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Veröffentlicht am 17.04.2017

Ungewöhnliche Liebesgeschichte mit mutiger Protagonistin

Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden
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Der Titel des Buchs „Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden“ von Emily Barr ist für die 17-jährige Protagonistin Flora Banks Programm, denn in ihrem 10. Lebensjahr hat eine anterograde Amnesie, ...

Der Titel des Buchs „Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden“ von Emily Barr ist für die 17-jährige Protagonistin Flora Banks Programm, denn in ihrem 10. Lebensjahr hat eine anterograde Amnesie, die durch ein Ereignis eingetreten ist bei dem ihr Gehirn so geschädigt wurde, dass sie alltägliche Dinge spätestens beim Aufwachen wieder vergessen hat. Manches kann sie sich sogar nur für Stunden merken. Wer das wunderschön gestaltete Cover mit seinen Ranken und der glänzenden erhabenen Schrift anschaut, wundert sich über einen Elch in der Mitte links und ein Flugzeug auf der rechten Seite. Sie stehen symbolisch für das Abenteuer, das Flora in diesem YA-Roman erlebt und dabei über sich selbst hinauswächst.

Alles, was sich vor der Amnesie ereignet hat, vergisst Flora nicht. Für die Sachen, die sie im täglichen Leben wissen muss, beschreibt sie ihre Arme und Hände, Zettel und Notizbücher, manchmal macht sie ein Foto mit ihrem Handy. Sie hat es wirklich nicht einfach; so zu leben wünscht man sich nicht. Doch dann hat sie nach einer Party ein neues, nie dagewesenes Erlebnis. Sie wird von dem 19-jährigen Drake in einer romantischen Situation geküsst. Und es passiert für sie das Unmögliche: sie kann sich am nächsten Tag daran erinnern! Auch an das Gespräch mit ihm. Doch Drake hat sich gerade von ihrer besten Freundin getrennt und wird zukünftig auf Spitzbergen/Norwegen studieren. Als ihr in Paris lebender Bruder dringend die Hilfe ihrer Eltern benötigt und sie allein zu Hause bleibt, sieht sie endlich die Chance aus dem ihr von ihren Eltern gesetzten Rahmen auszubrechen und alleine zu entscheiden, was sie tun und lassen möchte. Der Kuss lässt sie nicht ruhen und sie beschließt, Drake zu suchen.

Die 17-jährige Flora verharrt wissensmäßig auf dem Stand einer 10-Jährigen. Jede neue Erkenntnis, jede neue Erfahrung ist bereits nach wenigen Stunden nicht mehr abrufbar. Sie legt sich ihre Notizen sichtbar hin, um daran erinnert zu werden, dass es diese gibt. Eigentlich müsste sie stundenlang darüber nachlesen, was sie in den letzten Jahren gelernt und erlebt hat. Das geht natürlich nicht und so beschränkt sie sich auf das Wesentliche. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. So konnte ich durch die etlichen Wiederholungen, die Flora jeden Tag durchliest, um sich ihr Wissen mühsam erneut zu erarbeiten ein wenig davon ahnen, wie schrecklich es für sie jedes Mal sein muss, ihr Umfeld neu kennen zu lernen. Und dennoch konnte ich es kaum nachzuvollziehen, denn an das, was mich bereits anfing zu langweilen, konnte Flora sich ja jedes Mal nicht erinnern.

Flora kleidet sich meistens wie ein Kind und äußert sich entsprechend, ihr Tun wirkt auf andere häufig befremdlich. Sie selbst ist sich dessen bewusst und nichts liegt ihr mehr am Herzen als so zu sein wie Gleichaltrige. Im Buch wird ihre Pubertät nicht thematisiert, doch ihre Reize bleiben nicht verborgen und es prickelt und kribbelt in ihr als sie mit Drake allein ist. Von Drake geht für sie keine Gefahr aus, denn sie hat festgestellt, dass er sie schon eine Weile kennen muss. Weil sie sich am nächsten Tag auch an das Gespräch mit ihm erinnert sieht sie die Möglichkeit, dass sie sich an noch mehr erinnern wird und ihr Leben sich demzufolge ändert. Diese Chance ist es ihr Wert, ihn zu suchen um die Beziehung fortzusetzen, weil sie ihn für ihren Glückritter hält.

Die Autorin stellt die Liebesromanze zwischen Flora und Drake bei ihrer Erzählung in den Vordergrund. Dahinter zurück tritt das Verhältnis von Flora zu ihren Eltern, die bewusst das Verhalten ihrer Tochter in den vergangenen Jahren nach eigenem Willen geleitet haben. Für mich war es schwierig, trotz der Probleme der Mutter, dafür Verständnis aufzubringen. Flora hätte sicher durch weiteren Zugang zu sozialen Medien mehr Möglichkeiten gehabt, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. Zum Glück hat sie ihre Freundin Paige, die sie seit dem Kindergarten kennt. Aber auch in diese Freundschaft mischt sich ein Erwachsener ein. Floras ganz großer Rückhalt ist ihr Bruder, erst zum Ende des Buchs begreift sie und damit auch ich als Leser welche große Rolle er seit der Erkrankung für sie gespielt hat.

„Sei mutig“ liest Flora jeden Tag eintätowiert auf ihrer Hand. Wie wichtig der Mut für sie ist, um eingefahrene Gleise zu durchbrechen und Grenzen zu überschreiten liest man in dieser Geschichte. Emily Barr erzählt sehr emotional und neben der Faszination für die Kraft, die Flora aufbringt um mit ihrer Einschränkung zu leben, war ich gespannt darauf, ob es ihr gelingen wird, Drake in Spitzbergen zu finden und ob er sie wirklich liebt. Das Ende konnte manche meiner offenen Frage beantworten und ließ mich erneut staunen, was alles in Flora steckt.

„Jeder Tag kann der Schönste n deinem Leben werden“ ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer beherzten Protagonistin, die mir sympathisch wurde. Der Autorin ist es gelungen, einige Charaktere so zu zeichnen, dass man bis zum Schluss nicht weiß, ob sie es gut mit Flora meinen oder nicht. Ich habe Flora gerne auf ihrer Reise begleitet, die für mich gefühlsmäßig ein Abenteuer war. Gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 13.04.2017

Ungewöhnliche Geschichte und einzigartige Charaktere

Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk
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Im Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ lässt Andreas Stichmann in Hamburg-Osdorf frischen Wind und neue Ideen in die beschauliche und seit Jahren existierende Wohnsiedlung Sonnenhof durch ...

Im Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ lässt Andreas Stichmann in Hamburg-Osdorf frischen Wind und neue Ideen in die beschauliche und seit Jahren existierende Wohnsiedlung Sonnenhof durch zwei Charaktere einkehren. Früher als alternatives Wohnprojekt gegründet dient sie heute dem betreuten Wohnen unter der Leitung von Ramafelene Meisner, dem Sohn der Gründerin und passenderweise so wie sie von Beruf Sozialarbeiter. Einerseits erscheint dort die 17-jährige Bianca, genannt Bibi, vom Äußeren her schon durch ihre blauen Haare auffallend. Sie soll dort ihre Sozialstunden ableisten und sinnt dabei über einen Ausweg der ihr drohenden Unterbringung in einem Heim nach. Andererseits hat sich David van Geelen, Miterbe eines Unternehmens und Focusing-Trainer den Sonnenhof und seine Bewohner bewusst dazu ausgesucht mit ihm gemeinsam vom Projekt der Entführung eines Millionärs zu profitieren. Er möchte die Welt verändern, ist sich aber bewusst, dass er das nicht alleine schafft.

David setzt auf das Schwarmverhalten so wie bei Fischen. In Bezug darauf bezeichnet er sich selbst als Seapunk, also als jemand der wie alles vom Meer beeinflusst wird. Entsprechend ist das Cover in aquablau gestaltet mit dem Bildelement eines Wals. Die im Buch enthaltenen bunten Seapunk-Collagen zeigen Beispiele für die gleichnamige Stilrichtung. Das sieht gut aus, hat aber auf den Handlungsablauf keine Einwirkung.

Jeder Charakter dieses Romans scheint auf der Suche zu sein. Ramafelene sucht nach neuen Konzepten, um mehr Geld zur Erhaltung und Renovierung der Wohnanlage einzunehmen. Seine Mutter sucht nach einer Möglichkeit selbstbestimmt im Alter zu leben, der Bewohner Küwi sucht mittels Detektor nach realen Schätzen, Bibi sucht nach einer dauerhaften Bleibe und David van Geelen nach Mitstreitern für seine Idee.

So kurios und komisch wie das Aufeinandertreffen dieser Figuren auch sein mag, so nachdenklich stimmen die Sorgen der Personen, die hier versammelt sind. Der Autor bildet dadurch einige Themen unserer Gesellschaft ab. Bibi steht als Vertreterin der Jugendlichen, die eine dunkle Zukunftsperspektive für sich sehen und aus Langeweile unüberlegt und eher beiläufig straffällig werden. Ingrid, auch dunkle Inge genannt, hat viel erreicht in ihrem Leben und vertritt die ältere Generation die umsorgt altern möchten. Ihrem Sohn ist es noch nicht gelungen eine Lebensgefährtin zu finden. Seine große Zuneigung zu Bibi ist nicht zu übersehen, aber der Altersunterschied ist groß. Die behinderten Bewohner möchten entsprechend ihrer Fähigkeiten aktiv am Alltag beteiligt werden und nicht nur nutzlos beschäftigt sein. Die Idee von David übersteigt schließlich alles. Erscheint sie auf den ersten Blick als wahnwitzig aber genial, so ist sie auf den zweiten zu hinterfragen.

David wurde durch das Verhalten seiner Eltern ihm gegenüber geprägt. Das was er heute ist, hat er zum größten Teil seiner Umwelt zu verdanken. Seine Idee spricht für ihn, doch die Umsetzung richtet er gegen die Schatten seiner Vergangenheit. Über die Konsequenzen hat er sich wenig Gedanken gemacht. An dieser Stelle treibt denn auch der Ernst der Sache an die Oberfläche.

Andreas Stichmann schreibt schlicht und auf wesentliche Details beschränkt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven. „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist ein Abenteuer, das auf den Prüfstand zu stellen ist. Der Autor brachte mich dazu, darüber zu rätseln wie weit man gehen muss um, eine gewachsene Gemeinschaft aufzubrechen und die Zugehörigen zu instrumentalisieren. Wenn auch das Verbrechen am Beginn einer Weltveränderung bei mir ein Störgefühl hervorrief, so war das Lesen doch verbunden mit Einzigartigkeit der Charaktere und einer ungewöhnlichen Geschichte. Das Ende war vielversprechend, ließ aber Raum zum Weiterdenken. Kein Buch für jedermann, eher für Denker die Situationskomik mögen.

Veröffentlicht am 07.04.2017

Ist Liebe auch im Alter möglich?

Und jetzt lass uns tanzen
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Marguerite, 78 Jahre alt, und Marcel, 73 Jahre alt, begegnen sich bei einem Kuraufenthalt im Süden Frankreichs zum ersten Mal. Beide haben vor geraumer Zeit ihren Ehepartner verloren. Sie sind die Protagonisten ...

Marguerite, 78 Jahre alt, und Marcel, 73 Jahre alt, begegnen sich bei einem Kuraufenthalt im Süden Frankreichs zum ersten Mal. Beide haben vor geraumer Zeit ihren Ehepartner verloren. Sie sind die Protagonisten des Buchs „Und jetzt lass uns tanzen“ der Belgierin Karine Lambert. Nicht nur die zunehmenden großen und kleinen Zipperlein sondern auch die Leere in ihren Wohnungen gestalten ihr Leben wie einen Tanz auf dem Drahtseil. Die Figuren auf dem Cover des Romans nehmen den Leser auf direktem Weg mit hinein in die Geschichte. Für Marguerite und Marcel wird die gemeinsame Zeit zu einem Balanceakt auf schmalem Grat zwischen dem Bekenntnis zueinander und der Sorge ihrer Kinder über das entstandene Verhältnis.

Marguerite war mit ihrem Mann Henri über 50 Jahre verheiratet. Henri war einige Jahre älter als sie und ein angesehener Notar. Er ist unerwartet verstorben. Nach einem großen Schicksalsschlag in der Familie hat sie als junge Frau bei Henri Sicherheit, Beständigkeit und in gewissem Maße auch Wohlstand im Leben gefunden. Seine Entscheidungen hat sie nie in Frage gestellt. Ganz nach seinen Vorstellungen war sie das Schmuckstück an seiner Seite. Eigene Wünsche hat sie den seinen routinemäßig untergeordnet. Das Glück wurde von einem gemeinsamen Sohn ergänzt, der in die Fußstapfen des Vaters getreten ist.

Ganz anders ist das bisherige Leben von Marcel verlaufen. Der frühere Tierpfleger ist gebürtig aus Algerien und als Jugendlicher mit seinen Eltern während des Unabhängigkeitskampfs nach Frankreich geflüchtet. Begleitet wurden sie von der Nachbarsfamilie, die es aber eines Tages wieder in die Heimat zog. Doch sieben Jahre später kehrt Nora, die Tochter der Nachbar zu ihm zurück. Hier zeigt sich die Geschichte einer Flucht und Möglichkeiten eines Neuanfangs, wie sie heute nicht aktueller sein könnten. Marcel und Nora sind ebenfalls fast 50 Jahre verheiratet als Nora tragisch verstirbt. Marcels Tochter sorgt sich um ihren Vater und schenkt ihm eine Reise, auf der er Marguerite kennen lernen wird.

Marguerite und Marcel sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere. Wären sie noch jung, würde wahrscheinlich auch der Altersunterschied deutlich sichtbarer sein. Außerdem kommen sie aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Marguerite wohnt im großzügigen Einfamilienhaus, Marcel lebt in einer Wohnung im 2. Stock eines Mietshauses. Aber sie haben auch eine große Gemeinsamkeit: Beide bringen Erfahrungen aus langen Ehejahren mit. An schöne Dinge erinnern sie sich gerne und wünschen sich, diese mit jemandem wieder erleben zu können. Andere Situationen möchten sie lieber vergessen und nie mehr daran denken. Nach ihrer ersten Begegnung brauchen beide eine gewisse Zeit um zu begreifen, welche Erfahrung sie da gerade gemacht haben. Marguerite ist gemeinsame Lachen aufgefallen, dass sie befreiend fand und Marcel war von ihrer Offenheit sehr angetan. Jeder verarbeitet das kurze Aufeinandertreffen auf seine Art und Weise mit allem Für und Wider einer weiteren Kontaktaufnahme. Doch eine Variable haben sie bei ihren weiteren Aktivitäten nicht berücksichtigt und das ist ihr Nachwuchs. Vor allem der Sohn von Marguerite, dem das Verhalten seines Vaters zu seiner Mutter ein Vorbild zu sein scheint, ist gegen eine neue Beziehung seiner Mutter zu einem Mann.

Karine Lambert schreibt in einem leicht lesbaren, einnehmenden, warmherzigen Schreibstil. Man kann gar nicht anders als die beiden Protagonisten zu mögen. Marguerite und Marcel zeigten mir als Leser, dass man auch mit fortgeschrittenem Alter noch viel Neues entdecken und erleben kann und das diese Erfahrungen gemeinsam noch mehr Freude machen können. Die Autorin schneidet in ihrer Geschichte auch das Thema der körperlichen Anziehungskraft zueinander an. Sie verschweigt nicht den Schmerz der Trauer um den Verlust des geliebten Menschen, der niemals ganz vergehen wird. Gleichzeitig zeigt sie einen Weg auf, damit umzugehen und auch die Trauer des neuen Partners zu respektieren, sowie sich gegenseitig zu stützen. Auch das Problem, seine Liebe erneut zu verlieren, wird von ihr thematisiert. In ihrer realistischen Darstellung der Beziehung gibt es nicht nur Verständnis füreinander, sondern auch Auseinandersetzungen.

Das Buch ist eine Liebesgeschichte der ganz besonderen Art, die zeigt, dass Liebe in jedem Alter möglich ist. Sie ist einfühlsam geschrieben und entbehrt nicht einer gewissen Heiterkeit, die mich immer wieder zum Schmunzeln brachte, wenn Marguerite und Marcel ihre Wünsche wahr werden ließen. Gerne empfehle ich diesen Roman weiter.

Veröffentlicht am 31.03.2017

Gelungener Debütroman

Fast eine Familie
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Ihr Hochzeitstag sollte einer der schönsten Tage des Lebens für Lolly und Will werden. Doch dann gegen sechs Uhr in der Früh explodiert das Haus in dem kleinen Ort Wells an der Ostküste der USA in dem ...

Ihr Hochzeitstag sollte einer der schönsten Tage des Lebens für Lolly und Will werden. Doch dann gegen sechs Uhr in der Früh explodiert das Haus in dem kleinen Ort Wells an der Ostküste der USA in dem sie schlafen und reißt sie in den Tod. Mit diesem fulminanten Anfang beginnt der Roman „Fast eine Familie“, dem Debüt des US-Amerikaners Bill Clegg. Fassungslos zurück bleibt June, die Mutter der Braut, die nicht im Haus war. Außer dem jungen Paar verliert sie ihren Ex-Mann und ihren Lebensgefährten bei dem Unglück. June lässt das Geschehen immer wieder Revue passieren. Die innere Leere lähmt sie, diese Tiefe des Abgrunds der Einsamkeit der sich vor ihr auftut konnte ich nachempfinden. Deutete das Cover noch eher auf eine beschauliche Geschichte hin, bereitete der Klappentext mich bereits auf das entsetzliche Ereignis vor und die sichtbaren dunklen Wolken am Himmel auf dem Titelbild deuten das Unheil an.

Mit dem Brand des Wohnhauses endet für zwei junge Leute eine gemeinsame Zukunft als Familie, die noch gar nicht begonnen hat. Anstelle des Brautpaars stehen im Mittelpunkt der Erzählung diejenigen, die durch das Unglück wohl am meisten Leid erfahren, die Mütter. Einerseits ist es June, andererseits Lydia, die Mutter von Junes Lebensgefährten Luke. Der Autor erzählt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven mal als auktorialer Erzähler wie bei June und Lydia, mal lässt er die Figur selbst zu Wort kommen. Es sind die Personen, die June und Lydia und deren Kinder sowie Will gekannt haben, die jeweils mit ihrer Geschichte einen weiteren Puzzlestein dazu liefern, das Geschehen vor und nach der Tragödie zu einem Großen und Ganzen zu ergänzen.

Von Beginn an fragte ich mich, was der Auslöser für die Explosion war. Im Laufe des Lesens trat die Frage immer mehr in den Hintergrund, die Erzählung wendete sich mehr der Beziehung zwischen June und Luke zu. Luke schien Zeit seines Lebens durch seine Herkunft, sein Äußeres und seinen gutwilligen Gemüt dazu prädestiniert, der Schuldige zu sein. Auch nach dem Brand wird er ohne weitere Gründe von den Bewohnern der Ortschaft zum Täter erklärt.

Auf eindrucksvoll empfindsame Weise zeichnet der Autor ganz nebenbei das Miteinander in einer Kleinstadt an der Ostküste, das verbunden ist mit seinen Bewohnern von denen sich in der Regel die meisten einander kennen. Doch gerade in Wells hat sich in den letzten Jahrzenten die Bevölkerungsstruktur geändert und ein großer Teil der Häuser wird von Touristen und Besitzern nur noch am Wochenende bewohnt. Dadurch ist die Zahl der Bediensteten gestiegen, die besserverdienenden Hauseigentümer bevorzugen das Leben in der Großstadt. Ein Überschreiten der Grenze zwischen Eigentümer und Angestelltem wie bei Luke und June wird kritisch gesehen.

June wendet dem Dorf verständnislos den Rücken und fährt mit ihrem Auto bis an die Westküste zu einem Motel. Dort findet sie zunächst den benötigten Abstand, aber auch eine ungewöhnliche Form der Hilfe, die mir während des Lesens die Hoffnung darauf gab, dass June aus ihrer Starre herausfinden und es für sie einen Neuanfang geben wird. Gegenüber dem Dorfgefüge steht das Motel direkt am Meer der Westküste als Kleinkosmos mit seiner beschränkten, aber ständig wechselnden Zahl an Gästen. Hier scheinen Wünsche in Erfüllung zu gehen, alles ist möglich, dazu gehört aber auch Enttäuschung. Allein durch ihren anhaltenden Aufenthalt gewinnt June Aufmerksamkeit in dieser Umgebung.

Bill Clegg erzählt in keiner zeitlichen Reihenfolge. Seine Figuren schildern jeweils ihren Teil der Geschichte, der meistens nicht direkt mit dem Unglück zusammenhängt. Jeder hat schon Bedeutsames erlebt und so wird aus fast jedem Kapitel eine Short Story. Dabei bin ich vielen interessanten Charakteren begegnet, erfuhr wie sie die Liebe ihres Lebens kennengelernt und ihren Platz im Leben gefunden haben.

Der Autor gibt die Hoffnung mit, dass es sie gibt, die aufmerksamen Menschen auf die man zu ungeahnter Zeit an unvermutetem Ort trifft und die uneigennützig beherzt dort helfen wo sie Handlungsbedarf sehen. „Fast eine Familie“ ist ein Buch mit großen Emotionen, sehr einfühlsam geschrieben und ergreifend. Ein gelungener Debütroman dem ich gerne eine Leseempfehlung gebe.

Veröffentlicht am 29.03.2017

Eine Geschichte zwischen Realität und Fiktion

Der Club
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„Der Club“ ist der Debütroman von Takis Würger. Mit dem Titel ist ein elitärer Club für männliche Studenten der Universität in Cambridge gemeint. Die Ausstattung des Romans im Leinengewand in clubähnlichen ...

„Der Club“ ist der Debütroman von Takis Würger. Mit dem Titel ist ein elitärer Club für männliche Studenten der Universität in Cambridge gemeint. Die Ausstattung des Romans im Leinengewand in clubähnlichen Farben vermittelt dem Leser ein entsprechend auserlesenes Gefühl. Bei seiner Geburt in Niedersachsen ahnt noch niemand, dass Hans, der Protagonist des Buches, einmal zu diesem angesehenen Club gehören wird.

Hans ist ein ruhiges Kind, das möglichst jeden Trubel meidet und hervorragend beobachten kann. Nach einem Zwischenfall in der Schule meldet sein Vater ihn zum Boxtraining an. Er fährt ihn zu jeder Veranstaltung und verstirbt auf der Fahrt zu einem Turnier als Hans 15 Jahre alt ist. Wenige Monate später verliert er auch seine Mutter. Nachdem er bis zum Abitur in einem Internat gelebt hat, besorgt ihm seine in England wohnende und in Cambridge dozierende Tante ein Stipendium und einen Studienplatz an eben dieser Universität, allerdings mit der Bedingung, dass Hans ihr helfen soll ein Verbrechen aufzuklären. Nach einiger Überlegung ist er dazu bereit, obwohl er die Art der begangenen Straftat nicht kennt. Mit Hilfe von Charlotte, einer Doktorandin seiner Tante, wird er Mitglied im Pitt Club, dem nur Auserwählte beitreten dürfen. Was Hans dort sieht und erlebt entspricht nicht seinen Wertvorstellungen und immer wieder stellt er sich die Frage, ob der Weg richtig ist den er eingeschlagen hat.

Die Mutter von Hans ist bereits vor der Schwangerschaft mit ihm an Krebs erkrankt. Vielleicht ist es diese Tatsache die ihm jede Menge Respekt vor dem Leben und dem Leiden eines Menschen mit auf seinen Weg gibt. Er hat eine stoische Art sein Schicksal zu akzeptieren, doch weil seine englische Tante ihm nicht anbietet, ihn aufzunehmen, bleibt ihm kaum eine andere Wahlmöglichkeit außer dem Internat. Zum Glück findet er hier Gelegenheit zum Boxen, denn dieser Sport verhilft ihm nicht nur zu Kraft sondern sorgt auch dafür, dass er seine Gedanken konzentrieren und seine Gefühle kanalisieren kann. Takis Würger schreibt hierbei aus eigener Erfahrung und seine Begeisterung für den Sport ist im Geschriebenen erkennbar.

Doch in Hans spiegelt sich der Autor selbst nicht wieder. Ganz bewusst ist sein Protagonist im Vergleich eher klein, der Autor aber genau das Gegenteil. Nach den Ereignissen, die Takis Würger selbst als Mitglied im Pitt Club erlebte, kann ich verstehen, dass Hans nicht sein Alter-Ego sein soll. Unscheinbar soll Hans sein und dadurch ein bedeutungsloses Mitglied, wenn er denn unbedingt seiner Tante den Gefallen zu erfüllen hat. Erschreckend sind die eigenen Erfahrungen des Autors im Club, die er in die Handlungen seiner fiktiven Figuren einfließen lässt, doch sie stachelten meine Neugier an, darüber zu lesen und herauszufinden um welches Verbrechen es sich handelt, dass der Protagonist aufklären soll.

Für Hans ist die Zeit in Cambridge wichtig, um zu erkennen, wie weit er gehen kann, um ein Ziel zu erreichen. Takis Würger spielt mit unterschiedlichen Erzählperspektiven in seinem Roman, eine davon ist natürlich Hans, der seine Erlebnisse in der Ich-Form schildert. Auf diese Weise ist es auch möglich an seiner Gewissensbildung durch innere Auseinandersetzungen teilzuhaben.

„Der Club“ ist tiefgründig, geistreich und spannend geschrieben ohne zu moralisieren, obwohl er durchaus ein Plädoyer für ein faires Miteinander der Geschlechter und Gesellschaftsschichten ist. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.