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Veröffentlicht am 22.10.2025

Geht unter die Haut

Der brennende Garten
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Ich habe für diesen Roman, der sich liest wie ein Report, deutlich länger gebraucht, als ich dachte. Das liegt vor allem daran, dass der Inhalt schwer verdaulich und die Schreibweise eher nüchtern ist. ...

Ich habe für diesen Roman, der sich liest wie ein Report, deutlich länger gebraucht, als ich dachte. Das liegt vor allem daran, dass der Inhalt schwer verdaulich und die Schreibweise eher nüchtern ist. Ich war schon zwei Mal in Sri Lanka, beide Male als Touristin, ohne große Ahnung von den politischen Verhältnissen im Land. Was mir aber auffiel, war die Stimmung verhaltener Aggression in der Bevölkerung. Ich lernte bei meiner ersten Reise nur den singhalesischen Teil kennen, denn es war damals verboten den tamilischen Teil zu bereisen. Über Politik wurde nicht gesprochen. Es war von den“ bösen Rebellen“ die Rede, den berüchtigten Tigers. Ich habe erst viel später verstanden wie sehr der Bürgerkrieg und die wechselnde Besatzung die wunderbar fruchtbare, unglaublich schöne Insel verwüstet haben. Inzwischen habe ich eine Ahnung. Der brennende Garten, im Original „brotherless nights“ gab mir ein Verständnis für die tamilische Seite. Die Autorin bezeugt den Schrecken der tief patriarchalisch geprägten Auseinandersetzung zwischen Rebellen und Regierung aus feministischer Sicht. Wie wohltuend ein weiblicher Blick auf die Geschichte ist! Die Rolle Indiens und der Vereinten Nationen werden gestreift. Die Vorgeschichte bleibt bis auf die Aussage, dass die Tamilen von der britischen Besatzung bevorzugt wurden, fast unerwähnt.
Die Lektüre hat mir ein Verständnis für den schier unlösbaren Konflikt vermittelt, sich beim Kampf um Freiheit, Unabhängigkeit und Gerechtigkeit auf eine Seite stellen zu müssen. Meiner Ansicht nach ist es der Autorin außergewöhnlich gut gelungen zu vermitteln, dass kein noch so großes Ziel alle Mittel rechtfertigt und dass es letztlich immer darum geht, für sich persönlich integre Entscheidungen zu treffen. Kein Soldat ist unschuldig, wenn er den Abzug drückt, kein Mensch sollte gegen seine Überzeugung handeln.
Ich bin sehr froh, den Roman gelesen zu haben und wünsche mir, dass er eine große Reichweite bekommt. Es brauchte ein wenig Zeit, aber nachdem ich mich auf den distanzierten Blick der Autorin eingelassen habe, der es wahrscheinlich erst ermöglicht auf derart schlimme Geschehnisse zu blicken, ohne zu hassen oder einfach zu kollabieren, fand ich den Text unglaublich berührend.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Zu viel Gott ist auch keine Lösung

Monstergott
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griseldis2000
Mein erster Roman von der Autorin, aber sicher nicht mein letzter. Ich fand es sehr eindrücklich wie sie es vermochte, mich mitzunehmen in eine Glaubenswelt der Anbetung ( Lobpreisung) und ...

griseldis2000
Mein erster Roman von der Autorin, aber sicher nicht mein letzter. Ich fand es sehr eindrücklich wie sie es vermochte, mich mitzunehmen in eine Glaubenswelt der Anbetung ( Lobpreisung) und Verehrung. Die Geschwister Ben und Esther, deren Eltern sie zu diesem „ seligen“ Leben erzogen haben, tun sich aus unterschiedlichen Gründen schwer mit der „heiligen Gemeinschaft“ der Freikirche. Ben hadert mit einer Sexualität, die er so nicht haben sollte und Esther spürt deutlich die zugrundeliegende zutiefst frauenfeindliche Haltung der Kirche, die es ihr nicht ermöglicht, sich frei zu entfalten.
Dazu noch ein Instagram-Prediger (den ich mir vorstelle wie Ken von Barbie) wie er bigotter nicht sein könnte.
Es ist wirklich quälend, wie gut Gehirnwäsche wirkt, vor allem auf junge Menschen. Dennoch konnte ich nachempfinden, dass exzessives Gebet und klare Regeln zu tranceartigen Erlebnissen, Endorphinausschüttung und enger Gemeinschaft führen können. Aber der Preis ist viel zu hoch. Besonders gruselig fand ich Hannah, Esthers Busenfreundin, die anscheinend direkt dem Roman „ Die Frauen von Stepford“ entsprungen ist.
„Monstergott“ hat eine klare Sprache und eine Botschaft: Vertrau dir selbst!
Ich fand das sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 16.09.2025

Etwas klamaukig

Über die Toten nur Gutes
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Ich kenne von Andreas Izquierdo den Dreiteiler über die drei Freunde, die die Wirren der beginnenden Nazizeit und des Krieges zusammen durchstehen. Das hat mir sehr gut gefallen. Bei diesem Krimi jedoch ...

Ich kenne von Andreas Izquierdo den Dreiteiler über die drei Freunde, die die Wirren der beginnenden Nazizeit und des Krieges zusammen durchstehen. Das hat mir sehr gut gefallen. Bei diesem Krimi jedoch finde ich die Figuren überzeichnet, der Humorfaktor ist mir etwas zu dick auf Kosten der Charaktertiefe und einer glaubwürdige Story. Ich kaufe dem konservativen Mads den Trauerredner nicht ab, er wirkt auf mich außerdem eher wie ein Fünfzigjähriger, als ein Endzwanziger. Der Bösewicht ist dann wiederum gar zu diabolisch, der Showdown superkrass im Verhältnis zur eher cosycrimemäßig dahinplätschernden Krimihandlung davor. Insgesamt passt für mich nicht alles zusammen. Dennoch gibt es witzige Szenen beim Bingo, ich mochte den eifersüchtigen Hund und sicherlich goutieren Ortskundige den Flensburger Lokalkolorit. Meinen Geschmack traf der Krimiausflug leider nicht so ganz, aber ich bin mir sicher, dass ich damit wenig Gesellschaft habe. Mein Fazit : kann man lesen, muss man aber nicht.

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Mit oder lieber ohne Katze?

Junge Frau mit Katze
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Daniela Dröschers „Lügen über meine Mutter“ hat mich voll mitgerissen. Ich empfand es gut geschrieben, authentisch und sehr originell. Ein Highlight des letzten Jahres. Deshalb war ich natürlich gespannt ...

Daniela Dröschers „Lügen über meine Mutter“ hat mich voll mitgerissen. Ich empfand es gut geschrieben, authentisch und sehr originell. Ein Highlight des letzten Jahres. Deshalb war ich natürlich gespannt auf die Fortsetzung. Mutterthemen haben wir ja alle und dieses schien mir lange nicht ausgereizt. Die Geschichte der Tochter aber, die zutiefst neurotisch, hypochondrisch bis fatalistisch-depressiv, hochgradig psychosomatisierend und dann wieder lebensgefährliche Symptome ignorierend, ihren unzähligen, gar aberwitzigen Symptomen frönt, wollte ich alsbald nicht mehr gar so gerne folgen. Es ist leidig, wenn zu viel literarisch gewollt wird, finde ich. Die Form zulasten des Inhalts übergewichtet wird ( schlechtes Wortspiel, ich gebe es zu)Kein Zweifel, die Autorin kann schreiben. Sie hat Humor und originelle Ideen, die Grimm‘schen Wörterbuchzitate allein sind köstlich. Aber ich war dennoch enttäuscht. Ich hatte irgendwie mehr Tiefe und weniger Kapriziosen ( gibt es das Wort?) erwartet. Aber wie sagt doch die Protagonistin über sich selbst irgendwo im Text : ich wollte eben das Schöne. Zu schön ist nicht mehr schön. Finde ich.
Dennoch gut lesbar und unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 02.08.2025

Fallende Blüten

Onigiri
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Tochter-Mutter-Geschichten gibt es viele. Hier spielen die Themen Heimat und Identität, Altern und Demenz eine tragende Rolle. Der Roman umfasst mehrere fast schwebende Zeitebenen und ist dennoch geradlinig ...


Tochter-Mutter-Geschichten gibt es viele. Hier spielen die Themen Heimat und Identität, Altern und Demenz eine tragende Rolle. Der Roman umfasst mehrere fast schwebende Zeitebenen und ist dennoch geradlinig erzählt. Tochter und Mutter kranken an schwer fassbaren Symptomen, resultierend aus einer Art Heimatlosigkeit. Die Japanerin Keiko, die Mutter, mittlerweile alt und immer mehr der Demenz verfallen, wirkt rührend kindlich und bedürftig. Die Tochter, nach mehreren Geburten, ausgebrannt und depressiv, möchte eigentlich nur fort von all den Problemen der Mutter, ist aber so stark mit ihr verbunden, dass es ihr selbst gar nicht mehr bewusst ist. Ungeduld, Ablehnung und Verschmelzung, bilden die Art Pattex- Beziehung, die toxisch wirken kann.
Auf ihrer Reise nach Japan, zurück in eine Vergangenheit, deren Bedeutung für die Tochter zunehmend als prägend erkannt wird, findet sich die Liebe wieder ein. Das ist es, was den Roman so berührend macht. Das Verständnis dafür, wie wir geworden sind, was wir sind. Und das Verzeihen.
Ein schöner Text, der in mir noch nachschwingt.

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