„Willkommen am St. Clair, wo die Realität die Regeln frisst.“
Royal Clair Club 1: Her First HuntMan nehme Twilight in abgefuckt, Fairytales ohne Glitzer, Wednesday mit Libido und ein elitäres Internat mit einer Vielzahl gestörter, intriganter und gewissenloser Peeps – gesprenkelt mit Gossip-Girl ...
Man nehme Twilight in abgefuckt, Fairytales ohne Glitzer, Wednesday mit Libido und ein elitäres Internat mit einer Vielzahl gestörter, intriganter und gewissenloser Peeps – gesprenkelt mit Gossip-Girl – und voilà …
Granny Zooza ist es zu verdanken, dass Inez Campbell die schäbige Schuleinrichtung Westcliffs und ihr heruntergekommenes Zuhause hinter sich lassen kann, um im Elite-Internat der St. Clair ihren akademischen Weg zu beschreiten. Inez – nicht gefasst auf das, was sie in dem herrschaftlichen Gemäuer erwartet – setzt all ihre Hoffnungen auf einen Abschluss, um für sich und ihre Familie eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen, weg vom Dreck. Außerdem will die 21-Jährige unbedingt hinter Zoozas Geheimnisse und ihre Beweggründe kommen, immerhin war sie selbst einst eine Schülerin der berüchtigten Academy …
Allerdings zählt hier nicht harte Arbeit, sondern Einfluss, Schamlosigkeit und das Wort der X-Boys. Jede/r hier wetteifert um einen Platz im exquisiten Royal Clair Club der Königssöhne – ohne zu wissen, was es letztlich bedeutet, von den Barclays auserwählt zu werden, treten MitschülerInnen in blutigen Bällen und tödlichen Prüfungen gegeneinander an. Inez kommt sich vor wie im falschen Film und ist doch mittendrin. Denn der jüngste Prinz hat eine ungesunde Obsession ihr gegenüber entwickelt … Statt Pauken bis zum Umfallen heißt es nun kämpfen, flüchten, jagen, stöhnen. Plötzlich setzt auch Inez alles daran, es bis ins Finale und darüber hinauszuschaffen – denn je tiefer die junge Frau in die Gerüchte und Mythen der St. Clair eintaucht, in das Netz aus Intrigen, Dominanz und Lügen, desto tiefere Abgründe, umso mehr Fragen tun sich auf – Fragen über sich selbst, über Zooza, die Königsfamilie und all die verschwundenen SchülerInnen …
Mit 700 Seiten enthält der Auftakt der Dark-Romantasy-Dilogie eine Menge Input, der sich schwerlich zusammenfassen lässt. Fakt ist: Ayla Dade hält ihr Versprechen aus dem Vorwort: Dieses Buch ist – auf die bestmögliche Weise – creepy, verstörend, intensiv und dunkel. Es gibt keine HeldInnen, keinen Pseudo-Bad-Boy, der durch Liebe seine Ritterlichkeit entdeckt, kein Gewissen und auch kein Schamgefühl. Dafür nimmt uns die Atmosphäre von der ersten Seite an gefangen. Brutale Szenen bannen den Blick aufs Papier, zügellose Begierde heizt ordentlich ein und freche, schlagfertige Dialoge, Sarkasmus und ein Hauch Glamour sorgen samt „ausgefallener“ (kranker) Charaktere für eine Art schrägen Humor. „Royal Clair Club“ ist skurril, fesselnd und erschreckend faszinierend.
Wirkt Inez zu Beginn noch ziemlich und regelkonform, lernen wir im Verlauf eine knallharte Bitch kennen, die nicht davor zurückschreckt, sich die Hände schmutzig zu machen, zurückzuschlagen, zu betteln. Ihre Empfindungen sind ambivalent – hin- und hergerissen zwischen „Das ist falsch“ und „Ich will es trotzdem“ war sie nahbar, aber definitiv nicht perfekt. Auf den Spuren ihrer Granny zu wandeln, deren kryptischen Hinweisen nachzugehen, nicht an der Academy – nicht während der Spiele, nicht in Calix' Nähe – unterzugehen, allen zu beweisen, mehr zu sein als ihre armselige Herkunft, treibt die Studierende mehrfach an ihre Grenzen. Immer öfter bleibt die Frage nach dem Warum: Warum ist Zooza tot, warum ist Inez hier und warum ist sie – ein Mädchen aus dem Armenviertel – für die X-Boys so interessant? Zumindest wird dem „Black Swan“ schnell und sehr deutlich vor Augen geführt, dass sie niemandem trauen kann, weder an der St. Clair noch in Westcliff, und dass die ganze verdammte Insel ein Morast aus Geheimnissen ist.
In wenigen Kapiteln sind wir Teil von Calix – trotz rührender Hintergründe über sein Aufwachsen, Einblicke, die ihn verletzlich und die Familien,dynamik’ griffiger machen, trotz gestohlener Augenblicke und überraschender Intentionen bleibt er, was er ist … Diese Konsequenz zieht Ayla Dade nicht nur bei ihren Figuren knallhart durch – auch erzählerisch haben wir ausschließlich einen direkten, ungeschönten und dabei sehr bildhaften Ton, ohne, dass das Geschriebene einen billigen Beigeschmack erhält.
Sadistische Szenen und psychopathische Züge, Gräuel und Creepy-Things, ohne rosa Flimmern. Von moralischen Grautönen bis hin zur schwärzesten Nacht.
Ein weiteres Beispiel sind die Mysterien, die verborgen bleiben. Dade facht Vermutungen an, gibt wankende Hinweise, wirft rege alles um und verrät dabei nichts. Bis zum Ende – und darüber hinaus – sind die X-Boys, der König, die Spiele, Inez' und Zoozas Rollen sowie allerhand anderes nur eine Ahnung. Frustrierend? Im Gegenteil. Einerseits erhält die Story dadurch einen ganz eigenen Sog, weiß man doch nie, was kommt, woran man wirklich ist, andererseits bleibt so die Neugier konstant erhalten und die Überraschungsmomente gesichert.
Und der Spice? Die expliziten Szenen? Die sind gewagt – klatschnass und steinhart. Nie sanft. Mit Konsens im Zwiespalt.
Weitere Mitwirkende – ob FreundIn, Initiator oder irre/r KonkurrentIn – beleben die Handlung zusätzlich: Violet, Fergie, Yule, Shay, Don, die restlichen X-Kids oder der perfide Monarch von Monclair (…) Auch hier ist nie gewiss, wem zu trauen ist. Ich fand sie alle jedenfalls äußerst eigenwillig und interessant. Gerade Pixie und Bellatrix sind abgefahrene Nummern für sich! Der fantastische Aspekt ist mehr oder minder gegeben, jedoch Teil der Ungewissheit, die Ayla Dade um ihre Dilogie gesponnen hat.
Zwischen poetischen Worten und vulgären Ausdrücken, zwischen harten Ficks und absurder Obszönität; Wettbewerben, die einem Horrorstreifen entspringen könnten, und bitterbösen Abgründen finden sich Blut und Verderben, Leidenschaft und Abscheu, Huldigungen, die stark an Sekten, und Szenen, die an eine abgefuckte Twilight-vs-Aschenputtel-Version erinnern. Ich habe diese Kombination geliebt, gibt es doch einiges zu entdecken – inmitten Wiedererkennen und der offensiven Neugestaltung des Bekannten.
Die Dark-Academia-Vibes, die Inszenierung der Schauplätze – von dekadenten Anwesen, alles verschlingendem Moor, verlassenen Wäldern und Gänsehaut erregenden Zeremonien – sowie die temporeichen Sequenzen und jene, in denen Beklemmung dominiert, waren hervorragend ausgearbeitet. Jedoch fehlte es stellenweise an Tiefe und Momenten zum Verweilen. Vor allem ab der zweiten Hälfte hechtet Campbell von einer Gefahr, einer Aufgabe, einer Spur zur nächsten; der Unterricht, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Tiefe gesammelter Erkenntnisse und Empfindungen bleiben hingegen auf der Strecke. Nichtsdestotrotz ist „Her first Hunt“ ein mitreißendes Sammelsurium aus Geheimnissen, Irrungen, Gewalt und einer Dunkelheit, die selbst die abgeklärtesten Fassaden bricht. Der Cliffhanger lässt jetzt sehnsüchtig auf „His last Bite“ warten!
Seid ihr bereit, in die schillernde Elite einzutauchen, vor den Prinzen im Dreck zu knien und eure Seelen zu verkaufen?
Übrigens: nicht nur äußerlich ein Hingucker. Im Inneren warten neben einem ziemlich coolen Vorwort und einer Karte der Insel, stilvolle Kapitelüberschriften und mehrere Illustrationen.
Bock auf einen Schocker – unzensiert? Dann werdet Mitglied im „Royal Clair Club“.