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Veröffentlicht am 21.03.2025

Starker Beginn, das Ende lässt mich etwas ratlos zurück

Schweben
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Der Roman Schweben von Amira Ben Saoud spielt in einer nicht näher definierten dystopischen Zukunft. Durch die Klimakatastrophe haben sich die Lebensbedingungen so drastisch geändert, dass die Menschen ...

Der Roman Schweben von Amira Ben Saoud spielt in einer nicht näher definierten dystopischen Zukunft. Durch die Klimakatastrophe haben sich die Lebensbedingungen so drastisch geändert, dass die Menschen nun nicht mehr global vernetzt sind (zumindest nicht auf individueller Ebene), sondern in abgeschotteten Siedlungen leben. Eine unbekannte Regierung bzw. Organisationsinstanz scheint es in irgendeiner Form aber dennoch zu geben, denn ein Warenaustausch zwischen den Siedlungen findet statt (der Kapitalismus stirbt wohl als letztes…). Das Setting hat mich durchaus sehr an The Giver von Lois Lowry erinnert: Erinnerungen an früher, bzw. das Aneignen von Wissen sind verboten und ein Verlassen der Siedlung wird mit dem Tod gleichgesetzt.
Die Protagonistin von Schweben verdient ihr Geld durch „Begegnungen“. So nennt sie das von ihr erdachte Geschäftsmodell, bei dem sie bis zur kompletten Selbstaufgabe in die Rolle einer anderen schlüpft, um den (meist männlichen) Auftraggebern dabei zu helfen, Beziehungen erneut zu durchleben und/oder zu verarbeiten. Viel mehr kann ich zur Handlung gar nicht sagen, ohne zu viel vorwegzunehmen.
Identität ist also ganz klar ein zentrales Thema dieses Romans. Aber es gibt noch mehr. Die ersten zwei Drittel des Buches lesen sich für mich wie ein Kommentar der aktuellen gesellschaftlichen Situation, vor allem in Hinblick auf systemische Gewalt und Machtstrukturen. Im Buch ist Gewalt verboten, und darum gibt es sie natürlich nicht (zwinki-zwonki). Da höre ich doch gleich Horst Seehofer, wie er meint, Racial Profiling bei der Polizei gibt es nicht, weil das ja verfassungswidrig wäre. Und auch die Abhängigkeit vieler Frauen von ihren Partnern wird thematisiert, wobei unter anderem gezeigt wird, wie schleichend dieser Prozess ablaufen kann und wie wenig Chancen sie haben, wenn das System nur scheinbar ihren Schutz gewährleistet.
Leider passieren im letzten Drittel dann ein paar Dinge, die mich an dieser Interpretation zweifeln lassen und mich ziemlich ratlos machen. Viele Aspekte werden nicht erklärt (das ist bei Dystopien ja durchaus mal der Fall, aber hier hätte ich mir wirklich mehr Aufklärung gewünscht) und bestimmtes Verhalten erscheint mir patriarchale Strukturen geradezu zu untermauern. Auch ist mir aufgefallen, dass (mit einer Ausnahme) sämtliche Individuen im Leben der Protagonistin Männer sind. Dabei hatte es so gut angefangen, zum Beispiel mit einem scheinbar unkomplizierten Zugang zu Verhütung und zwei guten Gegenentwürfen zu toxischer Männlichkeit. Und klar, die „Übermacht“ männlicher Individuen kann natürlich auch als Kritik genau daran gedacht sein – aber dafür ist mir die Thematik nicht rund genug, das gibt das Buch für mich nicht her.
Insgesamt also leider kein Highlight für mich, auch wenn ich das Buch gerne und schnell gelesen habe. Trotz vieler guter Aspekte und klug inszenierter Elemente (alleine über den Titel des Prologs könnte ich Lobeshymnen schreiben) hat mich das Buch gegen Ende verloren – sehr schade, denn das Potenzial war da!

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Veröffentlicht am 19.03.2025

Wunderbar lyrisch und emotional

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz ist die Geschichte eines Mädchens, das mit ziemlich beschissenen Chancen ins Leben geschickt wird. Und eine Geschichte über das Trotzdem, ...

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz ist die Geschichte eines Mädchens, das mit ziemlich beschissenen Chancen ins Leben geschickt wird. Und eine Geschichte über das Trotzdem, die Kraft der Bücher, und Wunder.
Wir begleiten Elisa, die bereits als Kind ins Heim kommt, und die sowohl die Beziehungen zu ihrer dysfunktionalen Familie als auch die Widrigkeiten des Aufwachsens im Jugendhilfesystem verarbeiten muss. Schicksalsschläge säumen ihren Weg, Klassismus und Misogynie sind allgegenwärtig, und was ihr widerfährt, hätte für mehrere Leben gereicht. Trotzdem behält sie sich ihren Glauben an Wunder und findet ihr ganz eigenes schließlich in ihrem Ehemann. Dabei sind Bücher ihre ständigen Begleiter und besonders die Werke von Mascha Kaléko geben ihr Kraft.
Und so ist dieses Buch geschrieben als Ansprache an die Dichterin: es werden Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Frauen aufgezeigt, Theorien aufgestellt, Fragen in den Raum geworfen. Dadurch hat der Roman nicht nur ein lyrisches Ich, sondern auch ein lyrisches Du, und beide sind doch offensichtlich ganz eng mit realen Personen verknüpft. Nicht ganz unironisch heißt es im Buch sogar: „Aber ich bin so kühn und behaupte: Ihr weist beachtliche Parallelen auf, dein Lyrisches Ich und du.“ (30) Das hat mir das Lesen tatsächlich an manchen Stellen ein bisschen schwer gemacht, denn dieser autofiktionale Roman schreit schon sehr laut nach Autobiografie, was bei mir zuweilen ein beklemmendes Gefühl von Voyeurismus hinterlässt. Und klar: auch ganz viel Mitgefühl und vor allem Mitwut. (Ja, ich weiß, das gibt es nicht – sollte es aber!)
Dennoch hatte das Buch eine unheimliche Sogwirkung, was vor allem an der wunderbar lyrischen Sprache und dem ganz eigenen Schreibstil der Autorin liegt. Ich kenne kaum ein Werk, das so gekonnt das Repertoire deutscher Adjektive ausschöpft. Allein dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen.

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Veröffentlicht am 18.03.2025

Irreführende Genrebezeichnung

If We Were Gods
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If We Were Gods von Lara Große, erschienen im LEAF-Verlag, fällt natürlich zunächst aufgrund des unheimlich schönen Covers auf. Die Farbgebung und die generelle Gestaltung sind wirklich gelungen und passen ...

If We Were Gods von Lara Große, erschienen im LEAF-Verlag, fällt natürlich zunächst aufgrund des unheimlich schönen Covers auf. Die Farbgebung und die generelle Gestaltung sind wirklich gelungen und passen auch gut zur Geschichte.
Diese entfaltet sich rund um Olivia und ihre Mitstudierenden an der Arcane Academy – DER Uni, wenn man eine Karriere im Bereich der arkanen Künste anstrebt (oder einfach nur den Lebenslauf aufpolieren möchte). Die Ausbildung beschäftigt sich damit, wie die arkanen Ebenen aufgebaut sind, welche Magie man aus ihnen ableiten kann und wie man damit wiederum auf die Realität einwirken kann. Dabei gibt es auch Ebenen, die verboten sind, was die Studierenden um Olivia aber nicht davon abhalten kann, einen Plan zu schmieden, wie sie dennoch dorthin gelangen können.
Was dann folgt: Drama, Geheimnisse, Gefahr, Emotionen, Magie. Und leider auch Enttäuschung.
Als Dark Academia Roman vermarktet hatte ich mich sehr auf die Lektüre gefreut und war leider etwas enttäuscht, denn es kommt nicht an die „Klassiker“ des Genres heran. Das Magiesystem gefällt mir gut, wird aber erst im Laufe des Romans erklärt und bleibt trotz der vielen Informationen dennoch etwas vage. Hier wäre wesentlich mehr Potenzial gewesen, denn die Idee ist originell. Was mich besonders gestört hat, sind die Charaktere. Sie sollen angeblich um die 22 Jahre alt sein und alle bereits ein Studium hinter sich haben, verhalten sich aber wie Teenager. Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich genervt und ich konnte sie irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Zudem bemüht sich das Buch sehr darum, möglichst inklusiv zu sein (vor allem in Bezug auf ethnische Abstammung und sexuelle Orientierung), bedient aber dennoch ein Klischee nach dem anderen, vor allem im Bereich Genderstereotype.
Eine gewisse Spannung konnte trotzdem aufgebaut werden und ich wollte ab einem bestimmten Punkt dann auch tatsächlich wissen, wie es ausgeht. Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass ich nicht sicher bin, ob ich es nicht vorher schon abgebrochen hätte, wenn es kein Rezensionsexemplar gewesen wäre. Das liegt weniger an der Qualität des Buches als vielmehr am Marketing: als YA-Fantasy hätte ich das Buch sicher wohlwollender gelesen. An Dark Academia habe ich dann doch andere Ansprüche.
Schade, aber mit der richtigen Erwartungshaltung für einige von euch sicher dennoch eine angenehme Leseerfahrung.

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Gute Idee mit großen Schwächen bei der Umsetzung

Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs
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Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs von Francesca Cavallo, mit Illustrationen von Luis San Vicente, ist ein Buch mit 12 Geschichten, die laut Vorwort traditionelle Geschlechterklischees ...

Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs von Francesca Cavallo, mit Illustrationen von Luis San Vicente, ist ein Buch mit 12 Geschichten, die laut Vorwort traditionelle Geschlechterklischees aufbrechen und Alternativen bieten wollen.
Die Idee klingt toll und auch ich finde es extrem wichtig, den vorherrschenden Stereotypen etwas entgegenzustellen. Leider hapert es an der Umsetzung und so bin ich tatsächlich enttäuscht von diesem Buch, von dem ich mir so viel erwartet hatte.
Zum einen ist es – ganz unabhängig vom Grundgedanken hinter dem Buch – ein bisschen schwierig, sich in die Geschichten hineinzufühlen, da sie relativ kurz und vor allem unabhängig voneinander sind. Auch der Zeichenstil ist hier nicht gut angekommen, denn die schwarz-weißen Illustrationen wirken etwas emotionslos. Apropos emotionslos (ACHTUNG SPOILER): In der ersten Geschichte sterben die Eltern der Geschwister und es geht nicht etwa darum, die Gefühle dazu zu verarbeiten, sondern nur darum, dass mit ihnen auch bestimmte Traditionen gestorben sind, was als positiv gewertet wird. Als Erwachsene kann ich das sehr gut einordnen, aber für Kinder finde ich das unangemessen und mein Sohn hatte auch einigen Redebedarf.
Ich möchte jetzt nicht zu jeder einzelnen Geschichte schreiben, was mich gestört hat, aber ganz allgemein tut das Buch für mich nicht das, was es sich vorgenommen hat. Manche Klischees werden einfach durch andere ersetzt, manche Geschichten haben keine klar erkennbare Aussage, und andere verfestigen sogar noch bestimmte Muster (ACHTUNG SPOILER: Der Pirat verliebt sich nicht etwa in die Piratin, weil sie so abenteuerlustig, mutig, stark, sympathisch… ist. Nein – sie ist halt hübsch!). Und nur am Rande: der Gebrauch des generischen Maskulinums hat mich in einem derartigen Buch auch überrascht.
Ich habe relativ oft mit den Augen gerollt und viele Geschichten für meinen Sohn noch einmal einordnen bzw. relativieren und besprechen müssen. Sehr schade, denn die Idee klang so gut!

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Animiert zum Selberlesen

Muffin und Tört! 1: Bei den Wikingern
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Muffin und Tört von Adam Stower ist eine Geschichte mit wenig Text und vielen Bildern, die auch Erstlesende dazu animiert, doch mal zum Buch zu greifen.

Wir begleiten Muffin und seinen Gefährten ...

Muffin und Tört von Adam Stower ist eine Geschichte mit wenig Text und vielen Bildern, die auch Erstlesende dazu animiert, doch mal zum Buch zu greifen.

Wir begleiten Muffin und seinen Gefährten Tört auf einer abenteuerlichen Mission: sie müssen einen Wikinger aus den Fängen eines Trolls retten. So dachten sie zumindest - was dann tatsächlich passiert, verrate ich nicht ;).

Die Geschichte hat viel Humor (mir ist es stellenweise zu albern, aber für die Zielgruppe vermutlich sehr passend) und ich mag die Zeichnungen gerne. Die überschaubare Menge Text, die die Bilder begleitet, hilft dabei, Anfänger:innen zu motivieren und ihnen schnelle Erfolgserlebnisse zu bescheren.

Was mir nicht so gut gefallen hat, ist die Thematik rund um Muffins "Pölsterchen" - das hätte man sicher auch etwas anders lösen können, ohne dass Gewicht/Figur schon als Thema (wenn auch kleines) in einem Buch für Grundschüler:innen auftaucht.

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