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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.03.2026

Mord in der Karwoche

Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl
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Ausgerechnet in der Settimana Santa - der hochheiligen Karwoche - geschieht in Neapel ein Mord. Der komplizierte und nicht besonders umgängliche Commissario Gaetano und die hartnäckige Nachwuchsermittlerin ...

Ausgerechnet in der Settimana Santa - der hochheiligen Karwoche - geschieht in Neapel ein Mord. Der komplizierte und nicht besonders umgängliche Commissario Gaetano und die hartnäckige Nachwuchsermittlerin Beppa werden auf den Fall angesetzt. So richtig Lust auf Arbeit hat keiner in der Karwoche...

Der Autor erschafft ein tolles Setting mit viel Lokalkolorit. Hauptdarstellerin ist ohne Zweifel die Stadt Neapel - der lärmige, schmutzige, stinkende, nimmermüde Moloch, der gleichzeitig malerische Ecken und atemberaubende Kulissen liefert. Hier prallen Gegensätze und Welten aufeinander, z.B. die rustikalen Fischer und die Gäste der Luxusrestaurants.

Der Autor vermag ein authentisches Bild zu vermitteln, erschafft kuriose Protagonisten und zeichnet die stimmige Atmosphäre von Italien während der allerheiligsten Woche des Jahres. Für mich war der Roman ein Spürchen zu lange und einige Details im Plot wirken etwas zu sehr konstruiert, bzw. unglaubwürdig. Trotzdem ein spannender, unterhaltsamer und stimmiger Italien-Krimi.

Veröffentlicht am 04.03.2026

ungezähmte Frauen

Die Riesinnen
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"Riesinnen" werden sie genannt, und Riesinnen sind sie, so gross, dass sie jeden in dem kleinen Ort im Schwarzwald überragen. Dies ist die Geschichte von Grossmutter Liese, Mutter Cora und Tochter Eva, ...

"Riesinnen" werden sie genannt, und Riesinnen sind sie, so gross, dass sie jeden in dem kleinen Ort im Schwarzwald überragen. Dies ist die Geschichte von Grossmutter Liese, Mutter Cora und Tochter Eva, die dort auf ihre eigene, unabhängige Art leben. Das macht sie zu Sonderlingen, denn im Dorf ist die höchste richterliche Instanz das Gerede der Leute. Es macht sie auch einsam, doch es genügt ihnen, dass sie einander haben.

Von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart begleiten wir die Familie, deren Leben von harter Arbeit und Schicksalsschlägen geprägt ist. So unterschiedlich die Wesen der drei Frauen sind, sie alle teilen die tiefe Liebe zur Heimat, die Verbundenheit zum Wald und den Wunsch nach Selbstbestimmung.

Der Roman lebt und atmet von der einmaligen Erzählsprache. Rustikal, archaisch und bisweilen derb ist sie, jedoch gleichzeitig von einer unglaublichen Feinheit. Die Protagonistinnen werden so präzise gezeichnet, dass sie jederzeit authentisch rüberkommen. Die Autorin schafft scheinbar mühelos den Spagat zwischen Heimatroman, feministischem Werk und packender Familiensaga.

Wer die Romane von Marie Brunntaler mag, wird "Die Riesinnen" lieben.

Veröffentlicht am 01.03.2026

Kampf gegen dunkle Dämonen

Narbenmädchen
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Lara ist 15 und wurde dazu verdonnert, vier Wochen in einem Kurhaus für verhaltensauffällige Kinder und Teenager zu verbringen. Schon bald offenbart sich, was das Mädchen hinter ihrem Trotz und der Unangepasstheit ...

Lara ist 15 und wurde dazu verdonnert, vier Wochen in einem Kurhaus für verhaltensauffällige Kinder und Teenager zu verbringen. Schon bald offenbart sich, was das Mädchen hinter ihrem Trotz und der Unangepasstheit verbirgt: Lara ist psychisch schwer krank und hat den Halt im Leben verloren. Sie ist depressiv, fügt sich selbst Verletzungen zu und neigt in schwierigen Situationen zur Dissoziation. Mit gekonnten Verdrängungsmechanismen verweigerte sie sich bisher einer Therapie. Von den Eltern fühlt sie sich im Stich gelassen.

Zögerlich freundet sie sich mit anderen Jugendlichen an und erkennt, wie unfassbar weit das Spektrum der psychischen Erkrankungen ist.
Nach einer weiteren Selbstverletzung spitzt sich die Lage zu: Die Chefärztin stellt klar: Ein nochmaliges Fehlverhalten von Lara hätte zur Folge, dass sie direkt in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingewiesen wird.

Die einfühlsame Autorin gibt tiefen Einblick in das Leben mit psychischen Störungen. Sie beleuchtet behutsam das fragile Innennleben der jungen Protagonisten. Die Dynamiken, die sich beim Zusammentreffen der Figuren ergeben, sind herzerwärmend, schmerzhaft aber manchmal auch urkomisch. Die Protagonisten erhalten genügend Raum, damit ihnen gerecht wird. Bitte aber unbedingt die Triggerwarnung am Anfang berücksichtigen - danke der Autorin auch dafür.

Veröffentlicht am 28.02.2026

Es ist kompliziert

Unser Haus mit Rutsche
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Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen ...

Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen bei ständig wechselnden Therapeutinnen blickt sie zurück auf ihr Leben. Ihre Kindheit verbrachte sie in Saarbrücken. Dort lebte sie mit dem Irakischen Vater, einem windigen Geschäftsmann mit immer neuen, wilden Ideen und ihrer Mutter, einer eleganten, aber unnahbaren Französin. Und dann gibt es noch den kleinen Bruder, liebevoll "Seestern" genannt.

Der Roman zeigt, wie Kinder aus Migrationsfamilien überall ein Stückweit fremd bleiben. Sowohl in der neuen Heimat, als auch in der Herkunftsfamilie fehlt oft das tiefe Zugehörigkeitsgefühl. Die Lage der Familie spitzt sich Anfang der 90er-Jahre zu, als mit der Kuwaitkrise und dem Golfrieg das finanzielle Auskommen des Vaters gefährdet wird und nicht nur die Weltpolitik, sondern auch das Familiengefüge ernsthaft auf die Probe gestellt werden.

Diese Roman ist totz aller Ernsthaftigkeit und der traurigen geschichtlichen Hintergründe ein urkomisches Werk. Die mutmasslich stark autobiografischen Erlebnisse verpackt die Autorin mit scharfsinniger Beobachtungsgabe für alles Menschliche und köstlichen Dialogen in ein Buch, das mich an vielen Stellen innehalten und lachen liess. Es war ein Vergnügen, in den Kosmos dieser komplizierten Familie wischen Saarland, Bagdad und Paris einzutauchen und dort zu verweilen.

Veröffentlicht am 19.02.2026

Macht + Preis des Neinsagens

Hazel sagt Nein
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Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich ...

Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich am ersten Schultag der Hammer: Sie wird ins Büro des Rektors beordert, wo es zu sexueller Nötigung kommt. Der perverse Schulleiter hat offenbar bereits während der Semesterferien im Schwimmbad Ausschau gehalten nach seinem nächsten alljährlichen Opfer und dabei Hazel ausgewählt. Aber die überrumpelte Hazel macht etwas unglaublich Mutiges: Sie sagt NEIN. Und sie geht mit dem Erlebten an die Öffentlichkeit.

Die Folgen für Hazel und ihre Familie sind einschneidend. Es beginnt mit Schmierereien vor dem Haus und Schwierigkeiten der Familie, am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Doch das ist erst der Beginn der Hexenjagd, die eine ganze Kleinstadt erfasst und spaltet.

Dieser Roman ist so unterhaltsam wie wichtig. Er zeigt akribisch, fast tagebuchartig auf, welche Dynamiken ein solcher Missbrauchs auslöst, dass Opfer sich schuldig fühlen, während Täter überzeugend Theater spielen. Aus wechselnder Perspektive gibt die Autorin jedem Familienmitglied der Blums genügend Raum und eine eigene, starke Stimme. Ich bin stolz auf die Protagonistin Hazel Blum.