Profilbild von EmiliaAna

EmiliaAna

Lesejury Star
offline

EmiliaAna ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmiliaAna über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.02.2022

Morden, um Leben zu retten?

Die Schreie am Rande der Stadt
0

Als Kriminalroman wird Stefan Barzs hier zu besprechendes Buch bezeichnet. Und auch, wenn man während der Lektüre ins Zweifeln kommt, so ist er doch genau das! Ein Kriminalroman erzählt die Geschichte ...

Als Kriminalroman wird Stefan Barzs hier zu besprechendes Buch bezeichnet. Und auch, wenn man während der Lektüre ins Zweifeln kommt, so ist er doch genau das! Ein Kriminalroman erzählt die Geschichte eines Verbrechens, egal in welcher Zeit und unter welchen Umständen es sich ereignet hat, eines Verbrechens, das all die Faktoren beleuchtet, die einen Krimi ausmachen. Wie und warum konnte die im Zentrum der Geschichte stehende Tat geschehen? Aus welchen Gründen werden Menschen überhaupt zu Verbrechern? Wie ist schließlich ihre Schuld „vor dem Hintergrund von psychologischen und gesellschaftlichen Aspekten zu bewerten“? Ebenso werden, wie das bei einem guten Vertreter seines Genres sein sollte, die Ereignisse streng chronologisch erzählt – sieht man einmal von dem Prolog ab, der natürlich vorgreift, aber nicht zu sehr, als dass man lange nach einer Verbindung zur Handlung suchen müsste -, im Rückblick freilich, denn der Roman spielt sich auf zwei Zeitebenen ab, zwischen denen 60 Jahre liegen. Das Verbrechen hat sich auf der ersten Zeitebene, im Jahre 1933, ereignet, in jenem unseligen Jahr, das mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann, dem Jahr also, das eine zwölf Jahre währende Schreckensherrschaft einläuten sollte, und das bereits in diesem frühen Stadium der Hitler-Diktatur alle Merkmale aufwies, die ein Terrorregime braucht, um zu voller, zu schrecklicher Blüte zu verderben.
Ein Verbrechen wie dieses, das sich in jenem August – Hitler war erst ganze sechs Monate im Amt – zutrug, konnte nur in dieser schlimmen Zeit begangen werden, in der eine Gleichschaltung mit Macht und mit brutaler Gewalt vorangetrieben wurde, in der eine Gesellschaft mit den perfidesten Mitteln verhetzt und gespalten wurde und die Angst regierte. „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, lautete die tumbe Devise, wer nicht das angesagte Lied singt, wer also nicht laut genug die hirnlosen Naziparolen grölt und die Anständigen und Aufrechten zum Schweigen bringt, der wird einkassiert, eingesperrt, zusammengeschlagen und ermordet. Und Mord war in letzter Konsequenz immer der Ausgang für die Andersdenkenden; die als Arbeits-, vielfach auch als Umerziehungslager zynisch-euphemistisch apostrophierten Konzentrationslager waren staatlich sanktionierte Tötungsanstalten, wie wir alle längst wissen und wie, so muss ich hinzufügen, die Mehrheit der geblendeten oder blind sein wollenden Bevölkerung bereits damals und während des gesamten Dritten Reichs wusste.
All dies muss man sich vor Augen halten, um den Mord, auf dessen Spuren sich der Journalist Martin Tesche im Jahre 1993 begibt, einordnen und bewerten zu können. Johannes Tesche, Martins Vater, den der Sohn nur als hochanständigen, integren und ehrenwerten Menschen kennengelernt hatte, hinterließ bei seinem Ableben Tagebücher aus dem Jahr, das alles verändern und eine ganze Nation zu Mördern machen sollte – immer unter dem Aspekt der Kollektivschuld, als deren Vertreter ich mich bekenne! Vielleicht, so kommt der Gedanke, hätte Martin davon Abstand nehmen sollen, einen Blick in zutiefst private Aufzeichnungen zu werfen, die Tagebücher nun einmal sind. Schlafende Hunde wären nicht geweckt worden, zumal die aus Martins Nachforschungen resultierenden Erkenntnisse niemandem mehr nutzten, genauso, wie sie niemandem mehr Schaden zufügen konnten. Aber nun, Martin Tesche hatte die Büchse der Pandora geöffnet und die Ereignisse mussten jetzt ihren Gang nehmen. Was den Journalisten umtreibt, ist zuvörderst die Reinwaschung des Andenkens an den geliebten Vater, denn der emeritierte Literaturprofessor hatte in den Tagebuchaufzeichnungen einen Mord erwähnt – und seine eigene Beteiligung an dieser Schandtat! Wie weit diese reichte hatte er offen gelassen – und gerade dies ließ Tesche junior von nun an keine Ruhe mehr. Als Journalist wusste er natürlich, wie man Nachforschungen anstellt, und so wurde er alsbald fündig in der Heimatstadt des Vaters, in Wuppertal, wohin Johannes Tesche nach seiner Emigration gleich nach dem Mord, dem Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, nie wieder zurückgekehrt war und auch dem Sohn hatte er weder von der Stadt seiner Kindheit erzählt noch sie ihm jemals gezeigt. Es war geradeso, als hätte es Tesche seniors Leben vor 1933 nie gegeben. Mit der anfangs nur mit Widerwillen geleisteten Hilfe Gerda Steinjans jedoch, einer engen Jugendfreundin seines Vaters, die er in Wuppertal ausfindig gemacht hatte, näherte er sich Schritt für Schritt der Auflösung des Mordfalls, die ihn schließlich zwar befreit, aber verstört und nachdenklich zurücklassen würde....
Wie den empathiefähigen Leser, möchte ich hinzufügen, denn das, was der fiktive Martin Tesche in Stefan Barzs intensivem, zutiefst beunruhigendem, geradezu schlaflose Nächte verursachendem Kriminalroman aus der bösen, bösen braunen Zeit herausfindet, ist alles andere als fiktiv! Es zeigt nicht nur anhand der Figur desjenigen, der später das Mordopfer werden sollte, welch kleiner Schritt es war von einem anständigen Jungen mit Gewissen und Moral zu einem begeisterten Hitlerjungen, der beides ohne größere Bedenken und quasi von heute auf morgen über Bord warf und sich nahtlos in die 'festgeschlossenen Reihen' der Brutalos einfügte, ja der sogar Gefallen daran fand, wehrlose Menschen zu prügeln, zu treten und auch nicht aufzuhören, wenn sie bereits halbtot auf dem Boden lagen. Es gibt auch einen Einblick in das nicht lange, dafür aber um so nachdrücklicher existierende Konzentrationslager Kemna in einem Wuppertaler Stadtteil, bei dem man sich nur mit Schaudern und tiefer Betroffenheit abwenden mag. Und hier sind wir beim Punkt, genau hier: man wendet sich ab, weil man das Schreckliche nicht ertragen kann. Man wendet sich ab, weil man Angst um das eigene armselige Leben hat. Oder, und das ist das bei Weitem Schlimmste, man wendet sich aus Gleichgültigkeit ab, es geht einen ja schließlich nichts an, nicht wahr? Wenn man den Faden weiterspinnt, dann kommt man unweigerlich zu zweierlei Erkenntnis: wir Menschen sind in der Mehrzahl schwach und feige und beeinflussbar und verführbar und selbstbezogen. Daran hat sich auch in vielen tausend Jahren, in denen die Krone der Schöpfung bereits die Erde unsicher macht, nichts geändert. Daraus resultiert, dass in Kenntnis dieser Schwäche, dieses Makels jeder Diktator der Welt leichtes Spiel hat – wie wir damals exemplarisch sehen konnten und wie es auch heute in all den Krisen-, den Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten unseres verwundeten blauen Planeten geschieht.
Um aber meine Ausschweifungen zu beenden, zu denen meine Lektüre des Krimis „Die Schreie am Rande der Stadt“ Anlass gibt, möchte ich schließlich noch eine kleine Bemerkung einfließen lassen zu dem, was ich bereits vorhin erwähnt habe: In seinem Nachwort sagt der Autor in unmissverständlicher Deutlichkeit, dass „die Kriminalhandlung den Rahmen bilden“ sollte, „um die Geschichte des Kemnaer Konzentrationslagers zu erzählen“. In der Tat nimmt der Aufenthalt des jungen Johannes Tesche im Juli des Jahres 1933 in der ehemaligen Putzwollfabrik Kemna breiten Raum in dem Kriminalroman ein. Dennoch sehe ich die Kriminalhandlung nicht als bloßen Rahmen an, dazu wird die Vorgeschichte zu ausführlich erzählt, lernt man die handelnden Personen – neben Johannes und Gerda noch die drei Freunde Friedrich, Henri und Georg – zu genau kennen, was dazu führt, dass man alsbald starken Anteil an ihnen nimmt. Und dies über den Roman hinaus.
Zusammenfassend möchte ich Stafan Barz hohes Lob zollen für diese Kriminalgeschichte, die durchweg spannend ist, die nie langweilt, nie auf der Stelle tritt und sich folgerichtig auf ihre Auflösung hinbewegt – die nur diese eine sein konnte. Die schwierige, Emotionen provozierende Thematik wurde mit dem gebotenen Respekt behandelt und vermittelte sich durch die neutrale, sachliche, manchmal lapidare Erzählweise des Autors auf eine besonders intensive und eindringliche Weise. Auch beinahe 90 Jahre nachdem die dunkelste Epoche der neueren deutschen Geschichte ihren Anfang nahm, erachte ich es als essentiell, die Erinnerung wach zu halten, um selbst wachsam zu bleiben, in immerwährender Bestrebung, auch den kleinsten Anfängen zu wehren. Stefan Barzs Roman leistet dazu seinen eindrucksvollen Beitrag!

Veröffentlicht am 27.02.2022

Neubeginn mit Hindernissen

Eine Liebe in Regensburg
0

Die Geschichte, die in „Eine Liebe in Regensburg“ erzählt wird, geht genau da weiter, wo „Rückkehr nach Regensburg“ aufgehört hat – ein Grund, warum man besagten ersten Band gelesen haben sollte, bevor ...

Die Geschichte, die in „Eine Liebe in Regensburg“ erzählt wird, geht genau da weiter, wo „Rückkehr nach Regensburg“ aufgehört hat – ein Grund, warum man besagten ersten Band gelesen haben sollte, bevor man sich an die Lektüre des hier zu besprechenden Büchleins macht! Dennoch haben wir eine neue, eine eigenständige Novelle vor uns, denn es beginnt etwas unverhofft Neues auf der Walhalla, dem Ort, an dem wir Richard und Dana verlassen haben.
Ohne Zögern und Zaudern, mit absoluter Gewissheit, dass sie das Richtige tun, jetzt, nach so vielen Jahren der Trennung, während derer jeder von beiden ein Leben aufgebaut hatte, das mit dem des jeweils anderen keine Berührungspunkte hatte, sagen Richard und Dana Ja zueinander! Den letzten Abschnitt ihres Lebens wollen sie gemeinsam gehen, alle Höhen und Tiefen miteinander teilen! Dass derer gar viele ihrer harren sollten, konnten sie in diesem Moment der Glückseligkeit nicht ahnen, und selbst wenn sie es getan hätten, wären sie gewiss überzeugt gewesen, alle Hürden gemeinsam nehmen zu können, denn bekanntlich kann Liebe Berge versetzen!
Es gehört Mut zu einem Neuanfang, und je älter man wird, umso eingefahrener ist man gewöhnlich in den alten, ewig gleichen Geleisen, auf denen man sich mehr oder minder komfortabel, vielleicht auch resigniert, eingerichtet hat. Dass aber Richard sein Leben in Frankfurt von einer Sekunde auf die nächste aufgeben würde, und dies offensichtlich leichten Herzens, erstaunt und spricht gleichzeitig von der Einsamkeit, in der er nach dem Tode seiner Frau Eva gefangen war. Er weiß die Chance zu nutzen, die sich ihm mit dem Wiederfinden seiner nie vergessenen Jugendliebe Dana in Regensburg geboten hat.
Dana ihrerseits – nun, es will mir auch in dieser zweiten Geschichte der Novellen-Trilogie nicht gelingen, tiefer in sie hineinzuschauen! Dank dem finanzkräftigen Richard und dem Dritten im Bunde, seinem Freund Christian, dem Anwalt und Notar, der auch nicht eben am Hungertuch nagen muss, kann sie sich – ohne dass, wie im Laufe der Erzählung klar wird, Berechnung im Spiel ist, die man angesichts der doch sehr überstürzten Eheschließung vielleicht mutmaßen mag – einen Traum verwirklichen, für dessen Umsetzung sie bereits einen beinahe lückenlosen Plan erstellt hat: die Eröffnung eines kleinen Hotels mit qualitativ hochwertiger Gastronomie in einem renovierungsbedürftigen, aber bezaubernden Altbau am Brückenkopf in Regensburg. Schwierigkeiten sind vorprogrammiert, allzumal die drei Partner Neulinge sind auf dem Gebiet, dem sie sich künftig mit Leib und Seele widmen wollen – und wenn man darüber liest, wird einem unwillkürlich mulmig zumute. Man ahnt Ungemach, was durch den Paukenschlag, mit dem diese zweite Novelle der Trilogie endet, bestätig wird. Soweit die Handlung, die, wie bei einer Literatursorte dieser Art üblich, sehr überschaubar ist – und dennoch Stoff für einen ganzen Roman liefern könnte!
Charme hat sie unbestreitbar, diese Novelle. Voller Warmherzigkeit ist sie, voller Menschenfreundlichkeit, Mut und Hoffnung. Ein Büchlein für die Verzagten, für die Einsamen, genauso wie für die Tapferen und Wagemutigen unter den Lesern und diejenigen, die sich insgeheim einen Neuanfang wünschen, sich aber nicht trauen, ihn in die Tat umzusetzen. Und nicht zuletzt für jene Leser, die selbst einen Neuanfang gewagt haben und genau wissen, dass dies nicht so einfach ist, dass es nicht damit getan ist, sich aus dem alten Leben herauszuwagen. Denn das ist nur der erste Schritt, dem viele weitere folgen müssen, immer wieder auch auf steinigem Gelände. Wohl dem, der diese Schritte nicht alleine tun muss! Richard, Dana und Christian sind einander eine Stütze; Meinungsverschiedenheiten werden auf besonnene, stets zivilisierte Art und Weise gelöst. Das ist wunderbar zu lesen!
Beeindruckt war ich nicht nur von dem Optimismus der drei Neu-Unternehmer ohne einschlägige Erfahrungen, sondern dann vor allem von Richards Haltung seinem Sohn gegenüber, der, um sein Erbe fürchtend, den nicht mehr wiederzuerkennenden Vater entmündigen lassen möchte. Für gar viele Väter wäre dieses Verhalten Grund für einen Bruch mit den gierigen Anverwandten – nicht so freilich für Richard, der seinen uneinsichtigen Sohn schließlich aufsucht und um eine Unterredung bittet, voller Verständnis für den Verirrten, und voller Liebe. Nach wie vor und trotz allem. Diese Größe erstaunt und beschämt gleichzeitig – und macht die kurze, für meinen Geschmack etwas zu dialogreiche Geschichte zu etwas ganz besonderem!
Freuen wir uns also auf ein Wiedersehen mit den Protagonisten und hoffen wir, dass das Glück am Ende mit den Tapferen sein möge!

Veröffentlicht am 26.02.2022

Reise mit Überraschungen

Rückkehr nach Regensburg
0

Um es vorweg zu sagen: ich habe ein Faible für Novellen! Und in der Literaturgeschichte gibt es einige großartige Beispiele dieser Textsorte, die der Textgattung Epik zughörig ist. Denken wir nur einmal ...

Um es vorweg zu sagen: ich habe ein Faible für Novellen! Und in der Literaturgeschichte gibt es einige großartige Beispiele dieser Textsorte, die der Textgattung Epik zughörig ist. Denken wir nur einmal an Stefan Zweig, der für mich der Meister schlechthin der Novelle ist. Die Messlatte liegt also hoch, zumal längst nicht jeder als solche apostrophierte Text tatsächlich die Merkmale einer Novelle aufweist. Derartige Beispiele bezeichnet man dann besser als Kurzromane, wenn sie schon den Kriterien einer Kurzgeschichte nicht entsprechen.
Durch viele Enttäuschungen vorbelastet begab ich mich also an die Lektüre von Rüdiger Marmullas erstem Band einer Trilogie, dem hier zu besprechenden „Rückkehr nach Regensburg“. Auch neugierig, denn bislang kannte ich aus seiner Feder nur „Der Abenteuergarten“, in dem er in kurzen Geschichten einen überraschend offenen Einblick in sein Leben und seine Persönlichkeit gibt – ein schmales Werk, das ich nur als sehr gelungen bezeichnen kann.
Meine Bedenken im Vorfeld – wie ich sie immer habe, bevor ich eine Novelle lese – waren, wie ich mir eigentlich hätte denken können, unbegründet! Das, was der Autor dem Leser vorlegt, ist nämlich in der Tat eine Novelle, genau wie aus dem Lehrbuch, wenn man sich klar macht, dass es sich bei den vermeintlichen Rückblenden, die in Novellen nicht vorgesehen sind, in Wahrheit um eine Binnenerzählung, eingebettet in eine Rahmenhandlung, handelt, eine beliebte Erzähltechnik der Novelle.
Novellen sind 'Neuigkeiten', haben also keineswegs eine ganz normale Alltagssituation zum Inhalt, sondern vielmehr etwas Außergewöhnliches, auch wenn dies in „Rückkehr nach Regensburg“ zunächst nicht den Anschein hat, denn das, was der Protagonist Richard mit seinem Freund Christian unternimmt, ist eine ganz normale Städtereise, nach Regensburg eben, der Stadt, in der Richard aufwuchs und die er seinem Freund zeigen möchte. Dass er damit eine Reise in die Vergangenheit macht und die Erinnerungen an Dana, seine erste, seine ganz große Liebe, die recht traurig endete, immer lebendiger werden – hier also haben wir unsere Binnenerzählung -, hat er nicht erwartet. Nach all den Jahren, die seit der unglückseligen Trennung von Dana vergangen sind und in denen er seine eigene Familie gegründet hatte, glaubte er, dass die schmerzende Wunde sich geschlossen hatte. Doch obschon er eine glückliche Ehe geführt hatte mit Eva, die drei Jahre zuvor von ihm gegangen war, war da immer noch Dana in seinem Herzen, die er – und nun bahnt sich der jeder Novelle zugehörige Wendepunkt an – in der Kellnerin eines Speiselokals, das er mit Freund Christian besucht, wiederzuerkennen glaubt, obgleich dies unmöglich scheint!
Doch Wendepunkte verändern nun einmal den Lauf einer Geschichte, geben ihr eine ganz neue, eine unerwartete Richtung. Das unmöglich Scheinende darf eintreten! Für den 68jährigen Richard, der etwas verloren, auf jeden Fall einsam wirkt und auch gesundheitlich nicht auf der Höhe ist, bietet sich nun ganz unverhofft eine zweite Chance auf eine gemeinsame Zukunft mit der nie vergessenen Liebe seines Lebens. Wünschen wir ihm, dass er sie ergreifen möge!
Im Gegensatz zu Thomas Mann, einem weiteren Meister der Novelle (was Wunder, denn alles, was er anpackte, brachte er zur Meisterschaft!), ist Rüdiger Marmulla dankenswerterweise ein Schriftsteller, der einen schnörkellosen Stil beherrscht, mit kurzen und klaren Sätzen, mit sozusagen 'unverpackten' Gedanken. Als nüchtern möchte ich seinen Erzählstil bezeichnen, als ausgewogen und besonnen. Und genau diesen Eindruck machen auch seine Charaktere – genaugenommen sind dies nur drei, und eine sehr begrenzte Anzahl von Personen ist ja schließlich ein weiteres Kriterium der Novelle! Wenn man nicht tiefer schaut freilich, denn gerade Richard ist starker Emotionen fähig, war es immer, wobei ich mir bei Dana noch nicht recht sicher sein kann, angesichts dessen, was man in der Binnenerzählung über sie erfährt.
Was sich aber ändern mag nach der Lektüre der beiden folgenden Novellen, die die Trilogie vervollständigen werden, die mir, nebenbei bemerkt, stark autobiographisch gefärbt zu sein scheint, wie ich in Kenntnis des „Abenteuergartens“ zu behaupten wage. Ein weiterer Grund, neugierig zu sein auf das, was das Leben beziehungsweise der Autor für die beiden Liebenden, die einander so unerwartet wiedergefunden haben, bereit hält. Aber halt – unerwartet? Rein zufällig? Ein Ereignis ohne kausale Erklärungen, wie das so oft eintritt im Leben eines jeden Menschen? Man könnte es auch anders sehen, so nämlich, wie es Albert Einstein formuliert hat: „Der Zufall ist Gottes Art anonym zu bleiben“. Belassen wir es einmal dabei!

Veröffentlicht am 17.02.2022

Ein 'sinnvoller Lebensabend' in Schweden mit Hindernissen

Herbstfrühling in Schweden
0

Über die Autorin erfährt man, bevor man mit der Lektüre des als „Schwedenroman mit Herz“ apostrophierten Roman-Märchens „Herbstfrühling in Schweden“ beginnt, dass sie 'mit Herz, Humor und Gefühl' schriebe ...

Über die Autorin erfährt man, bevor man mit der Lektüre des als „Schwedenroman mit Herz“ apostrophierten Roman-Märchens „Herbstfrühling in Schweden“ beginnt, dass sie 'mit Herz, Humor und Gefühl' schriebe und 'den Figuren ihrer Geschichten so viel Leben' einhauche, 'dass man meint, sie schon seit Ewigkeiten zu kennen'.
Fein, dachte ich und freute mich auf unbeschwerte, entspannte Lesestunden, einfach zum Abschalten, als Ausgleich zur immer nerviger werdenden und sich ins Unendliche hinziehenden gegenwärtigen Situation, in unserer Gesellschaft und anderswo! Zum Glück war mein Anspruch kein hoher, ansonsten wäre Renas Schwedengeschichte, fern aller Realität, weshalb ich das Ganze oben auch als 'Märchen' bezeichnet habe, ein rechtes Ärgernis gewesen.
Von unverhofften, ungewöhnlichen Erbschaften hört man ja immer wieder einmal, meistens aus dritter Hand, denn jemand kennt jemanden, der gehört hat... - man kennt das! Und stellt sich nichtsdestotrotz vielleicht selber vor, eines Tages der eine unter 10 Millionen oder so zu sein, dem so etwas in den Schoß fällt. Eine Finca auf Mallorca? Oder womöglich ein Cottage in Cornwall? Oder ein kuscheliges rotes Häuschen im schönen Schweden, in der Heimat von Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder den Kindern aus Bullerbü? Nun, Lotta Josefsdotters Heldin Rena – Renate, wie man irgendwann einmal beiläufig erfährt – fällt das sagenhafte Erbe zu, von ihrem unbekannten schwedischen Vater, der aber – und davon ist wohl im Vorgängerband die Rede – gar nicht verblichen ist, sich im Gegenteil bester Gesundheit erfreut und obendrein auch noch wohlhabend ist. Testen wollte er die Tochter, die vor Jahren einem One-Night-Stand entsprossen ist. Oder sie einfach nur kennenlernen. Das werden diejenigen unter der Leserschaft wissen, die Rena und dem Vater bereits im ersten Band begegnet sind. Aber wichtig ist das nicht, wie ich auch nicht meine, dass es notwendig ist, besagten Band gelesen haben zu müssen, um der Handlung des hier zu besprechenden „Herbstfrühlings“ folgen zu können.
Denn hier bahnt sich eine neue Geschiche an: das Herrenhaus, das Rena gegen das ursprünglich geerbte und mit Mühen renovierte viel kleinere Häuschen im Walde eingetauscht hat, soll einem wohltätigen Zweck und die Besitzerin selbst offensichtlich einer Beschäftigung zugeführt werden – und auswanderungswillige Senioren des Kirchenchors aus Renas Heimatstadt Balve aufnehmen, um ihnen zu helfen, den Rest ihres Lebens sinnvoll zu gestalten. Na danke, dachte ich, über das, was sinnvoll ist oder nicht möchte ich schon gerne selbst bestimmen dürfen, auch noch im höheren oder gar hohen Alter! Also nein – ich hätte mich gewiss nicht angesprochen gefühlt, mit Rena, Arvid, Einar und wie sie alle heißen, meinen Lebensabend zu verbringen. Aber ich bin, man wird es schon gemerkt haben, schließlich auch nicht die geeignete Leserin für ein Buch wie dieses, das, da bin ich ganz sicher, mit Gewissheit ein begeistertes Publikum finden wird, respektive bereits gefunden hat.
Für meinen Geschmack ist die Geschichte zu konstruiert, zu weit hergeholt, die Figuren desgleichen. Sie erschienen mir zu keinem Zeitpunkt wie alte, liebgewonnene Bekannte, erfüllten zu viele Klischees, mit denen ich rein gar nichts im Sinn habe. Ja, drei der Rentner, natürlich alle mackenbehaftet, waren reizend, so gutherzig wie guten Willens. Ihnen zu begegnen ist ganz vergnüglich. Seniorin Lisbeth hingegen – naja, das Klischee schlechthin! Und was den eigentlich sympathischen Einar, Vater der Hauptperson, dazu bringt, sich in gerade diese Zimtzicke zu verlieben – nun, das verstehe einer. Die Wege der Liebe sind verschlungen und unergründlich, um ein bekanntes Zitat abzuwandeln...
Am wenigsten gefallen jedoch hat mir in der Tat Rena, Heldin des Romans und Ich-Erzählerin – mal abgesehen von ihrer schrecklichen Instagram-Mutter, die leider Gottes alsbald mit Renas Zweitvater auftaucht, sich häuslich niederlässt auf dem Gutshof und alles und jeden dirigieren möchte und anscheinend nicht gedenkt, je wieder nach Hause, zurück nach Deutschland, zu fahren um gefälligst dort zu bleiben! Diese Rena also, um meine Gedanken weiterzuführen, ist so romantisch, dass es wehtut. Ständig schwebt sie inmitten einer rosaroten Wolke, die regelmäßig zerfällt, um einer neuen Platz zu machen, die dann wieder nicht tragfähig ist, und so fort.
Gefühlsduselei der Art, die Rena zu eigen ist, ist mir unerträglich. So wie ich nicht erfassen kann, aus welchem Grunde die Neu-Schwedin, die ständig betont, mit Arvid das große, das unverhoffte Glück ihres Lebens gefunden zu haben, dieser ihrer ach so großen Liebe sofort misstraut, sobald der arme Bursche nur mal die Mundwinkel hängen lässt oder nicht die ganze Zeit plappert. - Und wenn ich mir ihre eigenen Platitüden durchlese, dann möchte ich es lieber mit dem Sprichwort halten, dass Reden Silber, Schweigen aber Gold ist. - Welch große, große Unsicherheit doch in der Romantikerin wohnt, und wie leid einem Arvid tun kann, mit dieser auf Dauerharmonie abonnierten Klette täglich aufs Neue klarkommen und ihre immerwährenden Zweifel zerstreuen zu müssen! Fürchterlich schmalzig und ganz und gar unerträglich wird es dann aber, als Rena guter Hoffnung ist, das Kind als Krönung ihrer und Arvids Liebe schließlich unter Mitwirkung all der adoptierten Senioren nebst Mutter und der beiden Väter gebärt und zwischenzeitlich auch noch das Rätsel um die schöne Eyvor, deren im Gutshaus hängendem Porträt sie sich so nahe fühlt, auf die sentimentalste und gleichzeitig unwahrscheinlichste aller Weisen löst.
Doch so ist das nun einmal in Märchen: Ende gut, alles gut – und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage! Wünschen wir Rena und ihrem Sammelsurium von verirrten, verwirrten, freundlichen und unausstehlichen Mitbewohnern und Anverwandten, dass sie auch weiterhin in einer Blase des Glückes schweben mögen, dort oben im schönen Schweden, über dessen Gepflogenheiten man übrigens – lobend sei es erwähnt – eine ganze Menge erfährt. Freuen wir uns an der von Lotta Josefsdotter geschaffenen heilen Welt mit der gelegentlichen, harmlosen Schlange im Paradies – gerade in unserer so unheilen Zeit!

Veröffentlicht am 16.02.2022

Hochseilakrobatin zwischen zwei Wolkenkratzern

Sehnsucht nach Shanghai
0

Weder die seit einigen Jahrzehnten in Berlin lebende chinesische Schriftstellerin Luo Lingyuan noch die Frau, die im Mittelpunkt des hier zu besprechenden Romans „Sehnsucht nach Shanghai“ steht, waren ...

Weder die seit einigen Jahrzehnten in Berlin lebende chinesische Schriftstellerin Luo Lingyuan noch die Frau, die im Mittelpunkt des hier zu besprechenden Romans „Sehnsucht nach Shanghai“ steht, waren mir zu Beginn der Lektüre ein Begriff. Je mehr ich las, umso beklagenswerter erschien mir mein Nicht-Wissen, umso erstaunter bin ich, tatsächlich noch nie etwas gehört oder gelesen zu haben über die amerikanische Journalistin und Autorin, die während ihres langen Lebens ungemein produktiv war, die außer zahlreichen Artikeln für „The New Yorker“ auch rund 50 Bücher, fast alle biographisch geprägt, wie ich inzwischen weiß, veröffentlicht hat, von denen einige nach wie vor oder, zum Glück, wieder, wie ich nach weiterführendem Lesen sagen darf, im Druck sind.
Eine unglaublich spannende Frau habe ich dank Luo Lingyuans Roman, in dem sie sich, wie sie in ihrem Nachwort betont, an das reichlich vorhandene Material – Sekundärliteratur wie auch Originalquellen – hält, kennengelernt, jemanden, bei dem man gerne verweilen, über den man immer noch mehr erfahren möchte, denn in der Tat gibt es unendlich viel zu entdecken an der schillernden, oft genug nicht greifbaren Emily Hahn, als die wir sie in vorliegender Geschichte kennenlernen, genauer gesagt während der acht Jahre, die sie von 1935 bis 1943 größtenteils in Shanghai und danach, bis zur japanischen Invasion, auch in der britischen Kronkolonie Hongkong verbracht hatte.
Zunächst allerdings erscheint die leidenschaftliche Weltenbummlerin und Weltbürgerin, von der Roger Angell vom „The New Yorker“ einmal sagte, sie sei „zu Hause in der Welt“, als oberfächliche, irgendwie – aber in Wirklichkeit doch nicht – der vergnügungssüchtigen High Society angehörende Müßiggängerin, die sich mit Leidenschaft von einer Affäre in die nächste stürzte, deren hochgepriesene, allseits bekannte (umso unverständlicher, dass sie so gänzlich an mir vorübergegangen sein sollte!) Liebesgeschichte mit dem hübschen, aber leider verheirateten chinesischen Dichter Zau Sinmay sich über viele Seiten hinweg auf eine rein sexuelle, besessen sexuelle möchte ich präzisieren, beschränkte, mit immer wieder aufs Neue gefasstem Entschluss von Seiten der schönen Emily, genannt Mickey, die Beziehung zu beenden und es sich, genauso regelmäßig, wieder anders zu überlegen. Auch verblüffte mich die Unbefangenheit, ja Unverfrorenheit, mit der die freizügige Amerikanerin, die von Konventionen rein gar nichts hielt, in die Familie des wohlhabenden, attraktiven, bedauerlicherweise aber entscheidungsschwachen und seinerseits sehr wohl Konventionen verpflichteten und den Traditionen seines Volkes anhängenden Geliebten eindrang, dort ganz selbstverständlich einen Platz einnahm, der ihr nicht zustand und sich gar noch mit der charakterstarken Ehefrau des Poeten, die sich in einem dauerschwangeren Zustand befand, so lange wir mit Emily in Shanghai verweilen, anfreundete.
Kurz und gut, nach etwa 100 Seiten war mir die Protagonistin herzlich unsympathisch. Fast war ich geneigt, die Romanbiographie entnervt und gelangweilt beiseite zu legen, als sich das Blatt wendete! Zwar dauerte die schwierige sexuelle Beziehung der beiden, sich, nebenbei gesagt, immer mehr dem Opium ergebenden Egomanen, als die ich sie bis dahin sah, an, aber eine Realität nahm Einzug, die der Reihe nach die anderen, viel ansprechenderen, viel gewinnenderen Facetten der Hauptfigur freilegte, die sie als die mutige, zupackende, loyale und tatkräftige Frau zeigte, die sie eben auch und vielleicht sogar vor allem war!
Als nämlich der 2. Chinesisch-Japanische Krieg im Juli 1937 mit der Invasion der Japaner begann und binnen kurzem auch der Großteil der zu jener Zeit sehr westlich geprägten Stadt Shanghai besetzt und erbarmungslos von den Japanern, die zuvor in der Hauptstadt Nanking ein an Grausamkeit nicht zu überbietendes Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet hatten, bombardiert wurde, rettete die unerschrockene Amerikanerin die gesamte Familie ihres Geliebten, verschaffte ihr ein Obdach und sorgte persönlich dafür, ihre Besitztümer unter Lebensgefahr aus dem japanisch besetzten Teil des ehemaligen „Paris des Ostens“ herauszuholen. Das leichtlebige Partygirl aus dem ersten, ziemlich dahinplätschernden, Drittel, das zugegebenermaßen gleichzeitig auch einen interessanten Einblick in die bunt gemischte, im wahrsten Sinne internationale Gesellschaft der chinesischen Großstadt in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zeigte, was wirklich in ihm steckte – und das faszinierte mich immer stärker! Von da an verfolgte ich gebannt ihren weiteren Lebensweg in einem Land, für das die Journalistin eine große Zuneigung hegte, das für sie aber, wie ihr immer bewusster wurde während ihre Leidenschaft für Zau Sinmay verblasste und schließlich ganz verschwand, keine Zukunft bot.
Noch aber war die Rückkehr in die Vereinigten Staaten, auf die vor allem ihre Mutter Hannah drängte, keine Option für sie – zumal sie zunehmend darunter litt, anscheinend nicht schwanger werden zu können. Trotz aller Unangepasstheit, trotz allem Ignorieren der gesellschaftlichen Regeln konnte auch sie das Gefühl, nicht vollständig zu sein ohne Kinder, weil sie die uralte Rolle der Frau, die der Mutter, nicht erfüllen konnte, nicht abschütteln! Dass dieser Wunsch dann doch noch in Erfüllung gehen sollte, gänzlich unerwartet und zu einem gar nicht günstigen Zeitpunkt, wird der Leser in Luo Lingyuans Romanbiographie ebenso erfahren.
Zunächst aber galt es, ihr Versprechen ihrem Verlag gegenüber einzulösen und endlich das Buch über die berühmten „Soong-Sisters“ zu schreiben, drei außergewöhnliche Chinesinnen, von denen die älteste mit einem finanzkräftigen Bankier verheiratet war und die beiden jüngeren mit dem ersten Präsidenten der Republik, Sun Yat-sen, respektive dem nationalistischen Politiker, Revolutionär und Militärführer Chiang Kai-shek. Den guten Beziehungen, die sich die fleißige und nimmermüde Emily Hahn in ihren Shanghai Jahren aufgebaut hatte und nicht zuletzt den Verbindungen, die ihr, inzwischen schon ehemaliger, Liebhaber Zau Sinmay besaß, hatte sie es zu verdanken, dass sie schließlich doch noch an die so hochkarätigen wie unnahbaren Schwestern herankam – und ein hervorragendes Buch zustande brachte, das einen tiefen Einblick nicht nur in das Leben der einflussreichen Schwestern gewährt, sondern darüberhinaus ein Zeitzeugnis höchsten Ranges ist.
„Sehnsucht nach Shanghai“ endet mit Emilys Abreise aus China – doch in der alten Heimat geht, wie die Autorin uns in Epilog und Nachwort wissen lässt, das Abenteuer, das die Amerikanerin zu ihrem Lebensentwurf gemacht hat, unvermindert spannend und ganz Emily Hahns unabhängigem Charakter entsprechend, folgerichtig weiter. „....sie nachzuahmen ist schwierig“, äußert sich Luo Lingyuan in ihren Schlussbetrachtungen, denn „wer vermag schon einer Hochseilakrobatin zwischen zwei Wolkenkratzern zu folgen?“ Aber es lohnt sich allemal, auf Emily Hahns Spuren zu wandeln, mit ihr auf Entdeckungsreise zu gehen, mitten hinein in die Welt, die ihr eigentliches Zuhause war! Das hier besprochene Buch ist ein wunderbarer Anfang!