Profilbild von Fornika

Fornika

Lesejury Star
offline

Fornika ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Fornika über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.07.2023

Pulverfass Southie

Sekunden der Gnade
0

Eigentlich hat Mary Pat schon genug Probleme am Hals: das Gas ist abgedreht, der Strom geht oder geht nicht, sie ackert sich krumm ohne jemals auf einen grünen Zweig zu kommen; und da ist noch die kleine ...

Eigentlich hat Mary Pat schon genug Probleme am Hals: das Gas ist abgedreht, der Strom geht oder geht nicht, sie ackert sich krumm ohne jemals auf einen grünen Zweig zu kommen; und da ist noch die kleine Tatsache, an der sich die ganze Stadt aufreibt: weiße Schüler sollen auf schwarze Schulen gehen und umgekehrt. Doch all das gerät in Vergessenheit als ihre Tochter Jules nicht mehr nach Hause kommt. Sie hofft auf die Mithilfe ihrer Nachbarschaft, die sich sonst durch ihren starken Zusammenhalt auszeichnet; doch schnell wird klar, dass niemand ihr helfen will, und so macht sie sich letztendlich alleine auf die Suche.
Lehane fängt in seinem Roman die in mehr als einer Hinsicht aufgeheizte Stimmung des Bostons von `74 ein. Der Alltagsrassismus treibt z.T. abstruse Blüten, auf beiden Seiten. Zusätzlich wird die Stimmung von Meinungsmachern künstlich angestachelt. Der Autor gibt den Mikrokosmus der Gemeinschaft in Southie sehr lebensecht wieder. Die Nachbarschaft ist schon eine ganz besondere: man kümmert sich umeinander, man passt aufeinander auf, aber es müssen sich schon alle an die ganz eigenen Regeln halten, sonst drohen Konsequenzen. Wer durch das Raster fällt, kämpft ganz alleine auf verlorenem Posten. Diese Verzweiflung und auch Hoffnungslosigkeit verkörpert Mary Pat sehr plastisch. Sie ist eine sehr starke Frau, auch wenn sie zunächst unscheinbar wirkt. Ihre Figur bei ihrer Entwicklung zu beobachten, war wirklich interessant. Die Handlung ist naturgemäß schon mal brutal und schonungslos, der Autor lässt trotzdem auch genug Zeit zum Nachdenken.
Sekunden der Gnade ist ein spannender, aber auch sozialkritischer Roman, der den Fokus auf eine wirklich außergewöhnliche Zeit legt und dabei doch zu unterhalten weiß. Mir hat er gut gefallen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.07.2023

Guter Auftakt

Refugium
0

Eigentlich hat Schriftstellerin Julia nur noch mit fiktiven Verbrechen zu tun seit sie ihre Karriere bei der Polizei gegen die am heimischen Schreibtisch ausgetauscht hat. Doch das Mittsommerfest wird ...

Eigentlich hat Schriftstellerin Julia nur noch mit fiktiven Verbrechen zu tun seit sie ihre Karriere bei der Polizei gegen die am heimischen Schreibtisch ausgetauscht hat. Doch das Mittsommerfest wird für sie unversehens zu einer Rückkehr in den alten Job, denn sie muss hilflos die Ermordung ihres Jugendfreundes mitansehen. Dessen Festgesellschaft wird regelrecht von einem Kugelhagel niedergemäht, und natürlich muss Julia herausfinden warum. An ihrer Seite weiß sie den jüngeren Hacker Kim, der nicht nur mit seiner Vergangenheit kämpft, sondern ebenfalls alles daran setzt die Morde aufzuklären.

Refugium ist der erste Teil einer Trilogie, und dieser Band legt schon mal sehr ordentlich vor. Die Geschichte liest sich sehr spannend und flott, nicht zuletzt auch dank der z.T. recht kurzen Kapitel. Lindqvist schafft es trotzdem komplexere Sachverhalte oder auch heiklere Themen wie Kindesmissbrauch einzubetten, ohne dass diese zu oberflächlich abgehandelt werden, noch dass deswegen das Tempo verlangsamt wird. Mir hat sein Stil gut gefallen, der nicht ganz so nüchtern wie bei anderen nordischen Autoren daherkommt. Das ungleiche Duo Julia/Kim ist interessant, auch wenn Kim für mich manchmal zu gekünstelt „anders“ erscheint. Trotzdem ist er eine Figur, über die es sicherlich genug für zwei Folgebände zu erzählen gibt. Er ergänzt Julia gut, die trotz ihres Berufes eher auch schon mal etwas brav-bieder wirkt. Die Entwicklung des Falles gelingt sicher, Spannung ist eigentlich immer da und die Handlung wird zu einem schlüssigen Ende zusammengeführt. Insgesamt hat mir Refugium wirklich gut gefallen und so werde ich mir den Folgeband sicherlich auch ansehen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.07.2023

Eine Woche in den Hamptons

Die Einladung
0

Die 22-jährige Alex bestreitet ihren Lebensunterhalt damit, sich von älteren gut situierten Männern aushalten zu lassen. Einen Namen gibt sie diesem „Job“ nicht, doch der Deal ist immer klar. Gefallen ...

Die 22-jährige Alex bestreitet ihren Lebensunterhalt damit, sich von älteren gut situierten Männern aushalten zu lassen. Einen Namen gibt sie diesem „Job“ nicht, doch der Deal ist immer klar. Gefallen um jeden Preis, bei Nichtgefallen droht ein Zurück in den grauen Alltag. Genau das passiert Alex kurz vor der großen Party, welche ihr Partner Simon immer zum Sommerende in den Hamptons veranstaltet. Doch wer sagt denn, dass sie wirklich in die Stadt zurück muss? Ein Versteckspiel im grellen Sonnenschein beginnt.
Emma Cline hatte mich mit ihrem Debüt The Girls absolut überzeugt, dementsprechend waren auch meine Erwartungen an Die Einladung. Leider konnten diese nicht ganz erfüllt werden; auch wenn mir der Roman in großen Teilen ganz gut gefallen hat, konnte er mich nicht richtig packen.
Die Welt der Reichen und Schönen wird als eine sehr oberflächliche dargestellt, Image geht über alles, viele Klischees werden bedient. Als Außenstehende kann ich natürlich nicht genau wissen wie es sich in dieser Society so verhält, trotzdem will ich nicht alles glauben was hier suggeriert wird. Alex weiß jede Schwachstelle dieser Gesellschaft zu ihrem Vorteil auszunutzen, die ein oder andere Szene wirkt jedoch unrealistisch. Alex vermeidet allzu viel Selbstreflexion, man merkt ihr aber trotzdem an, dass sie auch innerlich mit dem Rücken zur Wand steht und das eine Art Selbstschutz ist. Diese paar Tage, die man mit ihr verlebt, fühlen sich zwischenzeitlich fast wie ein Überlebenskampf an. Das wird von der Autorin wirklich gekonnt transportiert. Die anderen Figuren im Buch bleiben dagegen leider genauso oberflächlich wie die Welt, in der sie sich bewegen; hier hätte ich mir mehr erhofft. Der Erzählstil ist ruhig und gemächlich, passt sich der trägen Sommerhitze an und lässt sich sehr gut lesen. Trotzdem hat mir am Schluss das gewisse Etwas gefehlt, etwas mehr Tiefgang hätte der Story gut getan.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.06.2023

Hen Party

One of the Girls
0

Auf der kleinen griechischen Insel Aegos sollen Lexis letzten Tage in „Freiheit“ gebührend begangen werden. Zusammen mit fünf engen Freundinnen feiert sie ihren Junggesellinnenabschied und spannt mal so ...

Auf der kleinen griechischen Insel Aegos sollen Lexis letzten Tage in „Freiheit“ gebührend begangen werden. Zusammen mit fünf engen Freundinnen feiert sie ihren Junggesellinnenabschied und spannt mal so richtig aus. Nicht alle Frauen kennen sich, doch es wird bald klar, dass selbst die langjährigen Freundinnen untereinander Geheimnisse zu hüten haben. Geheimnisse, die jetzt ans Licht drängen.

Clarke verbreitet bei aller Spannung auch echtes Urlaubsfeeling. Die kleine fiktive griechische Insel steht dem Leser bildlich vor Augen, man riecht die Wildkräuter, spürt die sengende Sonne auf der Haut. Die Atmosphäre ist sehr lebendig, die Autorin hat einen guten Blick fürs Detail. Überhaupt hat mir ihr Stil sehr gefallen, sie kann sowohl Stimmung wie auch Spannung aufbauen, auch die Figuren sind authentisch gelungen. Die sechs Frauen sind sehr unterschiedlich, und haben augenscheinlich nur die Freundschaft zur Braut gemeinsam. Die Autorin enthüllt nach und nach die Hintergründe und Geheimnisse der Protagonisten. Da ebenfalls aus den sechs unterschiedlichen Perspektiven berichtet wird, darf der Leser auf einige Überraschungen gefasst sein; denn nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Clarke erzählt wirklich mitreißend und punktet mit einigen unerwarteten Wendungen; letztendlich war für mich nur der Schluss im Vergleich etwas schwach, doch das fällt insgesamt tatsächlich nicht so wirklich ins Gewicht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.06.2023

Diese vermaledeite Wette

Der Eisbär und die Hoffnung auf morgen
0

In St Piran wird eines feuchtfröhlichen Abends im Pub eine Wette abgeschlossen, die dank Social Media nicht mehr in Vergessenheit geraten will: der Student Tom wettet gegen Politiker und Klimawandelleugner ...

In St Piran wird eines feuchtfröhlichen Abends im Pub eine Wette abgeschlossen, die dank Social Media nicht mehr in Vergessenheit geraten will: der Student Tom wettet gegen Politiker und Klimawandelleugner Monty, dass einer von ihnen beiden den jeweiligen Geburtstag in 50 Jahren nicht überleben wird. Der eine, weil sein Wohnzimmer bis dahin durch den steigenden Meeresspiegel unter Wasser stehen sollte und er dort ertrinkt. Der andere, weil er, sollte das nicht geschehen, freiwillig ins Meer gehen würde. Diese Wette bindet die Männer über Jahrzehnte aneinander.
Ironmonger befasst sich mit dem Thema des Klimawandels und kehrt dafür ins Dörfchen St Piran zurück, das man schon aus Der Wal und das Ende der Welt kennen könnte. Man kann dieses Buch jedoch sehr gut unabhängig davon lesen. Der Autor folgt den Spuren seiner Protagonisten über mehrere Jahrzehnte, es hat Spaß gemacht ihre Entwicklung zu beobachten. Tom ist zu Beginn des Buches gerade so erwachsen, ihn prägt die Wette fast noch mehr als Monty. Gefühlt lernt man ihn deutlich besser kennen als seinen Gegenspieler. Er befasst sich schon früh auch beruflich mit dem Thema des Klimawandels, und ist sich der Problematik ständig bewusst. Für Monty spielt das Thema zunächst keine wirkliche Rolle, doch an ihm lässt sich auch verdeutlichen, dass sich jeder mit diesem Thema befassen werden muss; ob man will oder nicht. Montys Art gefiel mir nicht so gut, er bleibt dem Leser aber auch eher fremd, was dazu sicherlich beigetragen hat. Ironmongers Herangehensweise mochte ich sehr, manche Szenen waren mir etwas zu konstruiert, aber im Großen und Ganzen hat mir sein Roman sehr gut gefallen. Der Erzählstil ist flüssig zu lesen, bei allem Ernst bleibt der Ton doch eher locker, sodass man sich sehr flott durch die Seiten liest. Trotzdem bleibt ein nachdenklicher Hall zurück, und Ironmongers Botschaft ist trotz aller Unterhaltung unverkennbar und prägt sich beim Leser ein.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere