Devil’s Breath
So heißt das Buch im Original, was wesentlich griffiger ist. Aber Devil’s Breath ist auch der Name eines Nachtschattengewächses, dessen Samen man zerreiben und Leuten ins Gesicht blasen kann, wenn man ...
So heißt das Buch im Original, was wesentlich griffiger ist. Aber Devil’s Breath ist auch der Name eines Nachtschattengewächses, dessen Samen man zerreiben und Leuten ins Gesicht blasen kann, wenn man sie gefügig machen möchte. Das spielt im Buch zwar keine Rolle, und diese Pflanze kommt auch nicht im Anhang vor, aber ihr Name eignet sich bestens für einen Titel. Jedenfalls besser als "Nachtschattengewächse", zu denen auch Tomaten gehören.
Gleich am Anfang macht man Bekanntschaft mit Professorin Eustacia Amelia Rose, ehemalige Leiterin des Instituts für Botanische Toxikologie am University College London.
Bevor ich weiterschreibe, möchte ich dem Verlag für seinen ungewollten Humor danken. Warum? Nun der ganze Text ist schwach gegendert. Es gibt also keine Studenten, sondern nur Studierende und den ganzen anderen sprachlichen Unfug. Immerhin aber keine Sterne oder andere dämlichen Zeichen mitten im Wort. Das Lustige an diesem Krampf findet man auf Seite 326. Da wird die gute Eustacia mit vollem Titel vorgestellt, so wie oben. Nur steht da eben nicht Professorin wie bei mir, sondern Professor. Herzlichen Glückwunsch.
Eustacia hat wegen eines Vorfalls in ihrem Labor ihren Job verloren. Was da genau vorgefallen war, bleibt wie so vieles andere in diesem Krimi absichtlich im Ungewissen. Nun sammelt Eustacia nur noch auf ihrem Dachgarten sehr giftige Pflanzen, die sie sich für viel Geld aus aller Welt als Setzlinge schicken lässt. In diesem Dachgarten steht auch ein modernes Objektiv zur Beobachtung von Himmelskörpern. Allerdings benutzt es Eustacia mehr zur Ausspähung ihrer Nachtbarn. Irgendwie muss sie schließlich am Leben der anderen teilnehmen, denn menschlichen Kontakten geht sie stets aus dem Weg.
So lernt sie aus der Ferne eine junge Frau kennen, mit der dann die weiteren Verstrickungen beginnen. Weil sie sich merkwürdig verhält und offenbar Verhältnisse der verschiedenen Art mit mehreren Männern hat, nennt Eustacia sie zunächst Psycho. Dann stellt sich heraus, dass sie mit einem Mann schläft den Eustacia sehr gut kennt und der ihr Schmerzen bereitet hat. Dieser Kerl wird die spätere Leiche werden, vergiftet mit den Samen einer Pflanze, die Eustacia in ihrem Dachgarten anbaut.
Wie die Dinge sich entwickeln, kann ich hier natürlich nicht verraten, aber dieser Krimi hat tatsächlich etwas Besonderes. Die Autorin reizt das Verwirrprinzip weitestgehend aus. Man wird in die Gedanken der Hauptfigur Eustacia versetzt, die zunächst von Psycho so angetan ist, dass sie sie verfolgt und gegen ihre gewöhnlichen Verhaltensweisen sogar eine Bekanntschaft mit ihr beginnt. Allerdings versteht man als Leser bis zuletzt die Zusammenhänge nicht wirklich. Aus Prinzip eben. Selbst die Frage, wer nun den Kerl vergiftet hat, bleibt offen. Man kann sich einen aus der Truppe der Rachsüchtigen aussuchen, die im Lauf der Handlung vorgestellt wird. Es geht dabei um ein Ereignis in Brasilien, das der Ermordete zu verantworten hatte.
Was das Buch natürlich noch interessanter macht ist Eustacia selbst, denn diese Figur liegt weit abseits jeder Normalität. Sie kleidet sich männlich mit den Klamotten ihres verstorbenen Vaters, kämmt sich die Haare männlich und grenzt sich von der Öffentlichkeit weitgehend ab. Na und dann eben diese Professur, entstanden aus einer Obsession für Gifte.
Das Buch ist flüssig geschrieben und liest sich schon allein wegen seiner ungewöhnlichen Konstruktion gut. Und dann gibt es natürlich diese komische Paradoxie. Menschen lieben außergewöhnliche Typen. Aber natürlich nur in Büchern und nicht etwa in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Ein sehr schöner und ziemlich ungewöhnlicher Krimi.