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Veröffentlicht am 15.09.2016

Einundzwanzig Zigaretten für ein Leben

Drehtür
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Asta ist kein Schäferhund. Sie ist trotz ihres Namens eine ältere Frau, die einen Großteil ihres erwachsenen Lebens im Ausland verbracht hat, als Krankenschwester in Krisengebieten, Dritte-Welt-Ländern, ...

Asta ist kein Schäferhund. Sie ist trotz ihres Namens eine ältere Frau, die einen Großteil ihres erwachsenen Lebens im Ausland verbracht hat, als Krankenschwester in Krisengebieten, Dritte-Welt-Ländern, wohin auch immer das Leben sie getrieben hat. Und getrieben ist das Stichwort, denn das ist sie. Sie steht neben einer Drehtür im Münchner Flughafen; ihr Koffer ist verschwunden, weiß der Geier wohin, sie hat nur ein One-Way-Ticket und keinen Plan, was sie tun soll. Ist sie aus ihrem letzten Beruf gemobbt worden oder hat sie wirklich all die angeprangerten Fehler begangen? Jetzt steht sie hier an der Drehtür, wartend, rauchend, sinnierend. Das Leben oder eher Menschen, die ihr Leben prägten, ziehen an ihr vorbei.

Asta beobachtet Leute und wenn ihr jemand bekannt vorkommt, erzählt sie von jemandem, den sie kannte. Das funktioniert ganz gut, darunter sind teilweise skurrile Erzählungen, die sich weniger mit Astas unspektakulärem Leben befassen, sondern mit Menschen darin, doch die Verbindung, die sie mit Asta haben, macht es zwischendurch interessant. Nicht immer, die Katzen- und Kurtgeschichte in Tunesien mit Ausnahme der dicken, verunglückten Frau hätte man sich sparen können. Zumindest wird immer klarer, dass Asta nur durch andere lebt, durch das Helfen, durch die Lebensgeschichten von Bekannten, sie selbst hat schon in der Jugend sämtliche Wurzeln zerschnitten und sich nie wieder neu angepflanzt. Irgendwie eine extrem bedauernswerte Person, diese Asta, dann wieder doch nicht, weil alles immer trübsinnig ist und man sich fragt, warum sie nicht mehr aus sich gemacht hat. Das Ende ist vorhersehbar, als würde nichts mehr einfallen oder die Autorin nicht mutig genug, etwas Neues zu erschaffen, aber es passt zu der depressiven Aufmachung des Deutschen Bücherpreises.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eine fatale Kombination aus Langeweile und Ungeduld

Weshalb die Herren Seesterne tragen
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Die Worte des Titels habe ich direkt aus dem Buch geklaut, irgendwo direkt vom Beginn, denn es drückte schon dort so perfekt aus, was ich beim Lesen empfand. Langeweile ob des endlos langweiligem Strom ...

Die Worte des Titels habe ich direkt aus dem Buch geklaut, irgendwo direkt vom Beginn, denn es drückte schon dort so perfekt aus, was ich beim Lesen empfand. Langeweile ob des endlos langweiligem Strom hohler aneinander gereihter Worte, die mal mehr, mal weniger Sinn ergeben, Hauptsache, es ist einzigartig, ist anders geschrieben als andere, weniger literarisch anspruchsvolle Bücher. Oh, ich wünschte, dieses Buch hätte irgendeinen Anspruch an den Leser außer dem, die Augen offen zu halten, sich durchzukämpfen durch eine Geschichte, die keine ist, durch einen Schreibstil, der keiner ist, durch eine suggerierte Bedeutung, die keine ist. Es sei denn, den Leser deprimieren zu wollen, ihm sagen zu wollen, das Leben ist langweilig, ist deprimierend, ist bedeutungslos - lasst die, die ihr das Buch aufschlagt, alle Hoffnungen fahren. Es geht so in die Tiefe. Die Wirtschaftslage ist schlecht, die Umwelt geht vor die Hunde, und die Hunde, die hier Annemarie heißen, sind fett und ausgesetzt worden. Frauen sind einsam und verlassen, Männer machen ihr eigenes Ding, und wer wissen will, warum die Herren Seesterne tragen, muss sich in eine Tankstelle begeben, die keine mehr ist. Es gibt kein Anfang und kein Ende, das Glück ist ein Fragebogen aus Bhutan, das - nur falls sich an dieses Buch jemand verirrt, der nicht aus der Welt der Hochintellektuellen stammt - kein Gas, sondern ein Königreich in Südasien ist. Anführungszeichen werden völlig überbewertet, das ist was für Anfänger oder Containergucker oder all diese Leute, die gute Unterhaltung erwarten, und falls jemand denkt, diese Rezension sei verwirrend, dem empfehle ich aus tiefsten Herzen dieses Buch, diesen Kessel aus Worten, zusammengerührt und geschüttelt und Schluss.

Zusatz: Ich habe schon überlegt, dem Buch sogar zwei Punkte zu geben, denn es hat mich zum Nachdenken angeregt. Erstens: Ich habe keinen Plan, wie meine Urgroßeltern heißen. Zweitens: Ich habe den Deutschen Buchpreis gegoogelt. Es ist ein vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels geschaffener Preis. Einer der Partner davon ist die Deutsche Bank Stiftung. Als ich las, dass die Deutsche Bank Stiftung etwas sei, das ausschließlich gemeinnützige Zwecke verfolge, hat mich das immerhin zum Lachen gebracht.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Die tödliche Göttin und der schlafende Prinz

Goddess of Poison - Tödliche Berührung
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Noch vor vier Jahren war Twylla ein fast normales Mädchen aus einem Dorf. Ihre Mutter ist die Sündenesserin, und diese Aufgabe ist auch ihr vorbestimmt, doch dann kommt alles anders. Sie erfährt, dass ...

Noch vor vier Jahren war Twylla ein fast normales Mädchen aus einem Dorf. Ihre Mutter ist die Sündenesserin, und diese Aufgabe ist auch ihr vorbestimmt, doch dann kommt alles anders. Sie erfährt, dass sie etwas Besonderes ist, dass sie die Einzige ist, die ein Gift trinken kann, das ihre Haut giftig werden lässt, dass sie dafür bestimmt ist, der Göttin zu dienen, Staatsverräter hinzurichten und den Kronprinzen zu heiraten. Sie kommt an den Hof von Lormere, wo die Königin grausam und absolut herrscht, und alle Angst vor ihr und ihrer giftigen Haut haben. Alle, bis auf die Königsfamilie, die als einzige immun gegen sie sind. Doch der Kronprinz, der gerade von einer zweijährigen Reise zurückgekehrt ist, benimmt sich ihr gegenüber distanziert, und ihr einziger Vertrauter, einer ihrer Wächter, wird schwer krank. Als ihr dann ein neuer Wächter zur Seite gestellt wird, beginnt Twylla langsam, ihre Aufgabe und ihre Bestimmung zu hinterfragen.

Eigentlich ganz nett. Und damit wäre fast alles gesagt. Wie habe ich es neulich gesehen: Nett ist der kleine Bruder von Langweilig. Direkt langweilig war die Geschichte nicht, aber ein Straßenfeger wird sie wohl auch nicht werden. Dafür tröpfelt die nette Geschichte zu sehr vor sich hin. Auch die ganzen Intrigen und die krassen Entdeckungen, die Twylla macht, sind so krass und unerwartet eigentlich nicht. Und man kann sich fragen, warum alle dieses Mädchen so fürchten, anstatt einfach immer dafür zu sorgen, dass die eigene Haut bedeckt ist. Und dass es in all den Jahren keinen Unfall gegeben haben soll, erscheint auch unwahrscheinlich. Dann wären einige Sachen viel eher ans Licht gekommen. Ab der Mitte wurde das Liebesgedöhns etwas zu sehr ausgewälzt - romantische Mädchen werden es wahrscheinlich mögen, für Erwachsene dürfte das einen Ticken zu viel sein. Zusammengefasst: ganz nett, darf sich aber in den nächsten Teilen gern steigern.

Veröffentlicht am 15.09.2016

I don't care about truth ...

DIE WAHRHEIT
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Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen, das mir nach der alles andere als spannenden oder auch nur interessanten Leseprobe riet, dieses Buch sein zu lassen. Aber wenn so viele, auch von mir geschätzte ...

Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen, das mir nach der alles andere als spannenden oder auch nur interessanten Leseprobe riet, dieses Buch sein zu lassen. Aber wenn so viele, auch von mir geschätzte Rezensenten, über den Erstling der Autorin so geschwärmt haben und sich auch auf dieses Buch so freuten, muss es doch gut sein, dachte ich. Vielleicht lullt sie mit einem Hausfrauenromananfang den Leser ein und dann knallt sie ihm einen fiesen, harten, guten Thriller um die Ohren? Doch Irren ist menschlich, heißt es.

Die Handlung: Sarah ist seit sieben Jahren allein, seit ihr Mann Philipp auf einer Geschäftsreise in Südamerika verschwand. Plötzlich heißt es, er käme zurück, sei gefunden worden, war sieben Jahre lang Entführungsopfer. Doch dann, am Flughafen, der Schock: Das ist nicht ihr Mann, sondern ein Fremder. Und der weiß etwas aus ihrer Vergangenheit, das es ihr unmöglich macht, ihn bloßzustellen. Jetzt muss sie einen Weg finden, sich und ihren achtjährigen Sohn vor dem Mann zu schützen, doch der hat alle Fäden in der Hand, kennt scheinbar alle ihre Geheimnisse.

Bei einem Thriller erwarte ich Spannung, überraschende Ereignisse, Verbrechen, die unter die Haut gehen. Keinesfalls rechne ich mit kaum unterbrochenen inneren Monologen der Hauptperson, schon gar nicht, wenn sie so langweilig ist wie Sarah. Es dauert wirklich und wahrhaftig ganze 73 Seiten, bis überhaupt einmal "der Fremde" auftaucht. Davor durfte man sich durch so interessante Sachen wie Haareabschneiden von Sarah durchquälen, oder ihr Erlebnis bei einer Sonnenfinsternis. Als die eigentliche Handlung einsetzt, beginnt ein Strom unlogischer Gedanken und Verhaltensweisen beider Hauptpersonen, sowohl Sarahs als auch "des Fremdens". Sarah beschreibt ihn übrigens permanent als gefährlich - dieses Gefühl konnte ich nie nachvollziehen, wohingegen mir Sarah durchaus einer Überprüfung durch einen Psychologen hätte wert gewesen wäre. Die Lösung der ganzen Geschichte war so extrem an den Haaren herbeigezogen, dass ich es kaum glauben konnte, und das Buch endete, wie es begann: als Frauenroman mit "dramatischem Hintergrund". In diesem Buch hat mich nichts erreichen können. Nicht die Geschichte, die ich als durchweg unglaubwürdig einschätze, und auch nicht der Schreibstil, der zwar flüssig, aber einfach und mit einer Vorliebe für kurze Sätze daherkam. Stilblüten wie "Es machte mich lächeln" (Einen kurzen Moment dachte ich: Hey, Übersetzer, jetzt hast du aber Mist gebaut - bis mir einfiel, dass es eine deutschsprachige Autorin ist, die wahrscheinlich nicht vom Thüringischen ins Hochdeutsche übersetzt werden muss) rundeten das Buch als etwas ab, das ich persönlich als schlecht einschätze.


Veröffentlicht am 15.09.2016

Der Junge, die alte Frau und die Weltrekorde

Bevor die Welt erwacht
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Der Junge war erst elf. Der Junge war Pfadfinder. Der Junge kümmerte sich um Ona, die alte Frau. Sie ist 104, als die Geschichte beginnt. Oder endet. Denn der Junge ist tot. Eine Krankheit, so unbekannt ...

Der Junge war erst elf. Der Junge war Pfadfinder. Der Junge kümmerte sich um Ona, die alte Frau. Sie ist 104, als die Geschichte beginnt. Oder endet. Denn der Junge ist tot. Eine Krankheit, so unbekannt wie der Name des Jungen, hat ihn so schnell getötet, dass noch alle fassungslos davon sind. Alle: Das sind Ona. Uralt, fragil, und trotzdem so stark, dass man sie bewundern muss. Quinn, der Vater des Jungen. Berufsmusiker, jeden Tag auf einem anderen Gig. Der nie eine wirkliche Beziehung zu seinem Sohn aufbauen konnte, weil er ihn nicht verstand. Und Belle, die Mutter. Die von ihrer Trauer erschlagen wird, gewürgt, geschüttelt, zusammenbricht, wieder aufsteht, neu anfängt. Diese drei sind es, um die die Geschichte kreist, zusammengehalten von dem Jungen, diesem außergewöhnlichen kleinen Jungen, der selbst nach seinem Tod noch ihrer aller Leben beeinflusst und trotz aller Trauer besser macht. Der für Freundschaft sorgt, für Zusammenhalt, für Vertrauen und den Willen, Außergewöhnliches zu schaffen.

Es ist wirklich schwer, eine Rezension zu diesem Buch zu schreiben. Ich fand es genauso außergewöhnlich wie den kleinen Jungen, der mich zutiefst beeindruckt hat durch seine Menschlichkeit, seine Höflichkeit und seine Art, mit dem umzugehen, was ihm gegeben war. Der Schreibstil der Autorin ist so kraftvoll wie ein Fluss, der durch Regenfälle angeschwollen ist, jedoch ohne dessen zerstörerischer Wut. Ihre Charakterzeichnungen haben mich zu denLeuten mitgenommen und ihre Art, die Geschichte zu erzählen, gefesselt, obwohl nicht viel passiert. Irgendwo schrieb jemand, er konnte mit den Tonbandaufnahmen nichts anfangen, weil sie so abgehakt waren, aber genau das war für mich perfekt, weil ich genau vor mir sehen konnte, wie der kleine Junge ernsthaft sein Aufnahmegerät vor Ona legt, lautlos zwischendurch seine Fragen formuliert/gestikuliert und sie immer genau darauf reagiert. Onas Geschichte ist nicht außergewöhnlich, aber die Art, wie sie erzählt wird, macht sie dazu. Bei diesem Buch stimmt das Gesamtpaket, es bekommt vollste Empfehlung für alle, die sich auf was Ruhiges und zum Teil Trauriges, aber auch Hoffnungsvolles einlassen können und wollen.