürfnissen, die über ein Laufrad und einen Käfig weit hinausgehen.
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