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Veröffentlicht am 19.10.2021

Eins führt zum anderen ... One thing leads to another ...

Chimäre
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Es sieht erst nach einem "gewöhnlichen" Mord aus. Eine an ihre nächtliche Ruhestätte gebundene Frau ist unnatürlich in eine äußerst tote Leiche verwandelt worden. In Hamburg-Elmsbüttel.

Die beiden kantigen, ...

Es sieht erst nach einem "gewöhnlichen" Mord aus. Eine an ihre nächtliche Ruhestätte gebundene Frau ist unnatürlich in eine äußerst tote Leiche verwandelt worden. In Hamburg-Elmsbüttel.

Die beiden kantigen, aber durchaus sympathischen Ermittler Marten Stolzin und Jo Hersig vom LKA sind in diesem Fall involviert.

Hat es etwas mit der Szene des BDSM zu tun? Aber es wird sehr brisant.

Denn sie stellen fest, daß die Tote einen Flugschein besaß und ein Sportflugzeug ihr eigen nannte. Diese Frau war massiv unter Druck gesetzt worden und hätte dieses Flugobjekt mit dem Passagier C4 Plastiksprengstoff in ein unbekanntes Target steuern sollen.

Das BKA wird hinzugezogen und die Sirene des Terroralarms aktiviert.

Vom BKA wird die HK Samantha ( wer so heißt wie ich, muß einfach toll sein! Har! ) Baumann entsandt. Mit scharfem Verstand, attraktiv, aber leicht autistisch.

Sie löst Kontroversen unter den beiden LKA -Männern aus. Marten ist an- und Jo abgetörnt.

Es beginnt ein Kampf gegen die Uhr, wenn man noch rechtzeitig jene Terroristen in petto stoppen will ...

Der Jurist und Unternehmer Falk Röbbelen hat exzellent und geradezu schweißtreibend recheriert. Durch diese akkurate und akribische Vorarbeit, auf die er auch im Nachwort eingeht, hat er größtmögliche Authentizität in das Buch gebracht, trotz einiger künstlerischer Freiheiten, die aber immer dazugehören.

Das Buch beginnt wie eine im Dschungel schleichende Großkatze, die sich ganz allmählich, aber kontinuierlich auf den Leserin zuschleicht. Und dann, ihrer Beute immer näherkommend, akzeliert sie ihr Tempo, um sich regelrecht auf den Inhaliererin der Zeilen zu stürzen.

Der Bogen der Suspense wird kontinuierlich auf hohem Niveau gehalten und es wird immer furioser und fesselnder, eben wie Seile aus Jute.

Die Protagonisten überzeugen ebenso durch ihre glaubwürdige Ausgestaltung und hakenschlagende Kehren verstehen es, einen bei der Stange zu halten, wobei ich hoffe, daß diese nicht aus Dynamit ist.

Ein hochexplosives Buch, wobei ich hoffe, daß der Inhalt niemals von der Realität eingeholt wird. Danke, Falk Röbbelen!!!!!

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Veröffentlicht am 19.10.2021

Ein kleiner Mord hier, ein bißchen Abmurksen da ...

Wort für Mord
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O Paula! Wenn du DAS geahnt hättest ... Da bist du die Emperess of Crime von Vienna, vergießt literarisch ( Wiener ) Blut und weißt nicht, was du dir angelacht hast.

Jakob Primm ( nicht Jakob Grimm, ...

O Paula! Wenn du DAS geahnt hättest ... Da bist du die Emperess of Crime von Vienna, vergießt literarisch ( Wiener ) Blut und weißt nicht, was du dir angelacht hast.

Jakob Primm ( nicht Jakob Grimm, du Witzbold aus der vorletzten Reihe! Klappe halten! ) ist regelrecht obsessiv verbissen in Frau Paula Hogitsch.

Als sie eine Lesung abhält, aus ihrem neuesten Thriller "Zwischen den Zeilen" trifft Jakob schier der Schlag.

Es scheint wie eine Dokumentation seiner selbst anzulügen, denn der Protagonist begeht exakt in allen Details beide Morde, wie er höchstselbst sie einst vollzogen hatte, wo er einmal wohnte.

Wie kann sie Kenntnis davon haben? Er gerät unter großen Druck. Soll das ein lancierter Trick sein, um ihn zu entlarven und der Justiz zu überantworten? Was hat er nun vor? Was wird geschehen? Schwebt Paula womöglich in großer Gefahr?

Differierende Perspektiven sowie Zeitebenen bringen Dynamik und Verve in den Plot.

Durch den einnehmenden Schreibstil gerät man sehr schnell in den Flow. Psychologisch sehr fein ausgefeilt überzeugen die Protagonisten als auch die Handlung durch Authentizität.

Lokalkolorit ist durch den Wiener Schmäh ebenso enthalten, was noch zusätzlich das Flair erhöht.

Diverse Wendungen halten die Spannung konstant hoch und machen das Buch lesenswert bis zum letzten Wort. Aber wenn eine Gang von Wölfen sich den Tarnnamen Sabine gibt und kollektiv einen Thriller verfasst, kann nur Gutes dabei herauskommen! Danke, Sabine Wolfgang!!!!!

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Veröffentlicht am 19.10.2021

Übel mitgespielt?

Charakter
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Wie gut kennt ihr euch mit niederländischer Literatur aus? Wieviele unserer schreibenden Nachbarn habt ihr schon gelesen und wißt sie zu schätzen?

Mulisch und Co. sowieso, aber auch solche wie Multatuli, ...

Wie gut kennt ihr euch mit niederländischer Literatur aus? Wieviele unserer schreibenden Nachbarn habt ihr schon gelesen und wißt sie zu schätzen?

Mulisch und Co. sowieso, aber auch solche wie Multatuli, Couperus und eben hier Bordewijk? Nee. Kennen viele nicht mehr oder gar nicht. Eine unterschätzte Perle der Literatur. Ein Klassiker, der wieder mehr gelesen werden sollte.

Dreverhaven hatte sich einst an seiner Bediensteten Jacoba Katadreuffe vergriffen. Infolgedessen kam der illegitime Sohn Jacob zur Welt.

Sie arbeitet nicht mehr für ihn und weigert sich beharrlich, seine monetäre Hilfe anzunehmen.

Er läßt sie, gekränkt dadurch, einfach fallen. Mehr schlecht als recht versorgt Jacoba ihr Kind während der schwierigen Zeit des Ersten Weltkriegs.

Die Mutter ist nicht gerade beredt, sehr knapp mit Worten also, was Jacob von ihr ( unbewußt? ) übernimmt. Er ist ebenso integer und stolz wie sie.

Sie hindert ihn daran, Pläne zu verwirklichen.

Das ändert jedoch nichts daran, daß er ambitioniert dennoch ein großes Endziel verfolgt. Er möchte Jurist, genauer: Anwalt werden und ein wahres Unikat unter all den wandelnden Menschen dort draußen sein.

Er wendet sehr viel Energie und Ehrgeiz wie Elan sowie Zeit für seinen Traum auf, muß Schulden machen, um sein Vorhaben zu finanzieren.

Und da kommt sein biologischer Vater ins Spiel. Der ist nämlich Gerichtsvollzieher und macht ihm immerzu einen Strich durch die Rechnung, wenn er denkt, er habe endlich ein Plateau erreicht.

Dreverhaven ist ein inhumaner Tyrann, dem es sadistische Freude bereitet, Menschen in schwierigen Lebensumständen noch mehr fertigzumachen.

Jacob wird bald von dem immanenten Impuls angetrieben, es seinem Alten zu zeigen, nicht nur Rache zu nehmen für die Demütigungen, sondern weit weit mehr!

Der Autor, der von 1884 bis 1965 gelebt hatte, versteht es hier, mit kühlem Blick und Wort gnadenlos seine Protagonisten wie Befindlichkeiten zu sezieren.

Wie unter dem Elektronenmikroskop sehen wir ihrem desperaten Zappeln zu und erkennen durch mehrfaches Aufleuchten während der Lektüre, wie sehr diese ihre Eigenschaften nach außen hin zum Schutzpanzer geworden sind.

Denn man kann des öfteren hinter ihre harten Fassaden blicken und sehen, daß die Umstände sie derart geformt haben und komplett andere Bedingungen sie so anders hätten machen können.

Im Grunde genommen kann man mit allen dreien Mitleid sowie Mitgefühl haben, weil sie alle drei verpasste Gelegenheiten hinter sich haben und dazu noch ( unnötigerweise ) das Glück verfehlen.

Alle drei sind tief unglücklich und trauern um ihr eigentlich "verlorenes" Leben, ohne sich dessen gewahr zu sein.

Der Autor selbst war Rechtsanwalt und besaß einen sehr scharfen Blick für die Befindlichkeiten der Nächsten. Dieses Buch hier besitzt eine eigentümliche Abgründigkeit, die noch heute zu bannen versteht.

1998 gewann die Verfilmung als bester ausländischer Film den Oscar. Unbedingt lesen! Vertraut mir! Ich weiß, was ich tue! Das Buch hier entdeckte ich durch Zufall, worüber ich froh bin!

https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Bordewijk

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Veröffentlicht am 19.10.2021

Morpheus' bittere Medizin ...

Albwachen
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Mit gerade einmal vier Jahren fängt der alles verändernde Einschnitt an. Thomas generiert eine psychische Störung oder ... Besessenheit. 

Er träumt, daß er die Puppe seiner Schwester beschädigt und nach ...

Mit gerade einmal vier Jahren fängt der alles verändernde Einschnitt an. Thomas generiert eine psychische Störung oder ... Besessenheit. 

Er träumt, daß er die Puppe seiner Schwester beschädigt und nach dem Aufwachen muß er zwanghaft gerade diesen Zustand herbeiführen, von dem er geträumt hatte. 

Es wird zu einer unheimlichen, alles beherrschenden, auch bedrohlichen Obsession, die sein Leben regiert. 

Er muß immer das in die Realität umsetzen, was er träumt. ( soweit das möglich ist? Mit allen Konsequenzen? )

Björn wird zum helfenden Ruhepol in seinem Leben. Denn Thomas rennt desperat gegen Mauern an, diese Entität in ihm loszuwerden. Denn eine solch massive Störung kann der Betreffende durchaus als Entität empfinden, auch wenn sie endogen ist. 

Es gelingt ihm einigermaßen zu leben, bis sich die Ereignisse überschlagen - irreversibel? 

Der Sprachstil ist surrealistisch und expressionistisch zugleich, als ob Salvador Dalís und George Grosz' Bilder zugleich Roman geworden seien. 

Erschreckend, beklemmend und unheimlich, doch auch faszinierend. Der Autor bedient sich der Technik stream of consciousness, radikal subjektiv. 

So bringt er den verzehrten, von der Realität entkoppelten, ver-rückten Blickwinkel eines gemarterten, gequälten Mannes Lesern nahe, damit diese sich in das sich immer schneller drehende, unstoppbare Karussell hineinzudenken vermögen. Aus dem es kein Entrinnen gibt. 

Temporär wurde ich an düstere und dunkle Bilder aus SANDMAN von Neil Gaiman erinnert. 

Man fühlt auch durchaus zeitweise Unbehagen - superb! Das gefällt mir, weil das Buch keine Gefangenen macht und gnadenlos zubeißt wie ein Ridgeback. Ich goutiere es, wenn Bücher es verstehen, mich aufzurütteln, zu zerwühlen, zu verstören und dadurch unvergeßlich zu sein! 

Der Autor wurde 1979 in Meran geboren. Nach seinem Studium in Innsbruck arbeitet er als Architekt in Bozen und ist auch Hobbymusiker. Vielleicht rührt das D-Moll seines hier vorliegenden Buches davon her, denn Melancholie ist ebenso präsent. Danke, Christoph Flarer!!!!!

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Veröffentlicht am 19.10.2021

Nur weil etwas vergangen ist, ist es noch lange nicht vorbei ...

Das lange Echo
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Elena Messner stammt aus der Ingeborg-Bachmann-Stadt Klagenfurt, 1983 verstärkte und bereicherte sie diesen Ort durch ihre Ankunft auf unserer globalen, blauen Erbse. 

Sie ist in Ljubljana und Salzburg ...

Elena Messner stammt aus der Ingeborg-Bachmann-Stadt Klagenfurt, 1983 verstärkte und bereicherte sie diesen Ort durch ihre Ankunft auf unserer globalen, blauen Erbse. 

Sie ist in Ljubljana und Salzburg aufgewachsen. In Wien und Aix-en-Provence hat sie Komparatistik und Kulturwissenschaften studiert. Ihre Dissertation behandelt südslawischer Literatur, Literatursoziologie und den interkulturellen literarischen Transfer. 

Mitarbeit beim wissenschaftlichen Internetprojekt Kakanien Revisited (www.kakanien.ac.at), Mitbegründerin der Kulturplattform www.textfeldsuedost.com 

Sie übersetzt aus dem Slowenischen und dem Kroatischen / Serbischen. Lehrtätigkeit an Universitäten in Wien, Berlin, Klagenfurt und Innsbruck. Zurzeit lebt sie in Marseille und unterrichtet am Institut für Germanistik an der Universität Aix/ Marseille. 

Eine impressive Vita. Genauso beeindruckend ist das hier vorliegende Buch. Sie verzahnt zwei parallele Handlungen miteinander. Die eine ist im Ersten Weltkrieg angesiedelt und die andere hundert Jahre später in der Gegenwart. 

Milan Nemec, ein österreichisch-ungarischer Offizier ist seit 1916 im besetzten Belgrad stationiert. Verbitterung und Desillusionierung lassen ihn hautnah miterleben, wie die Götterdämmerung Kakaniens eingeleitet wird. 

Und in der Gegenwart setzen sich die Direktorin des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums und ihre Assistentin hitzig auseinander. Über das Pro und Contra von Moral, Mitleid, Verbrechen, Verantwortung sowie Erinnerungskultur. 

Die Autorin schreibt intensiv und packend. Durch ihren verdichteten Schreibstil versteht sie es, beim Leser*in vitale Bilder zu generieren. 

Es ist kein Buch, das man so nebenbei liest. Es ist anspruchsvoll und fordert volle Aufmerksamkeit, aber das lohnt sich sehr. 

Denn die Dichotomie des Vergangenen und Gegenwärtigen erlaubt es, mit Abstand die Ereignisse von annodazumal zu diskutieren und gleichzeitig hat man mit Milan jemanden, der unmittelbar von den damaligen Vorkommnissen nachhaltig traumatisch tangiert wird. 

Der ganze Wahnsinn und welch eine Bestie der Krieg ist, wird authentisch aufgezeigt, ebenso der damalige Irrsinn der Verherrlichung sowie die allmähliche Ernüchterung. 

Milan ist ein ambivalenter Charakter, der tragisch ist und den ich trotz allem mag. 

Das Streitgespräch der Gegenwart beweist, daß Erinnerung wichtig ist. Denn wer die Fehler der Vergangenheit vergisst, tendiert dazu, diese zu wiederholen. Nur muß diese Erinnerungskultur vital bleiben und niemals erstarren. 

Die Autorin kam mit verschiedenen Kulturen in bereichernden Kontakt, was ihren Horizont massiv erweitert hat. Was ein immenser Vorteil ist. 

Immerhin, infolge des Ersten Weltkriegs ging Kakanien unwiederbringlich unter und das südliche Tirol wurde verloren, mit Folgen bis heute. 

Ein Buch für diejenigen, die gerne reflektieren und das komplex Tiefgründige mögen. Danke, Elena Messner und Edition Atelier!!!!! 

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