Profilbild von Gabiliest

Gabiliest

Lesejury Star
offline

Gabiliest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Gabiliest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.02.2025

Aktuell und brisant: KI als Fluch oder Segen

Deepfake
0

In “Deepfake: Das Ende der Wahrheit” konfrontiert der bekannte Autor und Journalist Darius Quinn die Lesenden mit einer erschreckenden Frage: Was passiert, wenn man Deepfakes nicht mehr als solche identifizieren ...

In “Deepfake: Das Ende der Wahrheit” konfrontiert der bekannte Autor und Journalist Darius Quinn die Lesenden mit einer erschreckenden Frage: Was passiert, wenn man Deepfakes nicht mehr als solche identifizieren kann? Auch das gelungene Cover weist auf die Übermacht der Technik hin, wobei die KI wohl als Blackbox dargestellt werden müsste.

Der spannende Plot beschreibt, wie Deepfakes die Wirtschaft destabilisieren und Existenzen ruinieren können. Nach dem Tod des CEO einer Tochterfirma von Leonydoo, einem führenden Tech- Unternehmen, befasst sich Special Agent Tom Anson vom FBI mit der Aufklärung des Falles, bei dem fraglich ist, ob ein Video mit menschenverachtenden Aussagen den CEO zum Selbstmord getrieben hat. Ebenso tauchen weitere Videos auf, die ebenfalls den Konkurs von Tochterfirmen von Leonydoo zur Folge haben. Doch Tom vermutet, dass es sich bei den Videos um Deepfakes handelt. Aber niemand kann ihm das bestätigen. Unter Zeitdruck beginnt das FBI zu ermitteln, jedoch auch hier wurde die IT angegriffen. Daher weicht das Team in ein Safehouse aus. Und Tom Anson weiß: Wenn er den Fall nicht binnen drei Tagen aufklären kann, wird er seinen Job verlieren.

In diesem raffiniert konstruierten Thriller zeigt der Autor, wie schwierig es selbst für Experten sein kann, zwischen Täuschung und Wahrheit zu unterscheiden. Durch immer neue Wendungen geraten ehemalige Mitarbeiter von Leonydoo in Verdacht, doch ist es möglich, dass auch ein Angestellter aus persönlichen Gründen Rache am Unternehmen üben will. Leider bleiben hier einige Handlungsfäden lose, obwohl die Lesenden durch den flüssigen und detailreichen Schreibstil mitten in das Geschehen gezogen werden und durchaus die Schwierigkeiten nach verfolgen können, mit denen die Agenten bei der Lösung der komplexen Fälle konfrontiert sind. Tatsächlich hält das Buch den Spannungsbogen durch wilde Verfolgungsjagden, weitere Mordanschläge und immer wieder genau beschriebene technische, hochkomplexe Abläufe bis zum Ende. Im Epilog findet sich nochmals ein völlig unerwarteter Twist, der das ganze Geschehen in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Darius Quinn hat seine Story in präziser, klarer und dem Thema entsprechend sehr sachlicher Sprache verfasst, die dazu beiträgt, dass man sich in die Ermittlungsarbeit des Teams um Special Agent Anson hineinversetzen kann. Zur guten Verständlichkeit tragen auch die oft sehr kurzen Kapitel bei. Leider hätte dem Buch ein präziseres Lektorat gut getan. Dennoch ist die Geschichte voll Dynamik, actionreich und rasant.

Besonders hervorzuheben ist, dass der Autor an das Ende des Buches ein Kapitel Fakt & Fiktion stellt, in dem er sowohl die Rechts- wie die Faktenlage zum Ende des Jahres 2024 darstellt. Dabei erläutert Darius Quinn auch, welche Gesetze erlassen werden müssten, um klar zu kennzeichnen, welche Inhalte mit KI generiert wurden. Und als Lesender kann man sich wohl nur der Hoffnung des Autors anschließen, dass die fiktive Geschichte seines Buches auch wirklich Fiktion bleiben möge. Ein wirklich lesenswerter Thriller mit erschreckenden Erkenntnissen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2025

Schicksalstage

Goldene Zeiten. Die Münchner Ärztinnen
0

Mit ihrem historischen Roman “Goldene Zeiten: Die Münchner Ärztinnen” hat die bekannte Autorin Ina Bach den zweiten Teil der Saga über drei Frauen vorgelegt, die alles daran setzen, an der Münchner Universität ...

Mit ihrem historischen Roman “Goldene Zeiten: Die Münchner Ärztinnen” hat die bekannte Autorin Ina Bach den zweiten Teil der Saga über drei Frauen vorgelegt, die alles daran setzen, an der Münchner Universität Medizin studieren zu dürfen. Schon das gelungene und stilvolle Cover zeigt, dass der Roman an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert ansetzt und rückt gleichzeitig die Frauen als Protagonistinnen eines in Wandlung begriffenen Frauenbildes in den Mittelpunkt.

Die einzelnen Kapitel sind mit genauen Orts- und Zeitangaben versehen und im Epilog legt die Autorin dar, was historische Fakten sind und was Fiktion ist.

Fünf Frauen, fünf Schicksale:
Die fünf Hauptfiguren des Buches haben einen sehr unterschiedlichen sozialen Hintergrund:
Lulu und Ida sind Töchter von renommierten Ärzten, doch nur die unkonventionelle Lulu möchte unbedingt Medizin studieren. Idas Wünsche entsprechen dem Ideal der Zeit, einen Ehemann zu finden und eine Familie zu gründen. Doch auch Ida hat ein Talent, denn sie ist modisch sehr begabt. Elsa, die als Wärterin im Kinderkrankenhaus arbeitet, ist Arzttochter, doch die Mutter weigert sich, ihren Wunsch nach einem Studium zu unterstützen. Elsa hat viel durchgemacht, denn sie sucht nach ihrer verschwundenen Tochter. Auch hat sie die Hoffnung auf ein Medizinstudium schon aufgegeben. Nicht so Fanny, die sich sogar als ihr Zwillingsbruder verkleidet, um zur Universität gehen zu können. Die fünfte Freundin, Änni, ist Schauspielerin mit zweifelhaftem Ruf, die sich aber noch als treue Helferin der anderen Frauen erweisen wird.

Schwierig gestaltet sich auch das Gefühls- und Liebesleben der Freundinnen, einerseits geprägt durch die moralischen Dogmen der damaligen Zeit, andererseits getrieben vom Wunsch nach freier Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Wünsche.
Lulu fährt begeistert Fahrrad, eine damals völlig neue Sportart, die auch Frauen ein bisschen Mobilität und Unabhängigkeit ermöglichte. Sie hat ihr Herz an einen der ersten Radprofis verloren. Fanny, die Geldprobleme hat, besucht immer wieder einen Galan, den ihr Änni, die selbst käuflich ist, zugeführt hat. Erst spät wird Fanny erkennen, woher das Geld stammt, das sie dort verdient, denn der Mann hat an ihrer Weiblichkeit kein Interesse. Elsa ist auf Grund furchtbarer Erfahrungen in ihrem Vorleben mit Bekanntschaften sehr vorsichtig. Nur zögerlich eröffnet sie ihren Freundinnen, wer wirklich der Vater ihrer kleinen Tochter Tilda ist.

Auch die wirtschaftlichen Gegebenheiten und sportlichen Ereignisse sind in die Geschichte eingebettet, wie beispielsweise die erste Tour de France oder die Anfänge des FC Bayern. Und wer möchte, kann sogar mit einem damals beliebten Getränk, dem Alabazam, anstoßen, denn das Rezept findet sich ebenfalls im Buch. So entsteht ein sehr klares Bild einer längst vergangenen Epoche und die Lesenden fühlen sich dadurch direkt in die Geschichte hineingezogen. Die sympathischen, hartnäckigen und klugen Frauenfiguren tun ihr Übriges, damit man Anteil an ihrem Schicksal nimmt und ihr Leben gespannt weiter verfolgt.

In ihrem Roman “Goldene Zeiten: Die Münchner Ärztinnen” hat Ina Bach ein historisch getreues Sitten- und Gesellschaftsbild der Zeit um das Jahr 1900 gezeichnet. Im Königreich Bayern waren Frauen nicht zur Immatrikulation zugelassen und die Freundinnen hatten einen harten Kampf mit vielen Rückschlägen auszufechten, um ihr Ziel zu erreichen. Authentisch wird die Rolle der Frau in der damaligen Zeit beschrieben, gekennzeichnet von männlicher Herablassung, Schikane und oft bitterster Armut, die die Frauen sogar in die Prostitution trieb.

Ich habe dieses mitreißend erzählte Buch mit Interesse gelesen, besonders gut gefallen hat mir die historische Authentizität, sowohl was die sozialen Verhältnisse als auch den damaligen Stand der medizinischen Wissenschaft betrifft. Angenehm fand ich auch, dass das Wissen nahtlos in die Geschichte eingewoben ist und nicht aufdringlich präsentiert wird. Den Epilog, die Quellenangaben und die historischen Fakten möchte ich hier besonders loben. Daher von mir eine absolute Leseempfehlung und verdiente fünf Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.02.2025

Wo ist denn jetzt die Leiche?

Letztes Glückskeks
0

In seinem nunmehr zwölften Altaussee-Krimi hat der bekannte Autor Herbert Dutzler den Gasperlmaier in eine etwas verzwickte Situation gebracht. Soll er sich als Postenkommandant von Altaussee nun auf die ...

In seinem nunmehr zwölften Altaussee-Krimi hat der bekannte Autor Herbert Dutzler den Gasperlmaier in eine etwas verzwickte Situation gebracht. Soll er sich als Postenkommandant von Altaussee nun auf die Seite der Demonstranten gegen den Massentourismus oder doch auf die Seite derjenigen stellen, die meinen, es wäre gut, wenn Altaussee in China nachgebaut wird.

Denn das soll eine chinesische Delegation herausfinden, die vom Tourismusdirektor- einem Deutschen- von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit und Handwerksbetrieb zu Trachtengeschäft geschleppt wird. Leider versteht nur ein Chinese mit bayrischer Mutter Deutsch, aber es gibt ja eine Dolmetscherin, die jedoch kaum zu übersetzen wagt, was die Männer sprechen, denn es sind vor allem obszöne Bemerkungen über Frauen. Ist das der Grund dafür, dass ein Chinese tot im Hotelpool treibt? Und dass dann auch noch seine Leiche einfach verschwindet?

In seinem neusten Buch hat Herbert Dutzler sich in gewohnt humorvoller Art wieder der Figuren angenommen, die die Fans von Gasperlmaier bereits aus den vorangegangenen Bänden kennen. Gasperlmaier selbst will in der Tourismusdebatte nicht Position beziehen, die Polizei ist für alle da, also bleibt er neutral. Nicht so seine Frau Christine und seine Tochter Kathi samt Ehefrau, die klar gegen den Ausverkauf des schönen Ausseerlandes sind, aber als freie Journalistinnen auch eine gute Story wittern. Denn es gibt eine weitere Leiche.

Also ist Gasperlmaier mit seinem Team bemüht, den Mord aufzuklären. Aber der leitenden Ermittlerin, Frau Dr. Kohlross, macht nicht nur der Fall Sorgen. Und Inspektorin Reitmair- Peschke findet, dass der Gasperlmaier sich ein bisschen zu viel um ihr Wohl sorgt. Neu stößt Gruppeninspektorin Emina Jovanovic zum Team, die nicht nur sehr sportlich ist, sondern es auch versteht, den Leuten Informationen zu entlocken, die diese lieber für sich behalten hätten. Doch Gasperlmaier ist ein guter Ermittler, auch wenn er auf Grund der Umstände des Falles schon die Frühpension erwägt. Denn geändert hat sich der Gasperlmaier nicht: Noch immer eher unentschlossen, in der Familie zurückhaltend, ist er mittlerweile begeisterter Opa, dem das Reisen genauso widerstrebt wie früher, der aber von seiner Frau Christine dazu nachdrücklich vergattert wird. Natürlich gelingt ihm auch die Aufklärung des Falles, doch diesmal hat die Geschichte ein sehr überraschendes Ende, das sicherlich zu Diskussionen in Leserkreisen Anlass geben wird.

In diesem in leichtem, gut lesbaren Stil mit witzigen Passagen und kleinen Sticheleien gegen andere Bundesländer und deutsche Autofahrer geschriebenen Buch werden durchaus ernste Probleme in die Geschichte eingewoben. Der Fluch des Massentourismus, der die Einheimischen nicht nur um ihre Ruhe bringt, sondern auch bewirkt, dass sie sich die Mieten oder Grundstücke in ihren Heimatorten nicht mehr leisten können. Ebenso zeigt sich, dass die Mitglieder des fernöstlichen Kulturkreises ganz andere Vorstellungen von Umweltschutz haben als die Einheimischen. Und natürlich dürfen auch Mauscheleien zwischen Baulöwen und Bürgermeistern, die an der Umwidmung von Grünland in Bauland verdienen, nicht fehlen.

Eindrücklich wird auf die schlechte Arbeitssituation im Tourismus eingegangen, daher täuscht die freundlich winkende Glückskatze auf dem gelungenen Cover ein wenig, jedoch nicht über diesen flott und spannend geschriebenen Krimi mit pointierten Dialogen und oft trockenem Humor, dessen kurzweiliger Erzählstil es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen. Auch wenn einige Fäden der Handlung lose bleiben und der Schluss der Geschichte ungewöhnlich und unerwartet ist, kann man als Gasperlmaier-Fan nur empfehlen: Lesen Sie dieses Buch und hoffen Sie mit mir, dass Gasperlmaier seine Idee vom Vorruhestand ganz schnell wieder aufgibt und wir uns auf weitere Altaussee-Krimis freuen dürfen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.01.2025

Was ist ein gelingendes Leben?

Halbe Leben
0


In ihrem Roman “Halbe Leben” hat die preisgekrönte Autorin Susanne Gregor ein subtiles, scharf beobachtetes und eindringliches Buch über drei Frauenschicksale vorgelegt. Das gelungene Cover, zwei Frauen ...


In ihrem Roman “Halbe Leben” hat die preisgekrönte Autorin Susanne Gregor ein subtiles, scharf beobachtetes und eindringliches Buch über drei Frauenschicksale vorgelegt. Das gelungene Cover, zwei Frauen bei einer Rast, täuscht über den unerwarteten Beginn des Romans, der das Ende vorweg nimmt. Denn Klara ist tot, abgestürzt bei einer leichten Wanderung. Bei ihr war nur Paulina, die slowakische Pflegerin ihrer Mutter. Ein Unfall? Bis zum Ende des Buches werden sich die Lesenden diese Frage stellen!

Im Rückblick beschreibt die Autorin drei Leben, drei Frauen, drei Mütter:

Klara, 38 Jahre alt, ist Architektin. Sie hat die Mutterrolle bei ihrer jetzt zehn Jahre alten Tochter Ada wie eine Eisenkette empfunden, als das Mädchen klein war. Gerne hat sie ihrer Mutter Irene die Erziehung der Tochter überlassen, findet nur in ihrer Arbeit Anerkennung und Respekt. Sie ist diejenige, die das Geld nach Hause bringt. Als ihre Mutter Irene einen Schlaganfall erleidet, ist Klara gezwungen, kürzer zu treten, völlig überfordert von ihren Pflichten, zerrieben zwischen den Ansprüchen ihres Chefs, ihres Mannes und der Uneinsichtigkeit ihrer Mutter, der nichts gut genug ist. Klara, die mit der Verantwortung nicht zurechtkommt, die ihrer Tochter entfremdet ist, hofft, durch die Pflegerin Paulina ihr Leben zurück zu bekommen.

Irene, Klaras Mutter, war eine selbständige Frau, die ihr Leben im Griff hatte. Sie hat Klara, die sie schon als Kind als anspruchsvoll empfand, alleine aufgezogen. Nunmehr durch den Schlaganfall verwirrt, weigert sie sich lange, Hilfe anzunehmen. Als sie bei Klara einzieht, gelingt es erst Paulina, Irenes Vertrauen zu gewinnen, nachdem der Versuch mit anderen Pflegekräften bereits gescheitert ist.

Paulina ist zwei Wochen im Monat bei Irene, in dieser Zeit lebt sie nicht ihr Leben, sondern das einer fremden Familie. Die sie braucht, die froh ist, dass Paulina sich um alles kümmert. Doch Paulina hat zwei Söhne in der Slowakei, die die Mutter erst schmerzlich vermissen, aber dann nichts mehr von ihr erwarten. Und Paulina erkennt: Die Zeit, die sie nicht da ist, kann sie nie wieder gut machen.

Alle drei Frauen stellen sich dieselbe Frage: Was ist ein gelingendes Leben? Und alle drei scheitern an dieser Herausforderung. Und die Männer?
Klaras Mann ist Fotograf, opportunistisch und unter dem Deckmantel der Freundlichkeit fordernd. Es wird sich schon jemand kümmern- um den neuen Hund, um ein zweites Kind, um Irene. Er sucht die Schönheit im Chaos, lässt Klara alle Probleme lösen, aber scheint sie in seiner Bequemlichkeit zu lieben.
Irenes Mann war nach der Trennung ausgewandert, kümmerte sich nicht mehr um die Tochter. Und Paulinas Mann hat sie verlassen, als sie ihre todkranke Mutter pflegte, die so lange nicht sterben wollte, bis Paulina vergisst, ihr die notwendigen Medikamente zu geben.

Hier wird keine Frage nach der Verantwortlichkeit der Männer, der Väter, gestellt, die sich ihr Leben auf Kosten der drei Frauen eingerichtet haben. Die Frauen, die immer ein schlechtes Gewissen haben, zerrieben zwischen wirtschaftlichen Anforderungen, familiären Pflichten und, zumindest bei Klara, dem Wunsch nach Selbstverwirklichung. Dadurch entsteht Übergriffigkeit, ein Gefallen bitte, Paulina, du kannst doch noch bleiben? Und Paulina, abhängig von dieser Arbeit, gibt nach, denn sie weiß: In ihrer Agentur, die sie als Pflegekraft vermittelt hat, ist sie kein Mensch, sondern ein Ordner.

Susanne Gregor konfrontiert in diesem Roman die Lesenden mit drei Frauenschicksalen, mit der bitteren Realität des Alltags. Jede der drei Frauen lebt mit Schuld, weil sie der ihnen zugedachten Rolle nicht gerecht werden, weil sie überfordert damit sind, Ernährerin, Mutter, Ehefrau und Tochter gleichzeitig zu sein, weil die Pflicht, nicht nur für Kinder, sondern auch für die alten Eltern zu sorgen eine Rollenumkehr erzwingt, die das Leben der Frauen an den Rand des Erträglichen bringt.

In dichter, sachlicher und nur selten wertender Erzählweise beschreibt Susanne Gregor die Schwierigkeiten, die Frauen in unserer Gesellschaft meistern müssen, die um so leichter zu meistern sind, wenn man Geld hat und sich Hilfe leisten kann. Die Situation der betroffenen Familien und der Pflegenden wird realistisch beschrieben, dieses Schwanken zwischen der Hoffnung, Verantwortung abgeben zu können, weil man dafür bezahlt und der Verzweiflung der Pflegenden, die eigene Familie im Stich zu lassen, wird glaubhaft und einfühlsam geschildert. Dieses Buch ist leicht lesbar, geschmeidig, jedes Wort hat seinen Platz und dennoch ist dieser Roman oft schmerzhaft, denn er ist so wahr. Und manchmal schwer erträglich, weil sich die Lesenden vielleicht fragen, ob sie hier in den Spiegel ihrer eigenen, persönlichen Situation blicken.

“Halbe Leben” ist ein psychologisch fein ausgearbeitetes, beeindruckendes und kluges Buch, das ich nur empfehlen kann und mit verdienten fünf Sternen bewerte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2025

Als die Freude in den Wald zurück kam

Als der Wald erwachte
0

Mit “Als der Wald erwachte” haben Martin Widmark und Emma Karinsdotter eine außergewöhnliche, warmherzige Geschichte geschrieben, die in kindgerechter Weise erzählt, wie wichtig es ist, Trauer anzunehmen, ...

Mit “Als der Wald erwachte” haben Martin Widmark und Emma Karinsdotter eine außergewöhnliche, warmherzige Geschichte geschrieben, die in kindgerechter Weise erzählt, wie wichtig es ist, Trauer anzunehmen, aber dennoch die Augen vor dem Leben nicht zu verschließen. Das bezaubernd gestaltete umlaufende Hardcover dieses hochwertig und liebevoll ausgestatteten Buches zeigt den Kindern die alte Eiche, die die Geschichte des Waldes, von seinen Bewohnern “Spinat” genannt, erzählt.

Im Wald lebt die kleine Spinatfrau, die alle Waldbewohner fürchten, denn sie ist immer zornig. In ihrem Herzen ist Winter und daher mag sie nichts, das lebt. Doch nicht nur sie, auch ein kleiner wütender und trauriger Junge stapft durch den Wald, ohne einen Blick für seine Schönheit zu haben. Doch die Spinatfrau sieht er schon und steckt sie in seine Jackentasche. Alle Waldbewohner sind zuerst froh, die Spinatfrau ist weg. Aber fehlt sie nicht trotzdem? Als die Eiche ihre Geschichte erzählt, wird klar: Auch die kleine Spinatfrau gehört zum Wald.

In diesem wunderbaren Bilderbuch für vier- bis achtjährige Kinder werden Themen behandelt, die sonst vielleicht nicht angesprochen werden. Doch genau wie der kleinen Spinatfrau mag es Kindern gelingen, mit Trauer und Einsamkeit umzugehen und darüber zu sprechen. ”Als der Wald erwachte” ist ein außergewöhnliches Buch, sehr gut lesbar, oft fast poetisch, in dem die alte Eiche Geborgenheit und Mitgefühl vermittelt. Die märchenhaften Illustrationen von Emilia Dziubak, die bei einer Doppelseite jeweils eine volle Seite einnehmen, erhalten die Aufmerksamkeit der kleinen (Mit)Lesenden und helfen, in die Geschichte einzutauchen.

”Als der Wald erwachte” ist eine berührende Geschichte, die dazu anregt, mit gelebter Trauer abzuschließen und das Leben zu feiern. Es ist eine Geschichte über Sehnsucht und Verlust, aber auch über den Wert der Freundschaft, über das Wissen darum, geliebt und gebraucht zu werden. Und es ist eine Geschichte, die Trost bringen kann und dazu ermutigt, die schönen Seiten des Lebens und der Natur zu sehen. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene werden sich von dieser klugen Erzählung angesprochen fühlen und dieses Buch sicher öfter zur Hand nehmen, daher eine absolute Empfehlung von mir und verdiente fünf Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere