Mehr als eine Frau
Das DamengambitIch hatte schon vieles über die Serie gehört, habe sie aber bisher nicht gesehen. Trotzdem freute ich mich, dass das Buch bei Netgalley als Rezensionsexemplar verfügbar war. Ich wollte wissen, was hinter ...
Ich hatte schon vieles über die Serie gehört, habe sie aber bisher nicht gesehen. Trotzdem freute ich mich, dass das Buch bei Netgalley als Rezensionsexemplar verfügbar war. Ich wollte wissen, was hinter dem "Hype" steckt. Für mich war es ein Buch, durch das ich flott durchgekommen bin, es war ein dramaturgisch gut gestalteter Schmöker. So aufregend, wie er in den Medien dargestellt wurde, fand ich den Text aber nicht.
Rezi enthält Spoiler.
Worum geht es?
Beht verliert bei einem Autounfall ihre Mutter und kommt ins Waisenhaus. Sie knüpft Kontakt zum Schwarzen Mädchen Jolene - eine zwiespältige Beziehung. Einerseits kommen die beiden gut aus und respektieren sich. Dieses Vertrauen spielt später eine wichtige Rolle. Andererseits übertritt Jolene Grenzen und kritisiert sie. Einen Ausweg aus dem streng durchgetakteten, öden Alltag, in dem die Kinder mit Beruhigungsmitteln betäubt werden, bietet sich Beth, als sie den Hausmeister beim Schachspielen beobachtet. Und dadurch entfacht eine Leidenschaft, die ihrem Leben eine Richtung gibt.
Meine Meinung
Mich hat fasziniert, dass Beth ein Wunderkind, aber bodenständig ist. Während Schachspieler, reale und fiktive, in den Medien oft als Sonderlinge dargestellt werden, die außer Schach wenig andere Themen kennen und/oder unter psychischen Krankheiten leiden, verleiht der Autor seiner Figur menschliche Züge. Beth hat ihre Periode, sie verliebt sich und hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Adoptivmutter Alma. Diese symbolisierte für mich auch Kritik am Frauenbild der 60er Jahre, in der die Hausfrau von ihrem Mann erst ignoriert, dann verlassen wird und die schließlich an einem gebrochenen Herzen (oder anderen Krankheiten) stirbt, weil sie sich nicht aufraffen konnte, ihre Wünsche zu erfüllen. Alma nutzt Beths Talent, um beider Leben zu finanzieren, aber sie ist nicht herrisch, sondern resigniert. Beth muss arbeiten, muss Partien studieren und wird auf manche Tuniere sogar von ihren Schachfreunden vorbereitet.
Das Einzige, womit sie nicht umgehen kann: dem Verlust. Im Schach und der Realität.
Die Sucht ist im Buch ein Teil der Figur, aber sie dominiert sie nur phasenweise. Beth hat, besonders bei Alkohol, eine hohe Toleranz - wenn sie konsumiert, dann benötigt sie viel, um vergessen zu können. Aber sie weiß auch, dass die Nachwirkungen der Tabletten ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und nimmt sie mit Bedacht. Einen Absturz erlebt Beth nach dem Tod Almas, weil sie traurig und überfordert ist. Sie kämpft sich aber aus diesem Tief heraus.
Beth hat wenig eigene Meinung, sie isst gern gut und weiß den Luxus, der ihr als Kind verwehrt blieb, zu schätzen. Aber sie interessiert sich nur wenig für Politik und Gesellschaft. Das Thema Feminismus wird nur erwähnt, als eine Reporterin mit ihr über Mode und Männer sprechen möchte und als Beth später erklärt, es solle keine Rolle spielen, dass sie eine Frau ist.
Letztlich zeichnet "Queen's Gambit" auch ein Portrait des Amerika der 50er und 60er Jahre - mit Fertiggerichten, Kaltem Krieg und einer beginnenden Bürgerrechtsbewegung. Und Frauen.
Auch die Spannung funktioniert im Buch: Wir verfolgen den Aufstieg unserer Heldin mit all den Spolpersteinen, sehen sie später fallen und wieder aufstehen. Bis zum versöhnlichen Ende. Das war sehr gekonnt.
Die Schachnotationen im Buch habe ich übersprungen, weil ich kein Schach spielen kann. Ich habe die Handlung trotzdem verstanden und konnte gut mitfühlen. Für mich waren sie ein Bonus-Level, denn zwischen den Zügen transportiert der Text Gefühle - sie sind mehr als eine Sachinformation, sondern stimmig eingebunden.
Fazit
"Das Damengambit" war für mich ein kleiner Glanzpunkt, weil es mit wenigen Klischees auskommt und nicht übertrieben dramatisch ist. Es zeichnet eine Frau, der ich mich gut annähern konnte, weil sie ein Genie, aber nicht "abgehoben" ist. Beth ist eine Heldin, die den Umgang mit Gefühlen lernen muss, aber sie weiß, was sie will. Ob Schach jedoch der Ausweg aus der Sucht oder das stärkere Suchtmittel ist, darüber kann man gut nachdenken.