Platzhalter für Profilbild

Dr_M

Lesejury Profi
offline

Dr_M ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Dr_M über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.10.2025

Ist der Niedergang noch aufhaltbar?

Der Westen im Niedergang
0

Glaubt man dem Autor, dann nicht. Aber solche Prozesse verlaufen nicht linear, weil einfach zu viele nicht beherrsch- oder nicht vorhersehbare Faktoren ihn beeinflussen. Dass der Westen sich aber im Niedergang ...

Glaubt man dem Autor, dann nicht. Aber solche Prozesse verlaufen nicht linear, weil einfach zu viele nicht beherrsch- oder nicht vorhersehbare Faktoren ihn beeinflussen. Dass der Westen sich aber im Niedergang befindet, dürfte außer Zweifel stehen. Man kann ihn am Krieg Russlands gegen die Ukraine und den abenteuerlichen Reaktionen des Westens darauf sehen und verstehen. Das sieht auch der Autor so und beginnt seinen Text damit.

Darauf zu setzen, dass Russland den Krieg verlieren wird, war von Anfang an irrwitzig. Eine nüchterne und realistische Analyse des Geschehens hätte den Verantwortlichen im Westen sagen müssen, dass ein Sieg der Ukraine sehr unwahrscheinlich ist. Und man hätte erkennen können, dass es nicht die Absicht Russlands war und ist, die gesamte Ukraine zu übernehmen. Allein die geringe Truppenstärke Russlands zu Beginn dieses Krieges und die Art und Weise wie er geführt wurde, gaben genügend Aufschluss über die wirklichen Kriegsziele Russlands. Darauf geht auch der Autor zunächst ein.

Er beschreibt dort die "zehn Überraschungen des Krieges". Menschen, deren Intellekt noch nicht von der andauernden Kriegspropaganda geschädigt ist, dürften nicht besonders schockiert gewesen sein von diesen Überraschungen. Für viele Leute aus dem verblendeten europäischen Establishment allerdings waren sie es mit Sicherheit. Sie glauben vermutlich bis heute an ihre von der Realität längst widerlegten Narrative. Die Folgen dieser Dummheit sind bereits jetzt erheblich. Der Autor nennt das den assistierten Suizid Europas.

Am Ende seines Buches befasst sich Todd dann übrigens mit der Frage, "warum sich der Rest der Welt für Russland entschieden hat", obwohl die herrschende Propaganda in Deutschland etwas ganz anderes suggeriert. Dazwischen geht der Autor auf die einzelnen Regionen Europas und ihre unterschiedlichen Gesellschaften ein und beschreibt deren Niedergang und dessen Ursachen (aus der Sicht von Todd). Danach folgen mehrere Kapitel zu den USA, wo ganz ähnliche Prozesse ablaufen.

Die Mittelschicht in allen westlichen Ländern unterliegt einer zunehmenden Erosion, der Kitt zwischen den verschiedenen Teilen der Bevölkerung bricht, weil eine völlig von der Gesellschaft losgelöste Elite das Ruder übernommen hat und diese Prozesse wissentlich fördert. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, denn der überzeugende Sieg Trumps in den USA (egal, was man darüber denkt) ist ein Ausfluss des Protestes gegen eine Clique, die offenbar völlig den Verstand verloren hat, was man unter anderem daran sieht, dass plötzlich ein Atomkrieg bedacht wird.

Insgesamt ist dieses Buch in mancher Hinsicht erleuchtend, wenn man es denn durchhält. Man muss nicht allen Argumenten seines Autors folgen, dennoch enthält es zahlreiche Fakten, die man nicht so schnell woanders finden kann. Beispielsweise über Osteuropa oder gar über die Ukraine und ihre innere multiple Zerrissenheit.

Leider schreibt Todd nicht wirklich gut. Seine Gedankenführung ist mitunter sprunghaft. Sein Stil wirkt verschnörkelt und unnötig kompliziert. Und dann ist da noch die gelegentliche Selbstbeweihräucherung, die vielleicht in einem kleinen Zirkel durchgehen kann, nicht aber bei einem Buch für eine breitere Öffentlichkeit. Das alles wird aber dennoch durch den Inhalt aufgewogen, der je nach Vorkenntnissen durchaus erhellend sein kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 21.10.2025

Nicht viel Neues unter der Sonne

Lovis kocht
0

Vor einigen Jahren legte sich Lovis Messerschmidt einen Instagram-Account zu, um ein gewisses Projekt zu dokumentieren. Das hätte man natürlich auch ohne Öffentlichkeit machen können, aber Lovis will gesehen ...

Vor einigen Jahren legte sich Lovis Messerschmidt einen Instagram-Account zu, um ein gewisses Projekt zu dokumentieren. Das hätte man natürlich auch ohne Öffentlichkeit machen können, aber Lovis will gesehen werden, wie sie ganz offenherzig zugibt. Und so muss man auch dieses etwas seltsame Kochbuch verstehen. Neben den Speisen sieht man auch oft Lovis, gelegentlich auch nur ihre Füße. Was uns das sagen soll, weiß nur sie selbst.

Ein Kochbuch muss aber aus meiner Sicht auch gewisse Qualitätskriterien erfüllen. Leider aber führt der Drang mancher Zeitgenossen nach Aufmerksamkeit zu einer zur Schau gestellten Anmaßung von Können. So wie manche Leute anderen ihren Garten oder ihre Wohnung zeigen, erfährt man hier, was Lovis Messerschmidt so alles kochen kann. Da ist nicht viel Kreatives dabei. Das macht nichts, denn darum geht es hier gar nicht. Vielmehr will sie ihre Follower befriedigen. Leider machen Verlage diesen ganzen Blödsinn ausgelebter Mittelmäßigkeit mit.

Ich habe keine Ahnung, was Lovis Messerschmidt so alles auf ihrem Account postet, weil ich meine geistige Gesundheit vor diesen Medien schütze. Aber ihre Rezepte sind nicht unbedingt etwas Neues. Wie man Aprikosenkonfitüre kocht, findet man jederzeit kostenlos im Internet. Ihre Nudelgerichte bezeugen eine gewisse Ahnungslosigkeit gegenüber der italienischen Küche. Naja, und so weiter und so fort. Nicht dass irgendein Unfug in diesem Buch steht – vielleicht findet mancher sogar Anregungen, insbesondere Menschen, die auf einem ähnlichen Niveau kochen wie Lovis Messerschmidt. Und das dürften so einige sein.

Vegetarisch zu kochen ist modern, zumal manche Menschen tatsächlich glauben, sie würden damit irgendetwas retten oder schützen. Da solchen Gerichten in der Regel der gewohnte Geschmack fehlt, muss kräftig Knoblauch dazukommen. Das erhöht danach die Anzahl der gesellschaftlichen Kontakte.

Aber man muss Frau Messerschmidt auch gegen blödsinnige Verrisse in Schutz nehmen: Wer mit Weißwein für Kinder kocht, muss nicht ins Gefängnis, denn der Alkohol verschwindet beim Kochvorgang. Und wer mit Safran kocht, muss ein wenig mehr bezahlen. Wem das nicht gefällt, kann es ja lassen.

Kurz gesagt: Das ist ein Instagram-Kochbuch für die Fans von Frau Messerschmidt. Es ist nicht für den großen Kochkünstler bestimmt und zeigt auch die gute Lovis in einigen Posen, bei denen man sich schon so einiges fragen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 21.10.2025

Überraschung: "Die Natur ist näher als du denkst."

Moments in Nature
0

Warum dieses wunderbare Buch einen englischen Titel besitzt, muss man nicht unbedingt verstehen. Oder doch? Es richtet sich unter anderem wohl an die vielen Follower des Fotografen auf TikTok und Instagram. ...

Warum dieses wunderbare Buch einen englischen Titel besitzt, muss man nicht unbedingt verstehen. Oder doch? Es richtet sich unter anderem wohl an die vielen Follower des Fotografen auf TikTok und Instagram. Während sich auf diesen Plattformen meistens das zur Selbstdarstellung neigende Mittelmaß trifft, kann man das von Gamander Lopez nicht behaupten. Er ist als Fotograf Spitze. Und er kann mit der Natur verschmelzen, ob nun im Tarnzelt oder ohne. Anders kommen solche Bilder nicht zustande. Sie erfordern ein tieferes Verständnis der Natur, Ruhe und vor allem Geduld.

Ohne Erfahrung und Verständnis würde man die im Buch auftauchenden Tiere nicht finden. Und ohne Ruhe und Geduld sieht man sie nie in den Situationen, die Lopez in seinen wunderbaren Bildern eingefangen hat. Natürlich gehören dazu auch eine gehobene Fotoausrüstung, fotografisches Können und ein Blick für das entstehende Bild. Einfach so mal draufhalten reicht da nicht.

Mancher findet die Texte in diesem Buch nicht so toll. Doch man muss halt beachten, dass sie sich auch an die vielen Follower richten, also an ein vorwiegend junges Publikum. Die Geschwister sind keine Profis, sondern eher Jugendliche, die schon früh Lust auf Beobachtungstouren in der Natur bekam und über eine gewisse fotografische Ausrüstung verfügte. Man merkt die fehlende Professionalität vor allem an den Texten und überhaupt nicht an den Bildern.

Vielleicht wundert sich manch Betrachter, dass es doch tatsächlich Natur vor unseren Haustüren gibt. Nun, man muss da einfach mal hingehen und sie entdecken wollen. Und das gelingt nur, wenn man sich so verhält wie die Tiere, die man dort möglicherweise sucht: ruhig, vorsichtig, still und geduldig. Alles Eigenschaften, die selten sind. Andererseits beruhigt mich das. Ein Mensch mit so vielen Followern setzt vielleicht Trends. Und wenn nun plötzlich viele junge Menschen im Wald herumspringen würden um es Lopez nachzumachen, wäre das fatal. Aber dazu wird es nicht kommen, denn das ist anstrengend, anspruchsvoll und erfordert eben Eigenschaften, die Leute nicht entwickeln können, wenn sie ständig in irgendwelchen Plattformen nach Unterhaltung herumsuchen statt in den Wald zu gehen.

Kurz gesagt: Dieses Buch ist fotografisch eine Augenweide und kann in seiner Aussage nur Leute überraschen, die einfach zu lange süchtig auf ihre elektronische Lebenshilfe gucken. Meine Bewertung bezieht sich vor allem auf die hervorragenden Bilder.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 21.10.2025

Über die Maschinerie und den Kult des Gewöhnlichen

Fucking Famous
0

Die Sucht nach Aufmerksamkeit gehört nicht zu den sieben Todsünden. Das offenbart allerdings auch, dass es auf der nach oben offenen Skala menschlicher Unzulänglichkeiten noch viel Platz gibt. Manch Zeitgenosse ...

Die Sucht nach Aufmerksamkeit gehört nicht zu den sieben Todsünden. Das offenbart allerdings auch, dass es auf der nach oben offenen Skala menschlicher Unzulänglichkeiten noch viel Platz gibt. Manch Zeitgenosse glaubt ernsthaft, dass eine gewisse Verrohung der Sitten technischen Errungenschaften wie der Vernetzung auf Internetplattformen in die Schuhe geschoben werden kann. Doch Menschen haben sich nicht geändert, nur eben ihre Möglichkeiten sich öffentlich zur Schau zu stellen. Und davon wird rege Gebrauch gemacht.

Während früher Mittelmaß und Gewöhnlichkeit keine Bühne fanden, stellten trickreiche Erfinder sie ihnen in unserer Zeit zur Verfügung. Jeder, der glaubt, hinter seinem engen Horizont ginge es nicht weiter, kann nun sowohl sein Wahrnehmungsdefizit als auch seine Beschränktheit öffentlich darbieten. Man muss nur genügend andere aus der gleichen intellektuellen Preisklasse finden, die dem eigenen Schwachsinn folgen, um dann auch noch Kohle damit zu machen.

Dieses Buch zeigt nun in Romanform ziemlich übertrieben, aber erst dadurch treffend, wie innerhalb kürzester Zeit mit ans Kriminelle grenzenden Methoden diese Art von Öffentlichkeit für ein zahlreiches Publikum hergestellt werden kann. Es ist damit eine Art Anleitung dafür, wie der Laden funktioniert.

Lotte ist die Heldin dieser Geschichte. Und Lotte hat ein Buch über ihre Erlebnisse auf Tinder veröffentlicht. Ein Knaller ist ihr Text scheinbar nicht, denn die Verkaufszahlen gehen keineswegs durch die Decke. Eine andere Autorin mit einem ähnlichen Buch hat dagegen einen durchschlagenden Erfolg. Und auf ihrem Instagram-Account eine stattliche Anzahl von Followern. Das scheint der Unterschied zu sein.

Aber Lotte soll geholfen werden. Ihre Freundin Tessa, im Nebenberuf Hackerin, beschließt, Lotte hinreichend berühmt zu machen. Wie sie das anstellt, offenbart dem Leser die ganze Maschinerie dieser Welt der peinlichen Selbstdarstellung. Innerhalb einer kurzen Zeit kommt Lotte auf ihren Accounts, die von einer extra dafür beschäftigten Angestellten geführt werden, auf eine Million Follower. Durch Follower-Käufe, vielfältige Manipulationen, geschickte Inszenierungen, Lügen und ausreichend Selbstdarstellung mit allen Tricks, die man sich vorstellen kann.

Das ist der interessante Teil dieser Geschichte. Hinter einem erfolgreichen Instagram-Account dieser Größenordnung steckt aber auch ein gewaltiger Druck, denn nachlassen kann man ab einer gewissen Stufe nicht mehr. Nur wer postet, existiert, wie es treffend dazu im Buch heißt. Wie also kommt Lotte wieder aus dieser Nummer heraus? Mit diesem Teil der Geschichte fängt das Buch an etwas zu schwächeln. Nicht übermäßig, aber durchaus fühlbar.

Während die erste Hälfte gelegentlich Sätze zum Einrahmen hervorbrachte, kommt die Handlung nun ins leichte Stottern. Die anfänglichen Übertreibungen passten zum Irrsinn von Instagram und TikTok. Die Geschichte danach verharrt jedoch in solchen Übertreibungen außerhalb der Plattformen. Das ist wohl der Fluch dabei: Lässt man sich erst einmal auf den ganzen Schwachsinn ein, dann ist der Ausweg nur noch schwer zu finden. Die Autorin entdeckt für sich schließlich einen, aber der ist wenig glaubhaft, weil ihr Text dann wohl mehr Käufer gefunden hätte, als er es tatsächlich hat.

Ich finde allerdings, er hätte viel mehr verdient, weil er sehr lehrreich ist und vieles treffend auf den Punkt bringt. Ändern wird das alles natürlich nichts, denn Irrsinn ist eine Konstante in der menschlichen Geschichte, an der schon die Göttliche Sintflut gescheitert ist. Im Gegenteil: Vielleicht finden manche sogar Tipps in diesem Buch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.10.2025

Ein tröstendes Buch?

Morris
0

Was liest man da nicht alles in den Kommentaren zu diesem Buch: Es sei ein literarisches Meisterwerk, zum Beispiel. Wollen wir nicht besser den Ball etwas flacher halten? Schließlich handelt es sich hier ...

Was liest man da nicht alles in den Kommentaren zu diesem Buch: Es sei ein literarisches Meisterwerk, zum Beispiel. Wollen wir nicht besser den Ball etwas flacher halten? Schließlich handelt es sich hier um ein Kinderbuch für Vorschulkinder oder Erstklässler.

Für diese Zielgruppe sollte man einfache Geschichten erzählen, die Kinder sofort verstehen können. Stattdessen übt sich der preisgekrönte Autor hier in Andeutungen und seltsamen Figuren, die man Kindern erklären muss.

Morris wohnt für einige Zeit bei seiner Oma, weil „traurige Dinge passiert“ sind. Man weiß nicht welche. Oma hat eine Hündin, die ständig abhaut. Und die Morris dann suchen geht. Bis hoch in die Berge, bei Schnee und Kälte. Wenn er Houdini gefunden hat, muss er sie festhalten und mit ihr auf den Armen den Rückweg antreten. Wer schon einmal einen willensstarken Vierbeiner, sei er auch noch so klein, so festhalten wollte, weiß, dass er dabei meistens den Kürzen zieht. Und vielleicht sollte sich Oma mal eine Leine zulegen.

Auf einer dieser reichlich verantwortungslosen Suchwanderungen kommt Morris in einen Schneesturm und trifft dabei auf einen anderen, etwas seltsamen Jungen, der einen Widder bei sich hat. Das ist alles ziemlich undurchschaubar und wird auch nicht erklärt. Und schließlich findet ihn auch noch ein guter Bekannter der Oma, der sich (aus welchen Gründen auch immer) als reichlicher Bösewicht entpuppt.

Aber schließlich endet alles im Guten.

Ich empfand die Geschichte, auf die ich mich eigentlich gefreut hatte, als überkonstruiert, für die Zielgruppe zu kompliziert und nicht besonders logisch. Und was soll an ihr tröstend sein? Warum müssen eigentlich manche Menschen ihren Weltschmerz auf alles Mögliche projizieren?

Kurz gesagt: Das Buch ist nicht schlecht, wirft aber Fragen auf, die man beim Vorlesen beantworten können sollte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere