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Veröffentlicht am 13.04.2026

Erfunden, historisch, toll!

Der Halbbart
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Charles Lewinsky verarbeitet in seinem Roman vor dem historischen Hintergrund des Marchstreits zwischen dem Kloster Einsiedeln und den Bewohnern von Schwyz eine packende Coming-of-age-Geschichte um den ...

Charles Lewinsky verarbeitet in seinem Roman vor dem historischen Hintergrund des Marchstreits zwischen dem Kloster Einsiedeln und den Bewohnern von Schwyz eine packende Coming-of-age-Geschichte um den 12jährigen Jungen Sebi. Als Mentor bekommt er den klugen Zugewanderten "Halbbart" an die Seite gestellt und entdeckt im Laufe von wenigen Jahren, wie Geschichten funktionieren und vor allem, wie der Mensch "funktioniert".

Lewinsky hat mit diesem Roman wirklich ein kleveres, literarisches Werk geschaffen. Durch den einfachen Wortschatz und die Formulierungen aus der Perspektive von Sebi erzählt, werden der Leserin unglaublich viele Erkenntnisse zum Wesen des Menschen - im Guten wie im Bösen (und das im überwiegenden Teil) - vermittelt. Häufig muss man dabei wegen der einfachen Logik schmunzeln, die Sachverhalte so knackig zusammenfasst. Viele Weisheiten werden Sebi durch den Halbbart vermittelt, welcher ebenso wie die Familie von Sebi der Leserin schnell ans Herz wachsen. Der Halbbart nutzt zur Starthilfe für andere gern den sokratischen Dialog und hinterfragt Zusammenhänge. Immer mehr versteht man dadurch nicht nur die mittelalrterliche Welt, sondern auch das Hier und Heute. Denn der Mensch hat sich in den letzten Jahrhunderten nur sehr wenig verändert.

Die Spannung über die fast 700 Seiten hält der Autor gekonnt. Hier bedient er sich einem schönen Kniff aus früheren Jahrhunderten: Die Kapitelüberschriften enthalten stets einen Hinweis auf den Inhalt des folgenden Kapitels. Mitunter werden schon Plotverläufen im Vorhinein verraten. Dies steigert jedoch nur noch den Wunsch weiterzulesen. Überhaupt lassen sich die 700 Seiten wirklich schön süffig runterlesen. Selbst die schweizerischen und auch mitunter altmodischen Begrifflichkeiten stören dabei nicht. Es wird vielmehr das Gefühl vermittelt, in die Zeit und den Ort gut eintauchen zu können.

Der Plot hat über weite Strecken den Schalk im Nacken und es macht Spaß die Geschichten und Erlebnisse von Sebi zu verfolgen. Zum Ende hin überwiegt der ernste Anteil in der Geschichte. Da ging es mir dann sogar alles ein bisschen zu schnell und Figuren, die man anders eingeschätzt hätte, tun nicht immer nachvollziehbare Dinge. Meine eigene Unzufriedenheit mit dem Ende des Buches, soll der Bewertung jedoch keinen Abbruch tun. Es handelt sich hier um einen wirklich großartigen, lesenswerten und gelungenen Roman mit verdienter Nominierung für den Deutschen Buchpreis. Ich drücke die Daumen für den Gewinn des Buchpreises 2020!

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Wenig überzeugend

Turbulenzen
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In diesem Buch (nennen wir es "Roman" wie auch der Verlag) werden zwölf Geschichten, die auch einfach Kurzgeschichten sein könnten, aneinandergereiht mit Bezug auf einen Flug von Ort A nach B und letztendlich ...

In diesem Buch (nennen wir es "Roman" wie auch der Verlag) werden zwölf Geschichten, die auch einfach Kurzgeschichten sein könnten, aneinandergereiht mit Bezug auf einen Flug von Ort A nach B und letztendlich nach L. Eine Protagonistin oder Protagonist aus der vorherigen Geschichte taucht dabei in der folgenden Geschichte wieder auf. Manchmal erfährt man mehr über diese Person, manchmal nicht.

Das Konzept des Buches hatte mich durchaus sehr gereizt, leider vergibt der Autor hier eine Chance. Das Resultat gibt inhaltlich leider nicht wieder, was auf den jeweiligen Flügen oder Flughäfen passiert bzw. was wir dort von Fremden in kurzen Sequenzen erfahren könnten, sondern spielt sich recht konventionell häufig einfach im jeweiligen Zielort ab. Die Geschichten geraten unterschiedlich kurz, auch mal tiefgreifender und dann wieder sehr flach. Da ist z.B. der Pilot mit einem One-Night-Stand in Sao Paolo (eher "naja") oder aber auch die 60jährige Chinesin mit einer Affäre in Hongkong (tiefgründig und ein eher seltener beschriebenes Thema). Die Geschichten variieren dabei stark in der Qualität. Manchmal gibt es unerwartete Wendungen (einmal), meist bleibt es bei kurzweiliger, unaufregender Unterhaltung. Wenn man das Buch am Stück durchliest, ist man aufgrund des typografischen Satzes in 30-45 Minuten durch. Sicherlich eine nette Lektüre für das Warten am Abflug-Gate, mehr aber auch leider nicht. Die Sprache sowie der Inhalt bestechen selten durch Originalität. Berühren konnte das Buch kaum bis gar nicht.

Schlussendlich handelt es sich hierbei nicht um ein wirklich schlechtes Buch, es wirkt jedoch nur wie ein Exposé für den eigentlichen Roman. Eine Skizze, bei der sich nicht die Mühe gemacht wurde, sie weiter auszuführen. Schade. Für mich ist dieser "Roman" eine vergebene Chance.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Zu viel der poetischen Sprache

Die Unschärfe der Welt
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In ihrem Roman erzählt die Autorin die Geschichte von Menschen aus einer nur selten aufgegriffenen historischen, wie auch geografischen Region, dem Banat. Ein Gebiet in Südosteuropa, welche als Vielvölker-Region ...

In ihrem Roman erzählt die Autorin die Geschichte von Menschen aus einer nur selten aufgegriffenen historischen, wie auch geografischen Region, dem Banat. Ein Gebiet in Südosteuropa, welche als Vielvölker-Region bezeichnet werden kann und in diesem Buch hauptsächlich der rumänische Anteil beschrieben wird. Unsere sieben Protagonisten, die in je einem Kapitel genauer begleitet werden, hängen dabei durch verschiedene Verwandtschaft- und Bekanntschaftsgrade miteinander zusammen und beeinflussen sich mitunter über Jahrzehnte hinweg gegenseitig.

Besonders die ersten beiden Kapitel des Buches machten es mir durch zu gewollt poetische Formulierungen in der Sprache der Autorin schwer, im Buch anzukommen. Die Geschichten interessierten mich wenig, die Sprache wirkte zu ausufernd, mitunter schwafelnd. Dadurch entstehen dann Sätze wie: „...setzte sich auf die Treppenstufen zum Hinterhof und überführte den Morgen seiner Anwesenheit.“ oder „Florentine war ... ein Einverständnis zugewachsen“. Dies änderte sich mit fortschreitender Kapitelzahl. Gerade zum Schluss fühlte ich mich erstmals der Familie ein bisschen nahe. Leider konnte ich, trotz interessanter Themengebiete, die im Roman angeschnitten werden, nicht berührt werden. Sowohl der Inhalt als auch die Figuren bleiben eine ferne Beobachtung. Verluste wirken nicht schlimm, da man nie wirklich nah dran war. Schade.

Hervorheben möchte ich, dass mir die gesamte Buchgestaltung wirklich sehr gefällt und es weiterhin eine Freude ist, das Buch in den Händen zu halten. Insgesamt handelt es sich hierbei jedoch nicht um einen Roman, den ich explizit jemandem empfehlen würde, dafür bleibt er mir zu unkonkret.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Volkswagen Blues

Volkswagen Blues
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In diesem "modernen Klassiker der frankokanadischen Literatur" macht sich ein Schriftsteller mit einem flüchtig getroffenen Mädchen auf die Suche nach seinem Bruder. Dabei passieren sie mit dem Bulli des ...

In diesem "modernen Klassiker der frankokanadischen Literatur" macht sich ein Schriftsteller mit einem flüchtig getroffenen Mädchen auf die Suche nach seinem Bruder. Dabei passieren sie mit dem Bulli des Schriftstellers einige historische Wegpunkte frankokanadischer und amerikanischer Siedler des 17. bis 19. Jahrhunderts zwischen dem Start in Gaspé und San Francisco. Das Ganze spielt Anfang der 1980er Jahre.

Ich habe mich durch diesen Roman wirklich buchstäblich durchquälen müssen. Leider besitzt das Buch keinen sinnvollen, gut durchdachten Plot, sondern einfach nur einen banalen Erzählstrang zwischen dem Ausgangspunkt (zwei Menschen fahren einfach mal fröhlich los, um den Bruder des einen zu finden) und dem Endpunkt in San Francisco. Zwischendrin vergeht die Zeit nur geähnend langsam, gefüllt mit belanglosen Dialogen zwischen den unglaubwürdig innig verbundenen Fremden und "Faktenruntergerassel" zur Siedlerbewegung und Ureinwohnerauslöschung in Amerika. Das hier ist definitiv kein abwechslungsreicher oder gar amüsanter Roadtrip. Der Schreibstil des Autors - oder die Übersetzung, wer weiß das schon - ist so unglaublich belanglos und unspekatulär, dass ich mitunter mehrfach auf einer Seite (!) eingeschlafen bin. Hätte es sich nicht um ein Rezensionsexemplar gehandelt, ich hätte die Lektüre liebend gern spätestens auf Seite 50 abgebrochen. Die Figuren bleiben durchweg uninteressant und blass, versuchen sich selbst aber in "tiefgründigen", küchenpsychologischen Betrachtungen. Da der Schriftsteller im Roman gerade in einer Mitlife Crisis mit vermutlicher Schreibblockade festsitzt, vermute ich selbigen Gemütszustand beim Autor des Buches während dessen Entstehung. Leider scheint er durch das Schreiben nicht da rausgekommen zu sein.

Letztendlich habe ich mich zwei Dinge gefragt: Was gibt mir die Lektüre im Hier und Heute? Tatsächlich nichts Tiefgründiges. Wer mehr über die Siedler in Amerika oder die Ureinwohner wissen möchte, sollte zu anderen, qualitativ hochwertigeren Veröffentlichungen greifen. Und meine zweite Frage war, warum wird dieser Roman erst jetzt ins Deutsche übersetzt, wenn er doch so ein Klassiker ist? Genau, weil gerade Kanada das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist/sein sollte. Ich denke, es gibt gute Gründe, warum bisher niemanden die Übersetzung dieses Romans gereizt hat und wenig gute Gründe diese Auflage jetzt unbedingt zu lesen. Mich konnte der Roman gar nicht überzeugen und die Lektüre war aus meiner Sicht reinste Zeitverschwendung. Sehr schade.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Große, neue Stimme der afroamerikanischen Literatur

Die verschwindende Hälfte
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Wenn die Presse behauptet die Autorin des vorliegenden Romans sei in die großen Fußstapfen von Toni Morrison getreten, so ist dies in diesem Falle keine Übertreibung. Inhaltlich wie stilistisch bewegt ...

Wenn die Presse behauptet die Autorin des vorliegenden Romans sei in die großen Fußstapfen von Toni Morrison getreten, so ist dies in diesem Falle keine Übertreibung. Inhaltlich wie stilistisch bewegt sie sich in einem ähnlichen Terrain und zeigt, dass sie mit ihrem zweiten Roman auf einem sehr guten Weg dahin ist, diese Fußstapfen evetuell irgendwann ausfüllen zu können. Die fiktionale Ausgangssitiuation des Romans - eine Ortschaft Mallard in Lousiana, in der die Gründerväter darauf bedacht waren von Anfang an immer hellhäutigere Schwarze mit jeder Generation heranzuziehen und in der dunkle Schwarze als minderwertig eingestuft werden - lässt jedoch an noch ganz andere Größen der afroamerikanischen Literatur denken. Die Ideen von Brit Bennett erinnern an William Melvin Kelley oder Colson Whitehead. Beide Meister darin, eine wahnwitzige Idee als eine sehr reale Ausgangssituation für das persönliche Drama von ihren afroamerikanischen Protagonisten zu erschaffen. Leicht verrückt, aber gar nicht so abwegig.

So verschwindet nicht nur in der Ortschaft Mallard die "Schwarze Hälfte" der Bewohner nach und nach - und wenn sie sich richtig geben, gehen sie sogar als Weiße durch - sondern im Roman verschwindet auch ein Zwillingspaar. Desiree und Stella begleiten wir über einen Zeitraum von ca. 50 Jahren auf ihren Lebenswegen. Die Autorin verschachtelt dabei gekonnt Episoden aus verschiedenen Jahrzehnten und scheut sich nciht vor Sprüngen über viele Jahre hinweg. Die Lücken werden durch Erinnerungen gefüllt und so entsteht ein spannendes Bild dieser Zwillinge, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit ihrer fesselnden Sprache begnügt sich die Autorin jedoch nicht nur mit einem Familiendiorama, sondern sie wirft einen Blick über die Familiengeschichten hinaus auf die Gesellschaft in diesen Jahrzehnten zwischen den 40ern und 90ern. So geht es ebenso wie um Hautfarbe auch um das Überweinden von Geschlechteridenditäten sowie sozioökonomischen Verhältnissen. Dabei geht der Leserin die Verbindung zu den liebevoll entworfenen Figuren nie verloren. Ich habe mit den ProtagonistInnen mitgefiebert, sodass die 400 Seiten nur so dahinflogen. Ein wirklicher Pageturner mit Tiefgang.

Da ich ein Fan der bereits genannten AutorInnen bin, konnte mich auch Brit Bennett mit ihrem zweiten Roman durch und durch überzeugen. Ich freue mich sehr auf weitere Bücher dieser vielversprechenden Autorin und empfehle sie dringend an interessierte LeserInnen weiter.

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