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Veröffentlicht am 06.04.2025

Finstere Zeiten

Ginsterburg
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Der Roman erzählt die Geschichte der Bewohner von Ginsterburg in den Jahren des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs.
Unter den Büchern, die diese Zeit beleuchten, sticht es durch seine Machart ...

Der Roman erzählt die Geschichte der Bewohner von Ginsterburg in den Jahren des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs.
Unter den Büchern, die diese Zeit beleuchten, sticht es durch seine Machart heraus. Zum einen erhalten wir keine kontinuierliche Geschichte, sondern springen nur in drei ausgewählte Jahre, nämlich 1935, 1940 und 1945, was Geschehnisse offenlässt oder dazu führt, dass Figuren wegfallen oder hinzukommen. Zum anderen ist der irgendwo in Deutschland gelegene Handlungsort erfunden, was ich als Möglichkeit des Autors, kreativ wirken zu können, verstehe.
Diese Art und Weise hat es mir etwas schwergemacht, der Handlung zu folgen. Unter der Vielzahl an Figuren haben nur einige eine starke Präsenz ausgestrahlt. Durch die Fiktionalisierung des Ortes habe ich mich immer wieder gefragt, ob Ereignisse der Epoche tatsächlich so passiert oder ebenfalls der Fantasie des Autors entsprungen sind.
Grundsätzlich geht es darum, wie Menschen in den besagten Phasen denken und reagieren - auf Propaganda, auf Jugendorganisationen, auf die Entwicklung des Kriegs. „‚Ich habe mir eingeredet, dass sie da nur Leibesübungen machen. Beim Jungvolk. Gesunde Sachen an der frischen Luft.‘“ In erster Linie habe ich dies hier als Gutgläubigkeit oder Realitätsverleugnung wahrgenommen, während Widerstand gegen das System fehlte.
Auch wenn ich von der Handlung nicht vollends überzeugt wurde, habe ich doch Arno Franks Erzählweise genossen, weil er es sich aus der Sicht des auktorialen Erzählers eben leisten kann, die Zustände pointiert aufs Korn zu nehmen. „Streng knattert die Hakenkreuzfahne in der steifen Brise.“

Veröffentlicht am 29.03.2025

Verständnis

An der Seite der Sucht
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Das Buch richtet sich an diejenigen, die sich um eine suchterkrankte Person sorgen, sie verstehen und ihr zur Seite stehen wollen.
Der Psychotherapeut Till Roderigo beleuchtet das Thema von der Identifizierung ...

Das Buch richtet sich an diejenigen, die sich um eine suchterkrankte Person sorgen, sie verstehen und ihr zur Seite stehen wollen.
Der Psychotherapeut Till Roderigo beleuchtet das Thema von der Identifizierung einer Sucht nach wissenschaftlichen Parametern bis zu Behandlungsmöglichkeiten. Dabei werden immer wieder die Rollen klargestellt, um Erkrankte und Helfer abzugrenzen. „Die süchtige Person muss die Veränderung wollen, nicht Sie!“
In zwei Punkten entsteht, zu Lasten der Glaubwürdigkeit, ein verzerrtes Bild. Erstens wird pauschal von „illegalen Drogen“ gesprochen, die beispielsweise die Dauer einer Therapie beeinflussen, während die Illegalität nichts darüber aussagt, wie eine Sucht behandelt werden muss. Zweitens wird die Cannabissucht auf eine Stufe mit einer Alkoholabhängigkeit gestellt, obwohl in ersterem Fall ein viel geringeres Suchtpotenzial besteht; Tabak wäre, um nicht mit „illegalen Drogen“ anzufangen, ein passenderes Beispiel.
Auch wenn eine genaue Differenzierung in Hinblick auf die Unterschiede möglicher Suchtmittel fehlt, was ich zur Einordnung des Problems für wichtig halte, werden doch praktische Hilfestellungen für die Kommunikation und den Umgang mit Personen mit einer Abhängigkeit gegeben.

Veröffentlicht am 21.03.2025

Körper und Geist

ME YOGA
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Nicole Bongartz, Yogalehrerin mit Studio in Köln und bei der Online-Plattform YogaEasy, legt mit „ME YOGA“ ein etwas anderes Yoga-Buch vor. Anders, weil es nicht etwa primär um Yogaphilosophie oder praktische ...

Nicole Bongartz, Yogalehrerin mit Studio in Köln und bei der Online-Plattform YogaEasy, legt mit „ME YOGA“ ein etwas anderes Yoga-Buch vor. Anders, weil es nicht etwa primär um Yogaphilosophie oder praktische Übungen geht und der Yoga-Weg vielmehr der Manifestation der eigenen Bedürfnisse dient. „Denn im Yoga geht es nicht darum, sich besser zu fühlen, sondern darum, sich selbst besser fühlen zu können.“
Offenherzig berichtet die Autorin, wie sie mit den Hürden in ihrem Leben umgegangen ist. Und diese Authentizität vermittelt das Vertrauen in die von ihr vorgestellte Methode. Diese besteht aus einer Mischung aus Journaling, Meditation und Asanas. Das Buch ist so konzipiert, dass mit jedem Kapitel mehr Bewusstsein freigelegt wird, so dass das eigene Lebenskonzept klarer wird oder gar um fehlende Elemente ergänzt werden kann.
Ich habe „ME YOGA“ als sehr inspirierend empfunden, weil es eine Brücke schlägt zwischen körperlichen und mentalen Aspekten. Es regt mich an, mich mit Papier und Stift auszustatten, eingelebte Dinge in meinem Leben zu hinterfragen. In jedem Fall ist es mit dem Lesen allein nicht getan. Ich habe es selbst in der Hand, und wer weiß, was dabei an die Oberfläche tritt.

Veröffentlicht am 16.03.2025

Hart, aber herzlich

Achtzehnter Stock
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„Glück lässt sich von Pisse im Treppenhaus nicht abschrecken, Glück findet von Zeit zu Zeit sogar in den achtzehnten Stock.“ Dort ist es, wo Wanda mit ihrer Tochter Karlie lebt. Sie ist alleinerziehende ...

„Glück lässt sich von Pisse im Treppenhaus nicht abschrecken, Glück findet von Zeit zu Zeit sogar in den achtzehnten Stock.“ Dort ist es, wo Wanda mit ihrer Tochter Karlie lebt. Sie ist alleinerziehende Mutter und hofft auf eine Chance, als Schauspielerin ihre Brötchen zu verdienen.
Der achtzehnte Stock steht für den sozialen Brennpunkt, und der wird hier authentisch dargestellt - von den Dingen, die im Hausflur abgestellt werden, über die Nachbarn bis zur allgegenwärtigen Angst, den Kindern könne etwas zustoßen, wenn sie im Hof unbeaufsichtigt spielen.
Die größte Unterstützung erhält Wanda von ihrer türkischen Nachbarin, von der sie nicht einmal den Namen zu kennen scheint, wird sie doch nur „Aylins Mama“ genannt. Unberücksichtigt bleibt im Verlauf des Buchs, wie sie eigentlich über die Runden kommt, während sie nicht engagiert wird.
Das tut dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch. Wir erleben die Protagonistin als Aschenputtel, das in die Welt der Reichen und Schönen hineinschnuppern darf und sich eigentlich nicht für sie verbiegen will. Sprachlich bringt die Autorin auf den Punkt, worin die Herausforderungen dieses Lebens bestehen, so dass ich mich gut darin einfühlen konnte - ein erfrischender Perspektivwechsel!

Veröffentlicht am 13.03.2025

Der Fluss des Lebens

Flusslinien
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Dieser sogenannte „Generationenroman“ kommt eigentlich mit nur zweien aus, während die dazwischen kaum eine Rolle spielt. Unsere Protagonistinnen sind Großmutter und Enkeltochter füreinander.
Erstere, ...

Dieser sogenannte „Generationenroman“ kommt eigentlich mit nur zweien aus, während die dazwischen kaum eine Rolle spielt. Unsere Protagonistinnen sind Großmutter und Enkeltochter füreinander.
Erstere, Margrit, lebt in einem Altersheim und ist mit 102 Jahren trotz ihres hohen Alters immer noch eine aufmerksame Beobachterin und Gesprächspartnerin. Gut für Luzie, die ein Trauma überwinden und wieder neues Vertrauen ins Leben fassen muss.
Es gibt noch weitere liebenswürdige Charaktere, wie Artur, den Fahrer der Heimbewohner und jene selbst, die bald auch in Kontakt mit der jungen Tätowiererin kommen. „Die Haut wird verletzt, und verheilend schließt sie die Tinte unter sich ein.“
Als würden die klugen Dialoge zwischen den Figuren noch nicht reichen, um in diesem Roman zu versinken, lässt er uns auch noch sprachliche und philosophische Gedankenspiele miterleben.
„Flusslinien“ begeistert mich mit dem Hamburger Elbstrand als Handlungsort und der Verarbeitung der großen Themen des Lebens auf eine sehr charmante Art.