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Veröffentlicht am 10.03.2026

Netzer und die wilden Jahre des deutschen Fußballs

Günter Netzer
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Fußball kann vieles sein. Leidenschaft, Drama, Stammtischstoff. In den Siebzigern konnte er aber auch Stil haben. Genau das zeigt dieses großartige Buch über Günter Netzer, und nach ein paar Seiten wird ...

Fußball kann vieles sein. Leidenschaft, Drama, Stammtischstoff. In den Siebzigern konnte er aber auch Stil haben. Genau das zeigt dieses großartige Buch über Günter Netzer, und nach ein paar Seiten wird schnell klar, warum dieser Mann weit mehr war als nur ein genialer Spielmacher.

Zwischen alten Fotos, starken Momentaufnahmen und sehr persönlichen Einblicken entsteht hier das Bild eines Fußballers, der irgendwie immer ein bisschen größer wirkte als das Spiel selbst. Netzer war kein braver Mitläufer. Der Mann hatte Haltung, Haare, Stil und vor allem einen linken Fuß, der offenbar Dinge konnte, von denen andere Spieler nur träumten. Beim Lesen tauchen sofort Bilder auf von Borussia Mönchengladbach, von eleganten Pässen und von dieser lässigen Art, die Netzer zu einer echten Ikone gemacht hat.

Besonders stark ist, wie nah das Buch an den Menschen hinter der Legende herankommt. Mode, Autos, Zeitgeist, große Spiele und kleine Geschichten aus einer wilden Fußballzeit. Man merkt schnell, dass hier jemand schreibt, der nicht nur Daten und Fakten sammelt, sondern das Lebensgefühl dieser Ära wirklich versteht.

Das Zeitzeugeninterview bringt zusätzlich richtig Leben in die Seiten. Da spricht kein Denkmal aus Bronze, sondern ein Typ, der Fußball gelebt hat und genau wusste, dass er anders war als viele seiner Kollegen.

Am Ende bleibt ein Buch, das sich anfühlt wie eine Zeitreise in eine Epoche, in der Fußball noch Charakterköpfe hatte. Und ganz ehrlich, während man durch die Seiten blättert, wächst die Erkenntnis: Günter Netzer war nicht nur ein Fußballer. Er war Stil, Haltung und ein Stück Fußballkultur.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Wenn Glück nur von außen perfekt aussieht

Alle glücklich
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Perfekte Familien gibt es nur auf Fotos. Oder auf Instagram. Und selbst da meistens nur bis zum dritten Swipe.

Bei dieser Familie wirkt erst mal alles geschniegelt und geschniegelt. Erfolgreicher Arzt, ...

Perfekte Familien gibt es nur auf Fotos. Oder auf Instagram. Und selbst da meistens nur bis zum dritten Swipe.

Bei dieser Familie wirkt erst mal alles geschniegelt und geschniegelt. Erfolgreicher Arzt, engagierte Mutter, zwei Kinder, die ihr Leben scheinbar im Griff haben. Klingt nach dem typischen Bilderbuch. Doch je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto mehr merkt man: Hinter dieser Fassade knarzt es gewaltig.

Nina funktioniert. Als Mutter, Ehefrau, im Job. Alles läuft, alles organisiert, alles geschniegelt. Nur irgendwo zwischen Einkaufszetteln und Alltag ist sie selbst verloren gegangen. Alexander rackert sich im Krankenhaus auf und glaubt, alles für die Familie zu tun. Und trotzdem fühlt sich niemand wirklich gesehen. Währenddessen stolpert Emilia durch ihre erste große Liebe und Ben versucht verzweifelt, sich selbst einzureden, dass bei ihm alles super läuft. Spoiler: tut es nicht.

Was dieses Buch so stark macht, ist die Ehrlichkeit. Keine übertriebene Dramatik, keine künstlichen Wendungen. Stattdessen diese leisen Momente, in denen man plötzlich denkt: Oh verdammt, das fühlt sich erschreckend real an.

Immer wieder ertappt man sich beim Lesen dabei, wie man innerlich nickt. Wie schnell man sich selbst verliert, wenn man nur noch funktioniert. Wie wenig manchmal fehlt, bis eine scheinbar stabile Familie Risse bekommt.

Kira Mohn schaut unglaublich genau hin, aber ohne mit dem moralischen Zeigefinger zu wedeln. Die Figuren sind menschlich, verletzlich, manchmal auch ein bisschen anstrengend. Genau deshalb funktionieren sie so gut.

Am Ende bleibt dieses Gefühl, dass Glück nicht automatisch entsteht, nur weil von außen alles richtig aussieht. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Romans.

Ein Buch, das leise unter die Haut kriecht und dort erstaunlich lange bleibt.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Miles Davis und das Leben im Jazzmodus

Miles Davis. Sound eines Lebens
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Miles Davis war nie einfach nur ein Musiker. Der Mann war eher ein Naturereignis mit Trompete. So einer, der einmal tief Luft holt und danach klingt die Musikwelt plötzlich anders. Genau dieses Gefühl ...

Miles Davis war nie einfach nur ein Musiker. Der Mann war eher ein Naturereignis mit Trompete. So einer, der einmal tief Luft holt und danach klingt die Musikwelt plötzlich anders. Genau dieses Gefühl zieht sich auch durch Stefan Hentz’ Buch wie ein leiser, cooler Basslauf im Hintergrund.

Schon nach ein paar Seiten wird klar: Hier schreibt keiner, der nur Daten und Fakten runterbetet. Hentz kennt sich aus. Richtig aus. Man spürt förmlich, wie viel Respekt, Wissen und Begeisterung in dieser Biografie stecken. Gleichzeitig bleibt das Ganze angenehm lesbar. Kein trockenes Musiklexikon, sondern eher wie eine lange, spannende Jam Session über das Leben eines Mannes, der den Jazz immer wieder neu erfunden hat.

Besonders faszinierend ist, wie widersprüchlich Miles Davis hier erscheint. Sensibel und verletzlich, gleichzeitig arrogant, wütend und kompromisslos. Einer, der musikalische Grenzen eingerissen hat, aber privat oft genug an sich selbst gescheitert ist. Beim Lesen denkt man öfter: Was für ein genialer, komplizierter Typ. Und genau das macht ihn so spannend.

Natürlich geht es auch um die legendären Meilensteine. Kind of Blue. Birth of the Cool. Bitches Brew. Diese Momente, in denen Jazz plötzlich eine neue Richtung bekam. Aber das Buch bleibt nicht bei der Musik stehen. Rassismus, Ruhm, Drogen, Rückzüge, Comebacks. All das gehört zu diesem Leben dazu und wird hier klug und ehrlich eingeordnet.

Ein echtes Highlight ist das Kapitel über die Fotoserie A Day in the Life of Miles Davis von Glen Craig. Plötzlich sieht man diesen Mythos nicht nur als Musiker, sondern als Mensch in ganz alltäglichen Momenten. Irgendwie nahbar und trotzdem weiterhin geheimnisvoll.

Unterm Strich ist das eine Biografie, die sich anfühlt wie Miles Davis selbst. Mal ruhig und nachdenklich, dann wieder laut, kantig und überraschend. Wer Jazz liebt, kommt hier sowieso auf seine Kosten. Aber auch alle, die sich für starke Persönlichkeiten interessieren, werden ziemlich schnell merken, dass dieses Buch ordentlich Groove hat.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Zwischen zwei Welten und keinem sicheren Zuhause

Zugwind
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Ein kalter Luftzug, der sich langsam durch jede Ritze schiebt und irgendwann das ganze Leben erfasst. Genau dieses Gefühl hat mich beim Lesen von Zugwind begleitet. Die Geschichte von Mira hat sich leise ...

Ein kalter Luftzug, der sich langsam durch jede Ritze schiebt und irgendwann das ganze Leben erfasst. Genau dieses Gefühl hat mich beim Lesen von Zugwind begleitet. Die Geschichte von Mira hat sich leise und doch mit großer Wucht in mein Herz geschlichen.

Mira lebt ein scheinbar geordnetes Leben in Deutschland. Hausärztin, Mutter, Ehefrau. Doch während sie versucht, ihren Alltag zwischen Praxis, Familie und Verpflichtungen zu meistern, brennt in ihrer Heimat Ukraine der Krieg. Die Nachrichten, die Sorgen um Familie und Freunde und die Schuldgefühle darüber, selbst in Sicherheit zu sein, ziehen sich durch jede Seite wie ein unsichtbarer Faden.

Besonders berührend fand ich, wie nah die Autorin an Miras innerer Zerrissenheit bleibt. Die Praxis wird zu einem Ort voller Geschichten, Ängste und Hoffnung, wenn ukrainische Patienten Hilfe suchen. Gleichzeitig kämpft Mira mit ihren eigenen Gefühlen zwischen Trauer, Wut und der Sehnsucht nach dem Leben, das sie zurücklassen musste.

Die Sprache wirkt dabei ruhig, fast zurückhaltend, und gerade dadurch unglaublich intensiv. Viele Szenen fühlen sich so authentisch an, als würde man Mira still durch ihren Alltag begleiten. Man spürt ihre Müdigkeit, ihre Überforderung und auch ihre kleinen Momente von Wärme und Menschlichkeit.

Zugwind ist kein lauter Roman. Es ist eine leise, nachdenkliche Geschichte über Heimat, Verlust und die schwierige Frage, wo man eigentlich hingehört, wenn das eigene Herz zwischen zwei Welten schlägt.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Wenn die Chefetage plötzlich ziemlich menschlich wirkt

Können Sie mich sehen?
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Ganz oben in den Chefetagen weht bekanntlich ein ziemlich eigener Wind. Da fliegen Begriffe wie agil, proaktiv und skalierbar durch die Luft, während irgendwo jemand versucht, mit möglichst gerader Krawatte ...

Ganz oben in den Chefetagen weht bekanntlich ein ziemlich eigener Wind. Da fliegen Begriffe wie agil, proaktiv und skalierbar durch die Luft, während irgendwo jemand versucht, mit möglichst gerader Krawatte nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Genau in diese Welt wirft Martin Suter einen Blick und macht daraus ein ziemlich unterhaltsames Gedankenspiel.

Können Sie mich sehen? ist kein klassischer Roman, sondern eher eine Sammlung pointierter Beobachtungen über die Welt der Manager. Diese kleine Parallelwelt, in der Meetings länger dauern als so mancher Kinofilm und in der ein falsches Wort schon reichen kann, um vom Olymp der Entscheidungsträger direkt in die Bedeutungslosigkeit zu purzeln. Während man liest, nickt man öfter mal grinsend vor sich hin, weil vieles erstaunlich vertraut wirkt.

Besonders charmant ist, wie Suter diese Businesssprache aufs Korn nimmt. Da wird analysiert, optimiert und transformiert, bis man sich irgendwann fragt, ob eigentlich noch jemand weiß, worum es ursprünglich ging. Gleichzeitig schwingt immer ein leiser Humor mit, der nie laut wird, aber genau deshalb so gut funktioniert.

Auch die Veränderungen in der Arbeitswelt spielen eine Rolle. Homeoffice, neue Dynamiken, mehr Frauen in Führungspositionen. Plötzlich wackeln alte Gewissheiten und manche der Herren in den oberen Etagen wirken ein bisschen wie Leute, die ihr Navigationsgerät verloren haben.

Beim Lesen hatte ich öfter dieses Gefühl von stillem Schmunzeln. Kein lautes Gelächter, eher dieses angenehme Grinsen, wenn jemand die Dinge auf den Punkt bringt. Suter beobachtet scharf, schreibt elegant und trifft mit vielen kleinen Szenen erstaunlich genau ins Schwarze.

Am Ende bleibt ein Buch, das man schnell durchliest, das aber trotzdem nachhallt. Weil es mit viel Witz zeigt, wie absurd manche Mechaniken der Arbeitswelt eigentlich sind. Und weil man sich beim Zuklappen denkt: Tja, so weit weg von der Realität ist das alles wahrscheinlich gar nicht.

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