Autistische Wahrnehmung aus der Du-Perspektive
Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines AlienIch habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, ...
Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, dass nicht direkt aus der Ich-Perspektive erzählt wird, sondern eine unsichtbare Stimme sich per "Du" an das kleine "Alien" wendet, ein Mädchen mit einer ganz eigenen Weltwahrnehmung, die in vielem der autistischen ähnelt. Die Autorin Alice Franklin wurde selbst als Erwachsene als autistisch diagnostiziert und dieses Buch ist laut Interviews ein Versuch von ihr, diese Welt anderen Menschen näher zu bringen.
Auch wenn das nirgends explizit so benannt wird, gibt es im Buch viele Hinweise auf die Besonderheiten des Erlebens und Wahrnehmens autistischer Menschen, z.B. auf das Wörtlich-Nehmen vieler Aussagen, auf Schwierigkeiten, üblichen Humor zu verstehen, körperliche Ungeschicklichkeiten oder, wie an dieser Stelle, fehlenden Blickkontakt: "In dem Dokumentarfilm spricht eine Frau mit schiefen Zähnen mit jemandem, den die Kamera nicht zeigt. Vielleicht hält diese Person genau wie du nicht gern Augenkontakt. Vielleicht ist auch in Gedanken versunken, während sie von Büchern und der Vergangenheit erzählt. Hinter der Frau befinden sich Bücher. Zudem trägt sie eine Brille. Daher weißt du, dass die Frau schlau ist, denn in der Welt des Fernsehens sitzen ausschließlich schlaue Leute vor Büchern und tragen Brillen." (S. 71)
Diese Du-Perspektive begleitet das Mädchen von der Zeit als Kleinkind über die Volksschulzeit bis ins Teenageralter, als es zufällig vom geheimnisvollen Voynich-Manuskript erfährt, das vielleicht Aliens erstellt haben könnten, sich darin wiedererkennt und es unbedingt finden und mehr darüber erfahren will: "Bisher war dir nicht klar, dass Aliens existieren, zumindest in Wirklichkeit. Bisher war dir nicht klar, dass sie ihre eigene Sprache haben. Das erscheint dir sehr einleuchtend. Es leuchtet ein, weil du manchmal das Gefühl hast, deine Sprache wäre gar nicht deine Sprache. Andere Leute sagen Dinge und du weißt nicht, was sie damit meinen. Andere Leute tun Dinge und du weißt ebenso wenig, was sie damit meinen. Da ist etwas entkoppelt, durch und durch falsch. Das spürst du ganz stark, tief in deinem Inneren." (S. 73)
Dabei führt sein Weg über verschiedene Bibliotheken und Bekanntschaften. Im Hintergrund geht es aber auch stark um die Familiengeschichte des Mädchens und insbesondere um dessen psychisch kranke Mutter, die sich hinter der Lektüre unzähliger Ratgeber versteckt, kaum auf das Mädchen und seine Bedürfnisse eingeht und mal von Lethargie, dann von Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten geplagt wird und auch schon mal unfreiwillig länger in der geschlossenen Psychiatrie landet.
Am Ende jeden Kapitels finden sich humorvoll ausgesuchte Literaturtipps, passend zur Lektüre der Sachbücher verschlingenden Mutter, z.B. "Wie man das volle Potenzial eines Bibliotheksausweises ausschöpft" oder "Der riskante Weg: Sind Sie gemacht für das Leben als Versicherungsmathematiker?" (S. 89)
Insgesamt ist es ein interessant und liebevoll geschriebenes Buch, das sich leicht und schnell liest und an vielen Stellen Empathie für Menschen aus dem autistischen Spektrum und generell für alle, die sich auf dieser Welt unzugehörig und anders fühlen, fördern kann. Es ist also durchaus ein bezauberndes Buch, das für das Thema sensibilisieren und zum Nachdenken anregen kann, und das eine besondere Erzählperspektive aufweist.
Dass es für mich persönlich dennoch kein 5-Sterne-Buch ist, hat vielleicht auch mit den vielen anderen Werken zum Thema zu tun, die ich kenne und von denen einige mich mit ihrer Authentizität und Tiefe deutlich mehr überzeugt haben: trotz allen Hinweisen habe ich den Eindruck, das Gesamtgefühl für eine autistische Wahrnehmung kommt für mich durch die vermeintlich allwissende Du-Außenperspektive etwas zu kurz, und die Geschichte ist für mich auch etwas zu stark vermischt mit den psychischen Problemen der Mutter. Irgendetwas macht für mich da das Bild insgesamt nicht ganz rund, sodass es ein etwas weniger starker Leseeindruck ist, als es sonst gewesen sein könnte.
Auch der Titel passt für mich nicht ganz: so richtig um Lebensweisheiten geht es für mich darin nicht, es wird die Welt des autistischen Mädchens eher beschrieben als dem Mädchen verständlich gemacht, es ist keine Aufklärung über die Welt und wie sie funktionieren könnte, und so, wie das Buch geschrieben ist, hätte es auch sehr gut aus der Ich-Perspektive des Mädchens erzählt sein können und würde genauso aufzeigen, wie das Mädchen sich fremd fühlt und viele Dinge nicht versteht, die nicht explizit erklärt werden und nur die vermutlich überwiegend neurotypischen Leserinnen und Leser verstehen werden. Es ist trotz der Du-Form viel mehr Innenperspektive einer Autistin als Dialog mit der Welt.
Von mir als Bewertung gibt es jedenfalls gut verdiente 4 Sterne und eine Empfehlung für alle, die sich für besondere und etwas andere Bücher interessieren. Es ist durchaus empfehlenswert, das Buch kurz anzulesen, um selbst entscheiden zu können, ob dieser spezielle Schreibstil einen emotional erreichen kann oder nicht.