Die bekannte Autorin Johanna Klement hat den vierten Band ihrer Comicroman-Reihe “Kathas Katastrophen” vorgelegt, der hervorragend in die Adventszeit passt. Das fröhliche Hardcover und die Illustrationen ...
Die bekannte Autorin Johanna Klement hat den vierten Band ihrer Comicroman-Reihe “Kathas Katastrophen” vorgelegt, der hervorragend in die Adventszeit passt. Das fröhliche Hardcover und die Illustrationen von Mareikje Vogler machen die witzige Geschichte zum vorweihnachtlichen Lesevergnügen.
Katha ist schon ganz aufgeregt, heute soll sie das erste Säckchen ihres Adventskalenders öffnen, ihre liebevolle, aber manchmal etwas chaotische Mutter hat ihn befüllt. Was ist denn da drinnen? Greift sich gar nicht gut an! Kathas Hoffnung richtet sich auf den Klassenadventskalender, da wird gewichtelt. Ausgerechnet sie hat Schniesi gezogen, ihre Klassenlehrerin. Was schenkt man der? Vor allem, weil sie jetzt immer eine fiese Handpuppe in den Unterricht mitbringt, die alle einschüchtert. Noch schlimmer hat es Kathas Freundin Lisi getroffen, der Adventskalender von Urchen enthält absonderliche Dinge, igitt! Alle Schüler sind im Tauschfieber, es gibt sogar einen Flüstermarkt in der Tischtennisecke. Ob Lisi ihre ekligen Sachen da auch los wird?
Doch das ist nicht das einzige Problem. Schniesi möchte, dass alle Kinder im Geist von Weihnachten eine gute Tat tun. Da weiß Katha doch etwas! Kathas Vater hat für seine Waren einen Lagerraum, aber da wohnt jetzt Bernie. Wer ist das und was macht der? Sehr verdächtig. Katha und Lisi müssen dem unbedingt auf den Grund gehen. Aber spionieren ist gar nicht so einfach, fast werden sie erwischt und plötzlich hat Lisi ein fremdes Fahrrad in der Hand. Wie soll sie das zurückgeben? Kann Katha bei Schniesi vielleicht Pluspunkte sammeln, wenn sie sich um Bernie kümmert? Oder ist es Bernie, der den Mädchen helfen muss?
Johanna Klement hat mit “Kathas Katastrophen: Mein Leben zwischen Weihnachts-Hype und Grusel-Vibe” eine Geschichte mit liebevoll gezeichneten Charakteren geschrieben. Katha zieht zwar Katastrophen richtiggehend an, aber sie findet sich in allen Situationen zurecht. Besonders wichtig ist ihre Freundschaft mit Lisi und mit Helin, einer Klassenkameradin, die nicht nur gute Ideen hat, sondern auch einen großen Bruder Elyas, der Kathas heimliches Interesse weckt. Der leicht lesbare Schreibstil, die verschiedenen Schriftarten, die große Schrift, kurze Kapitel und der Comic- Style tragen dazu bei, dass auch Lesemuffel dieser Geschichte toll finden werden. Das Buch wird für Kinder ab elf Jahren empfohlen.
Die witzigen Situationen und absurden Pannen machen das Buch aber auch für ältere Kinder und Erwachsene interessant. Als Beilage gibt es noch eine coole Weihnachtskarte.
Ich habe das Buch gemeinsam mit einem zwölf Jahre alten Mädchen gelesen und wir hatten viel zu schmunzeln. Wir können bestätigen- nicht nur bei Katha gibt es Weihnachtschaos, sondern auch wir sind schon im Weihnachtsfieber- Pannen inklusive! Daher können wird allen, die Comicromane lieben, dieses gelungene, humorvolle Buch wirklich empfehlen und wünschen fröhliche Weihnachten!
Alba de Céspedes hat ihren Erstlingsroman “Was vor uns liegt” bereits im Jahr 1934 verfasst, zu einer Zeit, in der die gesellschaftliche Ordnung, die Moralvorstellungen und die politischen Ideen faschistisch ...
Alba de Céspedes hat ihren Erstlingsroman “Was vor uns liegt” bereits im Jahr 1934 verfasst, zu einer Zeit, in der die gesellschaftliche Ordnung, die Moralvorstellungen und die politischen Ideen faschistisch geprägt waren und von der Ideologie der Bestimmung der Frau als Mutter, die nicht erwerbstätig sein sollte, getragen wurden. Bereits bei seinem Erscheinen 1938 wurde der Roman von der faschistischen Zensur verboten. In einer neuen Übersetzung wird die Autorin heute wiederentdeckt und nimmt die Lesenden mit in ein unglückseliges Kapitel der Geschichte. Dennoch zeigt der Buchumschlag, der teilweise in hellen Farben gehalten ist, junge Frauen, die positiv in die Zukunft blicken.
Acht junge Frauen studieren an der Universität in Rom und leben im Grimaldi Institut, das von Nonnen geführt wird. Obwohl hier eine gewisse Freizügigkeit herrscht, werden die Mädchen abends eingeschlossen und das Licht wird ausgeschaltet. Daher lernen oder unterhalten sich die Freundinnen im Schein einer Petroleumlampe.
Acht verschiedene Lebensentwürfe prallen aufeinander. Viele der Mädchen kommen aus kleinen Dörfern in Italien, aus einer Welt, in die sie nicht mehr zurückwollen. Doch stellt sich für sie die Frage, ob sie aus der patriarchalischen Struktur des Elternhauses in die Unfreiheit einer Ehe wechseln wollen. Oder ist es der Sinn des Seins, in seiner Arbeit aufzugehen? Augusta, ein Mädchen, das nicht wie die anderen Freundinnen Literatur studiert, sondern an einem Roman arbeitet, stellt die provokante Frage, ob Frauen überhaupt Männer brauchen und ist überzeugt, dass Frauen ihr Leben eigenverantwortlich und ohne Abhängigkeiten gestalten müssten. Allerdings- ihre Romane finden keinen Verlag und so scheint es, dass sie dauerhaft in dem Studentenwohnheim bleiben wird, unglücklich in ihrer Phantasiewelt gefangen.
Natürlich spielen Männer eine wesentliche Rolle im Leben der Mädchen. Vinca aus Andalusien verliebt sich in einen Landsmann, der in den Krieg gegen die Falangisten zieht und Vinca letztlich verlässt. Dennoch ist ihr Sehnen und ihre Sorge um den Geliebten so plastisch beschrieben, dass man durchaus mitfühlen kann. Emanuela hat ein Geheimnis, das letztlich ihr Leben zu zerstören droht: Ein Kind- und sie überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn dieses Kind nicht mehr lebte. Denn Emanuela hat keine Beziehung zu dem kleinen Mädchen und ist über seine Kälte verwundert.
Xenia, die ihre Prüfung an der Universität nicht geschafft hat, wird zur Geliebten mehrerer Männer, die sie letztlich verabscheut, deren Geld sie jedoch nimmt und einen sorglosen Lebenswandel genießt.
Auf diese Art führt Alba de Céspedes vor Augen, welche Möglichkeiten Frauen in der Zwischenkriegszeit hatten, auch wenn klar ist, dass diese Mädchen privilegiert waren, denn universitäre Bildung für Frauen gehörte damals nicht zur Norm. Das Buch versucht, aufzurütteln und Frauen aufzuzeigen, dass es notwendig ist, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Alle Charaktere der Protagonistinnen sind präzise und feinfühlig gezeichnet, ihre Gedankenwelt können sich die Lesenden gut zu Eigen machen. Auch wenn das Thema nicht auf Spannung angelegt ist, ist man doch interessiert und manchmal fasziniert von den Entwicklungen.
Alba des Céspedes hat zu einer Zeit, als das Frauenbild andere Entsprechungen verlangte, einen feministischen Roman geschrieben, der von klugen und interessanten Dialogen lebt und von einer Gedankenwelt, die auch den jetzt lebenden Frauen nicht gänzlich fremd ist. Ihr Buch verdient es, mit heutigen Augen gelesen zu werden und die Appelle der Autorin für Frauenrechte sind noch immer aktuell. Zeitgeschichtlich Interessierte werden den Einblick in eine unter den damaligen Umständen als gefährlich geltende Geisteshaltung schätzen und den Mut der Autorin zu würdigen wissen. So ist “Was vor uns liegt” ein auch heute noch gesellschaftspolitisch relevantes Buch, das ich gerne weiterempfehle.
Mit” Gespenster- Jäger auf eisiger Spur” hat Cornelia Funke eine Neuauflage ihrer bekannten Gespensterjäger-Reihe begonnen, die neben den schwarz-weiß Illustrationen der Autorin im Nachsatz auch neue, ...
Mit” Gespenster- Jäger auf eisiger Spur” hat Cornelia Funke eine Neuauflage ihrer bekannten Gespensterjäger-Reihe begonnen, die neben den schwarz-weiß Illustrationen der Autorin im Nachsatz auch neue, farbige Bilder zu dieser spannenden Geschichte enthält. Schon das humorvolle Hardcover stellt uns Tom vor, der ein Gespenst im Keller hat, ebenso Frau Kümmelsaft, eine erfahrene Gespensterjägerin.
Tom ist noch nicht einmal zehn Jahre alt und hasst es, wenn ihn Mama in den Keller schickt. Denn Tom ist überzeugt: Da wohnen Gespenster. Wirklich greifen eisige Finger nach seinem Hals und seine Schuhe kleben am Boden fest. Doch niemand in der Familie glaubt Tom, außer Oma. Sie hat die Adresse von Hedwig Kümmelsaft, die auch sofort Rat weiß. Um das Gespenst abzuschrecken braucht es die Farbe rot, viele Spiegel und eine Wärmeflasche. Doch das Gespenst, Hugo, ist selbst verzweifelt. Es hat sein zu Hause verloren und wohnt gar nicht gerne in Toms Keller. Werden ihm Tom und Frau Kümmelsaft helfen können?
Da es Gespenster verschiedener Kategorien gibt, erkennt Frau Kümmelsaft, dass ein “Unglaublich Ekelhaftes Gespenst” Hugo aus seinem Haus vertrieben hat. Dieses Gespenst ist ein ganz anderes Kaliber, da braucht es sogar Friedhofserde, um es zu bekämpfen. Glücklicherweise ist das schreckliche Gespenst verfressen- doch es ist lange nicht klar, ob dieser widerliche Geist besiegt werden kann.
Cornelia Funke hat auch in der zweiten Auflage ein Kinderbuch geschaffen, das nichts von seinem früheren Reiz verloren hat. In kindgerechter Sprache und mit gelungenen Illustrationen eignet sich dieses humorvolle und angenehm gruselige Buch gut sowohl zum Vorlesen als auch zum Selbstlesen. Kurze Kapitel und große Schrift machen es auch Lesemuffeln leicht, dieses Buch immer wieder zur Hand zu nehmen. Denn alle Protagonisten, ja sogar Hugo, das Gespenst, wirken sehr sympathisch. Das Buch wird ab acht Jahren empfohlen.
Besonders witzig ist eine Tabelle zur Einordnung der Gefährlichkeit der Gespenster. Hier wird genau aufgeschlüsselt, welche Eigenschaften “Mittelmäßig Unheimliche Gespenster” und “Unglaublich Ekelhafte Gespenster” haben. Das klingt richtig gefährlich und die Kinder können direkt an der Gespensterjagd teilnehmen. An der Aufzählung dieser Fähigkeiten, Vorlieben und Schwächen der Geister haben sicher auch ältere Kinder und Erwachsene ihren Spaß.
Ich habe das Buch mit meiner neun Jahre alten Enkelin gelesen, uns hat das Buch sehr gut gefallen. Daher können wir es gerne allen Gruselfans weiterempfehlen.
Die SPIEGEL Bestseller-Autorin Carmen Korn hat mit ihrem in Hamburg spielenden Nachkriegsroman “In den Scherben das Licht” eine berührende Schilderung der Zeit zwischen 1946 und 1955 geschrieben. Der Bucheinband ...
Die SPIEGEL Bestseller-Autorin Carmen Korn hat mit ihrem in Hamburg spielenden Nachkriegsroman “In den Scherben das Licht” eine berührende Schilderung der Zeit zwischen 1946 und 1955 geschrieben. Der Bucheinband zeigt ein tanzendes Paar in der Mode der Zeit- wobei man hier von Mode nicht sprechen kann, nicht nur Spinnstoffe waren knapp sondern alle zum Überleben erforderlichen Güter. Dennoch ist der Bucheinband in hellen Farben gehalten, denn wer überlebt hatte, überstand diese entbehrungsreiche Zeit in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Im teilweise abgebrannten Haus der ehemaligen Volksschauspielerin Friede Wahrlich lebt Gert, sechzehn Jahre alt und Teil von Hitlers letztem Aufgebot, im Keller. Aus der Kriegsgefangenschaft auf Grund seines Alters entlassen sucht Gert mit Hilfe das Roten Kreuzes nach seiner Mutter und der kleinen Schwester Barbara. Doch so viele Suchmeldungen er in Friedes Radio auch hört, seine Angehörigen werden nicht gefunden. Doch Gert wird nicht aufgeben.
Eines Tages sucht Gisela in diesem Keller Zuflucht, vierzehn Jahre alt und elternlos. Nach anfänglicher Skepsis arrangieren sich die Beiden, Überleben steht im Vordergrund. Gisela möchte ihre Eltern nicht suchen, wären sie noch am Leben, würden diese sie doch sicher finden wollen. Ein Trugschluss, wie sich später erweisen wird.
Friede hatte zu Kriegsbeginn zwei Verehrer, Palutke, einen Schwarzmarkthändler, Kriegsgewinnler und später Immobilienspekulant, der Friede noch immer verehrt, den sie jedoch nicht geliebt hat. Ihre Zuneigung galt Viktor Franke, einem feinsinnigen Theaterkritiker, der als einer der ersten Juden in das Ghetto von Lodz, ein KZ, deportiert wurde. Friede hält ihn für tot und ihr Gewissen kommt nicht zur Ruhe: Aus Furcht vor den Nazis hat sie Viktor die Tür gewiesen als er um ihre Hilfe bat. Hatte hier Palutke aus Eifersucht seine Hand im Spiel? Doch Franke hat überlebt- soll er mit Friede in Kontakt treten? Erst langsam findet Franke zurück ins Leben, traut sich zu, wieder Kritiken zu schreiben. Doch wird er eine neue Liebe leben können oder stehen seine seelischen Wunden einer festen Bindung im Weg?
In dieser von Mangel und Hunger geprägten Nachkriegszeit versuchen die Protagonisten zu überleben, Schwarzmarkthandel und Zigarettenwährung sind die Mittel dazu. In den Trümmern sucht Gert nach Verwertbarem, einem Ofen, alles, was noch gebraucht werden konnte, wurde geplündert, Stiegenholz zum Heizen oder schimmlige Decken, denn der Winter ist bitter kalt. Langsam wird aus Gert und Gisela ein Liebespaar und langsam bessern sich die furchtbaren Verhältnisse. Für Gert steht weiterhin die Suche nach seinen Angehörigen im Vordergrund, doch die Mutter ist tot. Aber die Schwester? Und wer nicht sucht, der wird gefunden- so Giselas Vater, ein Fotograf, der sich eine neue Existenz aufgebaut hat und nur zögerlich versucht, sich Gisela anzunähern.
Carmen Korn lässt in ihrem Roman, der die Verhältnisse von bitterster Not bis zum beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung nachzeichnet, durch lebendige und bildhafte Schilderungen das Leben in den Trümmern und zur Zeit des Wiederaufbaues entstehen. Kinder, auf sich selbst gestellt, die versuchen, zu überleben; die verzweifelte Suche nach vermissten Personen; die nicht besiegte Geisteshaltung der Nazis; Neid und Missgunst durch Menschen, die sich zu kurz gekommen wähnen; Freundschaft, Verrat und einen unbändigen Überlebenswillen. Langsam entwickelt sich aus der Schicksalsgemeinschaft in Friedes Haus eine Familie.
Von der Generation, die hier nachgezeichnet wird und die die zerstörten Länder und Städte wieder aufgebaut hat, lebt heute kaum mehr jemand. So hat Carmen Korn uns, die wir die Gnade der späten Geburt für uns in Anspruch nehmen können, ein Werk geschenkt, das uns das “niemals vergessen” nahebringt und das der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration ein würdiges Denkmal setzt.
Die vielfach preisgekrönte SPIEGEL Bestseller-Autorin Tanja Kinkel hat mit “Sieben Jahre” ein beeindruckendes Werk geschaffen, das nicht nur historisches Geschehen, sondern auch menschliches Denken und ...
Die vielfach preisgekrönte SPIEGEL Bestseller-Autorin Tanja Kinkel hat mit “Sieben Jahre” ein beeindruckendes Werk geschaffen, das nicht nur historisches Geschehen, sondern auch menschliches Denken und Fühlen behandelt.
Im Mittelpunkt stehen zwei Mitglieder der Königlichen Familie, ab 1740 Friedrich II. (der Große), König in Preußen und sein vierzehn Jahre jüngerer Bruder Heinrich, dessen Blickwinkel den Roman bestimmt. Der Schutzumschlag des Buches ist im Stil der Zeit gestaltet, zeigt auf pastösem, sepiabraunem Hintergrund zwei Frauen in der Kleidung der Zeit, jedoch ohne Gesicht. Damit wird bereits angedeutet, welche Rolle Friedrich, aber auch sein Bruder Heinrich den Frauen zudachten.
Preußen ist unter Friedrichs Vater Friedrich Wilhelm I. ein gut verwaltetes Königreich mit herausragendem Heer. Doch als Vater ist Friedrich Wilhelm I. ein brutaler Tyrann, der seine Kinder verprügelt. Als Friedrichs Homosexualität offenbar wird und er vor seinem Vater fliehen will, nimmt ihn dieser in Festungshaft und richtet seinen Liebhaber hin. Nur knapp entgeht Friedrich der Todesstrafe. Da ist Heinrich vier Jahre alt und versteht die Zusammenhänge noch nicht. Doch später wird er selbst neben seinem Bruder nicht nur Teile des Heeres befehligen, sondern auch seine gleichgeschlechtlichen Neigungen teilen. Die sexuelle Orientierung der Brüder ist ein Thema, das sich durch das ganze Buch zieht. So, wie Friedrich von seinem Vater als Zeichen der Unterwerfung zu einer Heirat gezwungen wurde, zwingt er nun Heinrich zu einer verhassten Ehe. Beide Männer verachten ihre Frauen, die sie ständig an ihre Demütigung erinnern und leben nicht einmal im selben Haushalt mit ihnen.
Als Friedrich 1740 König in Preußen wird, beginnt in Wien die Herrschaft Maria Theresias, die Friedrich zwar verächtlich als Gebärmaschine, wenig geistreich, stolz, aber als “einzigen Mann” im Geschlecht der Habsburger bezeichnet. Als 1756 Preußen ohne Kriegserklärung in Sachsen einfällt, ist das der Beginn des siebenjährigen Krieges, Preußen ist mit England verbündet, Österreich aber verfügt über die größere Streitmacht, denn seine Bündnispartner sind Frankreich, Russland und Schweden. Das Schlachten kann beginnen.
Tanja Kinkel schildert in sechs Abschnitten dieses herausragenden historischen Romans den Kriegsverlauf, aber vor allem das Verhältnis zwischen Friedrich, Heinrich und dem designierten Thronfolger Wilhelm. Friedrich liebt nur einen Menschen, seine ältere Schwester Wilhelmine, mit der er aufgewachsen ist. Als diese schwer erkrankt, denkt er, dass er sie dem Tod abspenstig machen kann, wenn er in seiner Schlacht siegt. Doch Wilhelmine verstirbt.
Heinrich wiederum liebt seinen vier Jahre älteren Bruder Wilhelm und bezeichnet ihn als guten Menschen, der keinen Angriffskrieg führen würde. Auch Wilhelm ist unglücklich verheiratet, hat aber Kinder, die die Linie fortsetzen werden. Als Wilhelm das Kommando über einen Heeresteil übernimmt und in der Schlacht unterliegt demütigt ihn Friedrich öffentlich. Kurz darauf stirbt Wilhelm. Ab diesem Zeitpunkt hasst Heinrich seinen Bruder Friedrich abgrundtief.
Friedrich und Heinrich sind beide große Feldherren, jedoch mit anderer Taktik. Während Friedrich überzeugt ist, auch gegen die Warnung seiner Generäle in die Schlacht zu ziehen, ist Heinrich der eher defensive Stratege. Friedrichs Kriegsführung fügt der Armee bei Kunersdorf so hohe Verluste zu, dass er zeitweilig den Tod herbeisehnt. Heinrich wird Oberbefehlshaber des Heeres und überlegt an einer Stelle, ob man das Leben seines Bruders nicht gegen die Leben der vielen Soldaten, die vielleicht gerettet werden könnten, aufrechnen könne.
“Sieben Jahre” beleuchtet das Kriegsgeschehen aus einer menschlichen Perspektive, denn die Grundlage des Buches sind die historisch belegten Briefe der Brüder Heinrich und Friedrich. Friedrich, der zynisch schreibt, der Bruder möge seine Zeit nicht mit Nichtigkeiten- gemeint sind seine Amouren- vergeuden, sondern dem Staat dienen. Heinrich, der sich immer bewusst ist, dass er Friedrich Gehorsam schuldet und auch wenn er ihn hasst, muss er erkennen, dass er ihm immer ähnlicher wird. Tanja Kinkel erschafft aus historischen Figuren Menschen mit Bedürfnissen und Gefühlen, Geschichtszahlen werden zu Schicksalen. Nur in ihrer Liebe zur Musik gleichen die Geschwister einander.
Dieser epische Roman beleuchtet einen Ausschnitt aus der Zeit der Herrschaft Friedrichs des Großen und seiner Familie, aber deckt dadurch nicht das ganze Spektrum seiner Regentschaft ab. Auch Maria Theresia und die Verbündeten bekommen wenig Raum. Erst am Schluss des Buches hadert vor allem Heinrich mit den ungeheuren Opfern an gefallenen Soldaten, die dieser Krieg verursacht hat. Dennoch ist nur wenig Bedauern zu spüren. Auch Maria Theresia meint bloß, sie werde für die Soldaten beten. Wer dieses Buch liest, erkennt, dass die Herrschenden das einfache Volk immer als Kanonenfutter betrachtet haben und Menschlichkeit hinter den Kriegszielen zurückstand.
Als Nebenhandlung wird das Leben von Amalie, einer Schwester Friedrichs geschildert, die pro forma Äbtissin des Stiftes Quedlinburg war, aber ein freies Leben führte und sich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlte. Die Lebensumstände des Volkes in der damaligen Zeit werden kaum geschildert, nur Hannibal, der Kammermoor, steht für einen eigenen Strang der Erzählung. Da damals die Herrschenden von Exoten begeistert waren und Menagerien errichteten, denen auch Mooren angehörten, diente Hannibal verschiedenen Mitgliedern des Königshauses. Da der Name des damaligen preußischen Kammermohren nicht überliefert ist, lieh sich Tanja Kinkel des Namen seines Zeitgenossen Angelo Soliman, dessen Haut nach seinem Tod präpariert und im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt wurde.
Am Beginn des schön mit Vor- und Nachsatzblättern und mit dreiseitigem Farbschnitt gestalteten Buches findet sich ein Personenverzeichnis, das die Orientierung erleichtert. Tanja Kinkel hat ein ausführliches Nachwort verfasst, das die geschichtlichen Zusammenhänge darlegt und ihre Quellen nennt. “Sieben Jahre” ist ein bemerkenswertes Buch, das die Lesenden Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erleben lässt, eine gelungene Buchpremiere, die durch ihre Ausführlichkeit besticht und es möglich macht, auf die Menschen hinter den Archiven zu blicken. Geschichtlich Interessierten mit ausreichenden Zeitbudget- das Buch ist im besten Sinne des Wortes gewichtig und umfasst 848 Seiten- kann ich diesen außergewöhnlichen, hervorragenden, gut und flüssig erzählten Roman absolut empfehlen.