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Veröffentlicht am 22.01.2021

Annäherung an den Vater

Vati
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Monika Helfer hat in ihrem autobiografischen Roman ihren Vater zum Mittelpunkt gemacht. Josef ist ein stiller Mann, der Krieg hat ihm viele Pläne zunichte gemacht und ein Bein genommen. Aber sein Streben ...

Monika Helfer hat in ihrem autobiografischen Roman ihren Vater zum Mittelpunkt gemacht. Josef ist ein stiller Mann, der Krieg hat ihm viele Pläne zunichte gemacht und ein Bein genommen. Aber sein Streben „etwas zu werden“ glimmt immer weiter. Schließlich war er der erste seiner Familie der aufs Gymnasium konnte, doch kurz vor dem Abitur wurde er noch eingezogen. Geheiratet hat er die Krankenschwester, die ihn nach der Kriegsverletzung pflegte, eine stille, aber wohl glückliche Ehe aus der sechs Kinder hervorgingen.

Vati und Mutti sollten die Kinder sagen, denn das klingt modern und die neue, moderne Zeit gilt etwas für Josef. Bücher liebte er, den Geruch, das Haptische, das Sinnliche daran. Das brachte ihn sogar einmal fast an den Rand der Legalität.

Monika Helfer teilt ihre Erinnerungen mit uns, in kleinen Episoden und Anekdoten, in Rückblenden und Deutungsversuchen lässt sie die Nachkriegszeit, den beginnenden Wohlstand lebendig werden. Wo ihre Erinnerungen nicht reichen, teilen die Geschwister, die Stiefmutter ihre Gedanken mit.
Daraus wurde ein schönes Buch, das mir richtig nahe ging, weil ganz unvermutet immer das Bild meines eigenen Vaters aufblitzte.

Eine Hommage an den Vater und eine gelungene Fortsetzung zu Monika Helfers erstem autobiografischen Roman „Bagage“.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2021

Ein beachtliches Debüt

Das Verschwinden der Erde
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Julia Phillips‘ Debüt „Das Verschwinden der Erde“ hat ein großes Echo gefunden. Immer wieder sehe ich Besprechungen und Interviews und ganz offensichtlich hat das Buch auch einen hohen Werbeetat bekommen. ...

Julia Phillips‘ Debüt „Das Verschwinden der Erde“ hat ein großes Echo gefunden. Immer wieder sehe ich Besprechungen und Interviews und ganz offensichtlich hat das Buch auch einen hohen Werbeetat bekommen. Der Verlag hat einige Pressestimmen abgedruckt und so bezeichnet es die Los Angeles Review of Books als „ausgeklügelten und kraftvoller literarischenThriller“. Das weckt ganz bestimmte Vorstellungen und ich fürchte, das wird einige Leser enttäuschen.
Die Autorin wählte die Kamtschatka als Setting für ihren Roman. In einzelnen Kapiteln, die nach Monaten geordnet sind, erzählt sie vom Verschwinden zweier kleinen Mädchen und was das bei den Bewohnern auslöst. Jedes Kapitel widmet sich einem Personenkreis, der irgendwie und weit verzweigt auch damit zu tun hat, ob es eine Zeugin ist, Nachbarn oder nur Bewohnern der Hauptstadt oder kleiner dörflicher Siedlungen weit im Norden. Im letzten Kapitel bekommen auch die Betroffenen eine Stimme. Manche dieser Figuren treten auch als Randfiguren in anderem Zusammenhang in Erscheinung, so dass sich allmählich ein Muster herausschält.
Auffällig ist das Zusammenleben zwischen Russen, die auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in der Kamtschatka geblieben sind und den Ureinwohnern der Halbinsel. Beide Bevölkerungsgruppen scheinen sich argwöhnisch gegenüber zu stehen, auch wenn es immer wieder mal Verbindungen gibt. So ist zum Beispiel Ksjuscha, die es aus ihrem Dorf an die Uni geschafft hat und die mit dem übergriffigen Russen Ruslan befreundet und sogar stolz darauf ist, dass er sie auf Schritt und Tritt überwacht. Zwar fühlt sie manchmal dieses emotionale Gefängnis, aber so richtig ausbrechen möchte sie nicht, auch wenn ein indigener Volkstänzer ihr Interesse weckt. Auch bei anderen Frauenfiguren fällt mir diese Schicksalsergebenheit auf und Ausbrüche kommen nur in Form von vermehrten Wodkakonsum oder halbherzigen Fluchten vor, doch spürt man eine innere Stärke und Kraft. Die Zerrissenheit der Menschen, ihre innere Isolation wird dem Leser auch zwischen den Zeilen überdeutlich. Das hat vielleicht mit dieser einsamen, arktischen Halbinsel zu tun, die lange das Territorium sowjetischer Spione und für Besucher gesperrt war.
Trotz der Struktur des Romans lässt sich das Buch leicht lesen, hat mich in Bann gezogen und berührt. Kein überflüssiges Wort, keine überflüssige Nebenhandlung, alles hat Bedeutung und fügt sich zum Ende, ohne das die Autorin einen fertigen Schluss anbietet. Auch nach der letzten Seite bleibe ich noch in dieser Geschichte und lasse meinen Gedanken freien Lauf.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2021

Ms Walker ermittelt

Die Jägerin
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Ich kenne gar nicht so viele australische Krimis, deshalb hat mich der Titel von Tara Moss, „Die Jägerin“ sofort angesprochen. Die Protagonistin Billie Walker war Kriegsberichterstatterin und nach Ende ...

Ich kenne gar nicht so viele australische Krimis, deshalb hat mich der Titel von Tara Moss, „Die Jägerin“ sofort angesprochen. Die Protagonistin Billie Walker war Kriegsberichterstatterin und nach Ende des Kriegs eröffnet sie die Detektei ihres verstorbenen Vaters wieder. Anfangs erschien sie mir wie eine Schwester von Miss Phryne Fisher, aber schnell wird klar, Billie ist zwar genauso modebewusst, aber härter und professioneller. Ihr kleines Detektivbüro wirft noch nicht allzu viel ab. Im Jahr 1946 sitzt auch in Sydney das Geld nicht so locker. Die Kriegsfolgen sind überall spürbar, auch Billie hat ihren Liebsten in Europa verloren.

Als Mrs Brown den Auftrag erteilt ihren verschwundenen 17järigen Sohn zu suchen, scheinen wenigstens einige Tage die Einkünfte gesichert. Aber bald stellt Billie fest, dass hinter Adins verschwinden sehr viel mehr steckt. Zusammen mit ihrem Assistenten Sam sticht Billie in Wespennest von Kriegsgewinnlern und Gangstern, die offensichtlich von einzelnen korrupten Polizisten geschützt werden.

Ich war begeistert. Ein intensiver Fall und ein toll ausgedachter Plot, dazu der Erzählstil von Tara Moss, der mich sofort gefesselt hat. Die Autorin lässt sehr viel Geschichte in ihren Krimi einfließen und immer wieder fiel mir auf, dass sie auch die Behandlung der Aborigines durch die Regierung sehr kritisch hinterfragt. So versucht sie ihrer Informantin Shyla zu helfen, ihren Bruder zu finden. Den Aborigines wurden die Kinder weggenommen, um sie „christlich“ zu erziehen, was nur bedeutete, dass sie in Waisenhäuser gesteckt wurden und mit 13 oder 14 als billige Arbeitskräfte in die Fabriken und Bergwerke oder als Dienstmädchen vermittelt wurden. Auch das wird ein spannender Handlungsstrang, der plötzlich auch Verbindungen zu Billies aktuellem Fall zeigt.

Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, die vielschichtige Handlung hat mich in Bann gezogen. Hier stimmt wirklich alles, Hintergrund, Spannungsbogen und Protagonisten sind perfekt gelungen.

Ich hoffe, dass es für Billie Walker noch einige Fälle zu klären gibt, denn ich möchte von der Autorin unbedingt noch weitere Krimis lesen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2021

Empfehlenswerter Regionalkrimi

Hopfenbitter
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Sehr zum Leidwesen seiner Tochter frönt der Metzgermeister im (Un) Ruhestand weiterhin seinem ungewöhnlichen Hobby. Er hat sich auf seine unnachahmliche freundliche und gleichzeitige hartnäckige Weise ...

Sehr zum Leidwesen seiner Tochter frönt der Metzgermeister im (Un) Ruhestand weiterhin seinem ungewöhnlichen Hobby. Er hat sich auf seine unnachahmliche freundliche und gleichzeitige hartnäckige Weise als Hobby-Detektiv etabliert. Aber nicht nur seiner Tochter ist das ein Dorn im Auge, auch die zuständigen Kripo Beamten sehen das nicht gern, allerdings müssen sie schon zugeben, dass Wimmer ihnen allzu voraus war, wobei er seine Kenntnisse immer gern teilte. Wimmers Ruf hat sich bis München herumgesprochen, so engagiert ihn der Privatdetektiv Dirk Biss um einen alten Holledauer Bauernhof ausfindig zu machen. Nur ein altes, sehr unscharfes s/w Foto als Erkennungsmerkmal gibt es. Natürlich ist Wimmer erfolgreich, aber als kurz darauf die Leiche von Dirk Biss in der Nähe des Hofes gefunden wird, gerät er unter Mordverdacht. Gut, dass er ein Alibi hat, aber nun fühlt er sich erst recht herausgefordert.

Ein zweiter Handlungsstrang führt zurück in die Nachkriegsjahre. Die junge Münchnerin Franziska Wollner verbringt die Urlaubszeit als Hopfenpflückerin in der Holledau. Das ist ein gutes Zubrot zu ihrem Lohn als Fabrikarbeiterin und die harte Arbeit im Kreis der Frauen macht auch Freude. Allerdings wird sie von ihrem letzten Aufenthalt ein Andenken mitnehmen, sie ist nach einer kurzen Beziehung schwanger und als ledige Mutter hat man es in den 50iger Jahren nicht leicht.

Bálly hat nun schon den fünften Wimmer Roman vorgelegt und wie zuvor hatte ich eine ganze Menge Lesevergnügen. Da passen die schönen niederbayerischen Landschaftsbeschreibungen und der in kleinen Dosen eingestreute Dialekt, da machen die Vater und Tochter Reibereien Spaß und mit Enkelin Anna hat Wimmer noch eine ideale Verbündete.

Und immer wieder fließt so ganz nebenbei viel Wissenswertes ein, ob es über die Geschichte des Hopfenanbaus ist, der einen ganzen Landstrich veränderte, die Herausforderungen durch den Klimawandel oder die neuen Biersorten, der Leser erfährt eine Menge an Hintergrundinformation.

Ein rundum gelungener Krimi, der unterhaltsam und spannend ist und mit guter Menschenkenntnis punktet, die Protagonisten sind allesamt gut gezeichnet.

Ein sehr empfehlenswerter Regionalkrimi.

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  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 11.01.2021

Skikurs mit Hindernis

Die dicke Berta fährt Ski
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Es ist vielleicht grade die richtige Zeit einen Winterkrimi zu lesen und im Augenblick lese ich fast alles, was mir in die Finger kommt und gerne auch mal etwas älteres aus dem Bücherregal.

Alberta ist ...

Es ist vielleicht grade die richtige Zeit einen Winterkrimi zu lesen und im Augenblick lese ich fast alles, was mir in die Finger kommt und gerne auch mal etwas älteres aus dem Bücherregal.

Alberta ist eine Krimiautorin und zur Feier ihres neuen Buchs überrascht sie ihr Mann mit einem Kurzurlaub in den Oberstdorfer Alpen, Skikurs inclusive. Allerdings löst dieser Plan nur bei Alberta Freude aus, ihre Stiefkinder sind alles andere als begeistert.

Gleich am zweiten Tag entdeckt Alberta einen Teilnehmer des Anfängerkurses tot in der Liftgondel. Das Wetter war sehr schlecht und der Schütze muss ein Scharfschütze mit entsprechendem Equipment gewesen sein. Alles spricht dafür, dass ein Kursteilnehmer der Täter war. Da kann Alberta nicht anders und muss ermitteln.

„Urlaubskrimi“ steht als Untertitel auf dem Cover und genau das ist es. Ein leichter Krimispaß, der auf mich den Eindruck machte, als ob der Autor ihn in wenigen Tagen nach einem Skikurs niedergeschrieben hat. Das ist aber nicht negativ gemeint, der Krimi ist ganz witzig. Allerdings ist ein Großteil des Humors auf Albertas mehr als üppige Figur gemünzt. Nicht nur ihre Stiefkinder lassen spitze Bemerkungen fallen, bei Außenstehenden nimmt das schon recht drastische Formen an. Aber das ficht Alberta nicht an, sie steht zu ihren Formen und zu ihrem Appetit.

Bent Ohles Krimis lese ich gerne, egal ob er sie im Süden oder an der Küste ansiedelt. Für eine kleine Entspannung zwischendurch ist das Buch auch sehr gut geeignet. Spannend, witzig und zum Miträtseln geeignet, muss man aber nicht auf den nächsten Winter warten, um ihn zu lesen.

  • Cover
  • Erzählstil
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