Platzhalter für Profilbild

BrigittesitztinderMitte

Lesejury-Mitglied
offline

BrigittesitztinderMitte ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit BrigittesitztinderMitte über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.01.2026

Essenz eines gelebten Lebens

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
0

Der 89-jährige Bo lebt mit seinem geliebten Hund und mit Hilfe täglicher Betreuung durch einen Pflegedienst (noch) daheim in einem Dorf in Schweden. Seine Frau ist schwer pflegebedürftig und wohnt schon ...

Der 89-jährige Bo lebt mit seinem geliebten Hund und mit Hilfe täglicher Betreuung durch einen Pflegedienst (noch) daheim in einem Dorf in Schweden. Seine Frau ist schwer pflegebedürftig und wohnt schon seit Jahren in einem Demenzwohnheim. Bo vermisst seine Ehefrau unendlich und redet jeden Tag in liebevoller Zwiesprache mit ihr.

Auch Sohn Hans kümmert sich um Bo, das Verhältnis ist allerdings schwierig. Bo fühlt sich zunehmend entmündigt und bevormundet von seinem Sohn. Mit immer gebrechlicherem Körper, jedoch klarem Verstand blickt Bo auf sein langes Leben zurück. Er hat sich fest vorgenommen, vor seinem Ableben das verfahrene Verhältnis zum Sohn zu kitten. Ein schwieriges Unterfangen, besonders als Hans seinem Vater damit droht, den geliebten Hund wegzunehmen.

Ein leiser, aber trotzdem kraftvoller Roman über das Älterwerden und Sterben. Er zeigt auf, was es bedeutet, im Alter Autonomie und Würde zu verlieren und in einem Körper eingesperrt zu sein, der sich mehr und mehr im Verfall befindet. Gleichzeitig wirft das Buch die Frage auf, was am Ende unseres Lebens als Bodensatz all unserer gemachten Erfahrungen zurückbleibt. So viele wichtige Erkenntnisse lernen wir erst im Alter wirklich zu begreifen.

Ein zutiefst essenzielles Buch, das einen sehr intimen und gleichzeitig würdevollen Einblick gewährt in die Gedankenwelt eines sterbenden, hochbetagten Menschen. Mich hat dieses grandiose Debüt tief berührt.

Veröffentlicht am 16.01.2026

Entfremdung und Wiedergutmachung

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
0

2023: Hannah (34) lebt alleine in Berlin und ist gerade ziemlich orientierungslos. Ihre beste Freundin ist ausgezogen UND schwanger! Als Krönung taucht plötzlich ihr leiblicher Vater auf, der ihr Leben ...

2023: Hannah (34) lebt alleine in Berlin und ist gerade ziemlich orientierungslos. Ihre beste Freundin ist ausgezogen UND schwanger! Als Krönung taucht plötzlich ihr leiblicher Vater auf, der ihr Leben lang keinen Kontakt mit ihr gepflegt hatte. Er eröffnet der perplexen Tochter, dass sie noch zwei Halbbrüder habe. Auf der Suche nach ihren Wurzeln taucht Hannah ein in die Vergangenheit.

Güstrow, Ostdeutschland, Mai 1945: Der zweite Weltkrieg liegt in den allerletzten Zügen. Die Menschen in diesem Landstrich befinden sich wortwörtlich zwischen den Fronten. Die Leute flüchten vor der herannahenden Roten Armee und eine Welle von Selbstmorden erschüttert die Gegend. Marlen, ein 14-jähriges Waisenmädchen hat auf der Flucht die ganze Familie verloren. Sie findet Unterschlupf bei der exzentrischen Kunstmalerin Wilma und ihrer verschrobenen Haushälterin. Die Malerin adoptiert Marlen, spannt sie allerdings zunehmend für ihre eigenen Zwecke ein.

2023 beginnt sich die Familiengeschichte von Hannah ebenfalls zuzuspitzen, denn es tauchen noch mehr Fragen und neue Lügen auf. Es wird klar, dass Hannah sich entscheiden muss, welchen Weg sie für ihr Leben wählen soll.

Alena Schröder vermag es erneut, mit zwei spannenden Frauengeschichten in zwei Epochen ab der ersten Seite zu fesseln. Dabei wird sie beiden Protagonistinnen gleichermassen gerecht. In lebendiger und gefühlvoller Sprache wurde mir vieles bildhaft aufgezeigt: traumatisierte Menschen, die sich in den Verwerfungen der Weltgeschichte neu zurechtfinden sollen, ihre Würde verteidigen und ihren Platz in einem neu erschaffenen Staat finden müssen. Die Erkenntnis, dass ein Krieg nicht automatisch vorbei ist, nachdem die letzten Artilleriefeuer verstummt sind, sondern auch ohne Waffen Kämpfe weitergeführt werden, die Auswirkungen bis heute haben können.

Und nicht zuletzt hat der Roman mir auf eine liebevolle Weise bestätigt, dass Familien komplizierte Konstrukte sind - und zwar alle.

Veröffentlicht am 29.12.2025

Moral vs. Existenz

Ruf der Leere
0

Eine Gruppe junger Menschen möchte ein feucht-fröhliches Wochenende in einer abgeschiedenen Hütte ohne Handyempfang feiern. Die Gruppendynamik gerät bereits in leichte Schieflage, als sich ein ungeladener ...

Eine Gruppe junger Menschen möchte ein feucht-fröhliches Wochenende in einer abgeschiedenen Hütte ohne Handyempfang feiern. Die Gruppendynamik gerät bereits in leichte Schieflage, als sich ein ungeladener Australier dazugesellt und spontan mitreist. Bereits am ersten Abend eskaliert dann das Geschehen, als ein rätselhafter alter Mann die Hütte betritt und den jungen Leuten eine groteske Aufgabe gibt: Sie sollen bis Mitternacht zusammen eine Person bestimmen, die als Einzige überleben wird, alle anderen würden sterben. Es beginnt ein panischer Wettlauf gegen die Zeit, Masken fallen und Wahrheiten kommen ans Licht.

Ein Pageturner, dem man sich kaum entziehen kann. Ein perfides Kammerspiel mit detailliert ausgestalteten Charaktere und dazu die erbarmungslos tickende Uhr zu Beginn jedes Kapitels vor Augen. Hinzu kommen aufschlussreiche Rückblicke in die Vergangenheit der einzelnen Protagonisten. Der Autor lässt uns in Abgründe blicken - in diejenigen seiner tragischen Figuren aber auch in unsere eigenen. Hand aufs Herz, wie würdest du entscheiden?

Im Gegensatz zu seinem Debütroman, in dem es ja durchwegs blutig zur Sache ging, fliesst hier kaum ein Tropfen Blut. Trotzdem erzeugt Alvarenga auch hier atmosphärisches, eiskaltes Grauen. Das zeichnet für mich einen besonders raffinierten und begabten Schriftsteller der Spannungsliteratur aus.

Veröffentlicht am 06.12.2025

Suche nach Selbstbestimmung

Was vor uns liegt
0

Rom, in den 1930er Jahren. Wir lernen acht junge Frauen kennen, die in einem von Nonnen geführten Wohnheim leben und tagsüber an der Universität studieren. Nicht nur in diesem Konvikt herrschen strenge ...

Rom, in den 1930er Jahren. Wir lernen acht junge Frauen kennen, die in einem von Nonnen geführten Wohnheim leben und tagsüber an der Universität studieren. Nicht nur in diesem Konvikt herrschen strenge Regeln. Auch in der konservativen, erzkatholischen Gesellschaft wird von allen Seiten vorgegeben, was für junge Frauen - ganz besonders ledige Frauen - schicklich ist. Ein einziger Fehltritt kann Folgen haben.

Trotz teilweise gefängnisähnlichen Zuständen fühlt sich die Frauengruppe dort sicher und gehalten. Die Studentinnen halten heimliche Seancen ab und vertrauen sich ihre privaten Geheimnisse an. Sie alle träumen vom Leben nach dem Studium. Jede hat dazu ihre eigenen Vorstellungen, doch gemeinsam haben sie alle den Wunsch nach Unabhängikeit, Selbstbestimmung und aufrichtiger Liebe.

Dieser Roman wurde 1938 erstmals veröffentlicht und vom damaligen Mussolini-Regime wegen Subversion verboten. Dass ein Roman, in dem fiktive Frauenfiguren in einem katholischen Wohnheim über ihre Lebensplanung sinnieren, zensiert werden musste, ist beachtlich. Die Faschisten mussten schon sehr grosse Angst um ihr Patriarchat haben.

Insgesamt ein kluger, mutiger und erstaunlich zeitloser Roman. Mit acht Protagonistinnen hatte ich allerdings bis zuletzt Mühe, diese alle richtig zuzuordnen, sowohl namentlich als auch personenbezogen. Echte Sympathien konnte ich aufgrund deren Anzahl auch nicht zu allen Figuren entwickeln. Darum fehlt von meiner Seite der letzte Stern.

Veröffentlicht am 04.12.2025

Ein Mädchen verschwindet

Wem du traust
1

Eva führt mit Ehemann und kleinem Sohn ein harmonisches Leben. Sie geniesst eine respektvolle Beziehung mit Daniel, ist vernetzt in der Nachbarschaft und hat auch wieder im Berufsleben Fuss gefasst. Einfach ...

Eva führt mit Ehemann und kleinem Sohn ein harmonisches Leben. Sie geniesst eine respektvolle Beziehung mit Daniel, ist vernetzt in der Nachbarschaft und hat auch wieder im Berufsleben Fuss gefasst. Einfach super, oder?

Doch dann verschwindet über Nacht die 15-jährige Sofie, Tochter von Evas bester Freundin. Wie schon oft hatte Sofie auf Evas Sohn als Babysitterin aufgepasst und ist danach nie zu Hause angekommen. Stunde um Stunde vergeht und die Nerven liegen blank. Die für den Vermisstenfall eingesetzte Kommissarin stellt schon bald fest, dass sich Widersprüche ergeben und nicht nur eine Person lügt. Und immer noch keine Spur des Mädchens.

Die Autorin hat einen klug geplotteten Erzählstrang aufgebaut. Sie spielt mit unseren Vorurteilen und führt den Leser elegant aufs Glatteis. Ich liebe und hasse es, wenn Autoren es schaffen, mich trotz all meiner Wachsamkeit so in die Irre zu führen. Die Figuren erhalten ausreichend Tiefe und überzeugen. Bis zuletzt vermag die Geschichte die Spannung souverän zu halten. Ebenfalls gefallen mir die Darstellung der akribischen, oft auch fruchtlosen Ermittlerarbeit und die Beharrlichkeit der Ermittlerin. Ein grossartiger Pageturner, auch dank der knackig-kurzen Länge der Kapitel. Diese verleitete mich oft zum Vorsatz: "Nur noch 1 Kapitel..."

Empfehlung für Leser von Ellen Sandberg oder Minette Walters.