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Veröffentlicht am 18.02.2021

Die Mütter

Die Mütter
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Schon beim Erscheinen des Hardcovers von "Die Mütter" im April 2018, habe ich das Buch ins Auge gefasst. Doch genau wie Nadias zweifelhafter Ruf in der Geschichte, ist der Roman in Vergessenheit geraten. ...

Schon beim Erscheinen des Hardcovers von "Die Mütter" im April 2018, habe ich das Buch ins Auge gefasst. Doch genau wie Nadias zweifelhafter Ruf in der Geschichte, ist der Roman in Vergessenheit geraten. Bis er für den Online Lesekreis Mariaslesekreis zur Auswahl stand und so den Weg zurück in mein Gedächtnis, die preisgünstigere Taschenbuchausgabe in mein Regal, fand.

"Die Mütter" ist die Skizze einer Gesellschaft, bestehend aus mehreren Generationen mit ihren Werten, Wünschen und Hoffnungen. Mit ihren Zielen und Niederschlägen, Träumen und Ängsten. Dass es sich um eine Gemeinde Schwarzer handelt, wird immer dann bewusst, wenn es um Ängste geht. Schwarze junge Männer, die bei den Marines sicherer leben, als auf der Straße, Schwarze junge Frauen, die von Ungleichheiten noch mehr gebeutelt werden, als weiße Mädchen. Ich vergesse es oft während des Lesens, doch dann überfallt mich der Rassismus immer wieder wie ein Messerstich.

"Subtiler Rassismus war auf gewisse Weise schlimmer, weil er einen irremachte. Dauernd musste man sich fragen: War das jetzt wirklich rassistisch? Oder habe ich mir das eingebildet?"

Im Fokus des Romans stehen Nadia und Luke, zwei junge Menschen, deren Wege vom Schicksal gezeichnet wurden und die aneinander Halt suchen. Nadia in der Trauer um ihre Mutter, Luke, weil sein großer Traum von einer Footballkarriere mit einem Unfall und den darauffolgenden körperlichen Beschwerden geplatzt ist. Sie treffen sich heimlich, lieben sich heimlich, zeugen heimlich ein Kind. Eins, das von der Mutter nicht gewollt ist. Nadia möchte ihr Leben in die Hand nehmen, niemandem verpflichtet sein, Karriere machen und ihren Heimatort Oceanside verlassen können, wann immer ihr danach ist. Luke muss bleiben, gefesselt durch seine Verletzung, seine Verpflichtungen. Sie gehen getrennte Wege und sind doch für immer miteinander verbunden.

Ich mochte "Die Mütter" sehr. Es steckt so viel ehrliches über Zwischenmenschliche Beziehungen darin, so viel Ironie des Schicksals, so viel Erkennen und Verstehen. Aber eben auch die Dramatik des Lebens. Brit Bennett schreibt über die Schwäche, die man uns Frauen versucht anzuerziehen, und die Stärke, die wirklich in uns steckt. Sie schreibt von Freundschaft und Familie, von Verbundenheit und gemeinsamen Erlebnissen. Ich könnte soviel über "Die Mütter" sagen, aber es gibt so vieles über Menschen, menschliches Verhalten, Zwischenmenschliches im Roman zu entdecken und Jede*r sollte die Möglichkeit haben, sich ein eigenes Bild zu machen, eigene Erfahrungen zwischen den Zeilen zu entdecken und Bekanntschaften zu schließen.

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Veröffentlicht am 11.02.2021

Kindheit

Kindheit
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Schon im Vorfeld wurde die Kopenhagen Trilogie von Tove Ditlevsen, die in ihrem Heimatland Dänemark längst bekannt ist und auch schon vor Jahren ins englische übersetzt wurde, sehr stark beworben und groß ...

Schon im Vorfeld wurde die Kopenhagen Trilogie von Tove Ditlevsen, die in ihrem Heimatland Dänemark längst bekannt ist und auch schon vor Jahren ins englische übersetzt wurde, sehr stark beworben und groß angekündigt. Dass man die Bücher der bereits verstorbenen Autorin jetzt ins deutsche übersetzte ist eher einem Zufall zu verdanken, aber gefühlt passen sie kaum besser, als in den aktuell stak aufbrandenden Diskussionen über Frauenrechte und Gleichheit. Obwohl die Situationen, die Ditlevsen beschreibt, bereits über 50 Jahre vergangen sind, habe ich das Gefühl, dass sich kaum etwas oder zumindest nur sehr schleichend ändert.

Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist seit vielen Jahrzehnten, ja sogar Jahrhunderten vorhanden. Wie fest die Denkweise in unserer Gesellschaft verankert ist, kann ich an Ditlevsens Autobiografie zu deutlich erkennen. Frauen und Mädchen sind mit einer Schuld behaftet, die sie nur schwer wieder loswerden, und die heute noch fest in den Köpfen und von Männern und Frauen verankert ist. Es ist eine Rolle, in die wir Frauen geschoben wurden, und die es loszuwerden gilt, und da zählt jeder Satz.

"Fräulein Matthiassen sagt, ich sei begabt und solle weiter die Schule besuchen dürfen. [...] Trotzdem frage ich meinen Vater, der mit einer Empörung darauf reagiert und abfällig über weibliche Abiturientinnen spricht, die hässlich und eingebildet seien." (S. 90)

Neben der Schuld der Weiblichkeit, die Ditlevsen immer wieder vorgehalten wird, steht der Mangel an Können und Nutzen. Obwohl sie bereits als junges Mädchen einen Faible für Sprache hat und ausgesprochen gut mit Sprache umgehen kann, was in ihr den Wunsch keimen lässt, Dichterin werden zu wollen, spricht man ihr diese Fähigkeit ab. Nur Männer werden Dichter und der Weg für Frauen...naja, den kennen wir ja. Heiraten, Kinder kriegen, den Mann umsorgen. Ganz selten lässt der Vater durchblicken, in wirklich guten Stunden, dass er es mag, dass seine Tochter sich für Worte interessieren, aber dann überfallen ihn wieder die alten Denkmuster und seine eigene Misere, die ihn ganz und gar einnimmt und keinen Raum für Empathie lässt.

Die Mutter ist noch weniger empathisch, verliert sich ganz in ihrer eigenen Bitterkeit. Ich glaube auch sie ist gezeichnet von Desillusionierung und eingesperrt in den engen Rahmen dessen, was ihr als Frau erlaubt ist. Für Tove hat sie wenig Herzlichkeit übrig, begegnet ihr kühl und hofft, dass die Tochter sie nicht noch weiter in Unannehmlichkeiten bringt. Die Handlungsunfähigkeit, in die sie als Frau getrieben wird, lädt sie auf Tove ab, belastet sie dadurch mit einer Schuld, die keine Schultern tragen können und schon gar nicht die eines Kindes.

"Wenn ich an die Zukunft denke, laufe ich ständig gegen Mauern, weshalb ich die Kindheit so lange wie möglich hinauszögern will." (S. 89)

Ein beklemmendes Gefühl begleitet mich beim Lesen. Es belastet mich wie traurig und beklemmend Dilevsens Kindheit ist. Meine eigenen Kinder begleite ich täglich mit dem Gedanken, dass Situationen des Alltags für mich nur ein Teil meines Alltags sind, für meine Kinder aber ein Stück ihrer Kindheit. Toves Kindheit wiegt so schwer wie ein ganzes Leben und trotzdem möchte sie darin verweilen. Nicht der schönen Momente wegen, sondern weil sie keine Zukunft für sich sieht oder vielmehr keine Zukunft, die ihr gefallen könnte. Der Mangel an Selbstbestimmung, an Aussicht auf ein Leben, in dem sie ihre Träume erfüllen kann, in dem sie sich Ziele setzen und diese verwirklichen kann, lässt Ditlevsen in ein negatives Lebensgefühl gleiten. Und trotzdem gelingt es ihr immer wieder eigene Ideen, eigene wünsche durchzusetzen. Oft heimlich, oft im Kleinen, aber Schritt für Schritt erobert sie sich ein wenig selbstbestimmtes Handeln. Ich bin gespannt wie es ihr gelingen wird ihre Jugend zu gestalten und freue mich sehr darauf die Bände "Jugend" und "Abhängigkeit" zu lesen.

"Wie alle Erwachsenen kann sie es nicht ausstehen, wenn Kinder fragen stellen, und gibt nur kurze Antworten. Wohin man sich auch wendet, ständig stößt man dabei gegen seine Kindheit und tut sich weh, weil sie kantig und hart ist und erst aufhört, wenn sie einen vollkommen zerrissen hat." (S. 35)

Besonders herausragend ist Ditlevsens Schreibe. Poetisch und von großer Kraft. Modern für das Jahrzehnt, in dem das Buch geschrieben wurde, zeitlos und eindringlich. Es gibt viele Sätze, die ich mehrmals lese, weil sie mir so gut gefallen oder sehr aussagekräftig sind. Ich möchte mir viele von ihnen notieren, merken, darüber nachdenken und sie in meinem Alltag als Antrieb für Umdenken und Respekt nutzen. Ich glaube, Ursel Allenstein hat ihre Aufgabe als Übersetzerin richtig gut gemeistert.

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Veröffentlicht am 23.01.2021

Gute Geschichte, schwieriges Ende

Es war die Nachtigall
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"Es war die Nachtigall" ist mein erstes Buch der Autorin Katrin Bongard, die bereits mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde. Ein Versäumnis, denn ihre Art zu schreiben gefällt mir richtig, richtig ...

"Es war die Nachtigall" ist mein erstes Buch der Autorin Katrin Bongard, die bereits mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde. Ein Versäumnis, denn ihre Art zu schreiben gefällt mir richtig, richtig gut. Eindringlich, leise und doch nicht zu überhören. Katrin Bongard hat etwas zu sagen. Im Falle von "Es war die Nachtigall" bin ich jedoch schockiert von dem, was die Handlung am Ende weitergeben könnte.

Fangen wir erstmal vorne an. Ludwig, ein sympathischer, ein starker, ein cooler Typ mit Tiefe, besteht seinen Jagdschein. Das Jagen liegt ihm im Blut. Er stammt aus einer Familie, in der man sich seit Generationen um den Wald, dessen Beforstung und den Wildbestand kümmert. Er weiß, dass Jagd Hege des Wildes bedeutet, und trotzdem hat er das Gefühl zu töten, als er nach der frisch bestandenen Jagdscheinprüfung zum ersten Mal auf einen Rehbock zielt und diesen erschießt.

Auf einem Konzert lernt Ludwig Marie kennen. Wild, ungestüm, unbändig, mit vielen Ideen im Kopf. Sie ist Umweltaktivistin und möchte Journalistin werden. Sie nimmt an Tierrettungsversuchen teil und lebt vegan. Gegensätzlicher könnten die zwei gar nicht sein. Aber sind sie das wirklich oder nur dem äußeren Anschein nach? Welche Gemeinsamkeiten sind überhaupt wichtig in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Schon im Prolog wirft mir die Autorin eine schockierende Tatsache vor die Füße. Etwas, das mich den ganzen Roman über begleitet, denn ich möchte unbedingt wissen, wie es dazu kommt. Das ist ein geschickter Schachzug, der unter anderem dafür verantwortlich ist, dass solch ein Sog entsteht. Es ist aber auch die Schreibe, die Art ihre Sprache zu verwenden, mit der mich Katrin Bongard ans Buch fesselt.

Die Story an sich zeigt, dass es schwierig ist schwarz-weiß zu denken. Dass sich Menschen nicht einfach in Schubladen stecken lassen. Dass man sich für Tierschutz einsetzen und trotzdem Fleisch essen kann. Dass man sich für Umweltschutz einsetzen kann, deshalb aber nicht absolut extrem leben muss. Eine wichtige Aussage, denn ich finde, dass der Gedanke alles extrem umstellen zu müssen, viele Menschen davon abhält überhaupt etwas zu verändern. Dabei ist jeder Schritt wichtig. Und ist er auch noch so klein.

Mit dem Ende des Romans gehe ich so gar nicht mit. Schade, denn sonst wäre es eine absolut runde Sache. Eine Liebesgeschichte, die sich von der Masse abhebt. Die mal etwas anders ist, als in vielen anderen Jugendbüchern.

Im nächsten Absatz schreibe ich etwas über das Ende des Romans. Wer möchte, kann es lesen und mir gerne die eigene Meinung dazu schicken.

---------------------------------- SPOILER ----------------------------------

Am Ende des Romans begeht eine der Figuren suizid. Dies finde ich in einem Jugendbuch, einer Geschichte dieser Art, unpassend. Es romantisiert Depression, die in der Geschichte nur am Rande angesprochen wird und eigentlich nicht im Fokus steht, und suizid als einzigen Ausweg aus der Depression bzw. einer Lage, die emotional sehr aufwühlt. Das Thema muss nicht gänzlich ferngehalten werden, sollte aber kritischer dargestellt werden und nicht in einem romantischen Kontext. Es gibt da klar die Verbindung zu Romeo und Julia, die ja auch im Titel schon dargestellt wird und in der Umsetzung modern und zeitgemäß ist,aber ich sehe es in dieser Form des Dramas als weniger gefährlich, als im Jugendbuch, das eine Vorbildfunktion einnimmt. Wie siehst du das?

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Veröffentlicht am 23.01.2021

Vom Mut im Leben zu stehen, wen der Tod naht

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
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Ausgerechnet in der Woche, in der meine an Krebs verstorbene Mama Geburtstag hätte, greife ich nach einem Buch, in dem es um eine Frau geht, die an Krebs erkrankt ist und daran sterben wird. Es ist die ...

Ausgerechnet in der Woche, in der meine an Krebs verstorbene Mama Geburtstag hätte, greife ich nach einem Buch, in dem es um eine Frau geht, die an Krebs erkrankt ist und daran sterben wird. Es ist die Zeit, in der ich emotional nicht sehr stabil bin und doch lese ich dieses Buch, in dem Sterbebegleitung eine Rolle spielt. Sterbebegleitung kenne ich. Es ist die Zeit, in der ich dabei zusehen musste, wie meine Mama immer weniger wurde. Wie der Krebs sich ihrer bemächtigte und sie von innen heraus auffraß. So wie er es mit Karla macht. Obwohl beide Frauen sehr unterschiedlich sind, habe ich das Gefühl den Weg bis hin zum Tod noch einmal zu gehen. Das schafft Nähe zur Protagonistin, zur Geschichte, und gleichzeitig sorgt es dafür, dass ich mich distanziere. Dass ich den Roman nicht so sehr an mich ranlasse, wie er es verdient hätte.

Es ist eine gute Geschichte. Hoffnungsvoll, ehrlich, direkt, ohne Schmu. Ich mag vor allem die Protagonisten. Karla, die so sehr im Leben steht, obwohl sie weiß, dass sie dieses bald verlassen wird. Die im Reinen ist mit sich selbst und keine verschnörkelte Romantik benötigt, um alte Wunden zu heilen. Fred, der eckig und kantig und rund zugleich ist. Der so gutherzig ist, dass ich ihn immer wieder umarmen möchte. Und sein Sohn Phil, der verkannte Poet, der von der eigenen Mutter keinerlei positive Bestärkung kommt. Sie alle sind so wunderbar individuell. Von solch einer lebendigen Tiefe und Authentizität. Ebenso stark sind die Nebenfiguren, die alle ihre kleinen Macken haben und dadurch so realistisch wirken.

Am meisten mochte ich den Humor der Autorin, der sich so oft in den Situationen zeigt, in denen andere sich nicht einmal trauen würden aufzuschauen. Sie kann eine gewisse Ironie in den Text schreiben, ohne dabei bitter oder bös zu wirken. Gefühle werden sehr echt, sehr greifbar. Pásztors Figuren dürfen alles. Lachen, wann immer sie wollen, weinen, aus sich herauskommen, verzeihen, hassen. Ihr Tonfall ist immer passend. Leise, fast flüsternd, wenn die der unsichere Fred spricht. Klar, direkt, im Fall von Klara.

"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" bekommt eine klare Leseempfehlung. Ich glaube es ist eins der Bücher, die einem breiten Publikum gefallen, weil es so echt, so aus dem Leben ist. Die schwierige Vater-Sohn-Geschichte, die auf Unsicherheiten beruht, und Karlas Geschichte vom Sterben und ihrer Kraft im Reinen zu sein.

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Veröffentlicht am 23.10.2020

Spannende Reise ins Filmgeschäft der Nachkriegszeit

Das Kino am Jungfernstieg
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Die Bücher von Micaela Jary fühlen sich an wie Heimat. Ich bekomme ein wohliges Gefühl, wenn ich die ersten Sätze, die ersten Seiten in einem ihrer Romane lese. Es sind keine Bücher, die sich in der Komfortzone ...

Die Bücher von Micaela Jary fühlen sich an wie Heimat. Ich bekomme ein wohliges Gefühl, wenn ich die ersten Sätze, die ersten Seiten in einem ihrer Romane lese. Es sind keine Bücher, die sich in der Komfortzone bewegen, denn Micaela schreibt über ein Kapitel unserer Geschichte, das alles andere als schön ist. Aber ich weiß, egal welchen ihrer Romane ich aufschlage, ich werde eintauchen in das Leben spannender Personen, werde etwas lernen, werde unterhalten und am Ende mit vielen Emotionen im Bauch das Buch zur Seite legen und mich auf ihren nächsten Roman freuen.

In das Kino am Jungfernstieg reisen wir in das Jahr 1946. Lili Paal hat ihren Wunsch erfüllen können und einen Beruf beim Film ergattert. Sie ist Cutterin und so gut in ihrem Beruf, dass sie sich in der Filmstadt Berlin längst einen Namen gemacht hat. Nach langer Zeit kehrt sie zurück zu ihrer Mutter, die ehemals ein Kino mit ihrem verstorbenen Mann betrieben hat. Im Jahr 1946 lebt sie bei Lilis Tante und deren Familie, ist bettlägerig und wird von der Verwandtschaft mehr schlecht als recht versorgt. Lili ist entsetzt über den Zustand ihrer Mutter, die Geldgier ihrer Tante und den Machenschaften ihres Onkels, und entschließt sich in Hamburg zu verweilen, um die Mutter zu versorgen.

Lili lernt den britischen Offizier John Fontaine kennen. Es entsteht ein fast freundschaftliches Band zwischen den Beiden. Micaela Jary nutzt diese Konstellation ihrer Figuren, um darzustellen, wie die gesellschaftliche Situation in der Nachkriegszeit aussah. Die Kluft zwischen Briten und Deutschen ist groß. Man misstraut sich auf beiden Seiten, aber es schimmert immer ein Gefühl von Menschlichkeit durch, das sicher auch dafür gesorgt hat, dass die Menschen in den Ende 40ern / 50er Jahren wieder so auf die Beine gekommen sind und dass wir alle unsere Schubladen, in denen wir schwarz-weiß denken, verlassen sollten.

John Fontaine ist nicht der einzige Mann, den sie in Hamburg kennenlernt. Der Filmregisseur Leon Caspari arbeitet ebenfalls dort und sucht das Kino am Jungfernstieg auf, das Lilis Eltern gehört und kurz vorm Ruin steht. Caspari weiß etwas, das er vor Lili verheimlicht. Es gibt Geheimnisse, die Lilis Leben unerwartet aus der Bahn werfen. Der Roman erhält dadurch eine Spannung, die fast einem Krimi gleicht, und so war es kein Wunder, dass ich regelrecht durch die Seiten geflogen bin.

"Das Kino am Jungfernstieg" ist eine authentische Reise in das Hamburg der Nachkriegszeit. Ich bekomme einen tollen Einblick in das Filmgeschäft der 40er Jahre, in die Probleme, die Film und Fernsehen durch die Nazis und deren Zensur erleben mussten. Autorin Micaela Jary hat sich einem Thema angenommen, dass sie vor allem durch ihre Kindheit begleitete. Geboren und aufgewachsen in Hamburg, mit einem Vater, der als Filmkomponist arbeitete, sind ihr nicht nur die Schauplätze ihres Romans sehr vertraut, sondern auch Atmosphäre und Historie des Kinos und der Filmarbeit. Das spürt man beim Lesen und lässt "Das Kino am Jungfernstieg" zu einem unterhaltsamen wie auch lehrreichen Roman werden. Es ist der Auftakt einer Trilogie auf deren Fortführung ich mich sehr freue.

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