Mangelhaftes Worldbuilding, loses Ende
Steingladiole. Erde vergisst nie„Steingladiole. Erde vergisst nie.“ ist wider Erwarten nicht das Finale über „Die Bücher der Macht“, sondern lediglich Band drei, der auch gut als zweiter hätte durchgehen können. Denn erst jetzt erhielt ...
„Steingladiole. Erde vergisst nie.“ ist wider Erwarten nicht das Finale über „Die Bücher der Macht“, sondern lediglich Band drei, der auch gut als zweiter hätte durchgehen können. Denn erst jetzt erhielt der Plot – nach den eher schwammigen und monotonen Vorgängern – mehr Schwung und Tiefe, bekam Abwechslung und schien voranzukommen, wenn auch weiterhin vieles unklar bleibt. Gerade in Sachen Worldbuilding hätte ich mir mittlerweile mehr Substanz erhofft.
Liza Grimm führt die Geschehnisse aus „Feuerlilie“ fort – Nara wurde entführt und Katso bleibt nichts anderes übrig, als in Lort auszuharren, ruhelos. Immer wieder treten Gerüchte an den Sonnengebundenen heran, die sich um ihn als potenziellen Verdächtigen ranken und um Nara, die freiwillig mit der vermutlich rebellischen Gruppierung gegangen sein soll.
Aber die sanfte Mondgebundene eine Mitwisserin und Verräterin jenes Systems, das das ganze Land vor einem Krieg bewahrt?
Unvorstellbar.
Indes muss sich Nara in Geduld üben, mit Bedacht vorgehen, das Vertrauen ihrer EntführerInnen gewinnen und dabei ihre Enttäuschung, ihre Wut ob all der verlorenen Jahre, der Täuschungen verbergen. Durch die Gesandte aus Kori entdecken und erleben wir bisher unbekannte Gefilde der hier geschaffenen Welt, werfen vorgefertigte Meinungen über Bord, werden zum Umdenken gebracht. Zum Verstehen. Gleichzeitig sorgt ihre Perspektive für ein unbestimmtes Gefühl von Gefahr, entfacht Vorsicht. Denn haben wir bereits in der Academy und in Lort mit Intrigen und perfiden Plänen zu ringen, mit Missgunst und Zwietracht, mit der Frage, wer welches Ziel verfolgt, so treffen wir nun auf weitere undurchsichtige Figuren mit fragwürdigen Intentionen.
Dass sich Nara den Umständen und ihrem emotionalen Aufruhr, der Ungewissheit darüber, was mit ihr geschieht und welche Rolle sie spielt, zum Trotz respektvoll – Mensch, Magie, Natur und Tier gegenüber – und einfühlsam zeigt, macht sie zu einem eindrucksvollen Charakter, der selbst im Auge tosender Stürme Ruhe ausstrahlt, etwas Sanftes, und doch nicht schwächelt.
Obgleich seiner Sorgen und Selbstzweifel kann sich auch Katso dem Neuen, das auf ihn einprasselt, nicht entziehen: Tatsachen und Offenbarungen, die alles verändern, samt Ungereimtheiten und nagenden Fragen, die ihn immer wieder straucheln lassen. In diesem Teil kommt der introvertierte, vorsichtige Sonnengebundene endlich der komplizierten Verbindung zu seinem Seelenbuch auf die Spur, kommt der Erfüllung seiner heimlichen, verbotenen Vereinbarung nach und schließt Bündnisse, gar Freundschaften. Und hat weiterhin die Ehre, Anwärter des „Rituals des Lichts“ zu sein. Doch zu welchem Preis?
Wieder verfolgen wir aus der Sicht dieser beiden die Geschehnisse und fiebern durch sie der sich zuspitzenden Situation entgegen, gehen mit Nara und Katso unterschiedlichen Geheimnissen und Hintergründen auf den Grund und finden Puzzlestücke, die das Bild klarer erscheinen lassen. Zwar sind auch andere Figuren schemenhaft involviert, doch hauptsächlich bereichern Kaya, Pulta, Tris und Eurini den Verlauf, wobei Grimm es schafft, dass niemand ohne Misstrauen betrachtet werden kann. Die „gesichtslose Fußnote“ meldet sich seltener zu Wort, sorgt aber des Öfteren für ungute Vorahnungen, während der Wettkampf und die Magie weiterhin eine enttäuschende Komponente mimen.
Im Vergleich zu „Eislotus. Wasser findet seinen Weg.“ und „Feuerlilie. Asche spendet Leben.“ ist „Steingladiole. Erde vergisst nie.“ insgesamt spannender, unterhaltsamer und interessanter. Der bisher im Stillen brodelnde, sich langsam aufbauende Konflikt zwischen den Ländern und einzelnen Gruppierungen tritt immer mehr an die Oberfläche und auch die gesellschaftskritischen Themen werden genauer konturiert. Lizas Stil ist einfach zu lesen und zu verstehen, wird der anvisierten Komplexität mMn aber nicht gerecht. Ein wenig mehr Raffinesse, mehr Anspruch hätten der Geschichte gutgetan. Dafür kam das Setting bildreich zur Geltung und auch die Gefühle und moralischen Zwiespälte der Protagonisten, ihre Veränderungen und Einsichten wurden wiederholt griffig inszeniert. Außerdem gewinnt die Serie mit Tashi einen tierischen Sidekick.
Band drei über die „Bücher der Macht“ holt Unbequemes ans Licht, lässt die Überzeugungen und den Glauben der Elementgesandten wanken, stellt das bisher verehrte System, blinde Loyalität und die eigenen Motivationen infrage. Katso und Nara müssen sich entscheiden, ob sie jetzt, wo sie hingesehen haben, die Augen wieder schließen, einfach weitermachen, den bekannten Weg gehen können oder ob sie bereit sind, aktiv einem riskanten, opferfordernden Wandel beizuwohnen. Was sind ihnen die Freiheit und die Selbstbestimmung der wichtigsten Ressourcen ihrer Welt wert?
Das Ende kommt abrupt und lässt uns entweder in der Luft hängen oder … ist endgültig.
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