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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.04.2026

Teilweise poetisch, aber zerfahren

Das Mosaik der Frauen
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Nadim Suri ist alt, sehr reich und todkrank. In einer Klinik in Deutschland verbringt der herzkranke Mann seine letzten Tage und blickt zurück. Sein Wunsch ist es, einem Autoren, der wie er selbst syrische ...

Nadim Suri ist alt, sehr reich und todkrank. In einer Klinik in Deutschland verbringt der herzkranke Mann seine letzten Tage und blickt zurück. Sein Wunsch ist es, einem Autoren, der wie er selbst syrische Wurzeln hat, sein bewegtes Leben zu erzählen. Er möchte besonders aufzeigen, wie die Frauen seines Lebens (und es waren einige) ihn nachhaltig beeinflusst und geprägt hatten. Seine besten Charakterzüge will er den Frauen seines Lebens verdankt haben. So erzählt er dem Zuhörer seine Erinnerungen, beginnend mit seiner Kindheit als syrischer Christ in Damaskus.

Es folgt eine lose Aneinanderreihung von Erlebnissen, Liebschaften und Geschichten, die immer neue und fernere Personenkreise einschliessen. Dazu betont der Protagonist gerne, wie sehr er die Frauen stets achtete, verehrte und respektierte, und damit dem gewohnten arabischen Vorbild nicht folgte. Als Regimekritiker kommt er auch immer wieder mit den jeweiligen Repräsentanten und Schergen des syrischen Diktatur in Berührung, erleidet Verluste und muss sogar fliehen. Verfolgung, Terror, Mord und Unterdrückung werden anhand vieler Beispiele beschrieben.

Von arabischer Erzählkunst ist dieser Roman weit entfernt, bzw. ich habe falsche Vorstellungen davon. Immer wieder erkannte ich gute Ansätze, z.B. bei der Schilderung des Aufwachsens im lebendigen christlichen Viertel von Damaskus. Schon nach kurzer Zeit wurde abgeschweift um irgendedeine Anekdote eines Nachbarn zu berichten. Der Patient musste sich wiederholt selbst ermahnen, weil er erneut abgelenkt war, was mich mit der Zeit gelangweilt hat.

Von den zahlreichen Verflossenen der Hauptfigur ist mir nach Buchende nicht eine einzige Frau in Erinnerung geblieben, weder namentlich noch inhaltlich. Zu blass sind sie geblieben. Pluspunkte gibt es für die mutige Regimekritik, den Bericht über das Kriegsgrauen und die schonungslose Darstellung der Rolle der Frau in diesem Kulturkreis. Gerne würde ich positivere Bilanz ziehen, doch Vorschusslorbeeren und Promiboni verteile ich nicht, auch nicht bei grosse Namen. Dieser Roman ist für mein Empfinden so schwach auf der Brust geblieben, wie der Protagonist der Geschichte.

Veröffentlicht am 15.04.2026

erschütterte Jugendfreundschaft

Der Sommer, der uns blieb
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Die langjährige Kinder- und später Jugendfreundschaft der damals eng zusammengeschweissten Freunde Britta, Pia und Martin wurde abrupt auseinandergerissen. Rund 20 Jahre haben sie sich komplett aus den ...

Die langjährige Kinder- und später Jugendfreundschaft der damals eng zusammengeschweissten Freunde Britta, Pia und Martin wurde abrupt auseinandergerissen. Rund 20 Jahre haben sie sich komplett aus den Augen verloren. Nun kehren sie aus unterschiedlichen Gründen in ihr beschauliches Heimatstädtchen zurück. Pia, die damals Hals über Kopf verschwunden ist, will noch eine einzige Lebensaufgabe erledigen, bevor es zu spät ist: Sie muss Britta und Martin endlich erzählen, was damals wirklich geschehen ist. Doch die Narben sitzen tief. Kann es gelingen, nach einer solchen Zäsur an die früheren Freundschaftsbande noch rechtzeitig anzuknüpfen?

Schicht für Schicht trägt die Autorin behutsam den Lack ab, bis die ganze Wahrheit verletzt und nackt offenliegt. In knackig-kurzen Kapiteln wird aus wechselnder Perspektive der Figuren erzählt. Die nötigen Zeitsprünge fügen sich organisch ein. Einfühlsam wird beschrieben, wie seltsam sich das Heimkommen bisweilen anfühlt und wie klein und beengt uns plötzlich alles vorkommt, wenn wir ins Elternhaus zurückkehren.

Ein gefühlvoller und vielschichtiger Roman, verfasst aus der Weisheit eines gereiften Lebens heraus. Er zeigt uns, dass wir selbst entscheiden, welche Erinnerungen wir zulassen oder wegschliessen und welch heilsame Kraft das Vergeben sein kann. Viel Liebe zum Detail auch optisch: ein attraktiver Farbschnitt, eine farbenfrohe Überraschung im Buchinneren, und zum Auftakt der Kapitel jeweils personenbezogene Blütenskizzen und haiku-artige Zitate. Auch das liebevoll und stimmig eingebaute Zitat von Auden ist mir nicht entgangen. Von diesem Roman habe ich mich verstanden gefühlt.

Veröffentlicht am 04.04.2026

gekommen um zu bleiben?

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Die 25-jährige Studentin Sophie verbringt ihre Tage im eintönigen Alltagstrott in Süddeutschland. Das Studium interessiert sie nicht wirklich und der Nebenjob ödet sie an. Aus diesem Stumpfsinn heraus ...

Die 25-jährige Studentin Sophie verbringt ihre Tage im eintönigen Alltagstrott in Süddeutschland. Das Studium interessiert sie nicht wirklich und der Nebenjob ödet sie an. Aus diesem Stumpfsinn heraus tätigt sie einen Impulskauf im Internet: Mit so ziemlich den letzten 3'000 Euros ersteht sie ein Haus in einem winzigen Dorf in Ostdeutschland - natürlich ungesehen und ohne jegliche Ahnung von solchen Geschäften. Vor Ort entpuppt sich ihr neues Eigenheim als halb verfallene Ruine mit Loch im Dach, ohne Strom und Heisswasser. Die Dorfbewohner begegnen ihr mit Ablehnung, Misstrauen und Spott.

Sophie lässt sich nicht entmutigen und krempelt die Ärmel hoch. Sie muss bald lernen, dass die eigenhändige Sanierung eines Schnäppchenhauses doch nicht so mühelos funktioniert, wie die Tutorials im Internet das vermitteln. Zudem wird das Geld immer knapper. Gleichzeitig entdeckt die Studentin aber, wieviel Freude und Stolz sie verspürt, wenn sie Dinge selber reparieren und Neues erschaffen darf. Zudem wird ihr in der Abgeschiedenheit klar, wie wenig sie bisher über ihr ganzes Dasein nachgedacht hat. Was möchte sie eigentlich machen mit ihrem Leben?

Dieses herrlich erfrischende und extrem kurzweilige Buch bringt dich garantiert zum Lachen! Es steckt voller Selbstironie, Situationskomik und bissigem Sarkasmus. Dazu noch Gesellschaftsskritik, die zum Nachdenken anregt. Nebst all dem Humorvollen ist es aber auch ein zutiefst existenzieller Roman. Wofür würden wir unser allerletztes Geld ausgeben? Welche Rahmenbedingungen brauchen wir für ein sicheres und komfortables Leben und wo stecken wir vielleicht selbst fest in Abhängigkeiten, die uns gar nicht bewusst sind?

Ein unterhaltsames und atemloses Lesevergnügen mit Tiefgang. Meine persönliche Empfehlung für Lesende von Giulia Becker und Juli Zeh.

Veröffentlicht am 03.04.2026

nostalgischer Hotelspuk

Das White Octopus Hotel
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Die 27-jährige Eve führt ein einsames und stilles Leben. Sie arbeitet als Kunstexpertin in einem Auktionshaus emotionslos in den Tag hinein. Im Alter von 4 Jahren hatte sie ihre Schwester durch einen Unfall ...

Die 27-jährige Eve führt ein einsames und stilles Leben. Sie arbeitet als Kunstexpertin in einem Auktionshaus emotionslos in den Tag hinein. Im Alter von 4 Jahren hatte sie ihre Schwester durch einen Unfall verloren. Bis heute quälen sie Schuldgefühle und zu den Eltern hat sie kaum Kontakt.

Durch ihre Arbeit erfährt sie von einem mysteriösen Hotel in den Schweizer Bergen, das 1935 über Nacht verlassen worden ist. Dort soll es lauter magische Gegenstände gegeben haben mit besonderen Funktionen. So soll es zum Beispiel Briefpapier gegeben haben, um seinem jüngeren Ich zu schreiben. Könnte Eve mit Hilfe von solchem Zauber vielleicht sogar in die Vergangenheit reisen und ihren tragischem Fehler von damals wiedergutmachen? Sie reist in die Schweiz und findet das verfallene Hotel. Schon bald passieren spektakuläre Dinge, und sie findet sich in einer ganz anderen Epoche wieder.

Ein solider Fantasyroman, der auch die seelischen Untiefen der Protagonistin intensiv ausleuchtet. Der Wechsel zwischen den Zeitepochen ist spannend. Die Figuren sind schrullig, schräg und sympathisch. Der Plot hat einige Schwächen und wirkt manchmal sehr zusammengezimmert. Weiter hätte ich mir als Schweizerin etwas mehr authentischen Lokalkolorit gewünscht.

Veröffentlicht am 02.04.2026

Vom Gehen oder Bleiben

Der letzte Leuchtturm
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Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe ...

Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe durch diese schwierige Passage. Einzige verbliebene Bewohner sind der jähzornige, verwitwete Leuchturmwärter und dessen 19-jähriger Sohn Ouse. Beide vermissen die verstorbene Mutter des jungen Mannes auf ihre Weise: Ouse mit tiefer Liebe und Empathie im Herzen; sein Vater mit Brutalität und Verbitterung. Es scheint besiegelt, dass Ouse ebenfalls Leuchtturmwärter werden soll. Er hat kaum menschliche Kontakte. Seine Familie sind Krabben, Robben, Möwen und Papageientaucher. Er kennt jeden Winkel des Eilands und bei Langeweile spricht er mit dem Geist von Robert Louis Stevenson. Der imaginierte Freund steht ihm auch bei, wenn der Vater wieder zugeschlagen hat.

Die Dynamik ändert sich, als ein Hausgast eintrifft. Firth, ein lebensmüder, erfolgloser Schriftsteller möchte auf der Insel seine allerletzte Lebensaufgabe vollbringen. Er erkennt als Einziger das kreative, künstlerische Talent in Ouse und ermutigt ihn, dieses zu fördern. Dazu müsste er jedoch die geliebte Insel verlassen. Ouse muss sich entscheiden.

Der Roman lebt von der poetischen Sprache, die sich so tänzerisch emporschwingt, dass einem manchmal schwindlig wird. Scheinbar mühelos webt der Autor den Mikrokosmos dieser Insel um den Leser herum. In lebendigen Bildern beschreibt er die ungezähmte Natur, die Definition von Heimat und das breite Feld der Emotionen der Protagonisten. Hoffentlich nicht der letzte Roman des Lyrikers. Meine Empfehlung für Leser, denen "Öffnet sich der Himmel" von Sean Hewitt gefallen hat.