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Veröffentlicht am 30.08.2023

Vom nur scheinbaren Aufstieg aber der Psyche im freien Fall

Das Ende ist nah
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In Amir Gudarzis Debütroman „Das Ende ist nah“ entwirft er die Geschichte des jungen Mannes A., welcher nach den Protesten 2009 in seinem Heimatland Iran eigentlich nach Kanada flüchten will, aber in Österreich ...

In Amir Gudarzis Debütroman „Das Ende ist nah“ entwirft er die Geschichte des jungen Mannes A., welcher nach den Protesten 2009 in seinem Heimatland Iran eigentlich nach Kanada flüchten will, aber in Österreich hängen bleibt. Wir begleiten ihn nun nicht nur auf seinem Weg durch den unbarmherzigen Dschungel der Bürokratie und des gesellschaftlichen Lebens in Österreich hin zum anerkannten Asyl, sondern auch durch Rückblicke in seine Vergangenheit und zu den Geschehnissen, die ihn letztlich zur Flucht gezwungen haben.

A. ist Student des Faches „Szenisches Schreiben“ in Teheran als die Proteste gegen das Mullah-geführte Regime immer dringlicher und auch gefährlicher für die Teilnehmenden wird. Im sozialen Brennpunkt im Süden Teherans aufgewachsen, geht A. den Weg der Bildung, der ihn mitten ins Herz der Proteste führt und damit auch zu polizeilichem Arrest und Folter. Als ihm später eine Gefängnisstrafe droht, verlässt er das Land und landet in Österreich. Dort wird zwar zum Glück keine Folter mehr angewandt, trotzdem scheint der Aufenthalt im Transit zwischen anerkanntem Asyl und einer unvorhersehbaren Ausweisung zurück nach Iran psychisch immer belastender für A. zu werden. Häufig mit Ignoranz und Hass konfrontiert und nur selten mit Mitmenschlichkeit und Wärme verschlechtert sich A.s Zustand rapide. Die wankelmütige Beziehung zur deutschen, in Wien lebenden Sarah scheint A. eine Zeit lang Halt zu bieten, ihn jedoch auch zunehmend zu belasten.

Amir Gudarzi, dessen Erlebnisse aus seinem eigenen Leben sicherlich in diesem Roman mit eingeflossen sind, wobei das Ausmaß nicht abzuschätzen ist, brilliert in seinem im Deutschen verfassten Debütroman mit einer überraschenden Romankonstruktion und einer fesselnden Sprache zwischen poetischen Formulierungen und berichtartigen Beschreibungen von grauenvollen Erlebnissen sowohl im Iran als auch in Österreich. Wie klar und ungeschönt sich Gudarzi mit seinem Heimatland aber auch der österreichischen Gesellschaft und ihre Reaktion auf den Geflüchteten A. auseinandersetzt, ohne ausschließlich einseitig zu erzählen, hat mich vollends überzeugt. Ist der Roman noch zu Beginn von schwer verdaulicher, physischer Gewalt geprägt, nimmt mit dem Wechsel nach Österreich immer stärker die psychische Gewalt zu, die auf A. trifft. Grandios ist letztlich gemacht, wie Gudarzi unter anderem durch die Einteilung des Buches in die Abschnitte von „Mezzanin“ (für alle, die es nicht wussten – ich gehöre dazu – ist dies ein in Österreich gebräuchlicher Begriff für ein Halbgeschoss) bis „Vierte Etage“ den bürokratischen Aufstieg A.s bis zur Anerkennung des Asylantrags darstellt und gleichzeitig in einer Gegenbewegung sich der psychische Zustand der Figur aufgrund der massiven Belastungen, unter denen er zu leiden hat, zunehmend verschlechtert. Die Figur Sarah, welcher immer ausgedehntere Kapitel für ihre Sichtweisen zur Verfügung gestellt werden, spielt dabei eine wichtige Rolle. Sind teilweise ihre Passagen durchaus anstrengend in der Lektüre, hat das alles doch einen Sinn, den wir allerdings erst zum Schluss erfahren. Somit lohnt sich bei diesem Roman eine Zweitlektüre ganz besonders.

Mir hat der Roman wirklich ausgesprochen gut gefallen. Sowohl der Erzählstil als auch die Konstruktion des Romans haben mich von Beginn an ganz fest gepackt und bis zuletzt nicht mehr losgelassen. Ich konnte mit jedem Szenenwechsel sofort in die Atmosphäre der Szenerie, ob nun Rückblick in die Vergangenheit oder Geschehen in der Gegenwart des Romans, eintauchen und habe alles bildlich vor mir gesehen. Gudarzi spielt auch mit den Zeitformen und den Erzählperspektiven, begründet dieses Spiel aber ganz klar mit Hinweisen Text:

„Ich schreibe auch jetzt im Präsens, weil ich versuche, alles zu rekonstruieren, alles aufs Neue zu erleben. Ich könnte auch in der Vergangenheitsform schreiben, aber ich schaffe es nicht, weil ich offensichtlich etwas verloren oder vergessen habe und es dort wiederfinden muss. Beim Schreiben springe ich immer zwischen den Zeiten hin und her – die Sprache als Zeitmaschine.“

Ich habe durch den Roman von Amir Gudarzi wirklich sehr viel Neues sowohl über die Zustände im Iran als auch bezogen auf die Zeit nach dem Ankommen in einem Land, welches noch nicht das Asylgesuch einer geflüchteten Person anerkannt hat, entdecken können, weshalb er von mir definitiv die volle Punktzahl bekommt. Diesen Autor werde ich auf jeden Fall im Blick behalten, denn er ist eindeutig für unkonventionelle Überraschungen gut.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 22.08.2023

Krimi? Dystopie? Beides?

Hund 51
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In „Hund 51“ bekommen wir eine Welt präsentiert, die mindestens dreißig Jahre in der Zukunft liegt, denn der Hilfspolizist Zem Sparak musste vor dreißig Jahren mit Mitte Zwanzig aus seinem Heimatland Griechenland ...

In „Hund 51“ bekommen wir eine Welt präsentiert, die mindestens dreißig Jahre in der Zukunft liegt, denn der Hilfspolizist Zem Sparak musste vor dreißig Jahren mit Mitte Zwanzig aus seinem Heimatland Griechenland fliehen, als dieses nach seiner staatlichen Insolvenz von dem Megakonzern GoldTex übernommen und in eine Müllhalde umgewandelt wurde. Nun lebt er in einer Megacity mit dem Namen Magnapolis, welche ein Konglomerat aus Ex-Bürgern verschiedenster Nationen zu sein scheint. Die Stadt ist in verschiedene Zonen (von Zone 1 für die absolute Reichen-Elite über Zone 2 für die Bessergestellten über Zone 3 für die ärmlichen Malocher) eingeteilt und Sparak lebt und arbeitet in Zone 3 als sogenannter „Hund“, denn er spürt kriminellen Fährten nach. Für die Ermittlungen zu einem brutalen Mordfall muss er nun mit Salia Malberg, einer Kommissarin aus Zone 2, zusammenarbeiten. Er entspinnt sich eine verstrickte Ermittlung, die sie bis in die höchsten Kreise Magnapolis‘ führt.

Bei dem Roman „Hund 51“ weiß man irgendwie nie so richtig, mit was man es hier eigentlich zu tun hat. Ist es ein Krimi oder eine Dystopie? Kann es auch beides sein? Ich denke, es hätte beides und darüber hinaus auch noch gut werden können, wenn der Autor nicht aus beiden Genres die absoluten Standards abgespult hätte.

Der Krimi-Anteil, der im Verlaufe des Romans immer mehr die Überhand gewinnt, ist mit klassischen Rollen, klassischen Dialogen und auch einem klassischen Plot bestückt. „Klassisch“ meint hier „wie ein 08/15-Krimi“, denn es gibt die etwas abgehalfterten, mit seinem Leben hadernden Altermittler, die junge, ambitionierte Jungermittlerin aus besseren Kreisen, dialoglastige Sequenzen, in denen Überlegungen zum Tathergang usw. diskutiert werden, Guter-Cop-böser-Cop-Verhöre, politische Verstrickungen, die wahnwitzige, bis schlecht nachvollziehbare Zusammenhänge zwischen den Taten und zwei konkurrierenden Politikern offenlegen. Letztlich ein einfacher Spannungsbogen von „Wer war es?“ und „Warum?“. Allerdings interessierte mich die Auflösung zuletzt kaum noch, da ich den ganzen politischen Intrigen nicht mehr so recht folgen konnte.

Der Dystopie-Anteil beschreibt vor allem in der ersten Hälfte des Romans eine Szenario, dass hinlänglich aus anderen Werken bekannt ist und ein wenig bis stärker an „Bladerunner“ etc. denken lässt. Wir erfahren durch Rückblicke nur sehr spärlich, wie es eigentlich zum Bankrott und dem Komplettverkauf eines ganzen Landes an einen Konzern kommen konnte. So richtig klar werden die Hintergründe bis zum Schluss nicht. Da bleibt Gaudé recht oberflächlich und auch an den Standards des Genres verhaftet. Es gibt wieder einmal die Zonen, die Arm und Reich voneinander trennen, es gibt Gesundheitsimplantate, die ein längeres Leben versprechen, was aber nur den Reichen zugänglich gemacht wird. Ironischerweise begeht Gaudé den Fehler, dass selbst in 2055 (oder später, wir bekommen keine Zeitangabe im Buch) noch Polizeiakten und ähnliche Unterlagen in Papierform existieren… Und das, wo wir doch jetzt schon kaum noch Papierakten in Krankenhäusern usw. führen. Nun denn, es zeigt, dass der Autor eher mit simplen Ideen glänzt statt mit einem durchdachten Worldbuilding dieser Zukunftswelt.

Ich hatte ehrlich gesagt, nicht so viel Krimi und mehr Dystopie erwartet. Sprich, ich hätte gern mehr über diese zukünftige Welt erfahren und hätte nicht die ganzen politischen Verwicklungen und Intrigen zum Schluss noch gebraucht. Die beiden Hauptfiguren sind zwar gut skizziert, aber auch dort hätte es noch mehr psychologische Tiefe geben können. Während mich der Roman größtenteils mit seiner soliden Schreibe gut unterhalten, manchmal vielleicht etwas verwirrt hat, finde ich das Ende allerdings nicht sonderlich gelungen. Um es deutlicher zu sagen: Das Ende ist hanebüchen, nicht nachvollziehbar und lächerlich, wenn es nicht so ernst wäre. Es hat mich einfach nur noch aufgeregt und verärgert, ob seiner fehlenden Glaubhaftigkeit.

Zuletzt könnte man konstatieren, dass zwar die Idee gar nicht schlecht ist, einen Krimi-Plot mit einer Dystopie zu koppeln, manchmal es aber auch einfach gut ist, entweder das eine oder das andere zu machen, dafür dann aber auch kreativ und ausgegoren.

2,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 17.08.2023

Starke Prämisse, schwacher Roman

Frau des Himmels und der Stürme
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Dass die Wiege der Menschheit in Afrika liegt, ist wissenschaftlich hinreichend nachgewiesen. Der vorliegende Roman des 1968 geborenen, kongolesischen Autors Wilfried N‘Sondé in der Übersetzung aus dem ...

Dass die Wiege der Menschheit in Afrika liegt, ist wissenschaftlich hinreichend nachgewiesen. Der vorliegende Roman des 1968 geborenen, kongolesischen Autors Wilfried N‘Sondé in der Übersetzung aus dem Französischem von Brigitte Große setzt nun eine hochinteressante Prämisse: Was wäre, wenn vor 10.000 Jahren die Königin eines afrikanischen Nomadenstammes ihr Volk sogar bis nach Sibirien auf die Jamal-Halbinsel ans Nordpolarmeer geführt hätte?

Num, ein Schamane der nordischen indigenen Volkgruppe der Nenzen, findet während einem seiner Meditationsausflüge die im Permafrost erhaltenen, aber durch den Rückgang eben jenes Permafrostes freigelegten, sterblichen Überreste genau dieser afrikanischen Königin. Er hat Kontakte zu einem Professor aus Frankreich, Laurent, welchen er daraufhin kontaktiert, um sich wissenschaftliche Hilfe nach seinem Fund zu verschaffen. Die Zeit drängt, denn in wenigen Wochen soll in der Gegend ein Gasvorkommen durch russische Unternehmen ausgebeutet werden. Der archäologische Fund könnte das Vorhaben kippen, so der Gedanke Nums, und die sowieso schon angeschlagene Natur der Tundra vor diesem Eingriff bewahren. Laurent trommelt noch einen jungen kongolesischen Archäologen sowie eine deutsch-japanische Rechtsmedizinerin zusammen, um eine Expedition nach Sibirien zu starten und Num zu helfen. Gleichzeitig möchte aber ein Unternehmer und Mitglied der russischen Mafia sein Gasförderungsvorhaben durchdrücken und ist zu allem bereit, um seinen Reichtum zu mehren.

Der Roman hätte unter dieser Prämisse ein hoch spannender Wissenschaftsroman werden können, der mithilfe starker Figuren und den magischen Anklängen durch mystische Bilder die Geschichte von der Zerstörung der Erde durch den Menschen erzählt. Leider ist er das nicht geworden.

Auf der Rückseite des Buches ist ein Zitat von Jeune Afrique abgedruckt, welches besagt: „Ein vielstimmiger Roman, in dem starke Frauen zu Wort kommen.“ und NDR Kultur meint: „Wilfried N’Sondé trifft mit seiner Geschichte ins Herz“. Vielstimmig ist der Roman eventuell dahingehend, dass es viele Charakter- bzw. Figurenvorstellungen gibt. Leider erstrecken sich diese Figureneinführungen mindestens über das erste Drittel des Romans. „Vielstimmig“ im eigentlichen Sinne sind sie aber kaum, da die Gruppe um Num alle relativ dasselbe denken, nämlich das moralisch „Richtige“, dass kulturelle Funde von indigenen Völkern ebenso wie die Natur bewahrt werden müssen (ganz kurz und einfach zusammengefasst). Dem entgegen steht „der böse Russe“, nämlich Sergej, der ohne jede psychologische Schattierung als der Proto-Bösewicht angelegt ist. Ich gehe hier nicht ins Detail, würde mich auch langweilen das zu tun, aber er entspricht eher einem Holzschnitt, als einem echten Menschen. Kommen wir zum Thema „starke Frauen“. Die deutsch-japanische Cosima hat sich in ihrer Vergangenheit klar gegen eine Grenzüberschreitung von Laurent gewehrt und setzt sich nun im Expeditionsvorhaben scheinbar gestärkt und selbstbewusst gegen ihn durch. Leider verkommt die Figur im Laufe des Romans wieder zu einem reinen Lustobjekt, welches aus der Gefahr gerettet wird. Natürlich von einem Mann. Stark sind tatsächlich die Geister von vorkommenden, verstorbenen Königinnen, die scheinbar die Geschehnisse hintergründig lenken können. „Ins Herz“ hat zumindest mich Wilfried N‘Sondé mit seiner Geschichte nicht treffen können. Viel zu sehr regte mich der zu Beginn schleppende Verlauf und zum Schluss die wahrlich unglaubwürdige (außerhalb der mystischen Vorgänge) Handlung auf. Das letzte Viertel des Romans ist wirklich hanebüchen in den Handlungen der Figuren als auch deren Gedanken und Gefühle.

So wurde der Roman, dessen Plot eigentlich fast vollständig im Klappentext zusammengefasst wird, für mich zuletzt eher quälend in der Lektüre. Psalmodierend werden Predigten über den allumfassenden Zusammenhang von Mensch und Natur eingebaut und die Haltung des Autors wenig subtil im Text verarbeitet. So kommt es immer wieder zu solchen oder ähnlichen Textpassagen (S. 85):

„Was auch geschehe, die Natur handle in sehr langen Zeiträumen und würde am Ende triumphieren, die anmaßenden Menschen, die sich in der Illusion wiegten, sie zu besitzen, oder geblendet sehen von dem Willen, sie sich untertan zu machen, liefen in ihr Verderben. Die allmächtige Natur mit ihrem herrlichen Chaos und ihren unbegreiflichen Gesetzen würde recht behalten. Er wisse doch selbst, dass für die Völker des Nordens die Erde seit unvordenklichen Zeiten weiblich war; nur sie als Nährerin und Beschützerin könne den allem Seienden innewohnenden Geist gebären, beseelen und bewahren. Nur sie könne das Mosaik des Lebendigen zu jenem einzigartigen Bild Anordnen, in dem jedes Teilchen, so unwichtig es auch erscheine, seinen Platz und seine Daseinsberechtigung habe.“

So wird bezogen auf die Lehren aus der Natur schwülstig ein Sermon vorgetragen, während andererseits bezogen auf die Figuren und die Handlung die allseits bekannte literarische Prämisse „Show, don‘t tell!“ leider kaum Beachtung findet. Jedweder Gedankengang und Vorgehensweise der Figuren wird bis aufs Kleinste ausformuliert, kaum etwas wird dem Denkvermögen der Leserschaft zugemutet.

So lässt mich der Roman enttäuscht zurück. Während ich ihn über weite Strecken als "gut, solide" (also bei mir 3 Sterne) empfand und noch auf ein interessantes Ende gehofft hatte, fiel meine innere Bewertung mit dem letzten Drittel noch einmal ab, sodass ich bei 2,5 Sternen lande. Da wir ja hier und auf anderen Plattformen nur runde Bewertungen abgeben können, würde ich mich aber allein aufgrund der liebevollen und hochwertigen Gestaltung des physischen Buches aus dem noch jungen, unabhängigen Verlag Kopf & Kragen (was für ein cooler Name!) für das Aufrunden auf 3 Sterne entscheiden. Den Verlag werde ich aufgrund der bibliophilen Gestaltung ihrer Veröffentlichungen und des Verlagsprogramms weiterhin im Blick behalten.

2,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Unfair Games – Die Wege einer Freundschaft

Morgen, morgen und wieder morgen
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Gabrielle Zevin ist mit ihrem Roman „morgen, morgen und wieder morgen“ ein echter PC-Spiele-Freundschafts-Blockbuster gelungen. Ich bin begeistert.

Sadie und Sam sind beide in den 1970 geboren und lernen ...

Gabrielle Zevin ist mit ihrem Roman „morgen, morgen und wieder morgen“ ein echter PC-Spiele-Freundschafts-Blockbuster gelungen. Ich bin begeistert.

Sadie und Sam sind beide in den 1970 geboren und lernen sich im Alter von 11 Jahren im Kinderkrankenhaus Mitte der 1980er in Los Angeles kennen. Sadie ist dort, weil ihre Schwester an Krebs erkrankt und dort in Behandlung ist. Sam verbringt bereits seit Wochen seine Zeit dort, weil bei einem schweren Autounfall seinen linken Fuß zertrümmert wurde und er unzählige OPs und schwere Schmerzen ertragen muss. Im Aufenthaltsraum, der eine Spielekonsole zu bieten hat, lernen sich die beiden kennen und werden Spielkameraden auf Lebenszeit. Ab diesem Punkt verfolgen wir mit Vor- und Rücksprüngen die Freundschaft dieser beiden Menschen, welche auf ihrer beiderseitigen Passion für PC-Spiele basiert. Nach einer Funkstille treffen sie sich während des Studiums wieder, entwickeln ihr erstes gemeinsames Spiel, werden Unternehmenspartner der Firma „Unfair Games“, die Wege trennen sich nach längerer Zusammenarbeit wieder und führen irgendwann wieder zusammen.

Durchweg spannend erzählt Gebrielle Zevin in ihrem 555 Seiten langen Roman die Geschichte einer intensiven Freundschaft, welche immer wieder auch Züge von Liebe füreinander enthält aber auch durch einige Tiefschläge in Zweifel gezogen wird. Was mir besonders gefällt: So einige Autor:innen hätten die Ausgangssituation für eine schwülstige Liebesgeschichte genutzt. Zevin tritt nicht in diese Falle, sie beschreibt eine dafür umso intensivere, hoch emotionale Freundschaftsgeschichte. So wirkt der Roman in seinem Aufbau ein wenig wie die Freundschaftsvariante von „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls, ist aber so viel mehr.

So beschäftigt sich Zevin sehr ausführlich in ihrem Roman mit dem Thema einer Behinderung und was diese für einen jungen Menschen bedeutet. Sam wird sein Leben lang durch den Autounfall mit seinem Fuß, den chronischen Schmerzen und der daraus resultierenden Gehbehinderung zu kämpfen haben. Bisher habe ich in noch keine literarischen Roman so selbstverständlich darüber gelesen, wie schwer die Entscheidung für einen Studenten sein kann, ob er seine beste Freundin besuchen kann, weil ihre Wohnung zwischen zwei U-Bahn-Stationen liegt, es winterlich glatt auf den Straßen ist und er mit Gehstock nur unsicher laufen kann. Die Autorin erwähnt dabei das Thema nicht nur nebenbei und hakt damit ein Themenfeld auf der Liste „einzubringender Tiefe“ für den Roman ab, nein, es durchzieht in vielen Aspekten den Roman. So wird sehr authentisch verdeutlicht, wie ein Mensch mit einer Behinderung und chronischen Schmerzen nach außen hin arrogant, zurückgezogen oder gar gereizt wirken kann und dadurch seine engen Freundschaften riskiert. Toll gemacht!

Darüber hinaus geht die Autorin auf PC-Spieleentwicklung und deren Veränderung über die letzten 30 Jahre hinweg, die Hürden für weibliche Entwicklerinnen, ethnische Identität in diesem Kontext und PC-Spiele als kulturelles sowie gesellschaftsrelevantes Phänomen ein. Ich habe diesen unglaublich süffig geschriebenen Pageturner eingesogen und mit jeder Faser geliebt.

Besonders herausstellen möchte ich zuletzt noch die Übersetzung von Sonia Bonné. Sie übersetzt aus dem Englischen und studiert Informatik in Berlin. Warum ist diese Info so wichtig? Der Verlag hat hier diesem Text, der von der Tochter zweier Elternteile, die beide in der IT-Branche arbeiten, gekonnt einer Übersetzerin in die Hand gegeben, die aus eigenem Fachwissen heraus genau versteht, wovon die Autorin schreibt. Nie wirkt der Text mit seinen Games-spezifischen Ausdrücken ungelenk übersetzt, immer wie aus einem Guss.

Wer also ein Faible für die PC-Spielewelt der letzten 30 Jahre hat, eine wunderbar mitreißende Freundschaftsgeschichte lesen und in die immersive Welt von diesen glaubhaften Figuren eintauchen will, ist hier genau richtig. Eine eindeutige Leseempfehlung meinerseits für diesen großartigen, literarisch anspruchsvollen Unterhaltungsroman, der mit Eichborn genau den richtigen deutschen Verlag gefunden hat.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Nilufars Reise nach Iran und in die Vergangenheit

Terafik
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Die Veröffentlichung „Terafik“ der Autorin Nilufar Karkhiran Khozani trägt die Beschreibung „Roman“ auf dem Cover, erscheint aber sehr nah an der Autorin selbst und ihrer ersten Reise als erwachsene Frau ...

Die Veröffentlichung „Terafik“ der Autorin Nilufar Karkhiran Khozani trägt die Beschreibung „Roman“ auf dem Cover, erscheint aber sehr nah an der Autorin selbst und ihrer ersten Reise als erwachsene Frau in das Geburtsland ihres Vaters entlang geschrieben zu sein.

Die Romanfigur Nilufar Karkhirian Khozani begibt sich nicht nur rein physisch das erste Mal nach Iran, sondern kehrt mithilfe von Erinnerungen zurück in ihre eigene Kindheit und das Aufwachsen in ihrem Heimatland Deutschland mit einem iranischen Vater, der, als Nilufar auf der Schwelle zur Teenagerzeit steht, kurz nach der Trennung von ihrer Mutter Deutschland wieder verlässt und nach Iran zurückkehrt. Auch seine Erlebnisse in Deutschland während des Ingenieurstudiums und darüber hinaus flechtet die Autorin – hier sicherlich besonders stark fiktionalisiert – in ihren Roman ein. So entsteht ein Geflecht aus autobiografischen Anteilen aus Ereignissen während der Reise Nilufars nach Iran, ihren eigenen Erinnerungen an das Aufwachsen und (kursiv im Text hervorgehoben) den Erlebnissen des Vaters in Deutschland, welches Nilufars Familiengeschichte vor allem väterlicherseits formt.

Für mich besonders interessant an diesem Roman sind die Beschreibungen des Besuches in Iran. Hier erleben wir mit Nilufar, wie es ist, in Deutschland nicht als „Deutsche“ zu gelten und in Iran nicht als „Iranerin“. Ein Eindruck, welchen viele - wenn nicht gar fast alle - Menschen, deren Eltern aus verschiedenen Kulturen stammen, teilen. Nilufar muss sich in die iranische Gesellschaft mit ihren rigiden Vorgaben für Frauen einfinden und bleibt stets wie ein Fremdkörper in diesem ausgeklügelten Tanz aus Verboten und kleinen Grenzüberschreitungen im Privaten. Die Beobachtungen in Iran sind damit die eindrücklichsten des Romans für mich. Auch die geschilderten Erfahrungen des Vaters in Deutschland und das Aufwachsen Nilufars sind nicht uninteressant, gleichen sich aber auch naturgemäß bereits existierenden Berichten von Eingewanderten und deren Nachkommen.

Sprachlich erschien für mich der Roman besonders zu Beginn sehr stark. Wenn immer wieder Gleichnisse verwendet werden, um die Eindrücke des Vaters zu verdeutlichen. Eine unheilvolle Atmosphäre entsteht hier sehr drängend:

„In der Dämmerung zogen schwarze Wolken auf, vereinzelte Tropfen schlugen auf dem Asphalt ein wie Granaten, ein Vogel schoss auf das Fenster zu, ein dumpfer Klang wie ein Fingertipp auf ein Mikrofon. […] Jeder Schritt, den er den Flur hinab tat, erschütterte die alten Dielen unter dem Linoleum, mit jedem Schritt hinterließ er kaum sichtbare Kerben im Boden der Fachhochschule. Ein Wasserfall strömte auf die angestaubte Stadt. […] Seine Hände waren immer schon Fäuste gewesen.Ein ganzer Fluss rann seinen Körper hinab, er watete durch einen Ozean. […] Der Himmel war Zement. […] Eine Maschinengewehrsalve aus Wassertropfen hämmerte gegen die Fenster.“

Leider hatte ich das Gefühl, dass diese angedeutete, brutale Intensität dann aber im Roman inhaltlich wie auch sprachlich nicht so richtig eingelöst wird. Eher berichtartig geht es danach weiter, was ich zwar interessiert gelesen habe, aber nicht in das Geschehen mitgerissen wurde.

Insgesamt ist der Autorin Nilufar Karkhiran Khozani ein sehr guter Blick von innen und außen auf das Leben ihrer Familie in Iran gelungen. An der Figur Nilufar konnte ich allerdings nicht so stark andocken, wie es mir bei anderen Büchern mit ähnlichem Inhalt (z.B. „Die Sommer“ von Ronya Othmann o.ä.) besser gelungen ist. Aus dem Roman werden mir einzelne gesellschaftliche Beschreibung aus Iran im Gedächtnis bleiben, die gesamte Geschichte jedoch leider weniger. Trotzdem gibt es von mir definitiv eine Leseempfehlung für alle, die einen Blick ins Innere dieses kontroversen Landes werfen möchten.

3,5/5 Sterne

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