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Veröffentlicht am 15.09.2016

Philosophie der Rechtssprechung

Verbrechen
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Ferdinand von Schirach, der Autor, schreibt über Verbrechen, und das tut er aus erster Hand. Er ist Berliner Strafverteidiger, erfolgreich als solcher, doch nicht nur in seinen Plädoyers beweist er Scharfsinn ...

Ferdinand von Schirach, der Autor, schreibt über Verbrechen, und das tut er aus erster Hand. Er ist Berliner Strafverteidiger, erfolgreich als solcher, doch nicht nur in seinen Plädoyers beweist er Scharfsinn und Redegewandheit. In diesem Buch stellt er elf seiner Fälle vor. Was diese Fälle so außergewöhnlich macht, sind nicht die Verbrechen an und für sich, denn sie sind so normal, wie es Verbrechen sind, die nicht von Sherlock Holmes gelöst werden, sondern aus dem normalen Leben stammen. Nein, was sie einzigartig macht, ist die seltsam nüchterne, geradezu lakonische Ausdrucksweise Schirachs, gleichzeitig ungeschnörkelt und doch von einer Eindringlichkeit, der man sich kaum entziehen möchte.

Er schreibt über einen alten Arzt, der nach Jahrzehnten seine Frau umbringt, und doch nicht ins Gefängnis muss, sondern mit drei Jahren offener Vollzug davonkommt. Anfangs ist man empört, als man die Geschichte hinter dem Mord erfährt, fast erleichtert.

Über drei Kleinkriminelle, welche die falsche Person ausrauben und völlig aus dem Häuschen sind, als rings um sie her plötzlich Menschen sterben. Dieses Mal kommt keiner in den Knast, obwohl der gesunde Menschenverstand sagt, jemand hätte es verdient.

Eine Schwester tötet ihren Bruder - am Ende ist die ganze Familie tot und niemand wandert hinter schwedische Gardinen. Man empfindet nur noch Mitleid.

Zuerst sterben Tiere, dann verschwindet ein Mädchen. Und ein Junge gibt allem eine Zahl und damit eine Bedeutung. Kein Knast, keine Heilung in Sicht.

So seltsam, wie die Auswahl meiner Beschreibungen hier klingen, so seltsam und wortkarg ist auch das Buch, aber es schadet ihm in keinster Weise. Vielleicht könnte man von Schirach vorwerfen, dass er fast nur reiche Menschen verteidigt oder Verbrechen, in denen es um viel Geld geht, aber ich kenne den Mann nicht, so will ich es ihm nicht unterstellen. Ich kann nur sagen, dass ich ... nun, kann man es Vergnügen nennen, wenn es um Mord oder Tod geht? Vielleicht nicht, aber immerhin lässt sich dieses Buch hervorragend lesen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Das Motiv liegt in der Vergangenheit

Nebel über dem Bayerwald
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Eine Truppe Kinder findet während einer Bergwanderung einen menschlichen Schädel. Die Polizei wird gerufen, doch nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass der Schädel schon über 100 Jahre alt ist. Trotzdem ...

Eine Truppe Kinder findet während einer Bergwanderung einen menschlichen Schädel. Die Polizei wird gerufen, doch nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass der Schädel schon über 100 Jahre alt ist. Trotzdem gibt es Verwicklungen um diesen Schädel. Zur selben Zeit stolpert ausgerechnet der Staatsanwalt über eine menschliche Leiche, die keineswegs 100 Jahre alt ist, auch wenn der Tote nicht mehr der Jüngste war. Und dann ist da noch der Fall der alten Frau, von der eine Bekannte glaubt, sie sei umgebracht worden. All diese Fälle landen auf den Tischen von Kommissar Mike Zinnari und seinem Team, wobei das sich zu Anfang gleich selbst dezimiert: Seine Kollegin Jutta stöckelt mit Pumps einen Berg hinauf, woraufhin sie natürlich prompt umknickt und sich verletzt.

Der Anfang hat mir eigentlich gefallen. Es gab einen Prolog, der einem so ein bisschen Gänsehaut bereitet hat, und als die Kinder den Schädel finden, ist es auch noch okay. Aber spätestens als Jutta das Klischeeweibchen gibt und als gestandene Ermittlerin offenbar zu blöd ist, sich festes Schuhwerk auf einen Berg mitzunehmen, geht's bergab. Ein anderer Kollege, Richard, möchte gern ein richtiger Kommissar sein, stellt sich aber an wie ein Dreizehnjähriger, der sich nicht traut, seine Angebetete anzusprechen. Dabei geht's nicht mal um eine Frau, sondern nur um seine Höhenangst. Und Mike selbst? Der macht erst mal ein paar Alleingänge, die so völlig unprofessionell sind, dass man geradezu mit offenen Mund dasitzen möchte, und er, als gestandener Mann, stellt sich tatsächlich ziemlich blöd mit seiner neuen Freundin an.

Alles in allem hat mich der Krimi mit seiner Langatmigkeit und den eigenen Touren der Polizisten eher enttäuscht als unterhalten.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Keine Panik, die wollen nur spielen ...

Untot - Lauf, solange du noch kannst
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Bobby ist neu in der Klasse, eine Außenseiterin und wünscht sich nichts mehr, als dass dieser verdammte Schulausflug zu Ende ist. Zum Glück ist das der letzte Stop hier an der Raststätte, also bleibt sie ...

Bobby ist neu in der Klasse, eine Außenseiterin und wünscht sich nichts mehr, als dass dieser verdammte Schulausflug zu Ende ist. Zum Glück ist das der letzte Stop hier an der Raststätte, also bleibt sie im Bus sitzen und wartet einfach ab. Doch die anderen kommen nicht zurück, außer Alice, und die ist völlig panisch, hat sie doch gesehen, dass ihre Klassenkameraden erst starben und dann wieder auferstanden sind und hinter ihr her waren. Plötzlich sind Bobby, die Zicke Alice, der Klassenclown Smitty, der ungeahnte Führungsqualitäten beweist und der Obernerd Pete auf sich gestellt. Handys funktionieren nicht mehr, die meisten anderen Personen, denen sie begegnen, sind Leute, die nur noch in einer Art "Ngngngng-Brain" denken und sie fressen wollen und es ist tiefster Winter. Alles nicht gerade hilfreich beim Überleben einer Zombieapokalypse.

Eigentlich ist hier nicht viel Neues, mal davon abgesehen, dass die Moral beim Trinken von Gesundheitsdrinks lautet: Finger weg oder Zombie! Trotzdem ist es ein gelungenes Jugendbuch, das großen Spaß gemacht hat. Bobby und ihre Gefährten müssen weglaufen, stolpern über Gangster, kommen dem Geheimnis hinter dieser Zombieinvasion auf die Spur, finden ebenso heraus, dass sogar Bobbys Mutter irgendwie darin verwickelt ist und müssen sich zusammenraufen in dieser tödlichen Situation. Das ist nicht einfach, denn unterschiedlicher können diese Typen nicht sein - eigentlich wird jedes Klassenklischee bedient, aber das auf eine sehr amüsante und niemals langweilende Art und Weise.

Horror ist es natürlich weniger, sobald man das 12. Lebensjahr hinter sich gelassen hat, aber die Verbindung aus Jugend- und Zombiebuch funktioniert überraschend gut.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Zu behäbig

In weißer Stille
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Mir hat der erste Fall mit Dühnfort ganz gut gefallen, weshalb ich es mir natürlich nicht nehmen ließ, auch den zweiten zu lesen. Und er fing auch schon gut an. In einem Haus am Starnberger See wird ein ...

Mir hat der erste Fall mit Dühnfort ganz gut gefallen, weshalb ich es mir natürlich nicht nehmen ließ, auch den zweiten zu lesen. Und er fing auch schon gut an. In einem Haus am Starnberger See wird ein älterer Mann tot aufgefunden, an eine Heizung gefesselt. Er ist nicht erschossen oder erstochen worden, man hat ihn einfach da hingehängt und dann verdursten lassen. Doch wer ist zu so einer grausamen Tat fähig? Dühnfort und sein Team stoßen nicht nur auf dunkle Geheimnisse des Toten, auch die erwachsenen Kinder des Mannes haben einiges zu verbergen.

Eigentlich finde ich es spannend, wenn in der schmutzigen Wäsche einer Familie herumgewühlt wird (also zumindest in Büchern, im real life ist es eher abturnend). Das Problem, welches ich mit diesem Buch hatte, war einfach die Langsamkeit. Immer wieder drehen sich Dühnfort und Co. im Kreis, erklären immer wieder dasselbe - natürlich mit denselben negativen Erfolgen. Irgendwann habe ich gedacht, es muss doch mal möglich sein, einen anderen Ansatz zu verfolgen, auch wenn die Kriminalisten natürlich nicht wissen konnten, was man als Leser weiß. Aber so wurde mir das alles viel zu langsam und gemächlich aufgedeckt, so dass ich teilweise wirklich Mühe hatte, dran zu bleiben.

Zum Schluss stellte sich der Mörder als genau derjenige dar, den man schon die ganze Zeit in Verdacht hatte, was die Lösung ein wenig enttäuschend machte. Dieser Fall fiel zum ersten hin ein wenig ab.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Seltsame Märchenumsetzung

The School for Good and Evil, Band 1: Es kann nur eine geben
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In dem kleinen Dorf Gavaldon werden alle vier Jahre zwei Kinder gestohlen, ein "gutes" und ein "böses". Was auch immer die Dorfbewohner unternehmen, wie sehr sie ihre Kinder auch verstecken oder bewachen, ...

In dem kleinen Dorf Gavaldon werden alle vier Jahre zwei Kinder gestohlen, ein "gutes" und ein "böses". Was auch immer die Dorfbewohner unternehmen, wie sehr sie ihre Kinder auch verstecken oder bewachen, es passiert, und niemand sieht, wie genau. Die wunderschöne Sophie jedoch möchte entführt werden, denn sie ist überzeugt davon, dass sie ihrem Traumprinzen begegnen wird, genauso wie sie sicher ist, dass ihre abgrundtief hässliche Freundin Agatha entführt wird, um eine böse Hexe zu werden.

Sie hat auch Recht, alle beiden Mädchen werden gekidnapt, doch dann ist auch schon Schluss mit Sophies Tagträumereien. Denn statt dass sie die schöne, gute Prinzessin mit einem Happy End wird, ist es Agatha, die in der Schule der Guten abgeliefert wird, während hingegen sie in die Schule der Bösen kommt. Es scheint, jemand schaut nicht nur auf das Äußere eines Menschen, sondern auch auf den Charakter.

Eigentlich ist das eine tolle Voraussetzung für eine mitreißende Märchenumsetzung, doch genau daran hapert's gewaltig. Am mitreißend. Tatsächlich scheint sich die Autorin an richtigen Märchen zu orientieren, die ja auch eher nach dem Schema ablaufen: erst passierte das, dann das und dann das, einfach so runtererzählt, ohne dass irgendwie Spannung aufgebaut wurde. Nach dem ersten, netten, wenn auch vorhersehbaren Twist mit Sophie passierte nichts mehr, das überraschen konnte und weder Schreibstil noch die Personen konnten großartig überzeugen. Der Schluss hat mich ratlos zurückgelassen, bis ich gesehen habe, dass es einen zweiten Teil geben wird. Also dann, aber eher ohne mich. Ciao, Sophie und Agatha.