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Veröffentlicht am 29.08.2022

Hoffnung, Mut und Zuversicht, was auch immer kommen mag

Der Strom des Lebens
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Seit ein paar Jahren begleitet mich die Kashmir-Saga nun bereits. Der erste Band, „Das Haus des Friedens“, hat mich seinerzeit bewegt, wie nur wirklich gute und mitreißende Bücher es vermögen. Die so sympathischen, ...

Seit ein paar Jahren begleitet mich die Kashmir-Saga nun bereits. Der erste Band, „Das Haus des Friedens“, hat mich seinerzeit bewegt, wie nur wirklich gute und mitreißende Bücher es vermögen. Die so sympathischen, wie auch facettenreichen Protagonisten ins Herz zu schließen, war leicht, ihrem Werdegang und ihren Schicksalen zu folgen immer wieder ein emotionales Abenteuer. Nie war es einfach, sich nach Beendigung der sechs Vorgängerbänden von ihnen und dem wunderschönen, vom Unheil verfolgten Kashmir-Tal an den Ausläufern des Himalaya, seit Jahrzehnten Spielball politischer Interessen unterschiedlicher Staaten, in dem die Saga, nehmen wir einmal den zweiten Band aus, zum Großteil angesiedelt ist, zu trennen. Doch der nächste Band würde ja folgen...
„Der Strom des Lebens“ nun bedeutet den endgültigen Abschied, bedeutet das Ende einer so bunten wie gefahrvollen und oft genug aufwühlenden, den Atem stocken lassenden, immer tief berührenden Geschichte, in der man sich verlieren, die einen alles um sich herum vergessen machen kann, denn zu ihr in Distanz zu treten ist kaum möglich. Die beiden Autorinnen, Simone Dorra und Ingrid Zellner, erzählen ihre Saga unglaublich gut, lebendig, schlüssig, stets nachvollziehbar, voller berauschender Phantasie - und ganz offensichtlich mit großer Lust am Fabulieren. Und dies durchgängig! Eine Buchreihe, die keine Schwächen aufweist und genau aus dem Stoff gemacht ist, aus dem die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht oder das unvergessliche Epos „Palast der Winde“ oder sogar, um auf einen anderen Kontinent überzuwechseln, „Vom Winde verweht“ und die „Louisiana-Trilogie“ gewebt sind – exotisch, abenteuerlich, gefährlich, tragisch-traurig, dabei heiter, romantisch und zum Weinen schön!
Im Abschlussband der Kashmir-Saga, der bereits in der Zukunft spielt, über die man freilich nur spekulieren kann, die aber meines Erachtens und in Kenntnis der eigentlich seit Jahren unverändert angespannten bis geradezu dramatischen Situation in dem Land zwischen den Mächten – die übrigens immer wieder auch in den sieben Bänden der Saga thematisiert wird - durchaus realistisch erscheint, begegnen die Hauptfiguren, Vikram und Sameera Sandeep und Raja Sharma, dem Leser in nunmehr fortgeschrittenem Alter, doch unverändert idealistisch, tatkräftig und trotz der Prüfungen, die sie die Autorinnen haben erleiden und, mit unübersehbaren Blessuren an Körper und Seele, bestehen lassen, keinesfalls gebrochen, nicht wirklich müde geworden und nach wie vor voller Hoffnung, was ihr Herzensprojekt, das Waisenhaus Dar-as-Salam, dem seine schwersten Zeiten noch bevorstehen sollen, zum einen und die Zukunft ihrer so gefährdeten Heimat, immer wieder bedroht von Anschlägen fanatischer Fundamentalisten oder schlichtweg Terroristen, anbelangt.
Was sich am Ende des direkten Vorgängerbandes, „Flug mit dem Wind“, bereits abzeichnete, die Übergabe des Waisenhauses in jüngere Hände, ist im hier zu besprechenden letzten Band bereits vollzogen: Eines der von Vikram ins Dar-as-Salam geholten und von ihm und seiner Frau Sameera voller Liebe, Verständnis und Toleranz aufgezogenen Waisenkinder erweist sich als der beste Nachfolger, den Vikram sich nur wünschen konnte. Sein Lebenswerk ist in guten Händen – und eigentlich könnte er sich nun zurücklehnen und, gemeinsam mit Ehefrau und Freund, die Früchte seines Schaffens genießen! Oder etwa doch nicht?
Wer, wozu ich nur raten kann, die sechs Vorgängerbände gelesen hat, hat mehr als nur eine Ahnung von dem, was Vikram und die Seinen erwartet, weiß gar schon zu Beginn der Lektüre, an dem sich bereits dunkle, regelrecht rabenschwarze Wolken am Horizont abzeichnen, dass das, was da kommt, das Leben aller im Dar-as-Salam verändern könnte! Natürlich werden Vikrams immer noch zahlreiche Feinde keine Ruhe geben, selbstverständlich werden sie sich Perfides einfallen lassen, um dem Helden, dem nunmehr alt und grau gewordenen Löwen, der bereits so viele Gefahren gemeistert hat, das Leben schwerzumachen oder ihm sogar das Lebenslicht auszublasen.
Das Verhängnis, so fürchtet man, wird wohl unaufhaltsam seinen Lauf nehmen, obwohl die Autorinnen ihre Leser durch immer wieder eingestreute längere oder kürzere Passagen unbeschwerter Freude und des Friedens, oft gewürzt mit dem liebenswürdigsten Humor, ablenken von dem Bösen, das sich da im Hintergrund zusammenbraut – und das dann unvermittelt, scheinbar ohne Vorwarnung, hereinbricht auf die Protagonisten und ihre Familien. Gerade letzteren, vor allem den längst erwachsenen Ziehkindern der Sandeeps, kommt in „Der Strom des Lebens“ eine gewichtige Rolle zu, quasi eine Fortführung dessen, was in Band Sechs seinen Anfang genommen hatte. Wir lernen sie immer besser kennen, die so unterschiedlichen Ziehgeschwister, verfolgen ihren Lebensweg mit großer Anteilnahme, teilen den Stolz ihrer Eltern auf das, was sie aus sich gemacht haben, genauso wie deren Verzweiflung, wenn sich ihr Schicksal auf eine nicht erwartete, tragische Weise erfüllt.
„Der Strom des Lebens“! Der Titel, den das Autorenduo seinem Schwanengesang zugewiesen hat und der nicht besser hätte gewählt sein können, durchzieht den Roman genauso, wie es diejenigen seiner jeweiligen Vorgänger getan haben. Der Strom des Lebens ist unaufhaltsam, er steht nicht still, fließt immer weiter, bringt Veränderungen, bringt Glück, ebenso wie Leid; er reißt die Menschen, die sich in seinen Strömungen verfangen und aufgeben, mit – und trägt doch die Hoffnung auf Zukunft in sich, wenn man sich seinen Untiefen nicht ergibt, wenn man sich trotz aller tiefer und tiefster Täler, durch die man sich gerungen hat, nicht zerstören lässt, wenn man, wie die Protagonisten in Simone Dorras und Ingrid Zellners Kashmir-Saga, seinen mannigfaltigen Feinden ein „dennoch“ entgegensetzt, ihnen signalisiert, dass sie sich nicht beugen werden, was immer sie auch versuchen mögen, und dass weder Gewalt, noch Mord, noch Terror die Oberhand behalten werden!
Eine gewaltige Botschaft! Eine, die den würdigen Abschluss der Kashmir-Saga bildet, dieses Liedes der Hoffnung, dessen Melodie aus Freundschaft, Solidarität, Liebe und Treue gewoben ist und die noch lange in den Lesern nachklingt. Unvergesslich und ihresgleichen suchend!

Veröffentlicht am 09.03.2022

Brandstiftung, um den Ausverkauf einer schönen Insel anzuprangern

Sylter Flammenmeer
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Eduard Koch ist Sylter mit Leib und Seele! Hier wurde er geboren, hier arbeitet er bei der Polizei und hier wohnt er auch, wiewohl letzteres derzeit mehr als nur ein wenig kompliziert ist. Seine Frau hat ...

Eduard Koch ist Sylter mit Leib und Seele! Hier wurde er geboren, hier arbeitet er bei der Polizei und hier wohnt er auch, wiewohl letzteres derzeit mehr als nur ein wenig kompliziert ist. Seine Frau hat dem seltsamen Fiete den Vorzug gegeben – was man nicht recht verstehen kann, wenn man den überaus sympathischen und gebildeten Ed näher kennenlernt, der ein Familienmensch ist und liebevollsten Umgang mit seinen beiden halbwüchsigen Kindern Lasse und Lotte pflegt. Die Trennung von seiner Frau schmerzt ihn, ebenso wie die Tatsache, dass er es bisher nicht geschafft hat, die räumliche Trennung zu vollziehen. Kurz und gut, Ed , die Kinder und Exfrau Mara leben noch immer unter einem Dach – samt Fiete. Unhaltbar eigentlich, dazu noch möchte die zänkisch-nörgelige Mara Ed heraushaben aus dem gemeinsamen Haus, das nicht etwa sie, sondern Ed dereinst von seiner Tante geerbt hatte. Ihr Wunsch wird sich am Ende des Kriminalromans erfüllen – aber da wird dann nichts, rein gar nichts mehr so sein, wie vor den Brandanschlägen und dem, was sie nach sich ziehen sollten...
Dass Sylt schon lange nicht mehr den Syltern gehört dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Grundstücksspekulanten und Immobilienhaie sind die eigentlichen Besitzer der nördlichsten der Nordfriesischen Inseln, die ob ihrer Schönheit bereits seit Jahrzehnten ein beliebtes Touristenziel ist. Aber nicht nur das! Finanzkräftige Bürger von überallher, längst also nicht mehr nur die unvermeidliche Schikeria, die regelmäßig in den angesagten Lokalen aufschlägt, um sich die gepflegte Kante zu geben, um dann wieder zu verschwinden, erwerben auf der offensichtlich zum Ausverkauf stehenden Insel ein Zweit-, Dritt- oder Viertdomizil. Zu horrenden Preisen, versteht sich! Aber was soll's? Man hat ja Geld im Überfluss! Dass man damit den Menschen, die bereits seit Generationen auf der reizvollen Insel leben und die vor der Überteuerung des Wohnraums kapitulieren und aufs erschwinglichere Festland ziehen müssen, verdrängt, kümmert anscheinend niemanden von denen, die Profit und immer noch mehr Profit machen wollen und, so darf man mutmaßen, auch niemanden von den Neubürgern, die ihre Luxusheime zwar besitzen, sie aber nur selten bis gar nicht aufsuchen. Man kennt das Problem der überteuerten Immobilien zwecks Geldanlage aus deutschen Großstädten und zunehmend auch aus attraktiven kleineren Städten – warum also sollte es auf Sylt anders sein?
Nicht alle freilich wollen diese zum Himmel schreienden Zustände hinnehmen. Es gibt auch solche, die sich dagegen zur Wehr setzen, mit friedlichen Mitteln, oder andere, die mit kriminellen Aktionen ein Zeichen setzen wollen. Und solange niemand dabei zu Schaden kommt... ? Nein! Brandstiftung ist nun einmal eine Straftat, egal, was damit letztendlich bewirkt werden soll. Ed Koch und seine Kollegen sind damit betraut, den oder die Schuldigen zu finden und der Bestrafung zuzuführen, doch treten sie auf der Stelle, denn da ist jemand äußerst clever zu Werke gegangen. Als dann Ed – die Kurzform seines Namens zeugt von seiner Liebe zu dem britischen Inselstaat, der gerade erst seinen Status der 'splendid isolation' zurückgewonnen hat – Witterung aufnimmt und ein Verdacht in ihm aufkeimt, rollt das Unheil mit Macht auf ihn und auch auf seine Familie zu: bei der dritten Brandstiftung nämlich kommt ein Mensch ums Leben und gleichzeitig ereignet sich ein verhängnisvolles Unglück, das Ed völlig durcheinanderwirbelt und ihn die Richtung verlieren lässt, ihn blind macht für das, was tatsächlich geschehen ist und ihn schließlich auch sein persönliches Glück, das gerade erst zart begonnen hatte zu erblühen, kosten wird...
Mit dem ersten Fall für Ed Koch, wie bereits die Ergänzung zum Buchtitel verrät – man freut sich, dem Inselpolizisten wiederbegegnen zu dürfen, nachdem man ihn in „Sylter Flammenmeer“ kennengelernt hat! -, hat der Autor, der unter dem Pseudonym Max Ziegler schreibt, einen ruhigen, unaufgeregten, sich nur langsam entwickelnden und bis zum Ende nur mäßig spannenden Kriminalroman auf den Markt gebracht. Wenn man aber davon absieht und sich auf den Inhalt konzentriert, auf Aufbau und sorgfältige Figurenzeichnung, dann hat man ein wahres Schwergewicht vor sich, ein hervorragend geschriebenes Buch, das nachwirkt, das man auch nach beendeter Lektüre nicht einfach beiseitelegen und vergessen kann. Die Zustände, die den realen und aktuellen Hintergrund des Krimis bilden und die anscheinend niemand in den Griff bekommen kann noch möchte, lassen hilflos-zornige Gedanken aufkommen. Wo Geld im Spiel ist hört die Moral auf? Ganz gewiss ist das so – und der Roman macht daraus auch keinen Hehl. Grundsätzlich gilt mein Respekt denjenigen, die sich zur Wehr setzen, anstatt diese skandalösen Entwicklungen einfach als gottgegeben hinzunehmen. Dass sie sich nicht anders zu helfen wissen, als durch spektakuläre Aktionen darauf hinzuweisen, mag ihnen verziehen werden, selbst wenn die Wahl der Mittel fragwürdig ist und den Tatbestand einer kriminellen Handlung erfüllt.
Doch wie die Leser noch sehen werden, ist die Geschichte keineswegs eindimensional und beileibe nicht so offensichtlich wie es den Anschein haben mag, und am Ende, wenn man nicht tiefer schaut, jeden zufriedenstellend gelöst. Es spricht für die Klasse des Krimis und die Schreib- und Fabulierkunst seines Urhebers, dass man als Leser genau wie Ed das ursprüngliche Verbrechen aus dem Blickwinkel verliert über all den Enthüllungen, die sich im Laufe der Ermittlungen präsentieren – und einem erst durch die Frau, mit der Eduard hofft, eine neue Beziehung eingehen zu können, wieder präsent werden. Das ist richtig gut gemacht – und wären da nicht die häufigen und meines Erachtens unangebrachten Anglizismen, die leider auch Einzug halten in die Geschichte (alles, was man da auf Englisch raushaut, kann man noch viel schöner auf Deutsch sagen, es sei denn, man ist der deutschen Sprache nicht mächtig!) und derer es nicht bedarf, um dem Leser Eds Vorliebe für England klarzumachen, wäre der Krimi große Klasse gewesen! Nun, es wird weitere Fälle mit Eduard Koch geben – und vielleicht ist er dann auch wieder Papa oder Vater anstatt 'Dad', wenn die Kinder bis dahin nicht inzwischen ausgeflogen sind....

Veröffentlicht am 07.03.2022

Für den Rest des Lebens....

Fast am Ende der Welt
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Da haben sich zwei gefunden, denkt nicht nur Kellnerin Kathi, wenn man den langen, dünnen Josef Peukert und den kleinen, untersetzten Attila Bauer in ihrem Münchner Stammlokal zusammenhocken sieht und ...

Da haben sich zwei gefunden, denkt nicht nur Kellnerin Kathi, wenn man den langen, dünnen Josef Peukert und den kleinen, untersetzten Attila Bauer in ihrem Münchner Stammlokal zusammenhocken sieht und ihren Plänen lauscht! Auf's Land wollen sie, raus aus dem Großstadtgetriebe, die Stille suchen sie, das einfache Leben direkt am Busen der Natur. Ob die, vor allem bei dem Schickeria-Gewächs Attila, überschäumende Begeisterung die nicht vorhandene Erfahrung wettmacht, die es nun einmal braucht, wenn man einen zugemüllten, verfallenen Aussiedlerhof im tiefsten Bayern, jenseits aller Zivilisation, wie Siegfriedsruh, das einst als Sobeckhof bekannt war, instandsetzen und ihn schließlich bewirtschaften möchte? Und werden die beiden grundverschiedenen Münchner, deren bisherige Lebensentwürfe Lichtjahre voneinander entfernt waren, überhaupt auf lange Sicht miteinander klarkommen? Ist der gemeinsame, der große Traum als Bindeglied tragfähig genug? Die beiden nicht mehr jungen Herren scheinen sich darüber viel weniger Gedanken zu machen als all die unkenden Menschen in ihrem Umfeld. Sie schmieden Pläne und gehen die Sache an, nachdem das geeignete Objekt einmal gefunden wurde!
Das könnte denjenigen unter den Lesern, die ebenso heimliche Sehnsüchte nach einem einfachen Leben abseits der Hektik der modernen Zeit verspüren, Auftrieb geben, könnte sie ihren ganzen Mut zusammennehmen lassen, könnte man nun vielleicht denken, denn es sieht ganz danach aus, als würde den beiden ein wenig seltsamen Männern ihr Vorhaben gelingen, nachdem zu vernachlässigende Kleinigkeiten wie ein eingestürztes Dach, eine ob der strengen winterlichen Kälte komplett versagende Heizung und zugeschneite Zufahrtswege nach der Zwangsüberwinterung in den jeweiligen Münchner Wohnungen, die beide klugerweise behalten haben, erfolgreich behoben werden. Nun, alles kein oder doch wenigstens kein unlösbares Problem, wenn man über scheinbar unbegrenzte finanzielle Mittel verfügt, wie der ehemals erfolgreiche Antiquitätenhändler Attila, der durch nicht ganz astreine Geschäfte bei den Reichen und, dank Botox und Co., einigermaßen Schönen aus der zweifelhaften feinen Gesellschaft Münchens – aber die Stadt könnte dabei durchaus austauschbar sein, denn die Geldleut' sind überall gleich! - in Ungnade gefallen aber, wie das nun einmal seiner Stehaufmännchennatur entspricht, sicher auf allen Vieren gelandet ist. Und wenn man dank seiner quirligen, durchaus menschenfreundlichen Natur auch in Zeiten, in denen Handwerker so gesucht und so schwer zu bekommen sind wie nie, auf einen Haufen nützlicher Kontakte zurückgreifen kann! Denn obwohl Schreiner von Beruf ist Attila niemand, der praktische Tätigkeiten verrichten könnte oder möchte. Er versteht sich als Organisator – und dieses Metier beherrscht er meisterhaft – und als Ideengeber, worin er, das muss man ihm lassen, geradezu unschlagbar ist. Doch leider verfliegt seine Begeisterung oft genauso schnell, wie sie gekommen ist! Das stellt einerseits ein Risiko für diejenigen dar, die sich mit ihm einlassen, ist anderseits jedoch eine Erleichterung für den besonnenen, vorsichtigen Josef, wenn's der Attila einmal gar zu bunt treibt mit seinen exotischen Einfällen!
Ja, nun ist es an der Zeit, dem Mitbewohner des Paradiesvogels, dem Josef Peukert, ein paar Gedanken zu widmen! Ein merkwürdiger Kauz ist er, der auf seine Art nicht weniger eigenartig ist als sein neugefundener Kumpel mit dem großspurigen Namen, für den ein gewisser Hunnenkönig Pate gestanden haben mag – aber vielleicht, wenn man seinem Vater begegnet, der noch immer die Welt mit seinen verrotteten Ansichten unsicher macht, auch nur der Vorstellung von Originalität seitens der Eltern, die offensichtlich nicht die hellsten Lichter am Kronleuchter waren, entsprungen ist. Ein an Reduziertheit nicht zu übertreffendes Leben hat der Josef geführt, 65 Jahre lang – bis er dem kunterbunt gekleideten Attila begegnete. Bis zu ihrem Tod hat er mit der früh verwitweten Mutter in einer recht geräumigen Wohnung in der Münchner Innenstadt gelebt, wie's ausschaut haben sich die Zwei sogar ein Bett geteilt. Freunde hat er nicht gehabt, auch nicht in der Eisenwarenhandlung, in der er zeitlebens gearbeitet hat, immer pünktlich, immer korrekt, jedes Schräubchen beim Namen nennen könnend, ohne es je an seinen ihm bestimmten Platz angebracht zu haben. Die Stille liebt er, der Herr Josef, das ist das, was ihn wohl am besten beschreibt. Und eine tiefe Sehnsucht hegt er – wie man im Laufe der Geschichte langsam begreift, nach Zugehörigkeit, nach Menschen, ganz wenige reichen ihm, mit denen er eine Familie sein kann. Diese Glückes wird er, der Leser wird es bald feststellen, da draußen auf dem Land teilhaftig, für eine unvergessliche, aber leider nur kurze Zeit. Aber auch wenn er auf traurige Weise verliert, was er immer gesucht hatte – ist ein zwar kurzes, aber intensiv gelebtes Glück nicht tausendmal mehr wert als ein Leben, das nur aus unerfüllten Sehnsüchten besteht? Ob Josef das schließlich auch so sehen wird, bleibt dahingestellt, auch, ob er wirklich bereit ist, sich auf ein neues Abenteuer oder, wenn man so will, eine neue Suche nach dem Glück einzulassen, mit dem unverwüstlichen Attila an seiner Seite.
Zwei interessante Charaktere hat Bernd Schroeder mit den beiden Münchnern, die sich einen Lebenstraum erfüllen, geschaffen. Nicht sofort erschließen sie sich dem Leser, es braucht die gesamte Geschichte mit all ihren Ver- und Entwicklungen, um tiefer in sie hineinzuschauen, sie zu begreifen. Tiefgründigkeit kann man bei Josef früher vermuten als bei Attila, dem man, je mehr man von seinem reichlich unsteten Leben erfährt, in dem er ständig auf der Suche nach etwas Neuem war, in dem eine Begeisterung die andere ablöste, vielleicht vorschnell Oberflächlichkeit attestieren würde, ebenso wie Unzuverlässigkeit und Egoismus. Doch weit gefehlt! Menschen, die ihm etwas bedeuten, lässt er nicht fallen; er kümmert sich, kann eine Beharrlichkeit entwickeln, die seine Sprunghaftigkeit Lügen straft. Dem Josef ist er ein treuer Freund, wobei man eher umgekehrte Rollen erwartet hätte! Dass es schließlich der Josef sein würde, der den gemeinsamen Traum ziehen lässt und einen Rückzieher macht, überrascht. Die Entwicklung der Handlung überrascht ebenfalls, das Ende war ganz und gar nicht vorhersehbar – und ich bin mir auch jetzt, nachdem ich Muße hatte, das Gelesene zu reflektieren, nicht sicher, ob es mir gefällt, ob es das einzig logische war oder ob es nicht noch andere Wege gegeben hätte, die Geschichte enden zu lassen. Enden? Das ist nicht der richtige Ausdruck, denn der Schluss ist im Grunde offen, der Leser kann sich ausmalen, wie das nun weitergeht mit Attila und Josef, oder ob überhaupt. Ob die alte von Sehnsucht von einer neuen abgelöst wird? Zu dem Josef, wie er sich mir zum Abschluss zeigt, würde das nicht passen, ich empfände es als nicht stimmig. Ja, in seiner Figur gibt es für mich nicht nachzuvollziehbare Brüche angesichts dieses, vom Autor gewählten Ausgangs.
Dass ich das Buch dennoch gerne gelesen habe, muss hinzugefügt werden, obschon der schöngeschriebene, einfühlsam erzählte Anfang denn doch nicht gehalten hat, was er versprach und ich darüberhinaus ein eingefügtes Krimielement als vollkommen überflüssig und der Geschichte selbst nicht dienlich erachte, was auch für den unerwarteten und wenig gewinnenden Besuch aus Amerika gilt. Beides stört den ruhigen Fluss der sich langsam und ansonsten folgerichtigen entwickelnden Erzählung mit dem rührend altmodischen Touch, der mich zu Beginn meiner Lektüre so unwiderstehlich in seinen Bann gezogen hatte. Schade, dass dieser Eindruck kein bleibender war und die durchaus realistische Geschichte abgeflacht ist, je weiter sie sich entwickelte. Nicht alles, meine ich, muss an das Vorbild der Realität angepasst werden; in Romanen darf man als Autor über das Schicksal ruhig mal selber bestimmen und es in eine verheißungsvolle Richtung lenken!

Veröffentlicht am 28.02.2022

Happy End für Außenseiter

Nordlichtträume am Fjord
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Wie der Titel bereits andeutet, ist Norwegen der Schauplatz der romantischen Geschichte, die Julie Larsen ihren Leserinnen in dem hier zu besprechenden Roman erzählt. Norwegen in der Gegend um Trondheim, ...

Wie der Titel bereits andeutet, ist Norwegen der Schauplatz der romantischen Geschichte, die Julie Larsen ihren Leserinnen in dem hier zu besprechenden Roman erzählt. Norwegen in der Gegend um Trondheim, um genau zu sein, einer überwältigend schönen Landschaft, in der die Protagonistin Annabell aus Hamburg landet, um dort auf dem Hof der Familie Solberg für eine Weile zu arbeiten. Auf eine Stellenanzeige hatte sie sich beworben, nicht ahnend, dass es ganz sicher nicht die Besitzerin des Hofes mit ehemaliger Spinnerei war, die ihren Arbeitsvertrag online unterschrieben hatte, und die von Annabells Ankunft genauso überrascht war wie Annabell enttäuscht von der Tatsache, dass es keinen Arbeitsplatz für sie geben sollte. Zurück nach Hamburg? Unmöglich, denn vor ihrem Leben dort – und vor sich selbst, wie die Leser erfahren werden – war die schicke junge Frau geflohen, nachdem sie nicht nur ihre Arbeit verloren hatte sondern zu ihrem Entsetzen auch noch schwanger geworden war nach einer Nacht mit einer Zufallsbekanntschaft. Zum Glück ist Berit Solberg zwar eine schnell aufbrausende, aber eben auch eine patente Frau mit dem Herz auf dem rechten Fleck und findet nach der ersten rechtschaffenen Empörung flugs eine Beschäftigung für die aus den Bahnen ihres geregelten und kontrollierten Lebens geworfenen Annabell, die in ihren Designerklamotten und großstädtischem Auftreten so gar nicht in die raue Gegend hoch oben im Norden passen will, zu ihrer eigenen Überraschung aber sehr bald Gefallen findet an ihrer leicht chaotischen, doch überaus toleranten Gastgeberin nebst Familie und der ungezwungenen Freundlichkeit, die ihr entgegengebracht wird. Und als sie dann auch noch dem zurückhaltenden, gar menschenscheuen Schafbauern und Sonderling Bjarne, der seine eigenen Geheimnisse hütet, näherkommt und überdies ihre organisatorischen Fähigkeiten als Marketingfachfrau, als die sie in Hamburg erfolgreich war, gefragt sind für die Bildung einer Kooperative, von der die kreativen Bewohner des Örtchens Elvasund träumen, um die Traditionen zu wahren und ihnen Zukunft zu geben, beginnt Annabell allmählich, nicht nur die Scherben, in die ihr bisheriges Leben vermeintlich zerfallen ist, aufzusammeln, sondern sich gleichzeitig auch mit sich selbst und der Person, die sie glaubte zu sein, auseinanderzusetzen – und schließlich an eine Zukunft zu glauben, für die es allerdings den Mut braucht, über den eigenen Schatten zu springen....
Einen gefühlvollen Roman mit insgesamt liebenswerten Charakteren hat die Autorin mit ihren „Nordlichtträumen“ geschrieben, den ich mit geringen Abstrichen gern gelesen habe. Sie vermittelt durch das gerade richtige Maß an immer wieder wie zufällig eingestreuten, dankenswerterweise niemals episch ausgedehnten Landschaftsschilderungen, auch denjenigen unter den Leserinnen (denn es ist ganz gewiss ein Frauenroman, dem ich hier ein paar Gedanken widme), deren Weg sie nie hinauf in den Norden Europas geführt hat, einen bildhaften Eindruck des ob seiner Naturschönheiten als Urlaubsziel so beliebten skandinavischen Landes, das durch den Ölboom vor wenigen Jahrzehnten aus seinem Dornröschenschlaf gerissen wurde und nun eines der europäischen Länder mit dem höchsten Lebensstandard ist. Doch was noch wichtiger ist – ihre Charaktere sind so gezeichnet, dass sie nicht austauschbar sind, man sie nur in einer Geschichte finden kann, die eben in Norwegen spielt. Kurz und gut – sie sind authentisch in ihrer gelassenen Fröhlichkeit und Freundlichkeit, ihrer Unkompliziertheit und Bereitschaft, das Leben so zu nehmen, wie es kommt, entschlossen, ihm in jeder Lebenslage etwas abzugewinnen, das beste aus jedem Tag zu machen.
Die Figur der Annabell ist das genaue Gegenteil zu den Menschen, die sie vorurteilsfrei aufnehmen und deren Freundschaft sie sich schon bald wünscht. Oberflächlich betrachtet ist sie eine typische Vertreterin ihrer Generation, ihres Landes und ihres Berufsstandes: erfolgreich, dynamisch, unabhängig und reichlich selbstbezogen. Dass viel mehr in ihr steckt, lernt sie im Laufe der Geschichte – durch die Begegnung mit einer Welt, die der eigenen so gar nicht ähnelt, mit Menschen, die alles andere als oberflächlich sind, die in ihrer unkomplizierten Schlichtheit begriffen haben, worum es im Leben geht.
So schön, so gut! Allerdings ist auch die sich wandelnde Annabell eine eher schwache Protagonistin, nicht so ganz glaubwürdig, nicht fassbar (und als sehr störend empfand ich, dass sie in nicht einmal zwei Wochen Norwegisch so gut gelernt haben will, dass sie sich schon vom ersten Tag an flüssig über alle anfallenden Themen unterhalten kann! Das ist des Guten denn doch zuviel, sogar wenn man über eine außergewöhnliche Sprachbegabung verfügt!). Sie ist bedauerlicherweise niemand, dem ich mich tiefer annähern konnte. Und das gilt auch für den eigentlich sympathischen Bjarne, dessen Seelenleben jedoch so überaus kompliziert ist und dessen ihn ständig aufs Neue überfallenden Selbstvorwürfe im letzten Drittel des Romans ermüdend waren. Was verbindet die beiden, habe ich mich immer wieder gefragt. Ihre Einsamkeit, ihr Außenseitertum? Es muss wohl so sein! Sie scheinen einander genau das zu geben, was der jeweils andere braucht. Aber so recht überzeugen will mich das nicht...
Doch sei's drum! Ob der vielen klugen Gedanken, mit denen man des öfteren überrascht wird und nicht zuletzt den liebevoll geschilderten Details, den sichtbaren wie auch unsichtbaren, den häufig zu lesenden Andeutungen einer reichen Sagenwelt, die zum Alltag der ländlichen Bevölkerung im schönen Norwegen gehören, betrachte ich Julie Larsens Roman als wirklich lesenswert. Perfekt für die Romantiker unter den Leserinnen, denen eine Liebesgeschichte, die sich zart entfaltet und nach einigen Hindernissen direkt ins Happy End mündet, über alles geht!

Veröffentlicht am 27.02.2022

Kontroverse Meinungen zu kontroversen Themen unserer Zeit

Ungeschminkt hält besser
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Einige Faktoren treffen in der Regel zusammen, die darüber entscheiden, ob ein Buch letztlich gelesen wird oder nicht! Autor, Titel, Inhaltsbeschreibung – aber auch der Gestaltung des Covers kommt sicher ...

Einige Faktoren treffen in der Regel zusammen, die darüber entscheiden, ob ein Buch letztlich gelesen wird oder nicht! Autor, Titel, Inhaltsbeschreibung – aber auch der Gestaltung des Covers kommt sicher eine nicht unerhebliche Bedeutung bei der Wahl eines Buches zu, vor allem dann, wenn es ein Blickfang ist, was bei dem Cover des hier zu besprechenden Buches von Lothar Beutin, „Ungeschminkt hält besser“ gewiss nicht der Fall ist. Sicherlich, es kommt stets darauf an, was zwischen den beiden Buchdeckeln zu finden ist – aber wäre vorliegender Titel nicht Gegenstand einer Leserunde gewesen, so wäre er mir vermutlich niemals aufgefallen beziehungsweise hätte ich bei meinen gelegentlichen Streifzügen durch die heimischen Buchläden nicht danach gegriffen. In der Tat habe ich mich auch nach beendeter Lektüre und also mehrfachem Auf- und Zuklappen des Buches nicht anfreunden können mit dieser, wie ich finde, etwas gruseligen Covergestaltung.
Sei's drum, denn wie schon erwähnt ist der Inhalt das Ausschlaggebende für die Bewertung eines Romans, ob Krimi, Thriller, Fantasy, Novelle oder, wie hier, eines Diskurses in vierzehn Kapiteln, und nicht die Verpackung. Eines fiktiven Diskurses, der jedoch jederzeit auch in der Realität stattfinden könnte, ja, von dem man sich wünschen möchte, dass er so oder ganz ähnlich vielfach und immer wieder stattfindet. Zwischen Gleichaltrigen, Gleichgesinnten oder Menschen, deren Meinungen divergieren oder die viele Lebensjahre voneinander trennen. In genau der Form, die der Autor gewählt hat und auf die ich noch zu sprechen kommen werde!
Lothar Beutin lässt zwei Menschen aufeinander stoßen, zwischen denen sich normalerweise kein längeres Gespräch entwickelt hätte, nicht jedenfalls in unserer Gesellschaft und in diesem unserem Lande, in dem, so scheint mir nur allzu oft, Berührungspunkte, gar Interaktionen zwischen den Generationen nicht (mehr) vorgesehen sind, wenn man einmal von dem familiären Bereich absieht, denn da kommen, freilich immer seltener, Großeltern und Enkel durchaus zusammen. Aber ob dabei ein derart intensiver Meinungsaustausch zwischen den Generationen Gepflogenheit ist wie derjenige, der sich zwischen den beiden Gesprächspartnern des Buches – dem Studenten Jakob und der Pensionärin Philomena – entwickelt, wage ich doch stark zu bezweifeln! Ein Umstand, den ich bedauere, denn, wie Jakob bald feststellt, sind die Alten nicht einfach nur schrullig, nicht mehr von dieser Welt, in der Zeit stehen geblieben und somit zu belächeln, sondern können sogar schwergewichtige Diskussionspartner sein, mit all den Erfahrungen, die das Alter nun einmal mit sich bringt.
Die vermeintlich verschrobene Alte, die Jakob in der Mensa der Universität antrifft und die ihn zunächst, so wie er das wahrnimmt, zudröhnt mit ihrem Monolog über all die unangenehmen und wenig appetitlichen Begleiterscheinungen, die das Alter mit sich bringt und wovon er sich eher abgestoßen als angezogen fühlt, ist, wie der selbstbewusste junge Mann sehr bald und durchaus wider Willen feststellt, eine blitzgescheite Dame, die ihren wachen Kopf zum Denken und Reflektieren benutzt und die unumwunden ihre eigene Meinung zu den relevantesten und gleichzeitig kontroversesten Themen der heutigen Zeit kundtut, Meinungen, die ganz gewiss überraschen mögen und sich, ohne sie werten zu wollen, unterscheiden von dem, was zu denken angesagt oder angeordnet ist. Nach der ersten Begegnung in der Mensa treffen sich die beiden ungleichen Gesprächspartner in der Folge immer wieder, mal im Café, mal im Restaurant, beim Spaziergang, oder sie reden am Telefon miteinander, als Philomena, von einem Urlaub in Schweden zurückgekehrt, die befohlene Quarantäne einzuhalten gezwungen ist.
Jakob fühlt sich längst angezogen von der klugen älteren Frau, die ehemals als Biologin arbeitete und sich als solche eine fundierte Meinung gebildet hatte zu den Lügen und Halbwahrheiten und Verschleierungen, die ihres Erachtens von der hohen Politik verbreitet werden – in Bezug etwa auf das Virus, das die Welt seit bereits mehr als zwei Jahren im Klammergriff hält und darüber hinaus. Die Gründe dafür liefert sie gleich mit... Er teilt viele von Philomenas Ansichten nicht, wirkt oft eine Spur zu gutgläubig, zu blauäugig, was ich als Leserin, die ihm aufmerksam folgt, vor allem auf sein junges Alter und damit konsequenterweise auf den Mangel an Lebenserfahrung zurückführe, denn informiert ist er schon, hat auch eine Meinung zu den meisten Punkten, die ihn der Autor mit Philomena diskutieren lässt. Er blendet für ihn – noch – nicht Relevantes bequemerweise aus oder lässt die Hoffnung, dass es schon nicht so sei, wie Philomena lapidar verkündet, obsiegen. Divergierende Meinungen, sehr unterschiedliche Sichtweisen – und diese werden auch so stehengelassen! Gelegentlich nähern sie sich an, aber häufiger noch endet ein Diskurs, ohne dass man einen Konsens gefunden hätte.
Dies aber ist auch gar nicht nötig, denn das Entscheidende ist für mich – und wohl auch für die beiden Freunde, als die ich sie im Laufe der Handlung, die nur durch die Gesprächsthemen lose geknüpft wird, betrachte -, dass man einander zuhört, aufmerksam, ohne dem jeweils anderen ins Wort zu fallen, dass man zwar miteinander diskutiert, die so unterschiedlichen Meinungen aber akzeptiert, nicht versucht, einander von der eigenen als der allein richtigen und gültigen zu überzeugen. Das ist Gesprächskultur, ist die Basis für einen ehrlichen Umgang miteinander und gleichzeitig auch der Ausgangspunkt für die Suche nach Lösungen aus verfahrenen Situationen. Die Herrschaften, die an den Schalthebeln der Macht sitzen und ihr eigenes, eigennütziges, gar zu oft verlogenes Süppchen kochen und meinen, dass ihre Manipulationen nicht durchschaut werden, womit sie bei der großen Masse der Bevölkerung ja auch ganz richtig liegen, sollten sich daran ein Beispiel nehmen....
Und was habe ich selbst aus dem Diskurs der beiden ungleichen Gefährten mitgenommen? Nun, bei manchen Ansichten, die Philomena Jakob darlegt, mal ruhig und gelassen, mal mehr oder minder stark erregt bis aufgewühlt, musste ich schon mal schlucken, gar oft schienen sie mir einen Anklang an die gängigen Verschwörungstheorien zu haben, die von einer Horde leicht oder ganz und gar Verblendeter in Umlauf gebracht werden. Da ich selbst nicht annähernd so vertraut bin mit nicht nur biologischen Themen zum Beispiel, worunter das Virus ja fällt, das für eine Spaltung der Gesellschaft gesorgt hat, wie es Philomena sehr offensichtlich ist, kann ich ihr weder zustimmen noch dagegenhalten. Das gilt auch für andere, in den vierzehn Kapiteln angesprochene Problempunkte. Noch, denn um sich eine eigene Meinung bilden zu können reicht es nicht, nur kritisch zu sein, sondern muss man vielmehr Informationen besitzen, und dies nicht nur aus einer einzigen Quelle. Das Exklusivwissen, über das Philomena verfügt, wird mir aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zugänglich sein – hinreichend informiert jedoch kann ich, können wir alle sein. Und dies ist die Voraussetzung dafür unsere eigenen Ansichten hinterfragen, überdenken, korrigieren, revidieren oder ganz neu bilden zu können, um sie dann auf ebenso zivilisierte Weise wie Philomena und ihr junger Freund mit anderen zu teilen, sofern diese denn bereit sind zuzuhören....