"Amokalarm" wurde von einem Autor verfasst, der beruflich jahrzehntelang Erfahrung mit Jugendlichen und viel Einfühlungsvermögen für sie mitbringt, und das merkt man! In dem Buch sind wir ganz nah am Erleben ...
"Amokalarm" wurde von einem Autor verfasst, der beruflich jahrzehntelang Erfahrung mit Jugendlichen und viel Einfühlungsvermögen für sie mitbringt, und das merkt man! In dem Buch sind wir ganz nah am Erleben des Jugendlichen H.C.Nachtnebel dran. In kurzen, intensiven Kapiteln und authentischer Sprache teilt der Jugendliche sein Erleben mit uns und wie spüren beim Lesen, wie sich die Ereignisse immer mehr zuspitzen bis zur Eskalation - auf die zwischendurch auch schon in ersten Kapiteln zu "Raum 24" ein Blick geworfen wird, ebenso wie auf die Momente kurz davor in den Kapiteln "Davor" - sodass wir schon sehr früh wissen, dass gegen Ende der Jugendliche mit einer Bombe und seinen Lehrern in einem abgeriegelten Klassenzimmer sitzen wird.
Parallel dazu lernen wir H.C.Nachtnebel und seine Lebenswelt ausführlich kennen, in den "Vorher" genannten Kapiteln. Er ist ein mathematisch hochbegabter Jugendlicher, dem gleichzeitig viel daran liegt, seinen mathematisch weniger begabten Freunden die Versetzung zu sichern... auch mit diversen Tricks und Schummeleien. Aufgewachsen ist er behütet, als Einzelkind mit liebenden Eltern, die sich für ihn interessieren und ihm viel Zeit und Energie gewidmet haben... doch auch ein noch so geliebtes Kind kommt in die Pubertät und das ist für alle Jugendlichen eine herausfordernde Zeit, aus der nicht alle unbeschadet hervorgehen. Eine erste Liebe gibt es auch, zur neuen Mitschülerin Keira, die so selbstbewusst und aufgeweckt scheint und in die H.C.Nachtnebel sich so richtig heftig verknallt... doch meint es auch Keira ernst mit ihm?
Das Buch ist zu einem großen Teil aus der Sicht von H.C.Nachtnebel selbst geschrieben, doch ab und zu kommen auch andere Charaktere zu Wort, was es besonders spannend macht, z.B. der Schulleiter Dr. Fischer, der Vertretungslehrer Fatih Moreno, Freund Mateo, die Eltern oder die mysteriöse Keira. Diese Sichten sind eine wertvolle Ergänzung für das Buch und machen es noch interessanter und unterhaltsamer zu lesen.
Insgesamt ist "Amokalarm" ein sehr unterhaltsames, witziges und zugleich für ein wichtiges Thema sensibilisierendes Buch, das neben seinem großen Unterhaltungswert auch Tiefgründigkeit besitzt und Empathie insbesondere für die Lebenswelt männlicher Heranwachsender fördert. Alle Charaktere sind sehr authentisch gezeichnet, somit ist es ein Buch, aus dem man auch viel über junge Menschen lernen kann und das zum Nachdenken anregt. Ich kann es allen Jugendlichen, die gerne ein spannendes Buch lesen wollen, in dem sie sich wiederfinden können, aber auch allen Erwachsenen, die sich für Jugendliche interessieren, selbst Eltern sind oder beruflich mit jungen Menschen zu tun haben, nur wärmstens empfehlen! Auf weitere Bücher dieses Autors bin ich gespannt und freue mich darauf, sie zu lesen.
Für das Buch "Wir alten Hasen" haben sich zehn reifere Menschen, die alle auf ihre Art etwas in der Welt bewegt haben, zusammengetan, um ihre aktuellen Inspirationen in den herausfordernden Zeiten, die ...
Für das Buch "Wir alten Hasen" haben sich zehn reifere Menschen, die alle auf ihre Art etwas in der Welt bewegt haben, zusammengetan, um ihre aktuellen Inspirationen in den herausfordernden Zeiten, die wir momentan durchleben, zu teilen. Damit hebt sich dieses Buch positiv von vielen anderen ab, indem es Hoffnung und Mut macht.
Konstantin Wecker, der auch der Initiator dieses Projekts war, macht den Anfang mit einem Beitrag über die Kraft der Poesie. Heribert Prantl teilt seine Gedanken über das, was Europa eint und einen könnte, damals wie heute. Isolde Ohlbaum erzählt vom Fotografieren und davon, die eigenen Träume zu verwirklichen. Gerald Hüther macht sich Gedanken über den Eigensinn, in einer Welt, die uns an sich anpassen möchte. Rainer Maria Schießler erzählt eine berührende Geschichte über seinen mutigen Vater, der sich als Jugendlicher weigerte, in die HJ einzutreten. Anne Devillard schreibt darüber, wie alles miteinander verbunden ist und wie Gutes, aus reinem Herzen gegeben, auf vielfältigen Wegen zu uns zurückkommt. Nomi Baumgartl macht uns darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, auf unseren Planeten zu achten. Und noch so einige weitere Beiträge finden sich in dem Buch.
Die Kapitel lesen sich leicht und schnell, wirken aber emotional länger nach, weil sich viele schöne und inspirierende Gedanken und Erfahrungen darin finden. Auch für Menschen, die sonst nicht so viel lesen, ist das Buch gut geeignet, da jedes Kapitel kurz ist und das Buch mit großer Schrift, Bildern und Gedichten sehr ansprechend und zugänglich gestaltet ist. Es ist ein wunderschön und hochwertig gestaltetes Buch, das sich bestens als inspirierendes Geschenk eignet. Besonders sympathisch ist auch, dass die Autorenerlöse und auch ein Teil des Herausgeberhonorars für diverse Benefizprojekte gespendet wird, über die sich im Anhang nähere Informationen finden lassen.
"Adama" von Lavie Tidhar ist ein hartes Buch. Die Härte, mit der sich die Überlebenden des Holocausts und die schon früher nach Israel ausgewanderten oder dort geborenen Juden dieses Land mit der Waffe ...
"Adama" von Lavie Tidhar ist ein hartes Buch. Die Härte, mit der sich die Überlebenden des Holocausts und die schon früher nach Israel ausgewanderten oder dort geborenen Juden dieses Land mit der Waffe erkämpft haben, wird spürbar. Erzählt wird eine Geschichte über mehrere Generationen. Gründungsperson dieser Familie ist Ruth, die große Teile ihrer Familie im Holocaust verloren hat und die es geschafft hat, schon vor der Shoah nach Palästina auszuwandern und dort im Kibbuz lebt. Später kommt ihre Schwester Shosh(ana), die ein Konzentrationslager überlebt hat, für eine Weile dazu, außerdem gibt es Kinder und Enkel. Familie soll aber im Kibbuz nicht wirklich gelebt werden, die Kinder werden von Anfang an ihren Eltern entfremdet, gemeinschaftlich aufgezogen und sollen die Eltern nicht "Mama" oder "Papa" nennen, sondern nur beim Vornamen, siehe z.B. diese Stelle: "Yael gehörte ihr nicht, ihr gehörte nichts, jedenfalls nicht, solange sie im Kibbuz lebte. Yael war nur eine von vielen Rotznasen in der Masse der Kinder, unterschied sich durch nichts von Yoram und Ophek, den Kindern ihrer Schwester. Sie gehörten alle dem Kibbuz." (S. 228). Auch deshalb scheint in späteren Generationen, die so nicht mehr leben möchten, der Kibbuz ein aussterbendes Konzept zu sein.
Am interessantesten war für mich an diesem Buch tatsächlich die Schilderung des harten Alltags des Ankommens in Palästina in den späten 1940er Jahren und danach, sowie der kommunistisch organisierte Alltag im Kibbuz, ohne traditionelle Familienstrukturen oder Privateigentum und die extreme Betonung des Werts von Arbeit, siehe z.B. diese Stelle: "Jetzt traf Ruth sich mit all ihren alten Freunden und Freundinnen in einem hübschen, gemütlichen Saal, wo sie Produkte aus der Fabrik verpackten: eine leichte, unanstrengende Arbeit, aber immer noch Arbeit. Und die war im Kibbuz von allerhöchstem Wert. Arbeiter sein. Wer arbeitete, war jemand und war kein Schmarotzer. Ein Wort, das Ruth ausspie wie die schlimmste Beleidigung, schlimmer als alles andere. Wenn man hart arbeitete, spielte es keine Rolle, was man sonst machte." (S. 44)
Und sonst gemacht wird eine Menge, unter anderem mit der Waffe für das Land gekämpft, aber auch, in einer späteren Generation, für Geld Auftragsmorde verübt, und noch so einiges mehr. Es ist eine kalte Zeit, in der arabische Dörfer einfach ausgelöscht werden, denn: "Die Tzabarim waren nicht schwach wie die alten europäischen Juden. Sie waren neu und hart und die Herrscher in diesem Land, diesem "Adama". Sie hatte das Wort im Hebräischunterricht gelernt und hasste es. "Es gibt kein A-d-a-am-a ohne d-a-m", hatte ihr erster Lehrer stolz erklärt. "Dam" war Hebräisch und bedeutete Blut. Kein Land ohne Blut. Shosh hatte Blut satt." (S. 224)
Aber auch jüdische Flüchtlingskinder nicht sicher sind und laufen Gefahr, skrupellosen Menschenhändlern zum Opfer zu fallen, ohne dass es die meisten anderen Menschen besonders kümmert. Stark spürbar sind die tiefen Wunden und Traumatisierungen durch die NS-Zeit, und der starke Wunsch, weiterzuleben und das Leben weiterzugeben, siehe z.B. diese Stelle: "Shosh wünschte sich auch ein Baby. Von wem, spielte keine Rolle. Sie wollte neues Leben in die Welt setzen, neues Leben für all das verlorene. Schon allein, um den Nazis zu sagen, ihr konntet uns nicht alle töten, und jetzt sind wir hier, wir leben noch und wir schaffen neues Leben. Ein Baby zu bekommen, hatte etwas von einem Wunder." (S. 156)
An diesen erwähnten Themen sieht man also: das Buch behandelt wichtige Aspekte der Geschichte Israels und regt zum Nachdenken an. Damit komme ich allerdings auch schon zur Kritik: sprachlich und literarisch ist es weit entfernt davon, ein Meisterwerk zu sein. Die Sprache ist überwiegend sehr einfach, teilweise voll mit übertriebenen, unpassenden Metaphern. Es gibt unzählige für die weitere Handlung irrelevante Szenen zum Rauchen oder Essen, die in wiederholender Art detailliert geschildert werden. Die Charaktere sind simpel konstruiert, keinen davon konnte ich wirklich nachfühlen, insgesamt verbindet sie fast alle nur die Härte, die sie in sich tragen, ansonsten werden sie wenig individuell spürbar. Von der inhaltlichen Konstruktion her sind es auch eher einzelne Szenen, die geschildert werden, als ein in sich schlüssiger Thriller. Spannung kommt auch nicht wirklich auf. Insgesamt ist es also ein bestenfalls mittelmäßiges Buch, das ich nicht wirklich empfehlen kann, denn auch zu oben geschilderten Themen gibt es in der israelischen Literatur weit besseres.
Manche Bücher sind in ihrer Einzigartigkeit ganz besonders, weil man so ein ähnliches Buch noch nie gelesen hat. Das kann sich auf die Inhalte genauso beziehen wie auf die Erzählweise. „In deinem Schlaf“ ...
Manche Bücher sind in ihrer Einzigartigkeit ganz besonders, weil man so ein ähnliches Buch noch nie gelesen hat. Das kann sich auf die Inhalte genauso beziehen wie auf die Erzählweise. „In deinem Schlaf“ von Ekaterine Togonidze ist so ein Buch. Es stellt uns eine Welt vor, die mitteleuropäischen Leserinnen und Lesern in vielem fremd vorkommen wird: nicht nur handelt das Buch von Menschen im modernen Georgien, das sowieso schon für viele Deutschsprachige ein eher weißer Fleck auf der Landschaft ist. Auch geht es um Themen, die wenig im Scheinwerfer der mitteleuropäischen Berichterstattung stehen: eine geschickte Verwebung der persönlichen und transgenerationalen Traumatisierungen als Folge des Abchasienkriegs in den 1990ern mit einem Familiendrama in der heutigen Zeit, bei dem ein Mädchen nach einem Schock des Allein-Gelassen-Werdens während eines Erdbebens in einen tiefen koma-ähnlichen Schlaf fällt.
Für dieses medizinische Phänomen gibt es einen Namen: es handelt sich um das Resignationssyndrom und es tritt hauptsächlich bei Flüchtlingskindern auf, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist und die sich psychisch so tief verunsichert fühlen, dass sie unbewusst aus dieser gefährlichen Welt flüchten wollen, sodass ihr Bewusstsein sich auf unbestimmte Zeit verabschiedet.
Nia Kandelaki ist eine junge georgische Schauspielerin Anfang 30, verheiratet mit Demna, den sie eigentlich sehr liebt und der als Kind in den 1990ern mit einer Verwandten aus Abchasien in einen anderen Teil Georgiens flüchten musste. Vordergründig scheint Demna mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen, ist ein liebevoller Ehemann und Vater, geduldig und großzügig. Doch, für Nia als Mutter absolut unbegreiflich und unverzeihlich, hat er ausgerechnet, als es wirklich darauf angekommen wäre, als Vater in ihren Augen komplett versagt: als ein Erdbeben die Stadt erschütterte, ist er einfach davongelaufen und hat seine Tochter Gabriela alleine in der bebenden Wohnung zurückgelassen. Diese wurde körperlich zum Glück nicht verletzt, ist aber aufgrund des Resignationssyndroms nach dem Schock des Allein-Gelassen-Werdens in einen tiefen Schlaf verfallen, aus dem sie seit einem halben Jahr nicht aufgewacht ist.
Nia hat Demna wütend aus der Wohnung geworfen, hält die schlafende Tochter von ihm fern und will sich von ihm trennen. Selbst kümmert sie sich aufopferungsvoll – teilweise mit Unterstützung einer Pflegerin und ihrer Mutter für die Zeit, wenn sie selbst arbeiten muss –
Tag und Nacht um die Pflege der bewusstlosen Gabriela, während sie gleichzeitig versucht, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern und für Rollen in ihrem Beruf als Schauspielerin vorsprechen geht. Da wird ihr überraschend tatsächlich eine wichtige Hauptrolle angeboten: die der Anna, einer jungen abchasischen Flüchtlingsfrau in den 1990ern, die aus eben dem Krieg flieht, aus dem auch Nias Mann Demna als Kind geflohen ist, worüber sie aber nie miteinander gesprochen haben.
Über weite Teile des Buches wechselt die Geschichte zwischen den zwei scheinbar unverbundenen Settings, die doch in der Tiefe so viel miteinander zu tun haben, was sich immer mehr zeigt: einerseits Nia in ihrer Rolle als Mutter, die sich um die schlafende Gabi kümmert. Andererseits Nia in ihrer Rolle als Schauspielerin, die die flüchtende und vom Krieg gezeichnete Anna spielt, und in dem sehr authentischen Filmsetting unter physischen und emotionalen Belastungen ein wachsendes Verständnis dafür entwickelt, was es bedeuten kann, alles zurücklassen und verzweifelt unter Lebensgefahr über die eisigen Berge flüchten zu müssen.
Wie wird sich diese Entwicklung Nias auf das Verhältnis auf ihre eigene Persönlichkeit, aber auch auf das Verhältnis zu ihrer Familie auswirken? Wie geht es mit ihrer Ehe weiter? Was liegt hinter Demnas scheinbar rätselhaftem, so rücksichtslos wirkendem Verhalten während des Erdbebens? Und gibt es Hoffnung für die kleine Gabriela, jemals wieder aus ihrem komatösen Zustand zu erwachen?
Mit all diesen Fragen und noch vielen weiteren beschäftigt sich dieses Buch. Wir lesen es aus Nias Perspektive und sind ganz nah an ihrer Wahrnehmung dran. Nia ist eine sehr fleißige, engagierte Frau, eine besorgte, aufopferungsvolle Mutter und tüchtige Schauspielerin. Besonders empathisch und mitfühlend ist sie erst einmal nicht, doch macht sie im Laufe des Buches durchaus eine interessante Entwicklung durch.
Insgesamt ist es ein spannendes Psychogramm einer jungen Frau, die in vielem kulturell sicherlich ganz anders geprägt ist, als wir es aus Mitteleuropa kennen, und noch viel mehr als das: ein Buch, das nachdenklich macht und aufrüttelt in Bezug auf die Wunden, die durch Kriege und die damit verbundenen Traumatisierungen auch in diesem Moment so vielen Menschen zugefügt werden und die noch jahrzehntelang Auswirkungen nicht nur auf diese Menschen selbst, sondern durch das Phänomen der transgenerationalen Traumatisierung und familiären Weitergabe von destruktiven Mustern auch auf ihre Nachfahren haben.
Das Buch liest sich unglaublich spannend und hat auf mich einen richtigen Sog ausgeübt beim Lesen: atemlos habe ich die Geschichte immer weiterverfolgt und beide Erzählstränge – sowohl der rund um die schlafende Gabi als auch das sehr anschaulich geschilderte Filmsetting am inszenierten Kriegsschauplatz – haben mich überzeugt, fasziniert und gefesselt. Auch sprachlich ist das Buch besonders: in einer Dichte und Eindringlichkeit geschrieben, die ihresgleichen sucht.
Hier Sprachbeispiele aus beiden Abschnitten:
Nia als aufopferungsvolle Mutter und ihr innerer und zum Teil auch hörbar verbalisierter Monolog an die schlafende Gabriela:
„Ich spreche heiter, so heiter ich kann. Diese Rolle habe ich bekommen – die Rolle meines Lebens – und ich spiele sie. Aber ich habe immer Angst, ich habe Angst vor jedem vergangenen Tag, denn es sind schon einhundertvierundachtzig Tage, seitdem du schläfst, du bewegst dich nicht und wirst immer schlaffer. Dein Körper ist erschlafft, Muskeln – kraftlos, Reflexreaktionen – abgebaut. Gabriela, bitte, wach auf“ (S. 8)
Im Vergleich dazu nun eine der vielen Szenen aus dem Filmdreh, bei dem Nia die flüchtende Anna spielt:
Das Haus steht lichterloh in Flammen, lodert und bricht in sich zusammen. Dichte Rauchschwaden steigen in den Himmel. Vor dem Haus rollen gepanzerte Fahrzeuge vorbei. Soldaten mit Sturmgewehren sitzen obenauf. Menschen hasten durcheinander, ihre Habseligkeiten auf den Rücken geschnallt. Einige beladen Autos in hektischer Eile. Anna geht mit dem Kind in entgegengesetzter Richtung der Panzer. Sie nähert sich einem Auto, spricht mit dem Fahrer und steigt ein.“ (S. 159)
Ekaterina Togonidze ist definitiv ein Ausnahmetalent als Schriftstellerin und ich werde sehr gerne demnächst weitere Bücher von ihr lesen. Für mich ist das Buch eines der absoluten Lesehighlights dieses Jahres! Nebenbei habe ich auch so viel über Georgien, den Abchasien-Konflikt, das Resignationssyndrom, transgenerationale Traumatisierung, aber auch darüber, wie Filme gemacht werden können (und auch, wie sie vielleicht nicht gemacht werden sollten) gelernt.
Danke an den Septime-Verlag dafür, diese Autorin auf Deutsch übersetzt und das Buch somit auch deutschsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht zu haben. Leseempfehlung für alle, die ein ganz besonderes, spezielles, einzigartiges Buch lesen möchten!
Die Familie der 9-jährigen Maja liegt in Scherben: die Mutter Emma ist tot, ermordet von ihrem Mann, der Vater als Mörder im Gefängnis. Und mittendrin ein kleines Mädchen, das sich selbst schuldig fühlt, ...
Die Familie der 9-jährigen Maja liegt in Scherben: die Mutter Emma ist tot, ermordet von ihrem Mann, der Vater als Mörder im Gefängnis. Und mittendrin ein kleines Mädchen, das sich selbst schuldig fühlt, weil es den Papa ja auch irgendwie liebt, aber sich das nicht mehr erlauben will. Nicht einmal in den Spiegel schauen will Maja mehr, denn dort sieht sie ihre roten Locken, genau die gleichen, wie ihr Papa hat. Ob sie viel von ihm hat? Ob in ihr auch eine Mörderin steckt? Da gibt es diese dunklen Stimmen, die ihr Ungutes zuflüstern... vielleicht wird sie auch bald im dunklen, feuchten Grab liegen und von den Würmern gefressen werden, so wie Mama? Oder wird ihr Papa auch sie mal ermorden, da er ja ein Mörder ist?
Im Zentrum dieses berührenden Buches steht also dieses kleine Mädchen, das nach dem Femizid an der Mutter quasi elternlos und schwer traumatisiert zurückgeblieben ist. Es ist ein fiktiver Roman, aber er hat einen wahren Kern: leider werden jedes Jahr auch in Deutschland, in Österreich und in vielen anderen Ländern unzählige Frauen von ihren Partnern oder Ex-Freunden ermordet. Oft dann, wenn sie sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen möchten, sich nicht mehr alles gefallen lassen oder es ihnen schon gelungen war, sich aus dieser Beziehung zu befreien. Auch die Autorin Jasmin Schreiber hat so einen Fall in ihrem Umfeld erlebt und widmet das Buch ihrer "Nachbarin, die dieses Jahr von ihrem Ehemann vor den Augen ihres gemeinsamen Kindes in ihrer Wohnung erstochen wurde."
Es ist ein aufrüttelndes, berührendes Buch, das die Tragik hinter all diesen Femiziden und das Leid all der Menschen, die davon betroffen sind, spürbar macht, das betroffen und wütend machen kann und im besten Fall dazu beiträgt, sich dafür einzusetzen, dass sich endlich etwas ändert in unserer Gesellschaft, in der immer noch viel zu oft, wie im Buch erwähnt wird, manche Männer Frauen einfach ermorden, weil sie es wollen und weil sie es können.
Die Buchkapitel sind abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven geschrieben: da gibt es die schon erwähnte kleine Maja, die erst einmal bei den Großeltern mütterlicherseits unterkommt, bis die Obsorge endgültig geklärt ist. Die sich dort zusätzlich zum Verlust der Mutter in ein neues Umfeld eingewöhnen muss und bei lieben Verwandten ist, die sie zwar über alles lieben und sich liebevoll um sie kümmern, die aber selbst schwer getroffen vom Tod der eigenen Tochter sind. Dann gibt es Liv, ehemalige Astrophysikerin und jetzige Lehrerin, begeisterte Naturwissenschaftlerin und langjährige beste Freundin von Emma, die eigentlich bewusst kinderfrei lebt, aber Emmas Patentante ist und nun immer mehr in die Rolle einer Ersatzmama für das kleine Mädchen kommt und sich nicht sicher ist, ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist und wie sie sie ausfüllen soll. An ihrer Seite ist die alte Hündin Chloé, zu der Emma eine tiefe Verbindung spürt und die aber leider schon eher am Ende ihrer Lebenszeit angekommen ist. Später kommen noch weitere Charaktere dazu, etwa die Großeltern väterlicherseits, zu denen Maja vor dem Tod ihrer Mutter sogar engeren Kontakt hatte, weil sie in der Nähe gewohnt haben - aber vielleicht auch, weil ihr manipulativer Vater daran gearbeitet hat, die Tochter bewusst nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von deren Eltern zu entfremden.
Sehr sympathisch finde ich, dass alle Charaktere tiefgründig und facettenreich geschildert sind. Hier gibt es kein reines Schwarz-Weiß und ich konnte zum Beispiel nicht nur mit den eindeutigen vordergründigen Sympathieträgern Maja, Liv und den Großeltern mütterlicherseits, die ihre Tochter verloren haben, sondern auch mit den Großeltern väterlicherseits, die entsetzt feststellen mussten, dass ihr Sohn ein Mörder ist, sehr mitfühlen.
Gestaltet ist das Buch insgesamt sehr liebevoll, aufwendig und authentisch: da gibt es Kinderzeichnungen von Maja, Gespräche mit einer Kinderpsychologin, Obduktionsakten, Gerichtsprotokolle, das Nachdenken über Parallelwelten, in denen jemand anders gehandelt hätte und Emma noch am Leben wäre, und vieles mehr. Alles davon ist jeweils sprachlich passend dargestellt. Dadurch ist es der Autorin gelungen, sich dem Thema Femizid von vielen Seiten anzunähern. Besonders ist hervorzuheben, dass es dabei um die Perspektive all der Opfer - der Ermordeten und der Menschen, die vom Mord an ihr am stärksten betroffen sind - und nicht um die Perspektive des Mörders geht; jenem wird somit keine Bühne geboten.
Es ist ein Buch, das literarisch ausgezeichnet geschrieben ist: berührend, authentisch, mit tollen, zu den jeweiligen Charakteren passenden Sprachbildern und die Trauer tief fühlbar zeigend. Ich kann das Buch insgesamt einem breiten Publikum absolut empfehlen, es verdient es, gelesen zu werden und dazu beizutragen, für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.