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Veröffentlicht am 13.06.2021

Ein Highlight! Beeindruckendes Psychogramm und aufwühlendes Thema…

Siegerin
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Der Roman „Siegerin“ von Yishai Sarid spielt in Israel.

Die Ich-Erzählerin Abigail ist Mitte 40 und Oberstleutnant der Reserve.
Sie war lange Zeit als Militärpsychologin tätig, beriet Kommandeure und ...

Der Roman „Siegerin“ von Yishai Sarid spielt in Israel.

Die Ich-Erzählerin Abigail ist Mitte 40 und Oberstleutnant der Reserve.
Sie war lange Zeit als Militärpsychologin tätig, beriet Kommandeure und hatte ein offenes Ohr für Soldaten.

Nach diversen Fortbildungen war sie letztlich dafür zuständig, „die Soldaten in bessere Kämpfer zu verwandeln.“ (S. 35)
Eisern und knallhart entwickelte sie sadistische Auswahlspiele für Rekruten und unmenschliche Trainingseinheiten für Soldaten, die später im Nahkampf töten sollten.

Obwohl sie inzwischen im zivilen Leben mit Erfolg Kriegstraumatisierte in ihrer eigenen Praxis therapiert, steht sie dem Militär noch zur Verfügung.
Sie berät die israelische Armee nach wie vor als Traumatherapeutin, hält zwischendurch Vorträge für Offiziere und leistet ab und zu Reservedienst für Sonderaufgaben.

Eines Tages besucht sie den Generalstabschef Rosolio.
Er hat sie in sein Büro eingeladen und schnell ist klar, warum:
Er braucht Abigail dringend als Expertin für die Psychologie des Tötens.
Sie soll die Soldaten - wieder einmal - für anstehende Bodengefechte abhärten und nahkampftauglich machen.
Sie soll sie im Handwerk und in der Technik des Tötens fit machen.

Rosolio war vor 25 Jahren Bataillonsführer und Abigails Vorgesetzter in der Fallschirmjägerbrigade.

Sie verführte den Familienvater eines Tages und wurde schwanger. Das war ihr Plan.
Der gemeinsame Sohn Schauli kennt seinen Vater nicht.
Er soll ihn nicht kennen.
Das ist die Abmachung.

Schauli weiß, wie gesagt, nichts über seinen Vater Rosolio und ahnt nicht, dass dieser bald sein Vorgesetzter sein wird, denn Schauli hat sich freiwillig zu den Fallschirmjähern gemeldet.
Die Grundausbildung in der Kampfeinheit wird in wenigen Tagen beginnen.

Nachdem Abigail ihren Sohn in den Militärdienst verabschiedet hat, gesteht sie ihrem Freund Mendi, einem kriegstraumatisierten Bildhauer, der einst ihr Patient war, dass sie Schauli vermisst und sich um ihn sorgt.
Dieses Eingeständnis zu lesen war wohltuend, denn endlich zeigten sich menschliche und warme Züge an dieser Frau, die bisher so kühl, abgeklärt und ich-bezogen gewirkt und ihrem Sohn bereits mit 3 Jahren beigebracht hat, „dem aggressiven Jungen nächstes Mal die Fresse zu polieren.“ (S. 27)

Aber dieses Aufkeimen von Weichheit wird schnell wieder gedimmt, denn gleichzeitig ist sie mächtig stolz, dass er zum Militär geht und ein mutiger und harter Mann wird. (S. 15f.)

Wir erfahren im Verlauf, dass Abigails Mutter bereits verstorben ist und dass ihr 84-jähriger Vater, der an Leukämie leidet, immer noch als Psychoanalytiker tätig ist.
Er ist ein klassisch ausgebildeter und denkender Freudianer, der mit der Haltung seiner Tochter hadert und ihre Arbeit beim Militär ablehnt. Er war entsetzt, als er davon hörte, dass sie Schauli ihre Zustimmung gab, seinen 3-Jahres-Dienst in der Armee freiwillig bei in einer Kampfeinheit abzuleisten.
Abigails Vater ist klug, scharfsichtig, wortgewandt und menschenfreundlich.
Er kann und will nicht verstehen, dass seine Tochter ihr psychologisches Wissen und Talent beim Militär verschwendet.
Letztlich wirft er ihr vor, die Psychologie zu missbrauchen. Anstatt mit Hilfe ihrer Methoden die Seelen der einzelnen Menschen zu heilen, wolle sie damit abgeklärte und effiziente Tötungsmaschinen kreieren.

Mit Voranschreiten der Geschichte lernen wir Noga kennen, die ebenfalls eine ehemalige Patientin von Abigail und als Pilotin in der Kampfhubschrauberstaffel tätig ist. Die beiden Frauen haben inzwischen eine vertrauensvolle Beziehung.

Es fällt auf und ist unprofessionell, dass Abigails Freunde, Vertraute, Sexualpartner allesamt aus dem Militär und/oder ehemalige Patienten von dort sind. Nur dort scheint sie die Menschen zu finden, die sie anziehen.

Immer wieder werden die Geschehnisse in der Gegenwart durch Rückblenden unterbrochen, so dass wir einen wunderbaren Einblick in das private und berufliche Leben, Denken und Fühlen der Protagonistin bekommen.

Anekdoten aus dem Alltag beim Militär ließen mich ungläubig staunen oder erschüttert den Atem anhalten.
Fallgeschichten ihrer traumatisierten Patienten waren in ihrer Unverblümtheit und Detailliertheit aufwühlend und ließen mich beklommen den Kopf schütteln.

Das Bild von Abigail wurde dabei von Seite zu Seite klarer.
Sie ist eine unsympathische Frau, die etwas Einschüchterndes und Erschreckendes hat, mich schaudern ließ und abstieß.

Sie ist hochintelligent und hat ein präzises psychologisches Gespür, das sie leider zum Erreichen des falschen Ziels einsetzt.
Nicht um Heilung, sondern um Kämpfen, Töten und Siegen geht es ihr.
Sie ist nüchtern, verachtet Schwäche und Mittelmäßigkeit und ist es gewohnt, ihren Willen durchzusetzen und ihre Ziele zu erreichen.

Abigail ist eine radikale, kompromiss- gnaden- und skrupellose, selbstdizplinierte und harte Frau mit unbändigem Siegeswillen.
Sie ist regelrecht besessen davon, stark und mächtig zu sein, arbeitet effizient, ist pragmatisch und will maximale Kontrolle.

Als Militärpsychologin brauchte sie den Kick der Gefahr und ging im Streben nach Stärke, Macht und Sieg sogar so weit, den ausgezeichnet starken und mächtigen Familienvater Rosolio zu verführen, um seine Gene zu erhalten und ein Kind mit genau diesen Eigenschaften zu bekommen. Zu erschaffen.

Spätestens nach 60 Seiten Lektüre sind ihre narzisstische Struktur und ihre damit verbundenen Größenphantasien sowie sadistische und perverse Züge zu erkennen!
Man spürt, wie gefesselt und fasziniert sie von Gewalt, töten, kämpfen und siegen ist.

Abigail reflektiert zwar, ist letztlich aber nicht wirklich selbstkritisch. Sie zweifelt nicht, ist selbstsicher und stellt sich nicht in Frage.
Einzig in der Frage „eigene Familie“ scheint sie ansatzweise Bedauern zu empfinden.

Zivilisten haben im Gegensatz zu Soldaten nur kleine Probleme (S. 10).

Sämtliche Skrupel des Generalstabschefs wischt sie weg (S. 10)

Bravourös konstruiert finde ich, dass durch die Figur ihres Vaters eine dezidiert kritische Sichtweise Einzug hält. Das ist m. E. ein gelungener Kunstgriff.

Abigail hatte ihn schon als Mädchen zum Vorbild, wollte ihn erreichen und übertreffen, rivalisierte mit ihm und empfindet ihn nach wie vor als Respekt einflößend und mächtig.
Sie hat es nie wirklich geschafft, ihn innerlich zu entmachten und emotional unabhängig von ihm zu werden. Sie fühlte sich immer kleiner und schwächer.
Deshalb will sie jetzt Macht und Stärke auf einer anderen Ebene beweisen.
Sie will nun andere Mächte besiegen, die stellvertretend für ihren Vater stehen. „Nie und nimmer wirst du den Mut dazu aufbringen, gestand ich mir ein.“ (S. 24)

Äußerlich macht sie sich vor, über ihm zu stehen, indem sie ihn belächelt und abwertet.
„Er SPIELTE für die Patienten den Fels in der Brandung.“...
Ich denke, er WAR es! (S. 24)

Abigail hat einen ausgeprägten inneren Konflikt mit ihrem Vater, den sie gleichzeitig „so liebte und so sehr fürchtete“ (S. 83) aber anstatt diesen inneren Konflikt mit Hilfe einer tiefgründigen Therapie zu lösen und ihren „inneren Vater zu töten“, flüchtet sie in die Welt des Militärs und arbeitet sich am konkreten Ziel zu kämpfen und zu töten ab.

Vielleicht nur zwei Zitate, um einen Teil von Abigails Wesens zu veranschaulichen:
„Ich erforsche die Psyche von Kämpfern schon über 20 Jahren. Ich weiß, was zu tun ist, um Soldaten tödlicher, disziplinierter und auch resistenter gegen Traumata zu machen.“ (S. 66)

„„Los, ich will in euren Augen Mordlust flackern sehen.“ Zuerst grinsten sie verlegen, aber im nächsten Moment begannen sie doch den mörderischen Messertanz, den ich verlangt hatte, ihre Gesichter verzerrten sich vor Hass, die Gebärden wurden scharf und tödlich. Das war schon wesentlich besser als vorher. „Ausgezeichnet“, lobte ich und klatsche in die Hände, „so muss man losstürmen, nicht wie Roboter, denen man Beruhigungsmittel verabreicht hat.“ (S. 124)

Natürlich sickerten Ihre Haltung und ihre Werte in ihren Sohn Schauli.
Kein Wunder, dass er sich freiwillig zu den Fallschirmjägern meldete.
Er will seiner Mutter, die sich von Schwäche angewidert abwendet, gefallen und ihr imponieren.

Yishai Sarid seziert und beschreibt den Charakter dieser im Grunde unempathischen Frau aufs Feinste. Er erfasst sie in ihrer ganzen Komplexität und Vielschichtigkeit.

„Siegerin“ ist das tiefgründige und gelungene Psychogramm einer persönlichkeitsakzentuierten Frau.
Es ist ein schonungsloses und aufwühlendes Buch mit einer hochinteressanten Thematik und befremdlichen, irritierenden und verstörenden Passagen.

Diese tragische, aber niemals melodramatische Geschichte, wird unsentimental, ruhig und glaubwürdig erzählt.
Sie hat eine archaische Wucht: Töten oder getötet werden!

Das Begriffspaar Tod oder Leben wird auch aufgegriffen, indem immer wieder Erotik und Sexualität neben Krieg und Vernichtung eine Rolle spielen.

„Siegerin“ geht nahe, wühlt auf und hallt nach. Und das alles, ohne dass der Autor jemals wertet oder urteilt. Der Leser kann sich sein eigenes Bild machen und Schlüsse ziehen, die in die eine oder andere Richtung gehen können.
Ich werde Abigail, ihren betagten Vater und ihren Sohn Schauli sicher nicht so schnell vergessen.

Für mich als Psychoanalytikerin war dieses Werk ein Highlight.

An dieser Stelle möchte ich noch kurz auf den Autor eingehen, weil er mich derart beeindruckt hat.

Der israelische Autor Yishai Sarid, wurde 1965 in Tel Aviv geboren. Er war sechs Jahre lang Soldat, dem Geheimdienst zugeteilt und als Nachrichtenoffizier in der israelischen Armee tätig, bevor er Jura studierte, als Staatsanwalt und später als Rechtsanwalt arbeitete.

Wie ich leider erst nach der Lektüre herausgefunden habe, knüpft sein neuer Roman "Siegerin" wohl unmittelbar an den erfolgreichen Vorgängerroman "Monster" an.
Tja, ich werde sicher nicht umhinkommen, auch dieses Werk zu lesen


  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.06.2021

Originell, kurzweilig und interessant, aber Tiefe fehlt...

Der Algorithmus der Menschlichkeit
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Der Roman „Runa“ von Vera Buck hat mir bereits äußerst gut gefallen und da ich mich sehr für künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und die ...

Der Roman „Runa“ von Vera Buck hat mir bereits äußerst gut gefallen und da ich mich sehr für künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und die Gesellschaft interessiere, war es für mich keine Frage, ob ich dieses Werk lesen möchte.

Science Fiction, Dystopie oder Utopie?

Sobald wir das Buch aufschlagen, sind wir im Besucherraum einer Haftanstalt und beobachten, wie Dr. Gottsein hereinkommt und sich gegenüber von Mari an einen Tisch setzt.
Mari ist diejenige, die Dr. Gottsein erst unabsichtlich umgebracht und dann wiederbelebt hat.
Jetzt, hier im Besucherraum der Haftanstalt sprudelt er wie ein Wasserfall.
Er spricht von seiner zweiten Chance durch die Auferstehung von den Toten, erzählt von vergangenen Jahren, seinem neu erwachten Interesse für Religionen und seiner Idee, nach Nigeria zu reisen, um sich dort mit dem Glauben afrikanischer Naturreligionen zu befassen.

Gottsein wurde von seiner Frau, einer Psychologin, und den Kindern verlassen. Er hat jetzt nur noch seinen Therapeuten und seinen Hund Ödipus.
Mari wird sich, das hat sie gerade versprochen, um Ödipus kümmern, solange Dr. Gottsein in Nigeria sein wird.
Der Gefängniswärter macht ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung und Ödipus landet bei der tausendfach gepiercten Frieda, die Mari täglich im Gefängnis besucht und sie mit Hilfe eines Computerexperten aus der Untersuchungshaft holen möchte.
Ein Computerexperte? Jawohl, denn Mari ist eine Maschine, ein Roboter, ein Fembot.
Sie ist eine „beinahe echte Frau“, die keinen Stromanschluss, aber Zuckerlösung, Cola oder Gatorade braucht, Sommersprossen hat, dunkelbraunes Echthaar trägt, sich leise und fließend bewegt, sprechen und lernen kann, einen hohen IQ und Einfühlungsvermögen hat und auch sonst ziemlich menschlich ist.


Der Roman, in dem es um künstliche Intelligenz geht, beginnt, gelinde gesagt, skurril und ich war erstmal mächtig verwirrt.
Aber es dauerte nicht lange und ich war mittendrin.
Geholfen hat mir dabei Mari, die, nachdem sie selbst durch eine gründliche Untersuchung des Computerexperten völlig verwirrt war, begonnen hat, die Ereignisse gründlich zu sortieren.
Die Sortierung beginnt dabei mit Maris Geburt bzw. Ankunft im Pygmalion, dem legendären und umstrittensten Tanzclub in Berlin, der Greta Schnabel gehört. „Schnabel‘s Sexroboterclub“, so wird das Pygmalion von der Presse genannt.

Recht bald lernt Mari den einsamen Programmierer Kai, einen „totalen Nerd“, kennen, der im Rollstuhl sitzt und einfach nur Schach spielen oder reden möchte. Sie führen interessante Gespräche, in denen auch mal nachdenkenswerte Sätze fallen wie „… dabei ist Scheitern doch wie Stolpern… Das geht nur vorwärts.“ (S. 40)

Auch die bereits oben genannte Frieda, genauer gesagt, die rebellische und kluge Kellnerin Störenfrieda, hat Mari im Pygmalion kennengelernt.

Und dann bekommen Mari und die anderen Fembots eine neue Kollegin, die auch als Liebesroboter im Club von Greta Schnabel tätig sein soll.
Mim heißt die Neue.
Mim ist noch ein Kind.
Mari ist entrüstet!
Die Schläge, die Mari dem ersten Freier, der sich für Mim interessiert, verpasst, haben Folgen...

Mehr verrate ich zum Inhalt nicht.

Nach einem etwas schwierigen Ankommen im Buch wurde ich schnell und für lange Zeit vom überraschenden und originellen Inhalt gepackt. Ich fand so Einiges an Denkanstößen und fühlte mich prima unterhalten.

Zur Veranschaulichung des Stils möchte ich einen kurzen amüsanten und treffenden Auszug eines Gesprächs zwischen Mim und Marie zitieren:
„„Greta hat da ganz viele knöcherne Hügel“, sagte Mim „ihre Wirbel sind Berge und Täler, eine richtige Landschaft. Bei dir, Mari, ist hier alles ganz glatt.“
„Das ist, weil Greta ein Mensch ist und ich bin ein Fembot“ sagte Mari. „Die Hersteller haben mir kein Rückgrat gegeben.“
„Viele Menschen haben kein Rückgrat“, wusste Mim. „Aber Wirbel haben sie trotzdem.““

... und noch ein paar andere interessante oder denkwürdige Sätze:
„Die menschliche Normalität war nach wie vor eine schwer zu begreifende Angelegenheit. Sie ergab sich immer nur daraus, was die Mehrheit der Menschen tat, und hatte in der Folge wenig mit Logik zu tun.“ (S. 97)

„Es ist, wie es ist, aber nur, bis man es ändert.“ (S. 120)

„Trotz all des Faszinierenden, das es in der Welt zu entdecken gab, interessierten sich die Menschen doch am meisten für nackte Hintern und Biotonnen, erkannte Mari. Der Verschwendung menschlicher Lebenszeit waren wirklich keine Grenzen gesetzt. (S. 190)

Einfach nur klasse: „Nebenbei bemerkt, ein interessantes Wort, diese Ausnahmeregel“ sagte Mari. „Das drückt schon in sich die ganze Paradoxie der Sache aus! Ebenso wie Trauerfeier. Oder Gefrierbrand. Oder Frauenmannschaft.“ (S. 226)

„Linus gesteht Marie: „Ich war… Ich weiß auch nicht. Einigermaßen überfordert mit den Dingen und mit mir selbst. Als wäre mein Kopf ein Internetbrowser, in dem zu viele Fenster geöffnet waren.“
Marie wollte ihm sagen,… dass es wegen der Sache mit dem Internetbrowser sinnvoll war, die Dinge regelmäßig zu ordnen, zu sortieren und zu gewichten. Dass man ganz gut über die Runden kam, wenn man nur lernte, die unwichtigen Fenster zuschließen.“ (S. 246)
Guter Tipp, oder?

Mit Voranschreiten der Lektüre ließ meine Faszination nach.
Einiges wurde mir dann doch zu abgedreht, zu utopisch und zu flach.
Es war nach wie vor unterhaltsam, Mari, Frieda und all den anderen zu folgen, aber eben nicht mehr im gleichen Ausmaß wie vorher.
Manchmal hatte ich das Gefühl von einem erhobenen Zeigefinger im Hintergrund oder auch von allzu offensichtlichen Weisheiten.
Die Botschaft am Ende war mir zu augenscheinlich, sachlich und plump, auch wenn ich ihren Inhalt teile. Da war wenig Poetisches, wenig Verschlüsseltes... aber es war eben auch eine Botschaft von Mari und Mari ist nunmal eine Maschine und kein Mensch und darf man da Poesie erwarten?


„Der Algorithmus der Menschlichkeit“ greift das brisante Thema der künstlichen Intelligenz auf, gibt Denkanstöße, hält einem das ein oder andere Mal den Spiegel vor und ist unterhaltsam, kurzweilig und oft auch witzig, ironisch oder sarkastisch.
Trotzdem hat der Roman nicht so ganz meinen Erwartungen entsprochen.
Die sich aufdrängenden Themen und Fragen wurden überwiegend zu oberflächlich oder zu offensichtlich behandelt.
Dass ich das so empfinde hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass ich schon Einiges zum Thema gelesen habe.
Für „Frischlinge“ fühlt sich das wahrscheinlich anders an.

Ich empfehle den Roman als kurzweilige und originelle Unterhaltungslektüre und um in Berührung mit der hochinteressanten und brisanten Thematik „künstliche Intelligenz“ zu kommen.

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Veröffentlicht am 31.05.2021

Auswanderer-, Abenteuer- und Liebesgeschichte...

Seeland Schneeland
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Der Roman spielt vor einhundert Jahren, im Februar 1921, im kleinen Ort Newport an der walisischen Küste und auf einem Auswandererschiff.

Wir lernen zunächst den 24-jährigen Merce Blackboro kennen, der ...

Der Roman spielt vor einhundert Jahren, im Februar 1921, im kleinen Ort Newport an der walisischen Küste und auf einem Auswandererschiff.

Wir lernen zunächst den 24-jährigen Merce Blackboro kennen, der trotz seines jungen Alters bereits auf Shackletons Endurance-Expedition dabei war...einer gescheiterten Südpol-Expedition, durch die Merce dem ersten Weltkrieg entkommen konnte.

Bevor er auf dieser Expedition einprägsame Erfahrungen gemacht hat, war Merce ein vitaler junger Mann, der mit Frohsinn, Wissensdurst und Lebenshunger gesegnet war. Jetzt, nach seiner Rückkehr ist er verändert. Eine gewisse Antriebs- und Interesselosigkeit haben sich breit gemacht.
Ein Interesse lebt aber nach wie vor in ihm: sein Interesse an Ennid Muldoon, die im selben Ort wohnt. Leider werden dieses Interesse bzw. diese Leidenschaft und diese Liebe nicht von der lebensfrohen und freigeistigen Ennid erwidert.
Eines Tages beschließt sie, ihr Glück in Amerika zu suchen. Der kleine walisische Ort, der wirtschaftlich unter den Nachwehen des ersten Weltkriegs zu leiden hat, ist ihr zu eng und zu viele traurige Erinnerungen hängen an ihm.
Auf dem Überseedampfer „Orion“, der sie in ihre neue Heimat bringen soll, lernt sie den reichen und gelangweilten Diver Robey kennen, der trotz Langeweile einen Traum hat, der ihn antreibt: eine Flugverbindung zwischen Amerika und Europa.

Die Überfahrt wird alles andere als behaglich, unbeschwert oder erholsam.
Kälte, eisige Winde und Stürme, ständiger Schneefall.
Die wilde See.
Alles ist grau und trüb.
Eine dramatische Situation resultiert.

Merce, Ennid und Diver Robey sind präzise und prägnant ausgearbeitete Charaktere. Sie werden in all ihrer Vielschichtigkeit und Individualität gezeichnet und es macht Spaß, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Der 1965 geborene Mirko Bonné hat mit „Seeland Schneeland“ eine unterhaltsame, gefühlvolle und atmosphärische Auswanderer-, Abenteuer- und Liebesgeschichte mit fesselndem und stimmigem Plot geschrieben.

Erst jetzt, nach der Lektüre, erfuhr ich, dass es eine Art Vorgängerroman gibt: „Der eiskalte Himmel“ von 2006.
Dort ging es wohl um die Trans-Antarktik-Expedition des Briten Sir Ernest Shackleton von 1914 bis 1916. Bereits damals spielte Merce Blackboro wohl eine bedeutende Rolle, weil er sich als 17-jähriger blinder Passagier an Bord geschlichen hatte.
Dass ich dieses Buch auch lesen muss, steht fest, denn mir hat „Seeland, Schneeland“ prima gefallen.

Es ist eine absolute Leseempfehlung für alle, die abenteuerliche, poetische und intensive Romane mögen, in denen Liebe, Träume und Sehnsüchte eine große Rolle spielen.

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Veröffentlicht am 30.05.2021

Praxisnah, interessant und amüsant!

Pfote drauf!
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Es geht in „Pfote drauf“ um modernes positives Hundetraining.

Die Italienerin Christine Kompatscher ist Hundetrainerin und vermittelt alltagstauglich und mit vielen Beispielen die wissenschaftliche Basis ...

Es geht in „Pfote drauf“ um modernes positives Hundetraining.

Die Italienerin Christine Kompatscher ist Hundetrainerin und vermittelt alltagstauglich und mit vielen Beispielen die wissenschaftliche Basis sowie die praktische Umsetzung dieser Form des Hundetrainings.

Auf sehr anschauliche und äußerst verständliche Weise erklärt Christine Kompatscher im ersten Kapitel die Grundlagen des Lernens und die Theorie, die hinter bestimmten Methoden oder Verhaltensweisen steckt.
Manch‘ einer hätte sich gefreut, wenn er z. B. die klassische oder operante Konditionierung im Biologieunterricht so nachvollziehbar, einfach und unterhaltsam erklärt bekommen hätte.

Das Kapitel über die Welpenzeit hat mich besonders gefesselt, weil dadurch nicht nur meine Vorfreude auf meinen Welpen wuchs, sondern weil die Hundetrainerin Basics wie Stubenreinheit anspricht und auch auf die schwierigen Momente (z. B. die „wilden fünf Minuten“, Zerbeißanfälle und diverse Malheure in der Wohnung) dieser Phase eingeht und Erklärungen sowie Möglichkeiten des Umgangs damit anbietet.

Auch die Themen „Leinenführigkeit“, „Autofahren mit dem Hund“ und „Rückruftraining“ habe ich mit großem Interesse gelesen, weil ich mir natürlich wünsche, dass mein Hund mich mal an lockerer Leine durchs Leben begleiten und gern mit mir auf Reisen gehen wird und zu mir zurückeilt, wenn ich ihn rufe.

Dass die Box bzw. der Kennel sinnvoll und keine Tierquälerei ist und sich das Boxentraining deshalb unbedingt lohnt, ist mir nun klar.
Der Hund hat hier einen Rückzugsort, an dem er zur Ruhe kommt und der Halter hat die Gewissheit, dass sein Vierbeiner sicher untergebracht ist, wenn er mal weg muss und dass die Wohnung nach seiner Rückkehr genauso aussieht, wie vor seinem Weggang.

Was das Kapitel „Ressourcen und Ressourcenverteidigung“ anbelangt, wurde ich überrascht. Ich dachte zunächst, dass es hier um etwas geht, das nicht so wichtig oder interessant ist. Aber weit gefehlt, denn Loslassen und Hergeben sind nicht ganz unwichtige Fähigkeiten, die jeder Hund beherrschen sollte.

„Jagdersatztraining“ ist eine interessante Sache und scheint auch ziemlich wichtig zu sein, da es aber davor bzw. daneben noch so viel anderes zu lernen gilt, habe ich diesen Abschnitt erstmal nur überflogen.

Deutlich aufmerksamer und interessierter beschäftigte ich mich damit, wie man bereits seinem Welpen beibringen kann, niemanden anzuspringen. Wie man das anstellt, erklärt Christine Kompatscher gewohnt einleuchtend und nachvollziehbar.

Da ich unnötiges Kläffen und Bellen genauso wie Betteln und das eben erwähnte Anspringen als absolutes „no go“ erachte, las ich den Abschnitt „Unerwünschtes Verhalten“ mit großem Interesse... und wie immer waren die Erklärungen plausibel und zog ich so einiges an Tipps und Tricks heraus.

Gerade im Abschnitt „Impulskontrolle“ betont Christine Kompatscher noch einmal, wie wichtig Gelassenheit, Kompromissbereitschaft, Prioritätensetzung und Humor in der Hundeerziehung sind. Mit gefallen ihre freundliche und wohlwollende Art, ihr Bemühen, Hundeverhalten nachzuvollziehen und ihre Fähigkeit, auch mal fünf gerade sein zu lassen.

Das Kapitel „Schnüffelspiele“ macht große Lust darauf, mal die Nase seines Vierbeiners in den Mittelpunkt zu stellen.
Es ist beachtlich, welche Fähigkeiten Hunde haben und welche Leistung sie z. B. als Rettungshunde beim Mantrailing erbringen. Es wäre jammerschade, diese Ressourcen nicht zu fördern, in dem man z. B. „Finde den Futterdummy“ spielt.

Last but not least betont sie im Kapitel „Die eigene Haltung“, dass Selbstvertrauen, Gelassenheit, Fehlertoleranz, Selbstbeobachtung, Veränderungsbereitschaft, Kompromissfähigkeit, Optimismus, Freude und Humor von unschätzbarem Vorteil für das Zusammenleben mit einem Hund sind.

Christine Kompatscher erklärt alles so präzise und nachvollziehbar, dass nicht nur meine Motivation, sondern auch meine Zuversicht wuchs: Das kann man alles mit Geduld, Humor und Wissen hinbekommen!

Sie legt extrem viel Wert auf Belohnung und Ablenkung. Es ist eine sehr freundliche, liebevolle und wohlwollende Art, mit den Vierbeinern umzugehen. Klare Verbote und Strenge spielen bei ihr eine untergeordnete Rolle.
Das Ganze gefällt mir gut und kommt mir auch entgegen, aber ich als Laie fragte mich trotzdem zwischendurch, ob es tatsächlich immer so reibungslos und harmonisch ablaufen kann.

Bereichert wird das Buch mit wunderschönen Fotos, übersichtlichen Tabellen und farblich hervorgehobenen Kästchen mit Tipps oder wichtigen Informationen.
Ganz besonders wichtige Details platziert die Autorin in einer Glühbirne.

Eine dezente farbliche Markierung der einzelnen Kapitel macht das Buch noch übersichtlicher, als es ohnehin schon ist und die Checklisten am Ende der Kapitel sind hilfreich, um das Gelesene nochmal kurz zu resümieren.

Highlights am Anfang jedes neuen Kapitels sind die amüsanten und z. T. äußerst witzigen Alltagsbeispiele und Anekdoten von ihren beiden Hunden Balou und Smilla.

Wir lesen vom Keksklauenden oder Erdbeerpflückenden Balou und von Smilla, die schon mal gerne ein Vollbad nimmt
Es sind allesamt sehr unterhaltsame Geschichten und ich musste mehrmals schmunzeln oder meinem Mann lachend eine Passage vorlesen.

„Pfote drauf“ enthält eine gute Mischung aus lockerer Unterhaltung, anschaulicher Praxis und ernster Theorie. Sie hat den Ton getroffen und gibt wertvolle Hinweise und überzeugende Tipps.

Ich empfehle dieses kurzweilige und informative Werk, in dem sich alltagsnahe Praxis, verständlich aufbereitete Theorie und konkrete Trainingsanleitungen abwechseln, sehr gerne weiter.
Die Anleitungen lesen sich nachvollziehbar und umsetzbar.
Ob alles auch wirklich so klappt, werde ich erst nächstes Jahr herausfinden.

Jeder künftige oder bereits stolze Welpen- oder Junghundbesitzer, der motiviert ist, einen gut erzogenen Hund zu haben und Interesse an Blicken hinter die Kulisse hat, wird seinen Freude an diesem umfangreichen, detaillierten und alltagstauglichen Werk haben, das letztlich eine Art Lehrbuch und Nachschlagewerk für die Hundeerziehung ist.

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Veröffentlicht am 29.05.2021

Eine packende Verknüpfung von Frauenschicksal und Zeitgeschichte...

Stay away from Gretchen
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Wir haben es hier mit einem unbedingt lesenswerten Roman zu tun, der auf zwei Zeitebenen spielt:
Das Hier und Jetzt (2015/2016).
Der zweite Weltkrieg und die Nachkriegsjahre (1939-1953).

Die 84-jährige ...

Wir haben es hier mit einem unbedingt lesenswerten Roman zu tun, der auf zwei Zeitebenen spielt:
Das Hier und Jetzt (2015/2016).
Der zweite Weltkrieg und die Nachkriegsjahre (1939-1953).

Die 84-jährige Greta wird zunehmend dement, weshalb ihr Sohn Tom sich mehr um sie kümmern muss.
Tom ist ein bekannter und erfolgreicher Nachrichtensprecher und lebt sorgenfrei und luxuriös als Single in Köln. Seine Freiheit genießt er in vollen Zügen.
Durch den vermehrten Kontakt zu seiner Mutter erfährt er bisher Unbekanntes aus ihrem Leben, beginnend mit ihrer Kindheit im ostpreußischen Eylau, über ihre Flucht vor den Russen im zweiten Weltkrieg und ihrer Ankunft in der amerikanischen Besatzungszone Heidelberg, wo sie sich in einen schwarzen amerikanischen GI verliebt.
Tom sichtet alte Fotos und liest Briefe.
Dann entdeckt er ein Foto, auf dem ein dunkelhäutiges Mädchen abgebildet ist.
Greta schweigt.
Tom ist neugierig und steht vor einem Rätsel: Was hat seine Mutter Greta mit diesem Mädchen zu tun?
Nach und nach erblicken lange verschüttete Geheimnisse das Tageslicht.

Susanne Abel bringt uns bildgewaltig und einfühlsam ein Frauenschicksal näher und sie erzählt Zeitgeschichte glaubwürdig und packend.
Sie verwebt Gretas fiktive Lebensgeschichte mit historischen Fakten und konstruiert daraus einen mitreißenden und gefühlvollen, aber zu keinem Zeitpunkt kitschigen oder gefühlsduseligen Roman.

Die Protagonisten werden dabei in all ihrer Vielschichtigkeit und Unterschiedlichkeit dargestellt: Greta, die viel Schmerz in sich trägt, zunehmend in eine andere Welt abdriftet, aber immer wieder klare Momente hat.
Tom, der erstmal keine sonderlich große Lust hat, in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden, weil er sich mehr um seine Mutter kümmern muss, der aber in diese neue Lebenssituation hineinwächst, sich seiner Mutter zunehmend fürsorglich und liebevoll annimmt und letztlich auch in Kontakt mit seinen Veränderungs- und Verlustängsten kommt.

Ich empfehle diesen spannenden und berührenden Debütroman, der viele Themen (Demenz, Krieg, Vertreibung und Flucht, Rassismus) aufgreift und dabei auch ein wichtiges Thema („brown babies“) aus der Vergessenheit hervorholt, sehr gerne weiter.

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