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Veröffentlicht am 30.12.2017

Olga

Olga
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Olga verliert sehr früh ihre Eltern und muss zu ihrer Großmutter ziehen, von der sie notgedrungen erzogen wird. Das wissbegierige Mädchen freundet sich mit Viktoria und ihrem Bruder Herbert an, die so ...

Olga verliert sehr früh ihre Eltern und muss zu ihrer Großmutter ziehen, von der sie notgedrungen erzogen wird. Das wissbegierige Mädchen freundet sich mit Viktoria und ihrem Bruder Herbert an, die so wie Olga eher eine Außenseiterrolle innehaben. Mit dem Alter entwickelt sich zwischen Olga und Herbert eine Liebelei, die allerdings immer wieder über einen längeren Zeitraum unterbrochen werden muss. Zum einen, weil Herbert sich verpflichtet hat und zum anderen, weil er viele entfernte und abenteuerliche Reisen unternimmt, die die beiden Liebenden über Monate von einander trennen. Olga bleibt Herbert stets treu und ergeben und konzentriert sich in seiner Abwesenheit vorzugsweise auf ihr Lehramtsstudium und ihren späteren Beruf der Lehrerin.

Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges bricht Herbert zu einer waghalsigen Expedition in die Arktis auf und lässt Olga wieder einmal zurück. Die junge Frau bangt Tag und Nacht um ihren Liebsten, schreibt ihm regelmäßig Briefe und muss doch um ihr eigenes Wohl in Kriegszeiten kämpfen. Glücklicherweise überlebt Olga den Krieg, doch eine heimtückische Krankheit fordert ihr Hörvermögen und so muss sie sich beruflich und psychisch umorientieren.

Als fähige Näherin lernt sie in einer Familie Ferdinand kennen. Von klein auf bis ins hohe Alter verbringen beide regelmäßig Zeit miteinander und führen anregende Gespräche über die Politik, Geschichte, Kunst, Filme und die Gesellschaft. Auch Olgas große Liebe Herbert kommt zur Sprache. Ferdinand, Olgas engster Vertrauter, ist es schließlich, der sich auf die Suche nach den von Olga an Herbert geschriebenen Briefen macht und so ihm fehlende Informationen zu der Lebens- und Liebesgeschichte einer einzigartigen Frau einholen möchte.

Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen, weil es so vielschichtig ist. In den drei Abschnitten lernt der Leser eine starke und mutige Frau kennen und begleitet diese über die Jahrzehnte hinweg, erhält einige geschichtliche Informationen und fühlt mit Olga mit, als sich ihre Liebe in ein Drama umwandelt. „Olga“ ist ein tragisches Buch mit viel Gefühl, interessanten Wendungen und voller Liebe einer Frau, die trotz allem nie aufgegeben hat zu liebe

Veröffentlicht am 28.12.2017

Die Optimierer

Die Optimierer
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Die EU, so wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Staaten haben ihre Koalitionen aufgelöst und sich neue Verbündete gesucht. Krisen und Konflikte, die uns in der Gegenwart betreffen, haben die Länder ...

Die EU, so wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Staaten haben ihre Koalitionen aufgelöst und sich neue Verbündete gesucht. Krisen und Konflikte, die uns in der Gegenwart betreffen, haben die Länder gespalten und für die Errichtung von Mauern und einem neuen Wertesystem gesorgt. Alles und jeder wird seitdem kontrolliert und muss sich optimal in die Gesellschaft einfügen. Auch Roboter sind keine Seltenheit mehr. In allen Lebensbereichen kommen diese zum Einsatz und nehmen Menschen einiges an Arbeit ab. Vom Roboter, der den Verkehr kontrolliert, zum Haushaltsroboter bis hin zur Roboter-Bedienung in einem Restaurant oder einer Bar ist die Maschine vertreten. Ihr menschliches Aussehen und ihr programmiertes menschliches Handeln sind so gut umgesetzt, dass die Roboter problemlos in den Alltag integriert sind.

Einen weiteren einschneidenden Fortschritt stellt die Kontaktlinse dar, welche jeder Mensch fast ununterbrochen und vorzugsweise im linken Auge trägt. Diese Linse hat das Smartphone und jegliche andere Kommunikationsmittel in die Schranken verwiesen. Durch die Linse sieht der Mensch die aktuellsten News und Meldungen, ruft seine Emails ab, führt Telefonate, schaut Filme und sieht jegliche Informationen zu seinen Mitmenschen und sich selbst. Hier wird dem „Vorzeigemenschen“ auch sein derzeitiges Sozialpunktekonto angezeigt, welches erheblich zu der jeweiligen sozialen Stellung beiträgt. Je mehr Punkte gesammelt worden sind, desto angesehener ist man, erhält einen entsprechend ranghohen Job oder hat die Möglichkeit befördert zu werden und ist ein gern gesehenes Mitglied der Gesellschaft.

Damit jeder seinen Platz in der Gesellschaft im Jahr 2052 findet, werden Lebensberater eingesetzt. Diese sollen die Interessen und mögliche Vorlieben der Menschen erfassen, beurteilen und ihnen einen Arbeitsplatz und somit auch einen Platz in der Optimalwohlökonomie zuweisen. Samson Freitag ist einer dieser Lebensberater, die ihrem Job sehr gewissenhaft nachgehen. Für ihn gibt es nichts besseres als den vorherrschenden Zusammenschluss der Staaten, die komplette Überwachung und die damit verbundene gewaltlose und von jeglicher Kriminalität entbundene Gesellschaft. Recht und Ordnung haben die Oberhand gewonnen, Roboter erleichtern und die Kontaktlinse bereichert das Leben - dies ist für Samson zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Aufgrund einer Aneinanderreihung sehr unglücklicher Umstände zieht Samson von einen Tag auf den Anderen das Interesse der Ordnungshüter auf sich und sein Sozialpunktekonto schrumpft auf ein Minimum. Irritiert und schier verzweifelt versucht Samson die Maschinerie, die ihn in den Abgrund reißt, mit allen Mitteln aufzuhalten und bemerkt hierbei, dass das scheinbar so perfekte System Fehler und Schlupflöcher aufweist. Die Optimalwohlökonomie bröckelt hinter ihrer Fassade gewaltig und scheut nicht davor zurück alle diejenigen, die sie anzweifeln oder Ungereimtheiten aufdecken wollen, zu beseitigen.

Die Autorin hat ein höchst interessantes Buch geschrieben, welches nicht nur explosives Diskussionsmaterial bietet, sondern auch den Leser dazu animiert sich intensiv mit Zukunftsszenarien auseinander zu setzen, da diese auch nicht allzu abwegig erscheinen. Die im Buch beschriebene Zukunft und damit verbundene Optimalwohlökonomie spielt nicht erst im Jahr 2145, sondern in greifbarer Nähe, die wir im besten Falle alle noch miterleben werden. Dies lässt womöglich den Leser noch ein wenig mehr schaudern, da bestimmte Ansätze der Optimalgesellschaft jetzt schon zu erkennen sind und der Fortschritt in den Bereichen Kommunikation, Fortbewegung und Maschinenwesen unaufhaltsam und rasant voranschreitet.
Das Buch besticht durch einen klaren Schreibstil, einen fesselnden Handlungsstrang und einen Hauptprotagonisten, der ein Empfinden von Mitleid, Unverständnis und trotzdem einen Hauch von Sympathie im Leser weckt. Lediglich das Ende fand ich ein wenig zu überhastet niedergeschrieben. Wäre hier die ein oder andere Szene entschleunigt dargestellt worden, hätte das Buch, zu dem es wahrscheinlich einen zweiten Teil geben wird, ein „rundes“ Ende gefunden.

Veröffentlicht am 10.12.2017

Das Gold des Lombarden

Das Gold des Lombarden
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Aleydis Golatti muss den schmerzlichen Verlust ihres geliebten Ehemannes, eines berühmten lombardischen Geldverleihers in Köln, verkraften. Ihr Mann war zwar um einige Jahre älter als sie, doch er behandelte ...

Aleydis Golatti muss den schmerzlichen Verlust ihres geliebten Ehemannes, eines berühmten lombardischen Geldverleihers in Köln, verkraften. Ihr Mann war zwar um einige Jahre älter als sie, doch er behandelte sie stets respektvoll, kaufte ihr schöne Kleidung und Schmuck und überließ ihr sogar die Buchhaltung seines Geschäfts. Doch von einem Tag auf den anderen droht die heile Welt der jungen und attraktiven Frau zusammenzubrechen, als ihr Mann erhängt vor den Toren Kölns aufgefunden wird. Vieles deutet auf einen Selbstmord hin, doch daran kann und will Aleydis einfach nicht glauben. Sie wendet sich an die Männer im Rathaus und das Gericht und will mit allen Mitteln herausfinden was wirklich vorgefallen ist.
Der Gewaltrichter Vinzenz van Cleve nimmt sich dem Fall an, obwohl seine Familie und der Lombarde stets im hitzigen Konkurrenzkampf und nicht im Guten zueinander standen. Er versucht hier professionell seinem Beruf nachzugehen, doch bleibt es nicht aus, dass auch er heimlich dem Charme von Aleydis verfällt. Bei ihren aufwendigen Recherchen stoßen beide zeitweise an ihre Grenzen und müssen einige bedrohliche Situationen meistern, der Hetzjagd vieler Bürger entkommen und diverse Beleidigungen ertragen.

Von der ersten Seite durchlebt der Leser eine authentische Zeitreise und durchstreift mit den Hauptprotagonisten die Straßen Kölns, versucht selber Hinweise und erlangtes Wissen zur Aufklärung zusammenzufügen und erhält einen Einblick in das Leben der Menschen zu der damaligen Zeit. Durch die gut recherchierten Informationen, die im Buch vermittelt werden, die gelungene Einteilung der Szenen, aufgrund des aussagekräftigen und nicht zu verschnörkelten Schreibstils und eines effektiven Plots, liest sich das Buch flott und ohne störende Nebenhandlungen. Man mag das Buch kaum aus der Hand legen und genau dies macht u.a. für mich einen hervorragenden Roman aus. Das schön gestaltete Cover und eine Stadtkarte Kölns im inneren des Buches tragen noch ein wenig zu meiner Begeisterung bei.

Wer historische Romane, die in Deutschland spielen, mag wird ein Lesevergnügen mit „Das Gold des Lombarden“ erleben.

Veröffentlicht am 08.11.2017

Babylon

Babylon
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Da nimmt man sich endlich vor eine Party zu geben, ist tierisch nervös und völlig mit der Planung überfordert, da man vorher noch nie eine Party veranstaltet hat, und dann endet diese auch noch im folgenschweren ...

Da nimmt man sich endlich vor eine Party zu geben, ist tierisch nervös und völlig mit der Planung überfordert, da man vorher noch nie eine Party veranstaltet hat, und dann endet diese auch noch im folgenschweren Chaos und man wird selber in ebendieses hineingezogen.
Elisabeths Gäste sind eine bunte Mischung aus allen gesellschaftlichen Schichten und kommen immer besser miteinander ins Gespräch, je mehr Alkohol fließt. Die Zungen lösen sich, Witze werden gerissen und Anekdoten aus dem Alltag zum Besten gegeben. Jean-Lino, der Nachbar von oben, erzählt von einem Vorfall in einem Restaurant, wo seine Frau Lydie den Kellner gefragt hat, ob das Hühnchen, welches auf der Speisekarte gelandet ist, ein gutes Leben in Freilandhaltung geführt hat. Er fand die Frage seiner Frau belustigend, schämte sich aber auch für ihre immer wieder ausgelebten Aktivitäten hinsichtlich des Tierschutzes. Lydie hingegen findet diese kleine Wiedergabe der Geschehnisse alles andere als amüsant und fühlt sich von ihrem Ehemann angegriffen. Die Stimmung ist vorläufig dahin, die Gäste werden Zeugen einer verbalen Auseinandersetzung des Ehepaares, welches kurze Zeit später die Party verlässt. Einige Gläser Sekt und Schnaps später wird die Stimmung wieder locker, es wird gegessen und sich unterhalten, bis die Gäste nach und nach die Festlichkeiten verlassen und sich auf den Heimweg begeben.
Elisabeth und ihr Mann räumen nur das Nötigste weg, gehen ins Bett und werden durch das Klingeln an der Haustür aus ihrem Schlaf gerissen. Jean-Lino steht vor ihrer Tür und gesteht beiden, dass er seine Frau Lydie umgebracht hat und nun nicht weiß was er tun soll. An eine nächtliche Ruhe und ein paar Stunden erholsamen Schlaf ist nun gar nicht mehr zu denken.

Yasmina Reza greift wieder einmal nach einer Alltagssituation, mit ganz gewöhnlichen Menschen als Hauptdarsteller, und lässt diese in einer Tragikomödie enden. Wie auch schon in ihrem Roman „Gott des Gemetzels“ lässt sie die Situation langsam und gekonnt eskalieren, zieht die Hauptprotagonisten immer tiefer in einen Strudel aus Diskussionen, einer vorherrschenden Ratlosigkeit, absurden Ideen und einer belustigenden Darbietung. Gespickt mit einigen Hintergrundinformationen zu den Akteuren erwartet den Leser ein gutes, aber nicht herausragendes Buch. Amüsant und kurzweilig ist es hingegen in jedem Fall. Doch fehlt hier m.E. das gewisse „Etwas“, welches die groteske Story mitreißend erscheinen lässt. Die Autorin hätte das Buch ruhig ein wenig furioser und mit ein wenig mehr Biss schreiben können.

Veröffentlicht am 23.10.2017

Im Traum kannst du nicht lügen

Im Traum kannst du nicht lügen
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Die 18 jährige Maja steht vor Gericht, weil ihr vorgeworfen wird als Mittäterin ihre Mitschüler und einen Lehrer auf kaltblütige Art und Weise erschossen zu haben. Sie wurde noch im Klassenraum verhaftet, ...

Die 18 jährige Maja steht vor Gericht, weil ihr vorgeworfen wird als Mittäterin ihre Mitschüler und einen Lehrer auf kaltblütige Art und Weise erschossen zu haben. Sie wurde noch im Klassenraum verhaftet, abgeführt und in Untersuchungshaft gesteckt. Dort verweilte sie knapp neun Monate, bis nun endlich der Prozess gegen sie eröffnet wurde. In dieser Zeit wurde sie zu einem Hassobjekt der Bevölkerung und der Medien. Sie weiß ganz genau, dass alle die Höchststrafe für ihre Tat verlangen und das sie alle für schuldig halten, doch ist sie es wirklich? Hat sie wirklich geschossen?

Durch das ganze Buch hinweg erlebt der Leser Maja hautnah und begleitet sie zu den Verhandlungen, nimmt an ihren Gedanken teil, sitzt mit ihr in der kleinen Gefängniszelle und hört ihrer Geschichte, ihren Erinnerungen, zu. Sie schildert ihre Lebensweise vor der Tat, ihre Wünsche und Hoffnungen, beschreibt ihre Freunde, ihre große Liebe Sebastian, ihre beste Freundin Amanda und ihre Party- und Drogenexzesse.

Maja ist an einem wohlhabenden Ort aufgewachsen, besuchte eine gute und angesehene Schule und musste kein Leid erfahren. Jedoch änderte sich vieles in ihrem Leben, als Sebastian in ihre Klasse versetzt wurde und sie ihr Herz an den Jungen aus sehr reichem Hause verlor.

Die Beziehung zu Sebastian öffnete zum einen viele Türen, zum anderen merkte Maja schnell, dass etwas nicht stimmte. Sebastians Drogenkonsum nahm kontinuierlich zu, er verlor immer mehr die Kontrolle über sich und war charakterlich kaum mehr auszuhalten. Zudem erhielt Maja einen Blick hinter die Fassade seiner einflussreichen Familie, die alles andere als liebevoll war.

Sie weiß, dass sie handeln müsste. Sie weiß, dass sie Sebastian verlassen müsste, doch ist das alles nicht so einfach wie es scheint. Sie selber ist gefangen in einem Strudel, dem sie ohne fremde Hilfe nicht entkommen kann und genau diese Hilfe wird ihr verwehrt. Es wird alles nur noch schlimmer, bis zu dem Tag, an dem alles eskaliert und es zu dem Amoklauf im Klassenraum kommt.

Die Autorin hat mit der Hauptprotagonistin einen interessanten Charakter erschaffen, der oft polarisiert und den man lange nur schlecht einschätzen kann. Maja ist eine verwöhnte Zicke, ein arroganter Teen, aber auch eine bemitleidenswerte Person. Als Leser erlebt man diesbezüglich eine kleine Achterbahnfahrt. Die Idee an sich und der Aufbau des Buches sind meines Erachtens gut umgesetzt worden. Aufgrund des flotten Schreibstils und des Spannungsbogens wurde das Buch schnell zu einem Pageturner, den man ungern aus der Hand legen wollte. Zudem stand nicht nur der Prozess im Mittelpunkt, sondern auch die Jugendlichen mit all ihren Problemen, die unterschiedlichen Milieus, familiäre Probleme und es wurde aufgezeigt wie stark Drogen Einfluss auf die Entwicklung eines Charakters nehmen können. Inhaltlich hat das Buch also viel zu bieten und wurde zurecht im letzten Jahr als bester Kriminalroman Schwedens gekürt.