Lesen, bis der Elektriker kommt: Eine Geschichte mit Wechselstrom
WackelkontaktDie Lektüre von Wolf Haas’ Wackelkontakt ist eine ziemlich irre Achterbahnfahrt. Mir gefiel von Anfang an die Idee, dass der einfache Otto-Normal-Bürger Franz Escher während des Wartens auf den Elektriker ...
Die Lektüre von Wolf Haas’ Wackelkontakt ist eine ziemlich irre Achterbahnfahrt. Mir gefiel von Anfang an die Idee, dass der einfache Otto-Normal-Bürger Franz Escher während des Wartens auf den Elektriker ein Buch über den Mafia-Kronzeugen Elio Russo liest, während eben jener Mafia-Kronzeuge im Gefängnis auf seine Entlassung wartet und sich die Zeit mit einem Buch über einen Mann vertreibt, der auf einen Elektriker wartet. Wo nimmt Wolf Haas bitte solche Einfälle her?
Kurz vor Weihnachten habe ich mir Wackelkontakt aus der Bibliothek geholt und noch am selben Abend mit dem Lesen begonnen. Zunächst kam ich gut in die Geschichte um den verschrobenen Franz Escher hinein, Trauerredner, gescheiterter Autor, Fan von allem, was mit der Mafia zu tun hat, und fanatischer Puzzler. Letzteres nimmt mitunter solche Ausmaße an, dass Escher die Dame seines Herzens über dem Zusammensetzen alter und neuer Kunstwerke komplett vergisst.
In einem zwanghaft-impulsiven Moment schaltet Escher die Sicherung seiner Küche wieder ein – und damit den Elektriker aus, der gerade daran arbeitet. Weil ihn anschließend das Gewissen plagt, beschließt er, als Trauerredner auf der Beerdigung des Unglücksseeligen zu sprechen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Ab diesem Punkt scheint die Geschichte zunächst etwas vor sich hin zu dümpeln – zumindest lässt Wolf Haas einen das glauben. Tatsächlich baut er hier sehr gezielt den Spannungsbogen auf. Etwa ab der Hälfte des Buches hat man als Leser selbst das Gefühl, dass einen der Schlag trifft: Mit einem Mal kommt es zu einer unerwarteten Wendung, und die Geschichte zieht sich endgültig zu einem gordischen Knoten zusammen.
Unterm Strich ist Wackelkontakt ein Roman, der mit seiner verschachtelten Konstruktion spielt, den Leser bewusst an der Nase herumführt und genau daraus seinen Reiz zieht. Man muss sich auf diese Art des Erzählens einlassen wollen, denn Wolf Haas serviert keine geradlinige Geschichte, sondern ein literarisches Vexierspiel, das erst spät seine volle Wirkung entfaltet. Wer Durchhaltevermögen mitbringt, wird mit einem clever konstruierten, überraschenden Finale belohnt – und bleibt am Ende mit dem Gefühl zurück, gerade etwas sehr Eigenes gelesen zu haben.