Profilbild von Archer

Archer

Lesejury Star
offline

Archer ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Archer über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.05.2020

Warteschlange

Das Tor
0

In einem arabischen, totalitären Staat brauchen die Menschen für alles, was sie sind und tun wollen, eine Erlaubnis. Diese bekommen sie vom Tor beziehungsweise dem, was sich vielleicht oder auch nicht ...

In einem arabischen, totalitären Staat brauchen die Menschen für alles, was sie sind und tun wollen, eine Erlaubnis. Diese bekommen sie vom Tor beziehungsweise dem, was sich vielleicht oder auch nicht dahinter befindet. Alle Gesetzte, alle Ge- und Verbote werden dort erlassen. Also stellen sich die Menschen dort an, Tag für Tag und Nacht für Nacht, um darauf zu warten, dass sich dieses Tor öffnet. Doch es passiert einfach nichts und für viele dort in der Warteschlange läuft nicht nur bildlich gesehen die Zeit langsam ab ...

Was hätte man aus diesem Buch machen können. Ja, vielleicht hätte eine wuchtige, bildgewaltige Erzählweise nicht zu der Resignation, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit der Leute gepasst, auch nicht zu den teils absurden Befehlen und Gesetzen, die vom Tor erlassen wurden. Wir befinden uns in völliger Depression, denn niemals erhalten die Menschen das, was sie wirklich brauchen. Aber wäre Aziz eine Meisterin leiser Töne, so hätte sie ihre Leser trotzdem mit voller Breitseite erwischt, verwundet wie ihren Protagonisten Yahya und möglicherweise umgehauen. Stattdessen schreibt sie in einer distanzierten, nahezu gelangweilten Weise, die das Lesen anstrengend macht und keine Nähe zu ihren Protagonisten zulässt. Es gibt durch die beinahe durchweg indirekte Rede keine Dynamik, keine eigene Stimme für all ihre Geschöpfe, sie wechselt innerhalb der Szenen einfach mal die Perspektive und zeichnet sich meiner Meinung nach nicht durch solides Handwerk aus. Schon allein durch das Thema hätte dieses Buch ein großer Wurf werden können, ja müssen, doch alles, was man nach dem Beenden des Buches in den Händen zu halten glaubt, ist höchstens ein Entwurf, ein erstes Manuskript, kein ausgearbeitetes Werk. So viel Potenzial verschenkt. Schade.

Veröffentlicht am 30.04.2020

Zug um Zug

Beute
0

Bennie Griessel und sein Partner Vaughn Cupido sind nicht erfreut, als sie einen Fall auf den Tisch bekommen, der nicht nur schon Wochen alt ist, sondern auch schlampig bearbeitet wurde. Ein ehemaliger ...

Bennie Griessel und sein Partner Vaughn Cupido sind nicht erfreut, als sie einen Fall auf den Tisch bekommen, der nicht nur schon Wochen alt ist, sondern auch schlampig bearbeitet wurde. Ein ehemaliger Polizist, der jetzt als Leibwächter arbeitete, wurde in einem Luxuszug ermordet. Je mehr die beiden ermitteln, desto offensichtlicher wird es, dass in ihrer Heimat Südafrika viele Dinge politisch im Argen liegen und versucht wird, die Hintergründe des Mordes zu vertuschen.

Zur selben Zeit wird in Bordeaux in Frankreich ein gealterter Hitman aus der Rente geholt: Jemand möchte, dass er einen letzten Auftrag erledigt. So macht sich ein alter Kämpfer des ANC auf den Weg, um Unrecht zu korrigieren. Doch hängen diese beiden Sachen miteinander zusammen?

Zugegeben, das ist mein erster Bennie-Griessel-Krimi, auch wenn ich schon einiges darüber gehört hatte. Anfangs vermochte mich das Buch auch sehr zu fesseln, es gibt schön ausgearbeitete Charaktere und einen interessanten Fall, in dem man lange nicht durchblickt, wie genau alles abgelaufen ist. Doch sobald der Frankreich-Erzählstrang begann, wurde es ein wenig langatmig, obwohl ich nicht mal behaupten kann, dass ich mich gelangweilt habe. Es war schon spannend erzählt, konnte mich jedoch nicht so fesseln wie die Ereignisse in Südafrika. Vielleicht haben die den Exotikbonus und halten daher besser bei der Stange. Tatsache ist, dass ich für meine Verhältnisse recht lange für das Buch brauchte, weil mich die Ereignisse und Tobela immer wieder rausbrachten. Genau betrachtet haben wir mit diesem Buch eher eine politische Milieustudie vorliegen als einen wirklichen Krimi, nicht uninteressant, aber manchmal ein bisschen zu langgezogen. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 25.04.2020

Superteenie

Secret Protector, Band 1: Tödliches Spiel
0

Lucas Crowe lebt allein in einem Wohnwagen auf einem Parkplatz in New Orleans. Er ist minderjährig, hat niemanden, der ihm beisteht, dafür eine Vergangenheit, über die er nicht gern spricht, außer wenn ...

Lucas Crowe lebt allein in einem Wohnwagen auf einem Parkplatz in New Orleans. Er ist minderjährig, hat niemanden, der ihm beisteht, dafür eine Vergangenheit, über die er nicht gern spricht, außer wenn ihn vielleicht ein Mädchen fragt. So ein Mädchen ist zum Beispiel Una, die er bei einem Empfang im Zoo kennenlernt, wo er jobbt. Sie ist eine berühmte Gamerin, aber mal ganz froh, mit jemandem reden zu können, der normal wirkt. Doch dann wird ihr Bruder von gewissenslosen Kidnappern geschnappt, die wild in der Gegend herumballern, und Lucasman muss schnell in die nächste Telefonzelle, um sich umzuziehen.

Das mit der Telefonzelle war gelogen, dafür hatte er keine Zeit. Er musste ein herumstehendes Motorrad kurzschließen, die Gangster einmal quer durch den New Orleanser Zoo verfolgen, nebenbei mit dem Nashorn kuscheln, das ihm sein Gehege als Startrampe zur Verfügung stellte und später dann, als so ein herrenloses Motorrad zu langweilig wurde, tat es auch mal ein Porsche bei einer wilden Verfolgungsjagd. Ohne Atempause oder gar seine Verletzungen auszukurieren (Schmerzmittel sind nämlich für Anfänger, er lässt seinen Körper lieber von sich aus heilen) geht's weiter nach Berlin, wo dieselben, die später dann behaupten, sie wollen kein Blutbad anrichten, eben jenes riskieren. In Berlin ist es nach einiger Zeit nicht exotisch genug, also eben mal rüber nach Dubai gedüst, um da mit einem völlig neuartigen Flugrucksack ohne Anweisung in den zehnten Stock eines 12-Sterne-Hotels zu fliegen, um dann wiederum ...

Übrigens ist Lucasman nicht von einer radioaktiven Spinne gebissen worden, zumindest wurde das nicht erwähnt. Vergeblich suchte ich auch nach Informationen, warum er bei Wetten das auftreten könnte mit seinem perfekten Gehör, das allein am Klang von Schüssen auf die genaue Waffenbezeichnung (ebenfalls eine völlig neuartige Waffe, die so auch nirgends außer bei megageheimen Geheimorganisationen eingesetzt wird) schließen kann. Er ist noch minderjährig, sagte ich das schon? Und lebt allein, zieht immer von Ort zu Ort, hat eigentlich keine Bildung, von der er wüsste, weiß aber alles, was gerade gebraucht wird. Nicht zu vergessen die glücklichen Zufälle. So viele glücklichen Zufälle habe ich noch nicht mal bei Karl May, dem Godfather aller glücklichen Zufälle gesehen.

Vermutlich kann der Autor auch weder Gamer noch Escape-Rooms noch Tätowierungen leiden, denn bei all diesen Aktivitäten darf Lucasman die Nase rümpfen und einen abfälligen Kommentar anbringen. Na ja. So schnell es sich hat lesen lassen, so schnell ist es vergessen. 2,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 24.04.2020

Here's to the devil

Jack the Ripper
1

1888, der Herbst des Grauens. Jack the Ripper tötet mindestens fünf Prostituierte, scheint aber trotz des ständig von den Ärmsten der Armen überlaufenen Whitechapel ein nicht fassbares Phantom. Inspector ...

1888, der Herbst des Grauens. Jack the Ripper tötet mindestens fünf Prostituierte, scheint aber trotz des ständig von den Ärmsten der Armen überlaufenen Whitechapel ein nicht fassbares Phantom. Inspector Frederick Abberline und Sergeant George Godley kommen immer zu spät. Doch dann stoßen sie auf eine erste Spur - kann es tatsächlich sein, dass Sir Gull, der Leibarzt der Königin, in die Sache verwickelt ist?

1889, das Frühjahr des Grauens. Aus Paris erreicht Abberline ein Brief mit der Bitte um Hilfe. Auch in der französischen Hauptstadt wurden Leichen gefunden, und die Taten ähneln denen des Rippers verblüffend. Abberline reist nach Frankreich, während in London Godley bei einem Fall auf Hinweise stößt, die zu den Rippermorden in England und den Todesfällen in Frankreich in Verbindung stehen könnten.

Ich bin ein großer Fan von Graphic Novels und besonders vom Splitter Verlag. Viele ihrer Bücher sind nicht nur genial gezeichnet - so auch dieses hier - sondern erzählen teilweise altbekannte Geschichten aus einem neuen Blickwinkel oder mit einem anderen Ansatz. Selbiges ist auch hier geschehen und hat mir auch zum Großteil gefallen. Allerdings hätte ich mir allgemein eine etwas stringentere Erzählform gewünscht; auch bin ich mit der Auflösung des Ganzen nicht wirklich glücklich. Nicht wegen des Täters, sondern der Art und Weise, wie er zum Täter wurde - ohne zu spoilern kann ich nicht ins Detail gehen. Trotzdem setzt auch dieses Buch die Splitter-Tradition von guten bis herausragenden Graphic Novels fort.

Veröffentlicht am 22.04.2020

#kraken

Die Stille des Todes
0

Eine Mordserie erschüttert die Stadt Vitoria: Immer zwei Tote - ein Mann und eine Frau werden gefunden, die Körper einander zugewandt, jeweils eine Hand an der Wange des anderen. Sie sind immer gleich ...

Eine Mordserie erschüttert die Stadt Vitoria: Immer zwei Tote - ein Mann und eine Frau werden gefunden, die Körper einander zugewandt, jeweils eine Hand an der Wange des anderen. Sie sind immer gleich alt und noch erschreckender als die Morde an und für sich ist die Tatsache, dass es bereits vor zwanzig Jahren eine identische Serie gegeben hat, für die ein Täter einsitzt, der in wenigen Tagen eine Woche Hafturlaub bekommen soll. Die Inspectoren Ayala und Gauna drehen sich mit ihren Ermittlungen im Kreis - auf welche Spuren auch immer sie kommen, der Mörder ist ihnen voraus. Und der mutmaßliche Täter von früher kommuniziert aus dem Gefängnis heraus über Twitter und Hashtags mit Kraken, wie Ayala seit seiner Jugend genannt wird ...

Ich muss zugeben, dass mich eine Art Hassliebe mit dieser Reihe verbindet - klingt komisch, weil das der erste Teil ist, aber ich habe den dritten Teil zuerst gelesen, ist ja nicht so, als würde eine fortlaufende Geschichte erzählt werden. Mich nervt sehr vieles an diesem Fall. Dass sich hier die beiden besten Freunde nicht vertrauen (würde mich nicht so ärgern, wenn es nicht in Band 3 genau dasselbe Problem gegeben hätte), die Tatsache, dass hier mal fröhlich von der Hauptperson Ehebruch begangen wird, und dieser aber auch nicht gerade die Verantwortung dafür übernehmen möchte, weil die Frau "ihn ja so ansieht, wie sie es tut" (die nervt mich auch, weil sie eben genauso fröhlich ihrem Mann Hörner aufsetzt). Auch sind mir die Inspectoren in ihrer Art zu ermitteln suspekt: Wo bleiben denn die Profilings, die man von einem Profiler erwarten kann? Alles ist zu langgezogen, teilweise langatmig und dann kommen die Lösungen am Ende doch mehr oder weniger durch Zufall oder familiäre Verbindungen zustande. Und doch üben diese Geschichten auch eine gewisse Faszination auf mich aus. Vielleicht weil das Setting - obwohl eigentlich "nur" Spanien - extrem anders und geradezu exotisch erscheint im Gegensatz zu unserem Leben. Oder weil man auf Dauer doch irgendwie in diese Art Buchfamilie mit reinwächst - man kann sich zwar Freunde aussuchen, aber Familie eben nicht, die sind halt da und so krass sie nerven können, so sehr hält man am Ende dann doch zu ihnen. Also, wie gesagt: Hassliebe. Hilft wohl nichts, muss Teil 2 dann auch noch lesen.