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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.10.2022

Der Empathietest

Die Markierung
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Im Island der Zukunft werden die Menschen nach einem Test ihrer emphatischen Fähigkeiten markiert. Wer besteht, genießt alle Privilegien, wer durchfällt, wird gewisser Freiheiten beraubt.
Dies schildert ...

Im Island der Zukunft werden die Menschen nach einem Test ihrer emphatischen Fähigkeiten markiert. Wer besteht, genießt alle Privilegien, wer durchfällt, wird gewisser Freiheiten beraubt.
Dies schildert der Roman beispielhaft am Leben von vier Figuren unterschiedlicher Herkunft und Lebensweise, denen die Markierung Vor- oder Nachteile bringt. Eine Frau fühlt sich sicherer in einem Viertel, das nur markierten Personen zugänglich ist, während ein Verweigerer der Maßnahme um seine Existenz bangen muss. Ich fand es schade, dass sich erst im letzten Drittel ihre Handlungsstränge überlappen und von der grundsätzlichen Situation im Land die Rede ist.
Vorher wird das System nur leise infrage gestellt, wie "gibt es Beweise, dass dieser sogenannte Test wirklich funktioniert? Können Psychopathen ihr Mitgefühl nicht einfach an- und ausschalten?". Dabei bergen diese Fragen so viel Sprengstoff, dass das Buch mit einem lauteren Knall hätte enden dürfen.

Veröffentlicht am 03.10.2022

Cousin-Brüder

Simón
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Simón wächst in Barcelona auf, behütet von seinem Cousin Rico und den Gästen der Bar seiner Eltern. Als der “Cousin-Bruder” verschwindet, klammert er sich an jede noch so kleine Spur, um den Cousin zu ...

Simón wächst in Barcelona auf, behütet von seinem Cousin Rico und den Gästen der Bar seiner Eltern. Als der “Cousin-Bruder” verschwindet, klammert er sich an jede noch so kleine Spur, um den Cousin zu finden.
Die anfängliche Stimmung vermag zu verzaubern, ist doch von der Liebe zu Büchern, von Freundschaft und mysteriösen Geheimnissen die Rede. Obwohl nicht viel passiert, tut die fantasievolle Sprache ihr Übriges. “Simón spürte einen kleinen Gorilla in sich, der traurig oder wütend gegen seine Brust schlug, weil er rauswollte.”
Laut Klappentext setzt der Autor mit dem Roman “seiner Heimatstadt Barcelona ein Denkmal.” Ich habe die Stadt jedoch eher als Grundrauschen erlebt; es wurden Orte genannt, die zwar der Stadt zuzuordnen waren, jedoch nicht näher beschrieben wurden; das Flair Barcelonas wurde dabei nicht vermittelt.
Die Handlung bildet Auszüge aus Simóns Leben in den Jahren zwischen 1992 und 2018 ab. Dies führte aber nirgendwohin. Nach den Reisen des Protagonisten hätten eine Entwicklung stattfinden, sich Erkenntnisse ergeben müssen. Nichts davon spürend, ging meine Faszination im Laufe des Buchs unerwarteter- und bedauerlicherweise verloren.

Veröffentlicht am 26.09.2022

Leben in der Seestadt

Auf See
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Yada lebt in der Seestadt, einer künstlich erschaffenen Ostseeinsel, beschützt von ihrem Vater vor dem Schicksal, das den Rest Deutschlands ereilt hat. Aber wie sieht es dort tatsächlich aus und was ist ...

Yada lebt in der Seestadt, einer künstlich erschaffenen Ostseeinsel, beschützt von ihrem Vater vor dem Schicksal, das den Rest Deutschlands ereilt hat. Aber wie sieht es dort tatsächlich aus und was ist eigentlich mit ihrer Mutter geschehen?
Theresia Enzensberger spinnt die Geschichte unseres Landes weiter und schafft mit dieser Dystopie eine Welt, die sich durch die Einflüsse des Klimawandels verändert hat. Erzählt wird hauptsächlich aus drei Perspektiven: Neben Yada und Helena erfahren wir aus dem Archiv von geschichtlichen Details.
Yada, als Ich-Erzählerin und Protagonistin, wird nahbar dargestellt mit ihren Zweifeln am System und an ihrer geistigen Gesundheit. Helena, die Künstlerin und Sektenführerin, blieb mir vergleichsweise fremd. All die Puzzleteile ergaben am Ende dann aber ein gelungenes Ganzes. Mein größter Kritikpunkt ist die träge wirkende Vortragsweise des von der Autorin selbst gelesenen Hörbuchs, die ihrem Werk nicht gerecht wird.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Das Leben einer Hundertjährigen

Violeta
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Violeta erzählt ihrem Enkel in einem Brief von ihrem bewegten Leben, das von der Grippepandemie 1920 bis zur Coronapandemie 2020 andauert. “Ich habe vieles erlebt und reichlich Erfahrungen gesammelt, aber ...

Violeta erzählt ihrem Enkel in einem Brief von ihrem bewegten Leben, das von der Grippepandemie 1920 bis zur Coronapandemie 2020 andauert. “Ich habe vieles erlebt und reichlich Erfahrungen gesammelt, aber weil ich mit den Gedanken woanders oder sehr beschäftigt war, lässt meine Weisheit zu wünschen übrig.”
Das vermeintliche Fehlen von Weisheit ist dem Schreibstil jedoch nicht anzumerken, sprüht er doch vor Allendes Humor und Erzählkunst. Und die Hundertjährige hat einiges zu erzählen von ihrer Geburt über die Männer in ihrem Leben oder die politische Situation in dem nicht genau benannten südamerikanischem Land.
Mit “Violeta” gibt Isabel Allende erneut einer starken Frau eine Stimme und lässt diese in einer männerdominierten und teils rückschrittlichen Welt ihren Weg finden. Nun mag einer anmerken, das hatten wir alles schon, aber in einen Allende-Schmöker einzutauchen, ist einfach immer wieder schön.

Veröffentlicht am 03.07.2022

Der Junge und der Mann

Das Marterl
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Ein junger Mann kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück und folgt den Spuren seines Vaters, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, um dessen Tod zu verarbeiten. „Großeltern starben mit 85 und Rockstars ...

Ein junger Mann kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück und folgt den Spuren seines Vaters, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, um dessen Tod zu verarbeiten. „Großeltern starben mit 85 und Rockstars ein paar Jahrzehnte früher - Väter starben nicht.“
Der Autor verarbeitet persönliche Geschehnisse in diesem Roman und verknüpft sie mit einer fiktionalen Hauptfigur identischen Vornamens, die mal aus der eigenen Perspektive als Erwachsener spricht, mal als „der Junge“ in der Kindheit beobachtet wird.
Letztere Sicht hat mir gut gefallen, gewährt sie doch einen Einblick in die Familiengeschichte, bei der auch das Titelbild einen Zusammenhang erhält. Die Handlung um den Erwachsen ließ bei mir wenig Empathiefunken überspringen. Ich hätte es verstanden, wenn Johannes in den Sachen seines Vaters Erinnerungen entdeckt oder sich zurückgezogen hätte. Stattdessen führt ihn seine Spurensuche zu den Ärzten, die den Toten untersucht haben, während der Aufenthalt in der Heimat von bayrischen Volksfesten geprägt ist. Aufgrund der fehlenden Auseinandersetzung mit der Trauer entsprach dieses Buch nicht meinen Erwartungen. Ansonsten war es angenehm zu lesen.