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Veröffentlicht am 28.12.2025

Lesen, bis der Elektriker kommt: Eine Geschichte mit Wechselstrom

Wackelkontakt
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Die Lektüre von Wolf Haas’ Wackelkontakt ist eine ziemlich irre Achterbahnfahrt. Mir gefiel von Anfang an die Idee, dass der einfache Otto-Normal-Bürger Franz Escher während des Wartens auf den Elektriker ...

Die Lektüre von Wolf Haas’ Wackelkontakt ist eine ziemlich irre Achterbahnfahrt. Mir gefiel von Anfang an die Idee, dass der einfache Otto-Normal-Bürger Franz Escher während des Wartens auf den Elektriker ein Buch über den Mafia-Kronzeugen Elio Russo liest, während eben jener Mafia-Kronzeuge im Gefängnis auf seine Entlassung wartet und sich die Zeit mit einem Buch über einen Mann vertreibt, der auf einen Elektriker wartet. Wo nimmt Wolf Haas bitte solche Einfälle her?

Kurz vor Weihnachten habe ich mir Wackelkontakt aus der Bibliothek geholt und noch am selben Abend mit dem Lesen begonnen. Zunächst kam ich gut in die Geschichte um den verschrobenen Franz Escher hinein, Trauerredner, gescheiterter Autor, Fan von allem, was mit der Mafia zu tun hat, und fanatischer Puzzler. Letzteres nimmt mitunter solche Ausmaße an, dass Escher die Dame seines Herzens über dem Zusammensetzen alter und neuer Kunstwerke komplett vergisst.

In einem zwanghaft-impulsiven Moment schaltet Escher die Sicherung seiner Küche wieder ein – und damit den Elektriker aus, der gerade daran arbeitet. Weil ihn anschließend das Gewissen plagt, beschließt er, als Trauerredner auf der Beerdigung des Unglücksseeligen zu sprechen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Ab diesem Punkt scheint die Geschichte zunächst etwas vor sich hin zu dümpeln – zumindest lässt Wolf Haas einen das glauben. Tatsächlich baut er hier sehr gezielt den Spannungsbogen auf. Etwa ab der Hälfte des Buches hat man als Leser selbst das Gefühl, dass einen der Schlag trifft: Mit einem Mal kommt es zu einer unerwarteten Wendung, und die Geschichte zieht sich endgültig zu einem gordischen Knoten zusammen.

Unterm Strich ist Wackelkontakt ein Roman, der mit seiner verschachtelten Konstruktion spielt, den Leser bewusst an der Nase herumführt und genau daraus seinen Reiz zieht. Man muss sich auf diese Art des Erzählens einlassen wollen, denn Wolf Haas serviert keine geradlinige Geschichte, sondern ein literarisches Vexierspiel, das erst spät seine volle Wirkung entfaltet. Wer Durchhaltevermögen mitbringt, wird mit einem clever konstruierten, überraschenden Finale belohnt – und bleibt am Ende mit dem Gefühl zurück, gerade etwas sehr Eigenes gelesen zu haben.

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.12.2025

Lesen, bis der Elektriker kommt: Eine Geschichte mit Wechselstrom

Wackelkontakt
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Die Lektüre von Wolf Haas’ Wackelkontakt ist eine ziemlich irre Achterbahnfahrt. Mir gefiel von Anfang an die Idee, dass der einfache Otto-Normal-Bürger Franz Escher während des Wartens auf den Elektriker ...

Die Lektüre von Wolf Haas’ Wackelkontakt ist eine ziemlich irre Achterbahnfahrt. Mir gefiel von Anfang an die Idee, dass der einfache Otto-Normal-Bürger Franz Escher während des Wartens auf den Elektriker ein Buch über den Mafia-Kronzeugen Elio Russo liest, während eben jener Mafia-Kronzeuge im Gefängnis auf seine Entlassung wartet und sich die Zeit mit einem Buch über einen Mann vertreibt, der auf einen Elektriker wartet. Wo nimmt Wolf Haas bitte solche Einfälle her?

Kurz vor Weihnachten habe ich mir Wackelkontakt aus der Bibliothek geholt und noch am selben Abend mit dem Lesen begonnen. Zunächst kam ich gut in die Geschichte um den verschrobenen Franz Escher hinein, Trauerredner, gescheiterter Autor, Fan von allem, was mit der Mafia zu tun hat, und fanatischer Puzzler. Letzteres nimmt mitunter solche Ausmaße an, dass Escher die Dame seines Herzens über dem Zusammensetzen alter und neuer Kunstwerke komplett vergisst.

In einem zwanghaft-impulsiven Moment schaltet Escher die Sicherung seiner Küche wieder ein – und damit den Elektriker aus, der gerade daran arbeitet. Weil ihn anschließend das Gewissen plagt, beschließt er, als Trauerredner auf der Beerdigung des Unglücksseeligen zu sprechen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Ab diesem Punkt scheint die Geschichte zunächst etwas vor sich hin zu dümpeln – zumindest lässt Wolf Haas einen das glauben. Tatsächlich baut er hier sehr gezielt den Spannungsbogen auf. Etwa ab der Hälfte des Buches hat man als Leser selbst das Gefühl, dass einen der Schlag trifft: Mit einem Mal kommt es zu einer unerwarteten Wendung, und die Geschichte zieht sich endgültig zu einem gordischen Knoten zusammen.

Unterm Strich ist Wackelkontakt ein Roman, der mit seiner verschachtelten Konstruktion spielt, den Leser bewusst an der Nase herumführt und genau daraus seinen Reiz zieht. Man muss sich auf diese Art des Erzählens einlassen wollen, denn Wolf Haas serviert keine geradlinige Geschichte, sondern ein literarisches Vexierspiel, das erst spät seine volle Wirkung entfaltet. Wer Durchhaltevermögen mitbringt, wird mit einem clever konstruierten, überraschenden Finale belohnt – und bleibt am Ende mit dem Gefühl zurück, gerade etwas sehr Eigenes gelesen zu haben.

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Veröffentlicht am 26.12.2025

Die etwas andere Rezension

Nussknacker und Mausekönig
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Gestern, am 25.12.25, waren mein Lebensgefährte, meine Mom und ich im örtlichen Theater und haben uns „Der Nussknacker“ angesehen – genauer gesagt eine Neuinterpretation des Balletts von Tschaikowski. ...

Gestern, am 25.12.25, waren mein Lebensgefährte, meine Mom und ich im örtlichen Theater und haben uns „Der Nussknacker“ angesehen – genauer gesagt eine Neuinterpretation des Balletts von Tschaikowski. Was uns dort erwartet hat, hatte mit dem klassischen Stück allerdings nur noch am Rande zu tun: viel Ausdruckstanz statt Ballett, ein futuristisches Bühnenbild, hinzugefügte Figuren und Handlungsstränge, ein Onkel Drosselmeyer, der eher an den verrückten Hutmacher aus Alice im Wunderland erinnerte und ein Nussknacker, der aussah wie eine Mischung aus Bäckergeselle und Gebirgsjäger der Bundeswehr – falls Letztere jemals in Schneetarn und rot-weiß geringelten Strümpfen zum Orientierungsmarsch antreten sollten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Szene mit Pudelmütze und Skibrille tragenden Hausmeistern, die schneeschippend über die Bühne zogen und offenbar den Tanz der Schneeflocken darstellen sollten. Insgesamt fühlte ich mich weniger wie im Theater, sondern eher wie in einem experimentellen ARTE-Kunstfilm, nur leider nicht in dem klassischen Ballett, auf das ich mich eigentlich gefreut hatte.

Die Inszenierung sorgte bei mir zudem für erhebliche Irritationen in Bezug auf die Originalgeschichte von E. T. A. Hoffmann, die ich fast jedes Jahr um Weihnachten herum lese. Also habe ich mir zu Hause sofort mein altes Nussknacker-Buch aus dem Regal geholt – ein Arena-Kinderbuchklassiker, den ich vor rund 30 Jahren zu Weihnachten geschenkt bekam – und noch einmal nachgelesen. Einfach, um sicherzugehen, dass ich meinen Sinnen noch trauen kann und um zu prüfen, welche Figuren tatsächlich zur Geschichte gehören und welche frei dazuerfunden wurden, etwa eine Schneekönigin.

Man mag mich nun für einen Kulturbanausen halten, aber der klassischen Geschichte kann ich deutlich mehr abgewinnen als einer künstlerischen Neuinterpretation auf der Bühne. Der Nussknacker ist und bleibt für mich die schöne Erzählung von Marie Stahlbaum, die einen scheinbar hässlichen Nussknacker lieb gewinnt und in ihm mehr erkennt, als er nach außen zeigt. Es ist eine Geschichte über kindliche Fantasie, die ganze Märchenwelten erschaffen kann – eine Fähigkeit, die uns Erwachsenen im Angesicht von Alltag und Realität größtenteils verloren gegangen ist. So sehr verloren, dass aus einer verspielten Kindergeschichte ein verkopfter Kunstfilm für die Bühne gemacht wird.

Nun ja. Wenigstens waren die meisten Kostüme wirklich schön.

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Veröffentlicht am 14.12.2025

Was Weihnachten im Kern bedeuten kann

Der Schimmer von Weihnachten
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Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr war ich auf der Suche nach Büchern, die mir alten Grinch das Gefühl der wahren Weihnacht vermitteln – einer nostalgischen, idyllischen Weihnacht, als die ...

Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr war ich auf der Suche nach Büchern, die mir alten Grinch das Gefühl der wahren Weihnacht vermitteln – einer nostalgischen, idyllischen Weihnacht, als die Menschen wenig hatten, keine großen Geschenke machten und trotzdem zufrieden waren. Wie es der Zufall wollte, kamen mein Lebensgefährte und ich an einem Samstagabend im November an der christlichen Buchhandlung Conception Seidel vorbei und sahen "Der Schimmer von Weihnachten" im Schaufenster liegen. Leider war der Laden bereits geschlossen, also habe ich zu Hause nachgelesen, worum es in dem Buch geht. Der Klappentext klang vielversprechend. In der darauffolgenden Woche haben mein Lebensgefährte und ich die Buchhandlung Conception Seidel aufgesucht und haben das Buch gekauft – auch, weil ihn die Epoche, in der die Geschichte spielt, ebenfalls anspricht.

Die Handlung führt nach New York im Jahr 1901. Adelaide hat auf den Rat ihrer Großmutter gehört und aus Liebe geheiratet. Gemeinsam mit ihrem Mann Howard führt sie eine glückliche Ehe, fühlt sich jedoch unsicher in ihrer neuen Rolle als Hausfrau und Ehefrau. Alltägliche Dinge wie das Anzünden eines Kamins oder ein ständig anbrennender Toast werden zu kleinen Herausforderungen. Am ersten Advent tritt ein Waisenjunge namens Jack in ihr Leben, der behauptet, gar kein Waisenkind zu sein. Zusammen versuchen Adelaide und Howard, das Rätsel um seine Herkunft zu lösen. Während Weihnachten näher rückt, steht nicht nur die Frage im Raum, ob Jacks Familie noch lebt, sondern auch, wie mit seiner unerschütterlichen Hoffnung auf ein Weihnachtswunder umzugehen ist. Adelaide findet Antworten auf viele ihrer Fragen – und stößt dabei auf ein Geschenk, dessen Wert sich nicht in Materiellem messen lässt.

Dass das Buch in einer christlichen Buchhandlung verkauft wird, merkt man deutlich: Christliche Werte, Psalmen und die Bedeutung der einzelnen Kerzen des Adventskranzes spielen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig greift Lynn Austin für die Zeit um die Jahrhundertwende erstaunlich moderne Themen auf, etwa weibliche Selbstfindung, Emanzipation und der Umgang mit Rollenbildern. Trotz des klar religiösen Rahmens wirkt das Buch nicht belehrend, sondern erklärt nachvollziehbar, worum es im Kern von Weihnachten gehen soll: nicht um Konsum oder große Geschenke, sondern um Nächstenliebe, Zusammenhalt und die leisen Wunder, mit denen man nicht mehr gerechnet hat.

Der Schimmer von Weihnachten ist damit ein stimmiger, bewusst altmodischer Weihnachtsroman, der seine Botschaft klar formuliert und dabei auch Leser abholt, die selbst keinen religiösen Hintergrund haben. Für mich war es genau das richtige Buch zur richtigen Zeit und eines, das ein wenig von dem zurückbringt, was man im vorweihnachtlichen Trubel allzu leicht vergisst.

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Veröffentlicht am 14.12.2025

Zwischen Aufbruch und Abgrund

Herrliche Zeiten - Dem Himmel so nah
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Mit "Herrliche Zeiten: Dem Himmel so nah“ setzt Peter Prange seine Himmelsstürmer-Reihe fort und führt die Handlung vom optimistischen Aufbruch um 1900 konsequent an den Rand der Katastrophe. Europa steht ...

Mit "Herrliche Zeiten: Dem Himmel so nah“ setzt Peter Prange seine Himmelsstürmer-Reihe fort und führt die Handlung vom optimistischen Aufbruch um 1900 konsequent an den Rand der Katastrophe. Europa steht im Zeichen von Fortschrittsglauben, technischem und gesellschaftlichem Wandel: Friwi kämpft im Dienst deutscher Interessen in China und Afrika, Claire streitet für Frauenrechte, während Kaspar sich in Paris und St. Petersburg revolutionären Ideen verschreibt. Parallel dazu wird das mondäne Europa der Vorkriegsjahre gezeigt – Regatten, große Hotels, internationale Begegnungen – bis sich 1914 der Abgrund des Ersten Weltkriegs öffnet.

Inhaltlich bietet der Roman damit alles, was die Bücher von Peter Prange auch sonst ausmachen: große historische Zusammenhänge, bekannte Figuren der Zeitgeschichte und private Schicksale, die eng mit den politischen Umbrüchen verwoben sind. Genau deshalb waren auch meine Erwartungen nach dem gelungenen ersten Band recht hoch.

Leider wird das Lesevergnügen massiv durch eine Vielzahl von Fehlern getrübt. Es sind nicht nur wiederkehrende Namensverwechslungen bei Figuren, sondern vor allem gravierende historische Patzer, die bei einem historischen Roman dieses Anspruchs schlicht nicht passieren dürfen, erst recht nicht, wenn ein Geschichtsexperte als Berater genannt wird. So gehen die Biermanns im Roman bereits um 1900 ins Hotel Adlon, obwohl dieses erst 1907 eröffnete. Später wird im Buch allerdings korrekt erwähnt, dass das Adlon erst 1907 eröffnet hat. Um 1900 betrieb Lorenz Adlon das Restaurant Hiller sowie gemeinsam mit Rudolf Dressel seit 1896 das „Hauptrestaurant Adlon und Dressel“ am Neuen See im Berliner Tiergarten, zudem eine Weingroßhandlung in der Berliner Wilhelmstraße und war Pächter im Hotel Continental.
Auch die Zuordnung der Titanic zur Cunard-Reederei ist sachlich falsch. Sie gehörte zum Zeitpunkt ihres Untergangs zur White Star Line, eine Fusion mit Cunard erfolgte erst 1934. Ebenso stimmt der Zeitpunkt des Brandes des Londoner Hotel Carlton nicht: Dieser ereignete sich im August 1911 und nicht – wie im Roman dargestellt – im April 1912. Dabei kam der amerikanische Schauspieler Jameson Lee Finney ums Leben.

Solche Fehler sind keine Petitesse. Sie reißen einen immer wieder aus der Geschichte heraus und zerstören das Vertrauen in den Text. Gerade bei einem Roman, der historische Genauigkeit für sich beansprucht und reale Ereignisse eng mit der Handlung verknüpft, wiegen solche Ungenauigkeiten schwer.

So bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Inhaltlich ambitioniert und grundsätzlich gut erzählt, aber handwerklich in der Recherche auffallend nachlässig. Was als großer historischer Roman gedacht ist, wird dadurch stellenweise zur Geduldsprobe. Für mich bleibt „Dem Himmel so nah“ damit ein Roman mit großem Anspruch, der jedoch an seiner mangelnden historischen Sorgfalt scheitert

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