Eine Geschichte wie eine lange, eine sehr, sehr lange Umarmung.
The Blackbird OracleHexen, Vampire, Geheimnisse und dunkle Magie – der Klappentext verspricht perfekten Lesestoff für den Herbst. Gewissermaßen stimmt das auch, denn aufgrund eines atmosphärischen Stils und einer regennassen, ...
Hexen, Vampire, Geheimnisse und dunkle Magie – der Klappentext verspricht perfekten Lesestoff für den Herbst. Gewissermaßen stimmt das auch, denn aufgrund eines atmosphärischen Stils und einer regennassen, düsteren Stimmung bietet „𝐓𝐡𝐞 𝐁𝐥𝐚𝐜𝐤𝐛𝐢𝐫𝐝 𝐎𝐫𝐚𝐜𝐥𝐞“ gemütliche Stunden. Zumindest für geduldige LeserInnen. …
Diana Bishop stammt von einem alten, mächtigen Hexengeschlecht ab, jedoch bekam die Historikerin nie die Möglichkeit, ihre vollen Kräfte zu entfalten. Gemeinsam mit ihrem 1500 Jahre alten Mann, dem Naturwissenschaftler Matthew Clairmont, und ihren siebenjährigen Zwillingen führt sie ein weitgehend normales Leben. Bis zu dem Tag, an dem eine »Einladung« – oder eher Aufforderung – von der Kongregation eintrudelt, die die Zukunft von Becca und Phil außerhalb der Reichweite ihrer Eltern lenken könnte, und Prophezeiungen den Alltag der kleinen Familie durcheinander bringen. Diana bleibt nichts anderes übrig, als sich ihrer Vergangenheit zu stellen – und ihre wahre Macht zu entdecken …
Deklariert wurde dieses wunderschön aufgemachte Buch als »neuer Roman«, der ein paar Jahre nach der „All Souls“-Trilogie spielt, aber unabhängig dieser Serie gelesen werden kann. Ich könnte mir aber vorstellen, dass LeserInnen, die Vorwissen haben, sich nicht nur besser zurechtfinden, sondern auch deutlich mehr Freude hieran haben als solche, wie ich. Auch die Genrezuteilung ist fraglich: Romantasy? Ist das denn die neue, allgemeine Deklaration für eine Geschichte mit einem Paar?
Zu Beginn bekommen wir Einblicke in das gemächliche Leben von Diana und Matthew, bis sich die Hexe aufmacht, Familiengeheimnisse zu entschlüsseln und verdrängte Ängste, vor allem vor der Kraft, die in ihr schlummert, zu überwinden.
Nun … Ich hatte wirklich viel erwartet. Das Geschehen dreht sich hauptsächlich um Bishop und ihren ausufernden Stammbaum, um das Entdecken der Magie und die Gegebenheiten der Hexenwelt. Alles nicht schlecht – doch abgesehen des flüchtigen historischen Bezugs zu den Prozessen von Salem und Dianas Versuch, sich gegen die Verlockungen der Dunkelheit zu stemmen, nichts, was einem Plot Spannung verleiht. Dabei weckte die Autorin öfter das Gefühl unguter Vorahnungen, lässt auf Bedrohung und alles verändernde Ereignisse hoffen, um diese »Möglichkeiten« zumeist ungenutzt verstreichen zu lassen.
Deborah Harkness Stil ist definitiv sehr detailreich, soft, einlullend.
Versteht mich nicht falsch: Ich mag die bildhafte Sprache und poetische Inszenierungen, liebe es, wenn Charaktere und Worldbuilding merklich ausgearbeitet wurden. Jedoch mangelte es in entscheidenden, mystischen Momenten, in Szenen, die Fahrt aufnehmen könnten, an Beschreibungen, während sonst scheinbar alles in die Länge gezogen werden wollte. Vieles wirkte oberflächlich, NeuensteigerInnen haben keinen Bezug zu bestimmten Figuren und Erwähnungen, sodass diese Ausschweifungen es unweigerlich erschwerten, der sowieso schon schleppenden, seichten Storyline aufmerksam zu folgen. Raum für Twists und Action, den gab es, aber der Roman plätschert gemächlich vor sich hin, wurde durch etliche Namen, Verbindungen und Beziehungen auch nicht sonderlich aufgewertet. Wenn auch die eine oder andere familiäre Diskussion unterhaltsamer und interessanter Natur war, fehlt es an Vorankommen und – selbst durch überraschende Offenbarungen und viel Gefühl – irgendwie an einer Handlung.
Ebenfalls leider ein Kritikpunkt: die Beziehungen des Ehepaars und die Statistenrolle von Clairmont – wer einen feurigen Vampir an der Seite der Hexe erwartet, Knistern und Funken sucht, wird wahrscheinlich nicht fündig werden. Dabei ist doch die Ausgangslage SO gut!
Zumindest die Protagonistin und die Zwillinge bekamen Tiefe und individuelle Züge, die auf die Entwicklung in etwaigen Folgebänden neugierig machen.
Die gesamte Idee hätte so viel Potenzial für Aufregung, Leidenschaft, Spannung und Gefahren gehabt, nun ja – letztlich ist „The Blackbird Oracle“ kein schlechtes Buch. Empfehlen würde ich diese Schönheit allen, die die „All Souls“-Serie kennen, und jenen, die eine gemütliche Urban-Fantasy-Geschichte inkl. düsteren Vibes wollen.