Beeindruckend
BerchtesgadenCarolin Otto gelingt mit „Berchtesgaden“ ein beeindruckendes literarisches Panorama der unmittelbaren Nachkriegszeit, das weit über eine bloße historische Schilderung hinausgeht. Ihr Roman, der im Mai ...
Carolin Otto gelingt mit „Berchtesgaden“ ein beeindruckendes literarisches Panorama der unmittelbaren Nachkriegszeit, das weit über eine bloße historische Schilderung hinausgeht. Ihr Roman, der im Mai 1945 einsetzt, also in jener sogenannten „Stunde Null“, entfaltet in dichten Bildern und miteinander verwobenen Erzählsträngen das Bild einer Gesellschaft, die zwischen Zusammenbruch, Schuld und dem tastenden Neuanfang schwankt. Der Schauplatz ist dabei von besonderer Symbolkraft: Berchtesgaden, jener Ort, der während des Nationalsozialismus als Rückzugsraum Hitlers und Machtzentrum der NS-Elite galt, wird nach Kriegsende zum Mikrokosmos der deutschen Nachkriegsgesellschaft – ein Brennglas für Schuld, Verdrängung und moralische Neuorientierung.
Otto wirft in ihrem Roman nicht nur einen scharfen Blick auf die materiellen und seelischen Trümmer einer besiegten Nation, sondern zeigt mit großer Eindringlichkeit, wie tief die Verstrickungen der Bevölkerung in die NS-Herrschaft reichten. Ihre Figuren – ob die junge Sophie, die als Sekretärin der amerikanischen Besatzung erstmals mit den Verbrechen ihres Bruders, eines SS-Mannes, konfrontiert wird, oder der jüdisch-amerikanische Offizier Frank, der als Rückkehrer die Täter verhört – stehen exemplarisch für ein Land im moralischen Zwielicht. Otto erzählt, wie schwer sich die meisten taten, Schuld einzugestehen, und wie sehr der Wunsch nach Normalität und Selbstentlastung die anfängliche „Aufarbeitung“ prägte. Gerade dieses schonungslose Aufzeigen der Verdrängungsmechanismen und Selbstrechtfertigungen verleiht dem Buch seine aktuelle Brisanz: Es erinnert daran, dass Demokratie und Verantwortung nicht auf Trümmern entstehen, sondern durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.
Sprachlich überzeugt „Berchtesgaden“ durch eine klare, anschauliche und zugleich einfühlsam beobachtende Prosa. Otto wechselt zwischen privaten Perspektiven und historischen Momentaufnahmen, wodurch sich ein facettenreiches Zeitbild ergibt. Manche Lesende mögen die Vielzahl an Figuren und Handlungssträngen als überbordend empfinden – tatsächlich ist diese Fülle jedoch Teil des Konzepts: Sie spiegelt das Chaos und die Gleichzeitigkeit des Neubeginns wider, das Nebeneinander von Tätern, Opfern, Mitläufern und den ersten Demokratinnen und Demokraten.
Besonders hervorzuheben ist, dass Otto nicht der Versuchung erliegt, individuelle Erlösungsgeschichten zu erzählen oder moralische Urteile vorschnell zu vergeben. Stattdessen lädt sie dazu ein, hinzusehen, wo verschwiegen wurde, genauer zu fragen, wo bequeme Mythen entstanden sind. Ihr Roman ist damit nicht nur ein historisches Werk, sondern auch ein ethisches – ein Plädoyer gegen das Vergessen und für die Verantwortung der Nachgeborenen.