Nach mehreren Romanerfolgen wie "Oben Erde, unten Himmel" oder "Ich nannte ihn Krawatte" hat die in Österreich aufgewachsene Autorin Milena Michiko Flasar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen ...
Nach mehreren Romanerfolgen wie "Oben Erde, unten Himmel" oder "Ich nannte ihn Krawatte" hat die in Österreich aufgewachsene Autorin Milena Michiko Flasar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, nun eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht. Genauso wie eine der Geschichten im Buch lautet auch der Titel "Der Hase im Mond".
Es sind stille, poetische, vielschichtige Geschichten, die alle in einem japanisch geprägten Umfeld spielen und zum Teil eng mit japanischer Mythologie verbunden sind. Besonders zeigt sich das in der ersten Geschichte "Die Füchsin", in der ein unter Erfolgsdruck stehender Autor von einer Fuchsfrau besucht, inspiriert und bezaubert wird, passend zur japanischen Mythologie der Kitsune, der Fuchsgeister.
Wer die japanische Kultur tiefgehend kennt (ich gehöre nicht zu diesem Personenkreis), wird hier sicher noch viel mehr kulturelle Bezüge feststellen können, aber auch für alle anderen ist es eine interessante und leicht fremdartige Lektüre. Am Ende des Buches findet sich ein einseitiges Glossar, das die wichtigsten unbekannten japanischen Begriffe und Konzepte kurz erklärt.
In den meisten Geschichten geht es auf die eine oder andere Art auch darum, wer wir für uns selbst und für andere sind, wie etwas scheint und wie es wirklich sein könnte, was wir aufeinander und auf die Welt projizieren und voneinander und von ihr erwarten und wie wir uns in ihr und zu den Geschehnissen um uns herum positionieren. Viele der Geschichten weisen auf die eine oder andere Art fantastische, surreale oder zumindest leicht unglaubhafte Elemente auf. Die porträtierten Figuren sind oft ein bisschen verloren in der Welt, einsam oder jedenfalls distanziert und in ihrem eigenen gedanklichen Universum.
Damit empfiehlt sich das Buch für Menschen, die damit etwas anfangen können... wenn man das kann, entfalten die Geschichten aber ihren ganz eigenen Zauber, der gerade in all dem Verspiegelten, Flüchtigen und Undefinierbaren liegt. Die Geschichten spielen damit, auf vielfältige Weise interpretierbar zu sein, sodass wir uns als Lesende darin suchen, verlieren und spiegeln können.
Dramaturgisch sind die Geschichten gut aufgebaut, man ist beim Lesen jeweils sofort in der jeweiligen Geschichte drinnen, sieht die Welt durch die Augen der jeweiligen Figuren und ist gespannt darauf, wie die Geschichte weitergeht. Dabei gibt es auch so einige interessante und unerwartete Wendungen, auch wenn es sich insgesamt um ein ruhiges und poetisches Buch handelt.
Was geschieht mit gut ausgebildeten, sich als gleichgestellt ansehenden, Frauen in der heutigen Zeit, wenn sie ein Kind bekommen? Lassen sich die Vorstellungen einer gleichberechtigten Partnerschaft und ...
Was geschieht mit gut ausgebildeten, sich als gleichgestellt ansehenden, Frauen in der heutigen Zeit, wenn sie ein Kind bekommen? Lassen sich die Vorstellungen einer gleichberechtigten Partnerschaft und einer 50:50-Aufteilung der Verantwortung und Arbeit aufrecht erhalten? Zu welchen Veränderungen kommt es psychisch, körperlich, geistig und sozial?
Dazu hat die Autorin Iris Keller, basierend auf ihrer eigenen Erfahrung, einen sehr interessanten und gut lesbaren, unterhaltsamen und nachdenklich machenden autofiktionalen Roman geschrieben.
Hier eines der vielen prägnanten Zitate dazu, dem ich nur zustimmen konnte beim Lesen:
"Und jetzt bemerke ich: Mein Partner hat einen männlichen Körper. Er kann laufen, er kann heben, sich bücken, seine Brüste sind entspannt, er muss nicht ständig pinkeln. Er kann schlafen, er kann trinken, er kann rauchen. Wegbleiben bis mitten in der Nacht. Das gemeinsame Projekt trennt uns, entfernt uns voneinander. Ich habe meinen Körper weggegeben und ich erwarte, dass er es genauso tut. Aber sein Körper bleibt wie zuvor." (S. 32 im E-Book).
Ja, beim Kinder-Kriegen zeigt sich, dass Männer und Frauen ja doch nicht in allem genau gleich sind, dass es gewaltige Unterschiede gibt, gerade auf körperlicher Ebene. Bücher wie dieses, die das detailliert beschreiben, leisten einen wichtigen Beitrag dazu, darauf aufmerksam zu machen, was für eine unglaubliche Leistung eine Frau vollbringt, die ein Kind in ihrem Körper austrägt, gebärt und stillt, und was für Kosten das für sie mit sich bringt, die in einer Zeit, die Geschlechterunterschiede gerne negieren will, oft unsichtbar bleiben.
Immer wieder wird im Buch sehr lebhaft und eindringlich beschrieben, was es körperlich alles bedeuten kann, ein Kind zu bekommen: "Sie erzählen von Geburtszangen, hineingeschoben, den Kopf des Babys umklammernd, den vielen Menschen, die um einen herumstehen, vom Ausgestellt-Sein und Angefasst-Werden." (S. 148)
Der Titel "Walwerdung" wird im Buch mehrdimensional betrachtet: es geht um den tatsächlich rund werdenden Körper der angehenden Mutter, aber auch um das Baby im Bauch, das dort wie ein Fisch im Wasser herumschwimmt, und es geht um tatsächliche Wale im Meer.
Die Schilderung der Schwangerschaft, Geburt und Babyzeit wird immer wieder durch sehr interessante Reflexionen zu Walen unterbrochen, die gut recherchiert sind und durch die ich viel Interessantes gelernt habe: beispielsweise, dass Wale von Landsäugetieren abstammen, die zurück ins Meer gegangen sind, wie viel Aufwand und Gefahr mit dem Schutz eines Walbabys durch die Mutter verbunden ist (dafür müssen sich beide zum Beispiel in wärmeren Gewässern befinden, weil es noch nicht über genug schützende Fettschicht für Kaltwasser verfügt), wie die Wale gejagt und fast ausgerottet wurden und um was für intelligente und individuelle Lebewesen, die mit ihren eigenen Klängen über weite Distanzen miteinander kommunizieren können, es sich doch handelt:
"10 000 Kilometer. Die längste Wanderung eines Säugetiers. Zwei Mal pro Jahr. In den Polarmeeren ist der Start. Mit zwanzig Stundenkilometern graben sie sich durch die Fluten. Schwimmen in kalten Gewässern unter Eisplatten durch, vorbei an verschneiten Eisbergen und treibenden Schollen. Tagelang, keine Pause. Ihre Körper stoßen auf und ab, wellenförmige Bewegung. Vorbei an Küsten, Ländern, Kontinenten. Weiter, bis zu den tropischen Gewässern." (S. 48 im E-Book)
Die Beschreibungen der Veränderungen im Zuge des Mutter-Werdens habe ich, die ich selbst ein kleines Kind habe, als äußerst treffend und authentisch empfunden und mich in vielem wiedererkannt. Interessant und zum Nachdenken anregend habe ich auch die Verbindungen zwischen Mutter-Werden und den Walen gefunden: "Ist das Kalb aber erst mal da, werden Mutter und Kind zu einer untrennbaren Einheit. Die Weibchen bewältigen die Brutpflege allein. Die Männchen reisen ohne sie weiter. Das Reich der starken Mütter. Nur manchmal eskortieren die Männchen die beiden durch gefährliche Gebiete voller Orcas, die es auf das Kalb abgesehen haben." (S. 51)
Sehr gut gefallen haben mir auch die Gedanken über die Biologin und Autorin Rachel Carson, über die die Ich-Erzählerin einen Beitrag für eine Zeitschrift schreiben will, und zu der sie immer wieder Parallelen zieht, denn auch diese hatte in ihrem Leben ganz unterschiedliche Aufgaben zu vereinbaren, sorgte neben ihrer beruflichen Tätigkeit für Nichten und Neffen und wurde spät im Leben noch Adoptivmutter. Dazu findet sich gegen Ende des Buches ein schönes Zitat, das nicht nur den Preis, sondern auch den möglichen Lohn eines solchen Jonglierens verschiedener Rollen zeigt: "Wärst du nicht Mutti gewesen, dein ganzes Leben lang, auch vor der Adoption, hättest du sicher nicht nachts schreiben müssen. Dann aber hättest du vielleicht nie das Rauschen gehört, in der Stille der Nacht. Es wäre nicht in deine Bücher geflossen, hätte nicht die Jahrzehnte überdauert, bis es zu mir gelangte." (S. 209)
Insgesamt hat mich dieses Buch sehr berührt, an meine eigenen Erfahrungen im Zuge des Mutter-Werdens erinnert und nachdenklich gemacht. Es ist voll von tiefsinnigen Gedanken und Ideen, denen ich weitere Verbreitung in der Gesellschaft wünsche und die es wert sind, ausführlich diskutiert zu werden. Gleichzeitig kann es jenen, die diese Erfahrung noch nicht gemacht, authentisch vermitteln, was alles damit einhergehen kann, als Frau ein Kind zu bekommen, auf vielen Ebenen. Und die, die das selbst erlebt haben, können sich in vielem erkannt und verstanden, und damit mit der Autorin und mit anderen Frauen verbunden fühlen.
Ich würde mir für dieses ganz besondere und sehr gelungene Buch eine breite Leserschaft wünschen, auch außerhalb des Kreises der unmittelbar Betroffenen und insbesondere auch von kinderlosen Frauen und von Männern. Herzensempfehlung!
Rebecca F. Kuang ist als eine Autorin bekannt, die außergewöhnliche und bemerkenswerte Bücher verfasst. Werke, die aus der Masse der Neuveröffentlichungen herausstechen, im Gedächtnis bleiben und herkömmliche ...
Rebecca F. Kuang ist als eine Autorin bekannt, die außergewöhnliche und bemerkenswerte Bücher verfasst. Werke, die aus der Masse der Neuveröffentlichungen herausstechen, im Gedächtnis bleiben und herkömmliche Schreibkonventionen und Genregrenzen überwinden. Das macht sie so besonders, aber durchaus auch anspruchsvoll zum Lesen.
Das war schon bei „Babel“ und „Yellowface“ so, den beiden mir vor der Lektüre von „Katabasis“ bekannten Werken dieser Autorin. Schon für „Babel“ galt: es ist nur vordergründig ein fantastischer historischer Roman, dahinter liegt ganz viel Kolonialismus- und Rassismuskritik, Wissensvermittlung im Bereich Linguistik und vieles mehr. Die Bücher der Autorin sind also sehr tiefgründig und man braucht Zeit und Energie, um sich wirklich darauf einzulassen.
Das gilt noch einmal mehr für „Katabasis“. An dieser Stelle schon mal eine Warnung: wer sich aufgrund der Kurzbeschreibung eine unterhaltsame, vergnügliche, leicht und schnell zu lesende Fantasyreise durch die Hölle erwartet, der halte bitte inne und schaue sich dieses Buch genau an, lese auch hinein! Denn nein, genau darum handelt es sich hier nicht.
Ja, das Buch spielt in der Hölle und es weist einige Fantasy-Elemente auf, insbesondere die verwendete Magie. Doch selbst diese ist in einen äußerst wissenschaftlichen Kontext eingebettet und unterliegt genauen Regeln. Typische Leserinnen und Leser von Fantasyromanen, die um anspruchsvolle Literatur und Sachbücher normalerweise einen weiten Bogen machen und sich nicht für Philosophie und Wissenschaft interessieren, werden mit diesem Werk wohl keine große Freude haben.
Das eigentliche Hauptthema dieses Buches, wie ich es verstehe, ist eine beißend-sarkastische Kritik an all den Missständen im universitären Betrieb, auch an Elite-Unis: an der extremen Ausbeutung von Doktorandinnen und Doktoranden, an sexuellen Übergriffen, Manipulation und Machtmissbrauch, am Schüren von Konkurrenzdenken zwischen den Studierenden und am Wecken falscher Hoffnungen, wenn man sich nur genug anstrengen würde sowie an der einseitigen Fokussierung nur auf das Geistig-Intellektuelle, während all das, was sonst noch das Leben ausmacht, zu kurz kommt. Wer selbst den universitären Betrieb näher kennen gelernt und kritisch zu hinterfragen begonnen hat, wird so einiges wiedererkennen.
So reisen unsere zwei Helden Alice und Peter – die zwei besten Studierenden des verunglückten Magiers und ihres Doktorvaters Jacob Grimes – zwar in die Hölle, um diesen zu retten. Doch die Hölle gleicht in vielem einem Zerrbild des akademischen Betriebs, hat ganz viel mit diesem zu tun und ist an ihn angelehnt. Auch wenn Alice und Peter sich über 90 Prozent des Buches tatsächlich in der Hölle aufhalten – innerlich und auch in dem, was ihnen gespiegelt wird, haben sie Cambridge niemals wirklich verlassen.
Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass auch in den verschiedenen Höllenkreisen studiert und geforscht wird oder Dissertationen verfasst werden, nicht nur, aber zu einem großen Teil. Zusätzlich gibt es natürlich auch noch klassische Bösewichte, die unseren Helden nach dem Leben und der Seele trachten, diverse Monster und den Fluss Lethe, der alle Erinnerungen auszulöschen droht… vor allem aber ganz viel Kargheit und Einsamkeit, auch das wohl wieder ein Spiegel des so auf die geistige Sphäre reduzierten Lebens der Promovierenden in Cambridge (die Autorin arbeitet selbst gerade an ihrer Promotion an einer Eliteuni).
Die Kapitel, in denen die aktuelle Handlung des Reisens durch die verschiedenen Höllenkreise Stolz, Wollust, Gier, Zorn usw. voranschreitet, werden immer wieder von sehr theoretischen philosophischen Rückblicken auf die Studierendenzeit in Cambridge, die Anwendung akademischer Magie und die Missstände im akademischen Bereich unterbrochen. Das setzt die Bereitschaft der Lesenden voraus, sich auf umfangreiche philosophische und theoretische Exkurse einzulassen, um das Interesse am Buch nicht zu verlieren.
Mit den Figuren im Buch warm zu werden hat bei mir auch einiges an Zeit gebraucht, insbesondere bei Alice, die zumindest anfangs sehr selbstbezogen und nur auf ihre akademische Karriere bedacht wirkt. Anfangs erscheinen die beiden als intellektuell-verknöcherte, ihren unsympathischen und ausbeuterischen Professor völlig unkritisch verehrende Gestalten, doch machen beide, und noch einmal mehr Alice, im Laufe des Buches eine enorme Entwicklung und Emanzipation durch. Es ist aber nur ein Buch für Menschen, die bereit sind, sich auf erst einmal nicht sonderlich sympathische Charaktere einzulassen.
Inhaltlich steckt enorm viel Weisheit und Tiefe in dem Buch. Doch es war an vielen Stellen hart und sperrig zu lesen und ich hatte zwischendurch immer wieder den Impuls, es beiseite zu legen und ich würde für die Lektüre mehrere Wochen und begleitende Diskussionen mit Mitlesenden empfehlen, um die Motivation aufrechtzuerhalten, dranzubleiben.
Wie schon erwähnt, ist es definitiv keine einfache Unterhaltungslektüre, sondern ein Buch, das die Lesenden auf vielen Ebenen fordert. Wer sich darauf einlässt, wird schlussendlich aber doch mit einer jedenfalls im Rückblick interessanten Geschichte, viel Stoff zum Nachdenken und Hinterfragen und tiefgründigen philosophischen Gedanken belohnt. Es ist ein Buch, aus dem ich mir so einige Zitate rausgeschrieben habe und das noch länger bei mir emotional und intellektuell nachwirken wird:
"Im Kern ging es bei Magie nicht um komplizierte Mathematik oder Logik oder Linguistik, sondern darum, dass man daran glaubte. Durch den Glauben entfaltete ein Zauber seine Wirkung. Es war gar keine Frage der Algorithmen, sondern der Selbsttäuschung. Man musste genug Beweise sammeln, um sich selbst davon zu überzeugen, dass die Welt anders sein konnte, und solange man sich selbst belügen konnte, galt das auch für den Rest der Welt.“ (S. 156/157)
„Man könnte sagen, Karma verhält sich wie ein Same. Aus Samen wachsen Früchte. Karma ist eine natürliche Konsequenz. Das Schlechte sammelt sich an. Es beeinflusst, wie du lebst und die Welt wahrnimmst. Wenn du Böses tust, betrachtest du die Welt als engherzig und selbstsüchtig und grausam. Und in der Hölle erlebst du einfach nur die endgültige Konsequenz deiner ursprünglichen Bösartigkeit.“ (S. 340)
„Wenn ich sterbe, sterbe ich“, sagte Alice. „Aber anders ist das Leben nicht zu haben, glaube ich. Das Leben muss man aktiv betreiben. Man muss darum kämpfen. Sonst ist es gar kein Leben. Darum geht es. Sonst ist es nur ein Impuls. Und wir haben beide gemerkt, dass das nicht reicht.“ (S. 563)
„Da fiel ihr alles wieder ein. Das süße dunkle Gras, das Rauschen der Baumkronen, Rotkehlchen, die in ihre Nester hüpften. Stakhölzer, die ins Wasser tauchten, Fahrradreifen auf Kopfsteinpflaster. So viele Details, die sie jeden Abend beim Vorübergehen ignoriert hatte, gefangen in ihrem eigenen Schädel. Jetzt schien alles zu lebhaft, um echt zu sein; eine Projektion, ein Lichtspiel. Die Welt war so voller Dinge!“ (S. 650)
Ich empfehle das Buch ausdrücklich jenen buchinteressierten Menschen, die nicht nur hauptsächlich zur Unterhaltung lesen, sondern an intellektuell anstrengender Denkarbeit, vielen neuen Impulsen und persönlicher Weiterentwicklung interessiert sind. Für jene, die bereit sind, die damit verbundene Arbeit und Anstrengung auf sich zu nehmen, ist es ein lohnendes, interessantes und außergewöhnliches Werk.
"Madwoman" von Chelsea Bieker ist ein intensiver, bedrückender Roman über Mutterschaft, Gewalt und das Erbe familiärer Traumata. Schonungslos genau wird geschildert, wie die junge Frau Clove unter dem ...
"Madwoman" von Chelsea Bieker ist ein intensiver, bedrückender Roman über Mutterschaft, Gewalt und das Erbe familiärer Traumata. Schonungslos genau wird geschildert, wie die junge Frau Clove unter dem Gewicht ihrer Vergangenheit zusammenzubrechen droht, sowohl im gegenwärtigen Leben als junge Mutter als auch in Rückblenden auf ihre Kindheit.
Aufgewachsen in einer kaputten Familie, in der der Vater die Mutter unterdrückte, terrorisierte und verprügelte und außerdem mit Suizid drohte, scheint Clove sich in ein neues, heiles Leben als erwachsene Frau gerettet zu haben: mit einem harmlosen, freundlichen, netten Mann an ihrer Seite und zwei kleinen Kindern. Ihr Mann ahnt nichts von ihrer Geschichte.
Doch die Schatten der Vergangenheit holen sie immer wieder ein: in Form von depressiven Episoden, Nervenzusammenbrüchen, extrem ängstlich-kontrollierendem Verhalten den Kindern gegenüber und einer Kaufsucht. Dann wird Clove auch noch von einem Brief aus der Vergangenheit eingeholt und fürchtet, dass ihre mühsam aufgebaute Kulisse eines perfekt wirkenden Lebens endgültig zusammenbrechen und ihre Ehe und Familie mit sich reißen könnte.
Zuerst hat mich das Buch sehr gepackt, weil es mit unglaublich starken Sätzen beginnt: "Die Welt ist nicht für Mütter gemacht. Und doch haben Mütter die Welt gemacht. Die Welt ist nicht für Kinder gemacht. Und doch sind Kinder die Zukunft." Auch sind insbesondere im ersten Teil einige Szenen aus dem Alltag einer jungen Mutter sehr realistisch, authentisch und gleichzeitig humorvoll geschildert.
Leider schafft die Geschichte es nicht, dieses prägnante und hohe Niveau über alle 300 Seiten zu halten: zwischendurch gab es so einige Längen und die Details von Cloves psychischem Zustand und Verfall werden in einer Ausführlichkeit geschildert, die mich manchmal gelangweilt hat. Auch habe ich einige der weiteren Charaktere als sehr blass gezeichnet empfunden, was möglicherweise Cloves eigener selbstzentrierter Perspektive als unzuverlässiger Erzählerin geschuldet ist, aber die Lektüre streckenweise mühsam für mich gemacht hat.
Dennoch war es insgesamt eine spannende Geschichte, die zum Nachdenken über die langen Schatten familiärer Traumata anregt, überwiegend interessant erzählt ist und neugierig auf das Ende macht. So ist es ein Buch, das ich jenen, die sich für Familiendynamiken interessieren und keine Probleme mit der Schilderung familiärer Gewalt haben sowie bereit sind, sich auf ein paar Längen einzulassen, durchaus empfehlen kann.
„Das gefährliche Alter“ – was für ein spannender Titel für einen 115 Jahre alten Klassiker, der im Jahr 1910 erschienen ist! Um welches Alter mag es hier wohl gehen? Und was macht dieses Alter wohl so ...
„Das gefährliche Alter“ – was für ein spannender Titel für einen 115 Jahre alten Klassiker, der im Jahr 1910 erschienen ist! Um welches Alter mag es hier wohl gehen? Und was macht dieses Alter wohl so gefährlich?
Es geht um die Jahre ungefähr zwischen 40 und 50 Jahren, bei Frauen ungefähr die Wechseljahre. Die Zeit, in der es gilt, von der Jugend Abschied zu nehmen und sich auf eine neue Lebensphase einzulassen. In den Worten der Ich-Erzählerin dieses Buches: „Wir sind in diesen Jahren verrückt, kämpfen jedoch dafür, klug zu erscheinen.“
Verrückt, so haben wohl die angepassten Teile der Gesellschaft die Emanzipationsbestrebungen mancher Frauen in diesem Alter wahrgenommen und nicht wenige von ihnen sind dafür zumindest temporär in der Anfangszeit der Psychoanalyse als Neurotikerinnen psychoanalytisch behandelt worden. Das wird in diesem Buch kurz erwähnt, ist aber nicht Kern davon, hier geht es im Wesentlichen um Selbstwerdung und Befreiung.
Heute, im Jahr 2025, sind die „Wechseljahre“ ein Trendthema geworden und laufend erscheinen neue Bücher dazu. Früher war das ganz und gar nicht so. Umso bemerkenswerter, dass dieses Buch schon damals ein Bestseller war, mit dem die Autorin bekannt geworden ist, auch wenn es auch einigen Widerstand und sogar eine anonyme Schmähschrift dazu gab.
Wir erleben das Buch aus der Sicht der Ich-Erzählerin Elsie, einer Frau Anfang 40. Elsie ist eine außergewöhnlich selbstbewusste und emanzipierte Frau für ihre Zeit, die für ihre Entscheidungen einsteht und selbst Verantwortung für ihr Leben übernimmt, ohne irgendjemand anderem die Schuld dafür zu geben: „Ich klage niemanden wegen meines Lebens an. Ich bin selbst Herrin darüber gewesen.“
Elsie hat sich vor kurzem von ihrem Ehemann getrennt, um alleine, nur begleitet von zwei Dienstbotinnen, in ein abgelegenes Anwesen am Meer zu ziehen. So schreibt sie etwa an eine Freundin: „Du weißt so gut wie alle anderen, dass wir es miteinander so gut hatten, wie zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts es wohl überhaupt haben können. Zwischen uns ist nie ein böses Wort gefallen. Aber ich habe nun einmal diesen Einfall bekommen, oder wie auch immer Du es bezeichnen möchtest, dass ich allein leben muss. Ganz allein für mich selbst und mit mir selbst.“
In diesem Anwesen verbringt Elsie eine ruhige Zeit mit Baden im Meer und Briefe schreiben. Von den Mühen der Erwerbsarbeit und häuslichen Tätigkeiten ist sie durch ein Erbe, das genug jährliche Zinsen abwirft, befreit. Es ist klar eine Erzählung einer Frau aus der gesellschaftlich privilegierten Schicht. Dennoch kommt ergänzend im Buch an verschiedenen Stellen, etwa in schriftlichen Ratschlägen an Bekannte, immer wieder vor, dass es für eine Frau eine gute Idee sei, eine Tätigkeit zu erlernen, mit der sie selbst für ihr Auskommen sorgen könne.
Elsie selbst scheint also ihren Mann und eine grundsätzlich solide, aber für sie langweilige, Ehe, verlassen zu haben, um alleine zu leben und sich selbst zu finden. Im Kontrast dazu schreibt sie Briefe an eine Freundin von ihr, die scheinbar ihre Erfüllung im häuslichen und familiären Dasein zu finden scheint, doch Elsie beklagt, die Freundin als Person kaum mehr zu wahrzunehmen. So wünscht sie sich etwa in einem Brief von ihr: „…obwohl ich voraussehe, dass er zu neunzig Prozent von Deinen Kindern und zu zehn Prozent von Deinem Mann handeln wird, während ich lieber zu einhundert Prozent von Dir lesen möchte.“Ja, Elsie geht sogar so weit, zu sagen, eine Frau, die sich nicht für die Ehe eigne, begehe „ein Verbrechen an ihrem eigenen Wesen, wenn sie sich an einen Mann bindet.“
Doch ist das das einzige, worum es geht: Freiheit, Selbstbestimmung und alleine leben als Frau? Nein, da ist noch ein weiteres Thema, das damals wohl ebenfalls gesellschaftlich ein Tabu war: im Hintergrund gibt es noch einen Mann, acht Jahre jünger als Elsie, und seit zehn Jahren in ihrem Leben, als Anfang 30 war und er Mitte 20. Damals ein junger Mann ohne viele Mittel, heute ein aufstrebender Architekt. Er hat das Rückzugsanwesen am Meer nach ihren Wünschen geplant, ohne zu wissen, dass es für sie sein würde. Welche Rolle wird diese ungewöhnliche Anziehung in der Geschichte spielen und wie findet sie sich ein in diese Erzählung der Selbstbefreiung von gesellschaftlichen und ehelichen Zwängen?
Vorab schon mal so viel, ohne zu spoilern: das Buch ist keinesfalls hauptsächlich eine Liebesgeschichte, sondern deutlich mehr eine Erzählung über Befreiung und Selbsterkenntnis in einem Lebensalter, das starken Wandel mit sich bringt.
Die Sprache ist frech, pointiert und humorvoll, dabei an vielen Stellen voll von tiefgründigen Weisheiten, die zum Hinterfragen anregen und ermutigen, eine positive Einstellung zum Älter-Werden zu finden:
„Letzten Endes ist das Alter ein ansehnliches Ziel. Ein Gipfel, den es zu erklimmen gilt. Ein Berg, von dem aus man das Leben von allen Seiten überblickt – sofern man nicht auf dem Weg nach oben von dem ewigen, fallenden Schnee geblendet wird. Vor dem Alter habe ich keine Angst, aber vor dem Übergang.“
„Niemand hat jemals laut die Wahrheit ausgesprochen, dass die Frau mit jedem Jahr, das vergeht – wie, wenn es auf den Sommer zugeht und die Tage länger werden – mehr und mehr Frau wird. Sie stumpft nicht ab in dem, was ihr Geschlecht betrifft, sie reift bis weit in den Winter hinein.“
Insgesamt ist es ein kurzweiliges und amüsantes Buch, das sich locker und unterhaltsam liest und so einige überraschende Entwicklungen aufweisen kann, dabei unkonventionell und zeitlos ist und zum Nachdenken über das Leben, das Älter-Werden und insbesondere über die Wechseljahre als Frau anregt. Ich kann diesen vergnüglichen und zeitlosen Klassiker einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen.
Danke dem Verlag dafür, diesen tollen Klassiker neu herausgebracht und am Ende mit einem lesenswerten Nachwort mit Informationen zum Leben der Autorin und der Rezeptionsgeschichte des Buches ergänzt zu haben.