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FrancieNolan

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Veröffentlicht am 15.10.2018

Geschichte des 20.Jh. im Spiegel der letzten Zeitzeugen

Zerrissene Leben
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Konrad Jarausch hat mit "Zerrissene Leben" ein eher ungewöhnliches Geschichtsbuch gegen das Vergessen vorgelegt, das die Schnittstellen "normaler" Menschen mit der "großen Geschichte" beschreibt, und so ...

Konrad Jarausch hat mit "Zerrissene Leben" ein eher ungewöhnliches Geschichtsbuch gegen das Vergessen vorgelegt, das die Schnittstellen "normaler" Menschen mit der "großen Geschichte" beschreibt, und so etwas wie eine "kollektive Biografie" der in der Weimarer Zeit Geborenen liefert.

Der Aufbau des Buches ist chronologisch, wobei der Autor eine Erklärung über seine Herangehensweise und Intention voranstellt. Die Erzählung wird fortlaufend von den Originalzitaten aus den Zeitzeugenberichten untermauert, es gibt einen umfangreichen Anhang mit der Kurzbiografie von 65 Zeitzeugen.

Die Sprache von Jarausch ist dabei an die Zielgruppe all derer angepasst, die sich für Geschichte interessieren und, vielleicht mangels Biografien in der eigenen Familie, Lust auf Zeitzeugenberichte haben. Er kann sehr verständlich und gut lesbar formulieren, durch die ständig eingestreuten Zitate ist das Buch lebendig, und das "trockene", oft ernste Thema dennoch locker zu lesen.

Die Kernfrage des Autors ist: "Wie haben die ganz normalen Deutschen das 20.Jh. "erlebt", "erlitten" und vor allem auch "verarbeitet"?" Entspricht die offizielle deutsche Erinnerungskultur der der Zeitzeugen, sind Alle Opfer, oder gibt es doch Unterschiede, die in der Erinnerung nicht verwischt werden dürfen?

Die Herangehensweise und die Absichten des Autors gefallen mir gut, er wird nicht müde zu betonen, dass so eine "kollektive Biografie" immer auf subjektiv-selektiven, tendenziösen, rechtfertigenden, und möglicherweise durch die Erinnerung verzerrten Berichten beruht, die aber durch die Vielfalt der ausgewählten Zeitzeugen und die hohe Menge an Berichten auf ihren Wahrheitsgehalt abgeglichen und in spürbar kritischer Distanz wiedergegeben wurden.

Deutlicher Schwerpunkt des Jahrhunderts ist dabei die Nazizeit, weil sie bis heute Auswirkung auf unsere Gesellschaft hat und die befragten Zeitzeugen in besonderer Weise geprägt hat. Jarausch berücksichtigt dabei auch den wichtigen Unterschied in der Entwicklung der beiden deutschen Staaten, und beschreibt streckenweise die gesellschaftsspezifisch unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen und Männern separat, vor allem im Krieg. Es gelingt ihm dabei gut, einen stimmigen Gesamtbericht über den Verlauf des Jahrhunderts zu geben, und die "große Geschichte" auf das herunterzubrechen, was normale Menschen darin erleben. Und das auch einem Laien gut vorstellbar zu machen.

Ein bisschen enttäuscht hat mich kaum neue Aspekte kennengelernt zu haben. Das mag aber der Tatsache geschuldet sein, dass ich mich schon mehrfach mit dem Jahrhundert beschäftigt habe, und auch noch Gelegenheit hatte, selbst mit Zeitzeugen zu kommunizieren.
Auch ist das Buch so bemüht, eine breite Palette an Zeitzeugen zu befragen (Opfer, Täter, Mitläufer, Prominente wie einfache Arbeiter etc.), dass es mir schwer fiel, mich mit einzelnen Personen derart zu identifizieren, dass ich emotional besonders berührt wurde. Das mag allein an der schieren Vielzahl der Protagonisten, die in ständigem Wechsel zitiert werden, liegen, so dass man kaum eine Gesamtsicht über einzelne Lebensverläufe bekommt. Zumindest musste ich immer wieder zum Personenregister blättern, um keine Lebensberichte durcheinander zu werfen.
Vielleicht wäre über das Herausheben von typischen Verläufen (1Täter, 1Opfer, 1Mitläufer genauer) ein leichterer Zugang für den Leser und auch eine vertiefte Sicht der jeweiligen Biografien möglich gewesen.

Für mich blieb es ein wenig zu sehr bei der "Übersicht", ich hätte mir eine vertiefte Darstellung und Kommentierung von Einzelschicksalen gewünscht.

Dennoch kann das Buch vielleicht Menschen erreichen, die sich sonst mit historischen Büchern schwertun. Es ist keine Sekunde langweilig darin zu lesen, und es gibt Laien einen guten Eindruck dieses wichtigen Jahrhunderts.
Zu einer guten kritischen Erinnerungskultur in der Gegenwart ist es in jedem Fall ein guter, wichtiger Beitrag!