Platzhalter für Profilbild

Buecherfuchs54

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Buecherfuchs54 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Buecherfuchs54 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.06.2022

Ausbruch aus dem Korsett

Ein unendlich kurzer Sommer
0

„Ein unendlich kurzer Sommer“- dieser Titel lässt aufhorchen: unendlich kurz? Ist das nicht ein Widerspruch?
Auf einem heruntergekommenen Campingplatz ohne Besucher treffen drei Menschen zusammen, ...

„Ein unendlich kurzer Sommer“- dieser Titel lässt aufhorchen: unendlich kurz? Ist das nicht ein Widerspruch?
Auf einem heruntergekommenen Campingplatz ohne Besucher treffen drei Menschen zusammen, die alle in einer Lebenskrise stecken.
Gustav, der Campingplatzbesitzer hatte vor über dreißig Jahren ein Liebeserlebnis, dessen Ende ihm immer noch zu schaffen macht. Zudem weiß er, dass er nur noch eine begrenzte Zeit zu leben hat, was er aber niemanden mitteilt. Er ist ein ausgesprochener Eigenbrödler.
Lale, die ihren Bruder verloren hat und aus der sie erdrückenden Beziehung zu ihrem Ehemann fliehen will. Für sie nutzt die Verfasserin als zentrale Metapher des „Korsetts“, das sie einschnürt und doch zusammenhält.
Christophe, der gerade seine Mutter bestattet hat und in ihrem Nachlass einen Brief von ihr an Gustav findet, den sie nie abgeschickt hat und aus dem hervorgeht, dass Gustav der biologische Vater von Christophe ist. Christophe glaubt nicht daran, jemals eine dauerhafte Beziehung eingehen zu können.
Der Roman erzählt nun in unaufgeregter, ruhiger Weise, wie diese drei Personen zueinanderfinden. Zuweilen hat der Roman dadurch Längen und gerät auch in die Nähe, kitschig zu werden. Trotzdem gelingt es der Autorin, die drei Hauptpersonen nachvollziehbar darzustellen und so die Identifikation der Leserschaft zu wecken.
Schwach dagegen ist die Darstellung des Ehemanns von Lale. Völlig unvorstellbar, warum Lale mit ihm verheiratet ist und warum sie überlegt, zu ihm zurückzukehren.
Das Ende des Romans - immer ein schwieriger Punkt - ist vorhersehbar, aber trotzdem akzeptabel.
Insgesamt ein Roman, den ich trotz gewisser Schwächen gerne gelesen habe.
Zurück zum Titel: Den scheinbaren Widerspruch muss jede(r) LeserIn für sich entscheiden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.05.2022

Neuveröffentlichung

Meine kleine Welt
0

In dem Buch sind 66 kurze Geschichten zusammengestellt, die zum großen Teil schon früher publiziert worden sind, und zwar als regelmäßige Kolumne in der Tageszeitung „Augsburger Allgemeine“. Es handelt ...

In dem Buch sind 66 kurze Geschichten zusammengestellt, die zum großen Teil schon früher publiziert worden sind, und zwar als regelmäßige Kolumne in der Tageszeitung „Augsburger Allgemeine“. Es handelt sich also, und das nicht abwertend gemeint, um Gelegenheitsarbeiten.

Thema der Geschichten ist der „absurde“ Alltag einer Familie, bestehend aus der Vater Hermann, dem Alter Ego von Ewald Arenz, seiner Frau Juliane und den Kindern Otto (4), Phyllis (13) und Theo (18). Allein schon das Alter der Kinder deutet auf die Konflikte hin. Die zum Teil ungewöhnlichen und oft humorvollen Konfliktlösungen sind bestimmt von dem Bestreben der Eltern, die Kinder zu selbstbewussten, sich selbst bestimmenden Menschen zu erziehen, was allerdings nicht immer gelingt.

Arenz bezeichnet seine Geschichten als “Glossen“. Die Kennzeichnung trifft nur für einen Teil der Erzählungen zu. Einige sind recht gut gelungen, z.B. der Seitenhieb auf bestimmte Richtungen der modernen Kunst oder die Problematik der zoologischen Gärten.

Bei einer Reihe von Geschichten vermag die Pointe nicht recht zu überzeugen. Hier wäre eine Überarbeitung der ja doch schon älteren Erzählungen sinnvoll gewesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.04.2022

Held wider Willen?

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
0


Held wider Willen?
"Glücklich das Land, das Helden hat!", ruft Andrea, Schüler von Galileo Galilei, in dem gleichnamigen Schauspiel von Bertolt Brecht aus.
"Glücklich das Land, das keine Helden nötig ...


Held wider Willen?
"Glücklich das Land, das Helden hat!", ruft Andrea, Schüler von Galileo Galilei, in dem gleichnamigen Schauspiel von Bertolt Brecht aus.
"Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat!", erwidert Galilei.
Damit ist das Thema von Maxim Leos neuem Roman "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" umrissen: Braucht das Land Helden, und wenn ja, welche?
Die Geschichte beginnt im Jahr 1983. Michael Hartung arbeitet bei der Reichsbahn in Ostberlin. Bei der Wartung einer Weiche bricht er versehentlich einen Sicherheitsbolzen ab, verschiebt die Reparatur aber zunächst einmal und geht nach Hause. Die Weiche ist damit blockiert und lässt sich nicht mehr verstellen. Es ist allerdings eine ganz besondere Weiche: Sie öffnet den Weg für die Fahrt nach West-Berlin (in der Tat gehörte das S-Bahn-System von ganz Berlin zur Ostberliner Reichsbahn - Zügen in West-Berlin, die repariert werden mussten, wurden über den Bahnhof Friedrichstraße nach Ost-Berlin geleitet und wieder zurück). Und tatsächlich fährt - so die Fiktion - am Abend eine S-Bahn mit 127 Passagieren nach West-Berlin. 127 Passagieren begehen also unfreiwillig Republikflucht. Die Mehrheit kehrt wieder freiwillig nach Ost-Berlin zurück, einige aber bleiben im Westen.
Michael Hartung wird von der Stasi verhaftet und mehrere Tage verhört, dann aber wieder freigelassen weil deutlich wurde, dass er sich nicht als Fluchthelfer betätigt hat. Seinen Job verliert er, weil ein neues Weichensystem eingeführt und er somit überflüssig wird. Wegrationalisiert wird er dann auch in den folgenden Jahren in verschiedenen anderen Berufen, bis er sich im Jahr 2017 eine Videothek aufschwätzen lässt, die zunächst gut läuft, jetzt aber auch vor dem Aus statt, da Streaming-Dienste sie überflüssig machen.
Michael Hartung ist also der geborene Looser.
Dieses Schicksal droht auch dem Journalisten Axel Landmann. Das Magazin mit dem sprechenden Namen "Fakt", für das er arbeitet, verliert ständig Leser, Arbeitsplätze sind massiv bedroht, wenn nicht ein Sensationscoup gelingt. Da stößt Landmann auf die Stasi-Akte von Michael Hartung und wittert die Chance für eine Story: Einfacher Arbeiter ermöglicht selbstlos 127 Menschen die Flucht aus der Diktatur der DDR.
Landmann besucht Hartung, der zunächst abstreitet, willentlich als Fluchthelfer agiert zu haben. Dann aber lässt er sich von Landmann mittels eines für ihn hohen Geldbetrages überreden, die Ereignisse so darzustellen, dass er die Weiche absichtlich blockiert hat, um die S-Bahn in den Westen zu leiten.
Ab hier nimmt die Geschichte Fahrt auf: Landmann baut systematisch Hartung zu einem Medien- und Politik-Star auf: Alle Zeitungen berichten über ihn, er wird in Talkshows eingeladen, der Bundespräsident empfängt ihn und schlägt ihn vor, die Gedenkrede im Bundestag zum 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls zu halten. Und mit jeder Frage, die ihm gestellt wird, verstrickt sich Michael Hartung in das Netz seiner Lügen.
Es wird deutlich: Der Roman ist eine Satire. Er nimmt den Medienbetrieb, den politischen Betrieb, die Jubiläumsfeier zum Gedenken an den Mauerfall, in die Jahre gekommene Bürgerrechtler und selbst die Stasi aufs Korn. Maxim Leo tut das sachkundig und gekonnt, immerhin ist er selbst Journalist. Und er tut das auf sehr amüsante Weise, sodass seine Satire zwar nicht sehr bissig ist, aber äußerst unterhaltsam.
Köstlich die Parodie der Talk-Show, in der neben Hartung auch Katharina Witt auftritt mit ihrer "Prinzessinnen-Frisur", eine subtile Anspielung auf ihr unrühmliches Verhalten während der DDR-Diktatur. Amüsant auch die Selbstironie: Landmann schreibt ein Buch über das Leben von Michael Hartung und hofft, mit seinem Buch in die Bestsellerlisten zu kommen. Und auch Los schreibt ein Buch über Hartung....
Anrührend gestaltet ist die Begegnung von Hartung mit Michail Gorbatschow. Dieser legt seine riesigen Hände auf die Unterarme von Hartung und begrüßt ihn mit den Worten "Dobryy den',Gospodin Hartung".
Allerdings gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der sich der Satire entzieht: Hartung lernt eine Frau kennen und lieben, die als 14-Jährige mit ihren Eltern in der S-Bahn gesessen hat und deren Eltern entschieden haben, im Westen zu bleiben. Auf sehr ernsthafte Weise geht es hier um traumatische Erlebnisse der Vergangenheit, um Vertrauensverlust und den Versuch, Vertrauen wiederzugewinnen.
Maxim Los gelingt es, die Figuren lebensnah und für die Leserin/den Leser völlig nachvollziehbar zu gestalten. Der Erzähler kann in das Innere der Personen blicken, gibt aber nicht zu viel vor, sodass genügend Spielraum für die Leserin/den Leser bleibt, sich selbst in die Figuren einzuführen. Die Sprache des Romans ist frei von Pathos und präzise in den Beschreibungen von Figuren und Örtlichkeiten.
Und der Roman bietet Stoff, sich über eine Reihe von Problemen Gedanken zu machen: Wie funktioniert unsere Medienlandschaft? Wie gehen wir mit dem Gedenken an den Fall der Diktatur in der DDR um, wie mit den "Helden" der Bürgerrechtsbewegung? Wie hoch ist der Stellenwert der Wahrheit? Kann man verspieltes Vertrauen wiedergewinnen?
Das alles macht den Roman sehr lesenswert bzw. auch hörenswert: Eingesprochen von dem großartigen Schauspieler Peter Kurth bietet er sieben Stunden wahren Hörgenuss. Kurth liest mit viel Understatement und erweckt doch die Figuren zum Leben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.04.2022

Thematisch sehr vielfältig

Der Markisenmann
0

Der neue Roman von Jan Weiler „Der Markisenmann“ zeigt eine erstaunlich vielfältige Thematik : Es geht um die Annäherung der fünfzehnjährigen Kim an ihren bislang unbekannten leiblichen Vater, es geht ...

Der neue Roman von Jan Weiler „Der Markisenmann“ zeigt eine erstaunlich vielfältige Thematik : Es geht um die Annäherung der fünfzehnjährigen Kim an ihren bislang unbekannten leiblichen Vater, es geht um Freundschaft, Verrat, Schuld, Umgang mit der Schuld und um Vergebung der Schuld. Weiterhin gibt der Roman einen humorvollen Einblick in das Leben in einem Industriehinterhof in Duisburg am Rhein-Herne-Kanal. Die Bewohner werden mit viel Sympathie dargestellt.

Diese thematische Vielfalt macht den Roman sehr lesenswert. Besonders spannend aber ist, dass die Protagonisten keine Ideal-Figuren sind mit vorbildlichem Verhalten. Jede der Hauptfiguren hat sich auf unterschiedliche Weise schuldig gemacht, und ihre jeweilige Art und Weise, mit dieser Schuld umzugehen, findet nicht unbedingt die Zustimmung aller Leser. Auch das Ende wird nicht jeden überzeugen. Für mich ist das kein Manko. Als Leser habe ich die Möglichkeit, mir Alternativen auszudenken. Ob die dann wirklich überzeugender sind, sei dahingestellt.

Gestört hat mich etwas die Erzählkonstruktion des Romans: Kim erzählt die Handlung aus einer zeitlichen Distanz von 17 Jahren. Sie nutzt diese zeitliche Distanz aber nicht dazu, ihre Handlungsweise zu reflektieren. Deutlich wird das schon im Prolog, in dem Kim von ihrer Schuld erzählt, aber eben ganz aus der Sicht der Fünfzehnjährigen. Aber auch im abschließenden zweiten Teil des Romans, der 17 Jahre später spielt, denkt sie nicht über ihre damalige Handlungsweise nach. Das scheint mir sehr unwahrscheinlich.

Trotzdem bereitet die Lektüre viel Vergnügen und bietet zusätzlich die Gelegenheit, über menschliches Fehlverhalten nachzudenken.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.03.2022

Küchenpsychologie

Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach
1

Ohne Zweifel: Julia Mattera will uns mit ihrem Roman „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“ eine Botschaft vermitteln. Und das tut sie unablässig, penetrant, spätestens nach jeder zweiten Seite. ...

Ohne Zweifel: Julia Mattera will uns mit ihrem Roman „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“ eine Botschaft vermitteln. Und das tut sie unablässig, penetrant, spätestens nach jeder zweiten Seite. So lässt sie eine Romanfigur, Maggie, formulieren: „Ich mache Reportagen über neue, umweltbewusste Lebensweisen, die letztlich nicht nur der Erde, sondern auch uns Menschen zugutekommen.“ Gegenstand ihrer neuesten Reportage ist unser Romanheld Robert. Robert ist ein begnadeter Koch, der sein Gemüse selbst zieht und das so hervorragend wächst und schmeckt, weil er mit ihm spricht. Und nicht nur das: Die Möhren verstehen ihn und reagieren auf ihn: „Guten Abend, meine Schätzlein“, verzeiht mir, dass ich so spät komme.“ Die Möhren erleben in seinem warmen Atem. Sie wirken ungeduldig. (…) Er beugt sich ganz nah zu ihnen und murmelt ein paar aufmerksame Worte in ihre Ohren. Die Möhren durchfährt ein angenehmer Schauer.“ Fragt sich, wie Robert es über sich bringen kann, diese wunderbaren Geschöpfe aus dem Boden zu reißen und sie zu verkochen. Aber das ist kein Problem. Wenn die Möhren so gut behandelt werden, dann ist es für sie der Lebenssinn, in einem Kochtopf zu enden. Und immerhin hat Robert jeder einzelnen Möhre einen Namen gegeben beim Ausreißen. Fragt man sich als Leser: Geht‘s noch?
Na gut, aber wie sieht es mit den Mitmenschen aus? Da hat Robert ein gewaltiges Problem: Er hatte vor 42 Jahren ein traumatisches Erlebnis, ein Unfall, bei dem seine Eltern starben. Vor allem den Tod seiner Mutter hat er nie verwunden und sich von der Welt und allen Mitmenschen zurückgezogen. Er lebt isoliert in seinem Gemüsegarten und kennt nicht einmal den Elsaß, seine Heimat.
Gott sei Dank gibt es aber sechs Laientherapeuten, die sich nach diesen 42 Jahren des Problems annehmen und es natürlich, das kann man verraten, ohne zu spoilern, lösen.
Für mich spannender war die Frage, ob Robert die Handlung überhaupt überlebt oder nicht vielmehr an Herzversagen stirbt. Er scheint nämlich ein ausgesprochenes Problem mit dem Blutdruck zu haben: „Robert wird puterrot“, „Behutsam richtet er sich auf, sein Atem geht schnell, das Herz rast“, „Das empfindsame Herz von Robert krampft sich angesichts dieses Vergleichs zusammen“, „Robert wird rot“, „Sein Herz schlug bis zum Hals“, „Sein Herz gerät erneut in Wallung und macht sich durch lautes Pochen bemerkbar“, „Sein Herz war nicht mehr im Zaum zu halten“, „Roberts Herz gerät so aus dem Takt, dass ihm die Luft wegbleibt“, „Robert steigt das Blut zu Kopfe“, „Roberts Wangen glühen, es fühlt sich an, als würde er von Kopf bis Fuß erröten“, „Roberts Wangen sind jetzt krebsrot“, „Seine Brust schmerzt, so wild schlägt sein Herz“, „Roberts Wangen färben sich hochrot“, „Die warme Glut rötet seine Wangen“, „Roberts Wangen färben sich rot“, „Roberts Herz beginnt schneller zu schlagen“, „Sein Herz rutscht ihm vollends in die Hose“, „Verzaubert von ihren Worten, schmilzt Roberts einsames Herz dahin“, „Robert ist bleich. Er möchte am liebsten schreien, ein solcher Schmerz tobt in seiner Brust“, „Sein Herz schlägt Bum Bum Bum“…
Wer jetzt noch nicht von der Sprachgewalt der Autorin überzeugt ist, lese folgendes Liebesgeständnis: „Noch nie hat er solch intensive Gefühle verspürt, noch nie ein so zärtliches und aufrichtiges Einverständnis mit einer Person des anderen Geschlechts empfunden.“
In einem Interview sagte die Fernsehmoderatorin und Literaturkritikerin Christine Westermann, dass sie Literatur nicht mag, die eine Anleitung zum Lebensglück versprechen. Seit der Lektüre von „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“ verstehe ich sie.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere