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Veröffentlicht am 23.07.2021

Rätselhafte Begegnungen auf Island

Nordlicht, Band 01
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Womit assoziiert man Island wohl als erstes? Eisiges Land im nördlichen Atlantik? Insel aus Feuer und Eis, mit vielen aktiven Vulkanen, Geysiren, heißen Quellen und überwältigenden Nordlichtern? Mit den ...

Womit assoziiert man Island wohl als erstes? Eisiges Land im nördlichen Atlantik? Insel aus Feuer und Eis, mit vielen aktiven Vulkanen, Geysiren, heißen Quellen und überwältigenden Nordlichtern? Mit den Islandponys, die man besser Islandpferde nennen sollte? Oder mit seinen zahlreichen Mythen, in denen Elfen, Trolle und Feen eine große Rolle spielen – so lebendig, wie eh und je? Die Autorin entführt ihre jungen Leserinnen (man darf davon ausgehen, dass vorwiegend Mädchen diese Art von Büchern lesen) ebenso wie diejenigen, die sich von Island und von Pferden angezogen fühlen, in ihrer „Nordlicht“ Trilogie, zu deren erstem Band ich mir hier ein paar Gedanken machen möchte, auf eben jene Insel ganz in der Nähe des Polarkreises – und an was auch immer man bei ihrer Erwähnung denkt, man findet es in diesem Roman!
Auch wenn man wenig weiß über Island kann man sich schon nach wenigen Seiten ein erstes Bild machen, zu dem immer weitere Facetten hinzukommen, je weiter man sich in der Geschichte fortbewegt. Dies dank gelungener Schilderungen, die manches Mal bloße Erwähnungen, gar nur Andeutungen sind, die aber ein Gefühl vermitteln für das, was Island ausmacht. Obschon man nur einen Bruchteil der kalten Insel kennenlernt, denn die Geschichte spielt eigentlich nur in und um Hafnarfjördur, nicht weit weg von der Hauptstadt Reykjavik, im „Nichts“, wie die Protagonistin Elin zu Anfang der Reise wider Willen überzeugt ist.
Sowieso ist sie überhaupt nicht begeistert von der Reise nach Island, die ihre Mutter gebucht hat – und das auch noch im Winter! Aber es war ein Schnäppchen und wie das bei solchen nun einmal nicht ausbleibt, ein Schnäppchen mit Haken, also mit einigen leeren Versprechungen. Zudem scheint Elins Mutter eine Vorliebe für die sagenumwobene Insel aus Feuer und Eis zu haben, hat sie doch ihrer einzigen Tochter einen isländischen Namen gegeben. Elin jedenfalls teilt die Begeisterung ihrer Mutter keineswegs; sie ist übler Laune und entschlossen, alles hier schlecht zu finden. Sie will shoppen, lange schlafen in ihren Ferien und mit ihren Freundinnen chatten. Stattdessen Sightseeing im Winter? All das tun, was Touristen so machen? Und dann noch dieses ständige Gerede über Elfen und Trolle! Da kann Elin ja nur lachen!
Und richtig bockig wird der anstrengende Teenager mit der schon arg strapazierten Jugendsprache, als ihr klar wird, dass die Mutter einen Plan hat, mit dem sie, Elin, gar nicht einverstanden ist! Sie hat nämlich hinter dem Rücken ihrer Tochter einen Reitausflug gebucht, wo sie doch genau weiß, dass Elin sich nach dem Tod ihres Pferdes Sahara nie wieder auf einen Pferderücken setzen wird....
Ja, Elin strapaziert mit ihrer schnoddrigen Zickigkeit nicht nur die Nerven der Mutter, sondern auch die meinen. Ein wenig sympathisches Mädchen, dachte ich mir, und nur allmählich habe ich meine Ansichten geändert. In Wirklichkeit ist diese meine Geduld auf die Probe stellende Elin nämlich ein Mädchen mit einer verwundeten Seele, tieftraurig, was sie hinter aufgesetzter Coolness zu verbergen sucht. Und sie ist jemand mit einer ganz eigentümlichen Beziehung zu Pferden; sie kann sich in sie hineinfühlen. Dieses besondere Band, dass nach dem Tod des eigenen Pferdes abgerissen war, weil sie selbst es durchschnitten hat, entdeckt sie nun langsam wieder auf Island – durch den rätselhaften Jungen Kari, der immer dann zur Stelle ist, wenn sie in Gefahr ist, und durch die Begegnung mit der kleinen Stute Ljosadis, der „Lichtfee“, deren Traurigkeit wegen ihres verlorenen Fohlens sie so spürt, als wäre es ihre eigene Trauer. Und instinktiv weiß Elin, dass nicht nur Ljosadis ihr helfen kann den Tod ihrer Sahara zu verarbeiten, sondern dass das Pferdchen seinerseits auch sie braucht, sie, Elin, und niemanden sonst. Das Pferd und das Mädchen gehören zusammen – und ihre Verbindung ist eine geheimnisvolle, ist etwas, das sie sich nicht erklären kann. Seitdem sie Ljosadis kennt, sieht sie immer wieder verstörende Bilder, hat beängstigende Träume, in denen Ljosadis und sie in Gefahr sind und in denen auch der Junge Kari eine Rolle spielt, von der der Leser auch am Ende des ersten Bandes der Trilogie nur ahnen kann, was es mit ihm auf sich hat. Und auch mit Jorunn, einer weisen alten Frau, einer Kräuterkundigen, die mehr zu wissen scheint, als sie preisgibt, und deren Rolle noch rätselhaft ist, von er man allerdings vermuten darf, dass sie im weiteren Verlauf der Geschichte von zentraler Bedeutung sein wird.
Noch aber hat man keine Antworten auf all die Fragen, die sich im Laufe der Geschichte auftun – und Elin genauso wenig! Für sie geht es nun vor allem darum, so schnell es geht zurückzufahren auf die unwirkliche Insel, Kari wiederzusehen und Ljosadis, dem Rätsel des verlorenen Fohlens auf die Spur zu kommen und dabei den Grund herauszufinden für die so ungeheuer starke Anziehung, die Island auf sie ausübt. Magie? Vorbestimmung? Zufall? Man wird sehen!

Veröffentlicht am 18.07.2021

Rettung des Tumbawunda-Tals

Das Bee-Team
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In Feld und Wald zieht der Frühling ein – auch im fiktiven Tumbawunda-Tal, einst, so hat man während des Lesens der Geschichte den Eindruck, ein Naturparadies, in dem es blühte und duftete, zwitscherte ...

In Feld und Wald zieht der Frühling ein – auch im fiktiven Tumbawunda-Tal, einst, so hat man während des Lesens der Geschichte den Eindruck, ein Naturparadies, in dem es blühte und duftete, zwitscherte und summte. Ein früher Frühling allerdings, mit viel zu hohen Temperaturen für diese Zeit des Jahres und viel zu trocken – ein Phänomen, das nicht neu ist, das man auch in den Jahren zuvor bereits hatte beobachten und sich deshalb Sorgen machen können. Hätte! Klar, eine Gruppe unentwegter, nimmermüder Mahner hat längst gewarnt, dass die Menschen so, wie sie es schon seit Jahrzehnten tun, einfach nicht weitermachen können, ohne dass sie die Natur mit allem, was darin wächst, was da kreucht und fleucht mit ihrer rücksichtslosen Ausbeutung der Erde und dem sorglosen Umgang mit ihren Ressourcen zerstören – und damit langsam aber sicher ihren eigenen Lebensraum! Und alles des schnöden Mammons wegen. So dumm sind die Menschen! Und was sie mit ihrem Drang nach einem vermeintlichen Fortschritt durch etwa die Rodung der Wälder, die Bebauung auch der letzten Grünflächen, der „optimalen“ Nutzung der Felder und dem Produzieren immer mehr Mülls und dessen mangelhafter Entsorgung anrichten, kann nicht ohne Folgen bleiben!
Und hier lässt der Autor Alexander Ruth seine Geschichte beginnen: als nämlich die Wildbienen an der großen Linde im Tumbawunda-Tal vom Winterschlaf aufwachen, sehen sie sich einer Katastrophe gegenüber! Der größte Teil ihres Volkes ist verhungert und verdurstet – und wie ihnen geht es den übrigen Tieren, Insekten wie Säugetieren und allen anderen Mitgliedern der großen Tierfamilie, die so perfekt das Ökosystem im Gleichgewicht halten. Würde man sie denn lassen! Nun ist guter Rat teuer und es kann eigentlich nur noch ein Wunder helfen. Dieses Wunder geschieht tatsächlich und verantwortlich dafür sind die beiden naturlieben Försterkinder Oskar und Romy, die eines viel zu warmen Frühlingsmorgens schmerzlich das Fehlen der Insekten bemerken. Und was tun Kinder in einer solchen, sie zutiefst beunruhigenden Situation? Sie beten!
Oskar, ein wackerer Ninja-Krieger, und seine Schwester Romy, ganz in der Eisprinzessinnen- und Einhornwelt lebend, rufen das Bee-Team an – wer immer das auch ist, denn sie haben es, so bekommen die kleinen und großen Leser den Eindruck, einfach erfunden! Oder etwa doch nicht? Jedenfalls geschieht, kaum haben sie ihre Beschwörung ausgesprochen, Seltsames: ein bunter Lichtstrahl kommt aus den Tiefen des Alls auf die geschundene Erde, seine Magie entfaltet sich und es beginnt ein gar wundersames Abenteuer, in dem Oskar und Romy gemeinsam mit ihren Freunden von dem echten (?) Bee-Team, vier tapferen und erfindungsreichen Schmetterlingen, dazu erkoren werden, das sterbende Tumbawunda-Tal zu retten und durch spektakuläre Aktionen und nicht nur einem Hauch von Magie auch die unbelehrbarsten Umweltfeinde und -zerstörer zum Umdenken zu bewegen.
Es geht turbulent zu in diesem Roman, bei dem ich mich nicht entscheiden kann, ob ich ihn tatsächlich ins Fantasy Genre einordnen soll. Viel eher tendiere ich dazu, in ihm ein Märchen zu sehen, eines mit erschreckend realem Hintergrund. Der Autor erschafft keine neuen Welten, er belässt seine Geschichte stattdessen in der wirklichen Welt, in der, die wir kennen und um dessen Rettung es ihm geht. Dafür personifiziert er die zweite Protagonistengruppe der Geschichte, die Tiere, gibt ihnen Sprache und Ratio, lässt sie den Aufstand proben, sich endlich, so mag sich mancher Leser denken, wehren gegen das, was ihnen der Mensch seit Anbeginn der Menschheit antut. Eine Art Parabel also? Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt und Lehren erteilt? Gewiss – und dies trotz all des Trubels, den der Autor heraufbeschwört, der teilweise aberwitzigen und slapstickhaften Handlung, die sich immer wieder überschlägt und bei der man aufpassen muss, dass man nicht den Faden verliert, denn Alexander Ruth lässt es an allen Ecken und Enden brodeln und krachen und hier und dort regelrechte Vulkane ausbrechen.
An dieser Stelle muss ich kritisch anmerken, dass mir die rasende Abfolge der viel zu zahlreichen Ereignisse doch ein wenig den Atem genommen hat. Es geschieht einfach zu viel und das verbaut die Sicht auf das, worum es eigentlich geht, auf die Botschaft, die, davon gehe ich aus, der Autor dem Leser vermitteln möchte. Die Geschichte ist zu unruhig – so unruhig wie der Stil, in dem sie verfasst ist, die eigenwillige Diktion und Syntax, derer er sich bedient. Nicht leicht lesbar für die Zielgruppe – zumal wenn das Schriftbild, bei dem Absätze fast gänzlich fehlen, unglücklicherweise so einförmig ist, dass ein kontinuierlich-flüssiges Lesen kaum möglich ist. Das wiederum auf besagte Zielgruppe bezogen, die 8 bis 10jährigen, denen vielleicht gelegentliche Illustrationen gut gefallen hätten – und ein Buch wie dieses, mit einem so bezaubernden, die Sinne anregenden Cover, bietet sich nicht nur dazu an, genauso bezaubernd illustriert zu werden, sondern man erwartet es auch!
Summa Summarum: „Das Bee-Team“ ist fraglos ein wichtiges Buch, beschäftigt es sich doch mit einem nicht erst durch „Friday for future“ in den Vordergrund gerückten, dringlichen Thema, das transportiert wird von sehr liebenswerten, ansprechenden und überzeugenden Protagonisten, den Kindern und den Tieren nämlich. Doch wird eine Mahnung nicht eindringlicher, wenn man sie immer und immer wieder den Menschen mit erhobenem Zeigefinger einbläut. Im Gegenteil! Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass weniger in dieser Geschichte mehr und ganz sicher nachhaltiger gewesen wäre.

Veröffentlicht am 17.07.2021

Kobolde - Schützer und Bewahrer des Lebens auf der Erde

Fynn & Ally
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Der Koboldjunge Fynn, Protagonist der so liebenswerten wie aufregenden Geschichte, zu der ich mir hier ein paar Gedanken machen möchte, ist ein aufgewecktes Kerlchen (Kobolde sind nach der Vorstellung ...

Der Koboldjunge Fynn, Protagonist der so liebenswerten wie aufregenden Geschichte, zu der ich mir hier ein paar Gedanken machen möchte, ist ein aufgewecktes Kerlchen (Kobolde sind nach der Vorstellung des Autors winzige Wesen, die die Menschenwelt zahlreich bevölkern und nur von denen wahrgenommen werden – wenn überhaupt - , die sich noch nicht völlig entfremdet haben von unserem ureigenen Lebensraum und mit ihm im Einklang und nicht gegen ihn leben). Wenn es manchmal so scheint, als wäre er schwer von Begriff, so täuscht das! Fynn nämlich, ohne jeden Arg, tut sich lediglich schwer damit, das Böse zu sehen und zu begreifen. Möge ihm diese so positive Eigenschaft erhalten bleiben, selbst dann, wenn er in der Koboldschule in den Bergen seine Ausbildung zum Wächter abgeschlossen hat und ein vollwertiges Mitglied des Ordens, der Gemeinschaft der Kobolde, geworden ist, die es als ihre Aufgabe ansehen, ihre Welt, die auch diejenige der Menschen ist, vor Unheil zu bewahren und sie und all ihre Lebewesen ihren Schutz angedeihen zu lassen. Eine so lobenswerte wie schwierige Aufgabe, denn auf unserer Erde brennt es an allen Ecken und Enden, und man mag sich gar nicht vorstellen, wie sie aussehen würde ohne den beherzten und nimmermüden Einsatz der Kobolde...
Fynn begegnen wir zu Anfang des bezaubernden Fantasyromans nicht etwa in seiner Schule unter der Ägide des allseits bekannten und bewunderten Lehrers und Meisters Hendrik, sondern vielmehr auf einem Schiff Richtung China, zusammen mit seiner wagemutigen und allen Widrigkeiten gewachsenen Freundin Ally! Dorthin wollen sie die Prinzessin Shen-Mi begleiten, um sie vor dem bösen Huai Chen in Sicherheit zu bringen – man sieht also, dass es auch unter den Kobolden schwarze Schafe gibt! Doch der unter Tieren im Walde aufgewachsene Fynn hat noch einen anderen Grund für die Reise: lange schon sehnt er sich danach, endlich seinen leiblichen Eltern zu begegnen, von denen er als Kleinkind durch ungeklärte Umstände getrennt wurde....
Die Reise freilich läuft anders als geplant – und nach einem Unglück auf dem Schiff, verursacht durch eine Mine, die das Abladen von Giftmüll ins Meer verschleiern sollte, landen Fynn und Ally auf einer Insel, auf der sie auf den weißen Gorilla Kiko und den Helmvanga Roy treffen, die beide skrupellosen Tierfängern entkommen sind. Nun, getreu dem Credo ihres Ordens müssen die zwei Koboldkinder, die es allerdings an Courage und Einfallsreichtum mit einer ganzen Kompanie Soldaten aufnehmen können, zunächst einen Abstecher nach Afrika machen, um sicherzustellen, dass Roy und Kiko, beide gefährdeten Tierarten zugehörig, sicher in ihre Heimat zurückgeführt werden. Und das ist gar nicht so einfach, wie sie bald feststellen müssen!
Weit Abenteuerlicheres und Gefährlicheres aber steht Ally und Fynn noch bevor, als sie die Weiterreise nach China antreten, um die Prinzessin wiederzufinden und unbeschadet zu ihrem Vater zu bringen. Denn alsbald geraten sie in eine Falle und stehen dem Erzschurken Huai Chen persönlich gegenüber, der gar Böses im Schilde führt. Wie sie mit List und Entschlossenheit und nicht zuletzt dank der tatkräftigen Hilfe ihrer Artgenossen und einer Schar gefiederter und vierbeiniger Verbündeter, denn da besteht ein unzerreißbares Band zwischen den Kobolden und den Tieren, den selbst gewählten Auftrag zu einem guten Ende bringen und sich noch dazu Fynns sehnlichster Wunsch, nämlich seine Eltern wiederzufinden, erfüllt – ja, das müssen die jungen und nicht mehr ganz so jungen Leser schon selbst herausfinden....
„Die große Reise“ ist Band 2 der Geschichte um die beiden jungen Kobolde Fynn und Ally. Doch auch ohne die Kenntnis des ersten Buches bereitet sie uneingeschränkten Lesegenuss für Groß und Klein und bietet darüber hinaus viel Stoff zum Nachdenken und zum regen Gedankenaustausch, wenn man sie denn – idealerweise – gemeinsam mit einem der Zielgruppe (ab etwa acht Jahren) zugehörigen jungen Leser liest.
Der Fantasyroman ist so spannend wie amüsant und anrührend, dazu sehr abwechslungsreich und bevölkert mit den liebenswertesten Kreaturen, die man sich nur vorstellen kann (solange es sich um Tiere und Kobolde und eine sehr überschaubare Handvoll Menschen handelt freilich), die unbedingt schützenswert sind. Und dass der Autor seine kleinen und größeren Protagonisten vor dem realistischen Hintergrund einer gar nicht heilen Welt agieren lässt, die sich langsam und mit unverständlicher Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit selbst zerstört – und wie Fynn und Ally das zu erklären versuchen, ist wunderbar gemacht und für junge Leser sehr verständlich und nachdrücklich auf den Punkt gebracht! -, hatte ich zunächst nicht erwartet, ist aber einer der Punkte, die mir besonders gefallen an der parabelhaften Fantasygeschichte, die dennoch so nah an der Wirklichkeit bleibt. So ist unsere Welt nun mal, so erschreckend es auch ist. Und nur, wenn man über die zerstörerischen Mechanismen Bescheid weiß, die diese Welt zu einem Ort gemacht haben, an dem alles, aber auch alles, profitgesteuert ist, ohne Rücksicht auf Verluste, kann man gegensteuern, genauso wie das die Kobolde machen, die sich nicht umsonst Wächter nennen, und so, wie es jeder von uns tun kann, durch Menschlichkeit und Rücksicht und Achtung vor der so fragilen Natur und ihren Lebewesen. Gorillas werden vielleicht das 21. Jahrhundert nicht überdauern, so wie viele weitere Spezies ausgerottet sein werden, wenn man, sprich die Völkergemeinschaft, nicht schleunigst die Notbremse zieht. Das Buch macht Hoffnung, auch wenn das nur ein Hoffnungsschimmer ist, nachdem zwei Vertreter der inzwischen selten gewordenen Arten wieder ihrer Heimat, ihrem angestammten Lebensraum zugeführt worden sind, nachdem im weiteren Verlauf der Geschichte dem Streben nach Allmacht mit Hilfe einer zerstörerischen, nicht mehr beherrschbaren Technik Einhalt geboten wurde – durch Mut, Entschlossenheit, Zusammenhalten und bedingungslosem Einsatz der winzigen Hüter und Bewahrer der Erde und all dem, das auf selbiger seine Berechtigung zum Leben hat. Und Hoffnung braucht es, bei allem realistischen Pessimismus!

Veröffentlicht am 11.07.2021

Ein fürchterlicher Mitbewohner

Zottelkralle
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Kalli wünscht sich sehnsüchtig ein eigenes Haustier, was aber wegen der Tierhaarallergie des Vaters nicht möglich ist. Nicht recht einzusehen für den Jungen, denn sein Vater, von Beruf Reiseleiter, ist ...

Kalli wünscht sich sehnsüchtig ein eigenes Haustier, was aber wegen der Tierhaarallergie des Vaters nicht möglich ist. Nicht recht einzusehen für den Jungen, denn sein Vater, von Beruf Reiseleiter, ist sowieso nur selten zu Hause, Geschwister hat Kalli nicht, offensichtlich auch keine Freunde; da kann man schon verstehen, dass er gerne ein Tier hätte, am allerliebsten einen Hund, aber Kalli ist da nicht wählerisch – Hauptsache etwas Eigenes, zum Liebhaben und Getröstetwerden.
Und nur so ist zu erklären, warum er das stinkende, ungehobelte, mürrische und zerstörerische Erdmonster Zottelkralle, das er eines Morgens schnarchend neben sich im Bett vorfindet, nicht kurzerhand wieder dahin zurückschickt, woher es gekommen ist. Denn zum Liebhaben ist der Rüpel, der beschlossen hat, sich ein behaglicheres Zuhause zu suchen als seine Höhle unter Kallis Schuppen, nun wirklich nicht! Doch selbst wenn Kalli ernsthaft gewollt hätte, der haarige Zottelkralle mit seinen vier Armen ist einfach nicht loszuwerden! Bei Kalli gefällt es ihm, denn hier gibt es vor allem den Eisschrank für seinen unersättlichen Appetit, hier duftet es nach Seife, in die er ganz vernarrt ist und vor allem ist da die „Klimpermusik“, die ihn in Verzücken versetzt und die Kallis Mutter, eine Klavierlehrerin, produziert. Nein, er bleibt bei Kalli und basta! Zumal der Junge genau nach seiner Pfeife tanzt – und dafür mit noch mehr frechen Rüpeleien belohnt wird. Auch vor Kallis Eigentum hat er keinen Respekt. Er frisst es auf oder knabbert es doch wenigstens an...
Jetzt könnte man denken, dass im Laufe der Geschichte das Erdmonster doch wenigstens versucht, sich sein schlechtes Benehmen abzugewöhnen, denn da gibt es schließlich noch Kallis Mutter, vor der es versteckt werden muss – vorerst! Aber nein! Zottelkralle verwüstet während der Abwesenheit von Mutter und Sohn rasch das Wohnzimmer, frisst den Kühlschrank leer und beschmiert zu guter Letzt auch noch das Klavier mit dem Inhalt eines Honigglases. Natürlich wird der Unhold entdeckt – und von der tobenden Mutter in die Flucht geschlagen. Tief beleidigt zieht sich Zottelkralle in seine alte Höhle zurück, entschlossen, Kalli und dessen Mutter nicht mehr mit seiner Anwesenheit zu beehren – doch Kalli hat sich inzwischen, nicht so ganz verständlich, so an das freche Wesen gewöhnt, dass er alles daransetzt, es zur Rückkehr zu bewegen. Und er hat auch schon eine Idee, wie er seinen Freund den Eltern schmackhaft machen kann....
Witzig ist „Zottelkralle“, geschrieben von der international erfolgreichen Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke, zweifellos, obwohl der Erdmonster-Protagonist, gelinde gesagt, abstoßend ist, woran sich auch bis zum Ende der Geschichte nichts ändert. Dass Kinder im Grundschulalter dieses Wesen lustig finden und sich an seinen fürchterlichen Manieren und Kraftausdrücken weniger stören als vorlesende Erwachsene, ist klar. Drum sollte „Zottelkralle“ am besten von denen rezensiert werden, die der Zielgruppe angehören – und deren Urteil, da bin ich mir sicher, wird weitaus positiver ausfallen als das der Erwachsenen, die sich an dem würmerfressenden und grunzenden Erdmonster, so wie die Autorin es sich ausgedacht hat, von Anfang bis Ende nur stören.
Nun, dann sollten wir Erwachsenen uns vielleicht auf das Kind in uns besinnen, sofern wir ihm nicht längst den Garaus gemacht haben, denn das braucht man schon, wenn man Bücher wie „Zottelkralle“ liest. Tun wir das mit Kinderaugen, dann haben wir einfach nur Spaß, dann gibt es keinen Grund zur Kritik! Und dann kann man auch sehr gut verstehen, warum Kalli einfach nicht lassen kann von dem nörgelnden Schmutzfink. Selbst ein solcher, ziemlich egoistischer, Freund ist besser als gar keiner....
Vorliegende Geschichte ist übrigens ein frühes Buch von Cornelia Funke; es wurde 1994 erstmals veröffentlicht, also knappe zehn Jahre bevor die Schriftstellerin aus Hamburg mit „Herr der Diebe“ ihren Durchbruch hatte. Sie zeigt aber bereits die typische Handschrift der Autorin, deren Bücher schließlich in mehrere Sprachen übersetzt werden sollten, zeichnet sich durch eine angenehme Sprache und einen klaren Satzbau aus, was man heutzutage wirklich hervorheben muss. Ein weiterer Pluspunkt sind die an Karikaturen erinnernden Illustrationen der Autorin, gelernte Buchillustratorin, mit denen sie in „Zottelkralle“ nicht sparsam umgeht und die den Text perfekt ergänzen.
Summa summarum: Trotz oder vielleicht sogar wegen der oberunsympathischen Hauptfigur ist die hier zu besprechende Geschichte ganz gewiss eine vergnügliche, leicht zu lesende Lektüre – wie die meisten Bücher der Hamburger Autorin Cornelia Funke, die sich nach langen, außerordentlich produktiven Jahren auf einer Avocadofarm in Kalifornien inzwischen in Italien eingerichtet hat, wo sie nun, so bleibt zu hoffen, weiterhin ihre phantastischen Romane verfassen wird.

Veröffentlicht am 10.07.2021

Miss Marple einmal mehr als Rachegöttin

Das Geheimnis der Goldmine
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Mit Kinderreimen, den sogenannten „Nursery Rhymes“ großgeworden, wie es üblich war in gutsituierten britischen Familien, in denen die Kinder, wie heutzutage meistens nur noch bei Königs, weniger von den ...

Mit Kinderreimen, den sogenannten „Nursery Rhymes“ großgeworden, wie es üblich war in gutsituierten britischen Familien, in denen die Kinder, wie heutzutage meistens nur noch bei Königs, weniger von den Eltern als vielmehr von ergebenen Kinderfrauen erzogen wurden, nimmt es nicht wunder, dass die englische Kriminalschriftstellerin Agatha Christie sich gelegentlich Zeilen aus solchen Reimen bediente, um ihren Romanen ihre oft eigenwilligen Titel zu geben.
So auch bei ihrem 45. Krimi, „A Pocket Full of Rye“, aus dem im Deutschen, wie gewohnt weniger passend, „Das Geheimnis der Goldmine“ wurde. So abwegig ist dieser Titel zwar nicht, wie man während der Lektüre feststellen wird, aber er trägt doch in keiner Weise der genial komponierten Geschichte Rechnung, deren drei Morde allesamt durch die Zeilen des ihr zugrunde liegenden Kinderreims „Sing a song of sixpence“ miteinander verbunden sind. Man kann nur staunen, wie die unvergleichliche „Lady of Crime“ das hinbekommen hat – ein weiterer Beweis dafür, wie perfekt sie nicht nur ihr Handwerk verstand, sondern wie unerschöpflich ihr Ideenreichtum war!
„A Pocket Full of Rye“ gehört in eine ihrer späteren Schaffensperioden, die fünfziger Jahre, in der sie weitgehend Abstand genommen hatte von exotischen als auch Spionageelementen, Verschwörungen, größenwahnsinnigen Möchtegern-Weltbeherrschern zugunsten eines typisch englischen, vordergründig beschaulichen Settings, angesiedelt im ländlichen England, wie hier im fiktiven Baydon Heath, unweit von London, wo hauptsächlich reiche Leute wohnen. Mord in wohlsituierten Kreisen allerdings ist man bei Dame Agatha gewöhnt; es sind ihre eigenen Kreise, da kennt sie sich bestens aus. Zunehmend auch lässt sie die verzwickten Morde, mit denen sie ihre Leser konfrontiert und die zu lösen sie sie mit clever eingestreuten Hinweisen und noch viel mehr falschen Fährten auffordert, in mal gepflegten, mal unheimlichen, mal vernachlässigten Landhäusern geschehen, allesamt bewohnt von teils weitverzweigten Familien, deren glatte und vermeintlich heile Fassaden sie unbarmherzig zum Bröckeln und anschließend zum Einstürzen bringt. Genau das ist ihre größte Stärke; eher introvertiert, war sie immer eine äußerst aufmerksame Beobachterin, jemand, der auch auf die kleinsten Details achtete und, in Kenntnis der menschlichen Natur, ihre Schlüsse zog – und gewöhnlich mitten ins Schwarze traf!
Auch im hier zu besprechenden, mit trockenem Humor und sanfter Ironie geschriebenen Krimi ist es ein Vergnügen, die Protagonisten zunächst gemächlich kennenzulernen – treffende Charakterisierungen gelangen Agatha Christie mit nur wenigen Strichen! - und dabei immer tiefere Blicke unter die Oberfläche zu werfen. Und da kann man schon erschauern, denn selten hat die Autorin eine solche Ansammlung von unsympathischen, ja geradezu abstoßenden Figuren zustandegebracht – was ihr vermutlich größtes Vergnügen bereitet hat – wie hier! Jedem sind die drei bereits erwähnten Morde zuzutrauen, alle hätten Gelegenheit und Motiv gehabt – und der Leser dürfte fast bis zum Schluss ziemlich verloren umherirren. Doch hat ihm Agatha Christie eine Hilfe zur Seite gestellt, ihr eigenes Alter Ego nämlich, die betuliche und stets ein wenig unbedarft erscheinende alte Jungfer Miss Marple aus St. Mary Meade, mit einem exzellenten Verstand ausgestattet, Menschenkennerin par excellence, die jedem jede Schlechtigkeit zutraut.
Als der durchaus fähige, sehr menschliche und mit spannender Vorstellungskraft gesegnete ermittelnde Inspektor Neele in Yewtree Lodge, dem Landsitz der Familie Fortescue und Ort des Geschehens, die Bewohner genauer unter die Lupe nimmt, steht die immer leicht verwirrt erscheinende alte Dame plötzlich vor der Tür und bietet ihre Hilfe an, nachdem sie in der Zeitung von den Morden gelesen hatte, wobei ihr Interesse weder dem toten Patriarchen Rex Fortescue noch dessen zweiter, sehr attraktiver, aber nun leider ebenfalls ermordeten Ehefrau gilt sondern vielmehr dem Hausmädchen Gladys, das einst von ihr höchstpersönlich in diesem Beruf ausgebildet wurde und dessen Leiche man mit einer Wäscheklammer auf der Nase fand – für sie Beweis für einen von Grund auf bösen Mörder, dem sie nun, unter allen Umständen und mit zorniger Entschlossenheit, das Handwerk legen möchte.
Miss Marple Fans wissen, wie ihr das gelingt! Sie hört einfach nur zu, wohl wissend, dass man sich nicht in acht nehmen muss vor einer so harmlosen und Unverständliches brabbelnden, offensichtlich konfusen und gebrechlich wirkenden, so mitfühlenden alten Frau; der erzählt man viel, zu viel, und man verrät sich, ohne das auch nur zu merken. Und schon schnappt die Falle zu, der Mörder ist ertappt, der Leser verblüfft, sofern er nicht selber auf die Lösung gekommen ist, auf jeden Fall aber hochzufrieden, und Miss Marple kann wieder zurückreisen nach St. Mary Meade, dem Mikrokosmos des Verbrechens. Doch nein, ganz so ist das hier nicht – und warum das nicht so ist, kann natürlich an dieser Stelle nicht preisgegeben werden, genauso wie ich darauf verzichte, die recht komplexe Handlung zusammenzufassen. Doch es sei daran erinnert, dass Agatha Christie nicht umsonst eine der größten, wenn nicht sogar die größte, Kriminalschriftstellerinnen aller Zeiten ist – und als solche keinesfalls berechenbar sondern immer für eine Überraschung gut!

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