Durch die Zeiten, durch die Herzen
Das Ministerium der ZeitDas Ministerium der Zeit“ von Kaliane Bradley hat mich überrascht, berührt und oft auch zum Lachen gebracht. Die Ausgangsidee klingt wie aus einem Paralleluniversum: Ein geheimnisvolles Ministerium schleust ...
Das Ministerium der Zeit“ von Kaliane Bradley hat mich überrascht, berührt und oft auch zum Lachen gebracht. Die Ausgangsidee klingt wie aus einem Paralleluniversum: Ein geheimnisvolles Ministerium schleust Zeitreisende – darunter einen im 19. Jahrhundert verschollenen Polarforscher – ins London der Gegenwart. Die namenlose Erzählerin, selbst Tochter einer kambodschanischen Einwanderin, bekommt den Auftrag, ihn behutsam in die Moderne einzuführen.
Was wie eine klassische Science-Fiction beginnt, entfaltet sich schnell als kluge Mischung aus schräger Komödie, tragischer Liebesgeschichte und nachdenklichem Gesellschaftsroman. Besonders sympathisch: Die amüsanten Dialoge zwischen Graham Gore, der an der modernen Welt zu verzweifeln scheint, und der Erzählerin, die ihr eigenes Fremdsein neu reflektiert. Die Szene, in der Gore fassungslos vor der Toilettenspülung sitzt, werde ich nie vergessen! Gleichzeitig gelingt es der Autorin, ernste Fragen nach Identität, Heimat und der Macht der Zeit über uns Menschen zu stellen.
Natürlich ist der Roman auch bittersüß und melancholisch, wenn sich Vergangenheit und Gegenwart schmerzhaft ineinander verstricken und selbst die Liebesgeschichte von einer drohenden Tragik nicht verschont bleibt. Auch wenn das Ende vielleicht einen Tick überhastet wirkt, bleibt das Buch für mich eine einfühlsame, eigenwillige Zeitreise zu dem, was das Leben im 21. Jahrhundert so schön, so traurig und so komisch macht. Wer an ungewöhnlichen Geschichten, klugen Dialogen und anrührender Melancholie Freude hat, wird dieses Buch lieben.