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Veröffentlicht am 09.05.2026

Warum ich Tote Mädchen lügen nicht erst jetzt gelesen habe

Tote Mädchen lügen nicht
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Es gibt Bücher, die man liest und danach weiß, warum sie existieren. Tote Mädchen lügen nicht ist eines davon, auch wenn es mich nicht vollständig überzeugt hat.

Die Prämisse ist ungewöhnlich und klug: ...

Es gibt Bücher, die man liest und danach weiß, warum sie existieren. Tote Mädchen lügen nicht ist eines davon, auch wenn es mich nicht vollständig überzeugt hat.

Die Prämisse ist ungewöhnlich und klug: Clay Jensen findet nach dem Tod seiner Mitschülerin Hannah Baker dreizehn Kassetten, auf denen sie erklärt, was zu ihrer Entscheidung geführt hat. Wir lesen, während Clay in einer Nacht durch seine Stadt wandert, zuhört und versteht. Diese Doppelstruktur, Hannahs Vergangenheit und Clays Gegenwart, erzeugt eine Spannung, die das Buch kaum ruhen lässt.

Was mich als Leserin beschäftigt hat: Ich wollte Hannah kennenlernen, wirklich kennenlernen, und ich hatte das Gefühl, dass die Kassetten mir immer nur Ausschnitte geben. Das mag beabsichtigt sein, weil Erinnerung nie vollständig ist, aber es hat dazu geführt, dass ich mit ihr mitgefühlt habe, ohne sie zu verstehen. Das ist ein Unterschied, der für mich als Leserin merkbar war.

Die Stärke des Buches liegt im Mut zur Geschichte selbst. Jay Asher stellt ein Thema ins Zentrum, das damals im Jugendbuch kaum sichtbar war, und er tut es ohne Schönfärberei. Die Kassettenstruktur verleiht Hannah eine Stimme über den Tod hinaus, und das hat eine stille Wucht, die ich nicht wegdiskutieren will.

Meine Kritik gilt vor allem der handwerklichen Ausführung: Die Figuren um Hannah herum bleiben oft schematisch. Sie repräsentieren Verhaltensweisen, Mobbing, Gleichgültigkeit, übergriffige Nähe, aber sie werden selten zu Menschen, die ich verstehe. Das macht es schwerer, die Dynamiken zu durchdringen, die das Buch eigentlich beschreiben möchte.

3,5 Sterne. Für alle, die sich für Jugendbücher interessieren, die ernste Themen nicht ausweichen, ist das eine Lektüre, die sich lohnt. Wer darüber hinaus handwerklich ausgereifte Charakterarbeit sucht, könnte am Ende etwas unbefriedigt zurückbleiben.

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Veröffentlicht am 09.05.2026

Eine Welt, die sich anfühlt wie ein Gedicht

Der Nachtzirkus
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Der Hype um dieses Buch ist so laut, dass die Erwartungen kaum zu erfüllen sind. Aber Erin Morgenstern hat mich eines Besseren belehrt.

Die Geschichte beginnt in zwei Strängen: Celia, die Tochter eines ...

Der Hype um dieses Buch ist so laut, dass die Erwartungen kaum zu erfüllen sind. Aber Erin Morgenstern hat mich eines Besseren belehrt.

Die Geschichte beginnt in zwei Strängen: Celia, die Tochter eines berühmten Illusionisten, und Marco, der Schüler eines geheimnisvollen Mannes namens Alexander, werden als Kinder zu Figuren in einem Wettstreit bestimmt, dessen Regeln keiner von beiden vollständig kennt. Der Austragungsort dieses Duells ist Le Cirque des Rêves, ein nur nachts geöffneter Zirkus ohne Ankündigung und mit Auftritten, die niemand vergisst, der ihn einmal besucht hat.

Was mich als Leserin sofort gepackt hat, ist diese vollständige sensorische Immersion. Morgenstern schreibt so, dass man schwarze und weiße Zelte riecht, Karamell auf der Zunge spürt und das Licht der Feuerkünstler sieht. Das ist keine Übertreibung, das ist literarische Handarbeit. Die Liebesgeschichte zwischen Celia und Marco entwickelt sich langsam und mit einer Art schmerzlicher Unvermeidlichkeit, die ich so selten in Romanzen finde. Keine überstürzten Gefühle, keine aufgesetzten Konflikte, nur zwei Menschen, die sich in einer unmöglichen Situation finden und trotzdem zueinander gravitieren.

Die Charakterentwicklung hat mich positiv überrascht. Beide Hauptfiguren wachsen erkennbar und ihre Entscheidungen im letzten Drittel sind aus ihrer jeweiligen inneren Logik absolut nachvollziehbar. Auch Nebenfiguren wie Poppet und Widget oder der Uhrmacher Friedrick Thiessen sind mit Bedacht angelegt und nicht nur Staffage.

Ehrlich gesagt hat das Buch im Mittelteil einige Passagen, die ich als etwas zäh empfunden habe. Die episodische Struktur, die für die Zirkusbeschreibungen so wunderbar funktioniert, bremst an einigen Stellen den eigentlichen Handlungsstrang. Das ist kein gravierendes Problem, aber wer auf konstant hohes Tempo steht, sollte darauf vorbereitet sein.

Mein Fazit: 4,5 von 5 Sternen, und das sehr gerne. Der Nachtzirkus ist ein Buch für alle, die bereit sind, sich Zeit zu lassen und in eine Geschichte einzutauchen wie in einen langen Wintertraum. Wer schnelle Plots und viele Wendungen bevorzugt, könnte fremdeln. Alle anderen: unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 05.05.2026

Iced Coffee, Kleinstadt und das leise Unbehagen danach

The Iced Caramel Coffee Agreement
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The Iced Caramel Coffee Agreement ist der zweite Band der Lower Whilby-Reihe von Kyra Groh, und ich bin mit echten Erwartungen herangegangen. Kleine Stadt, Festivalatmosphäre, eine Protagonistin die ihren ...

The Iced Caramel Coffee Agreement ist der zweite Band der Lower Whilby-Reihe von Kyra Groh, und ich bin mit echten Erwartungen herangegangen. Kleine Stadt, Festivalatmosphäre, eine Protagonistin die ihren eigenen Ruf satt hat, ein Musiker auf der Flucht vor sich selbst. Das ist ein Setup, das ich liebe, wenn es gut gemacht ist.

Und in vielen Punkten ist es das. Kyra Groh hat einen Schreibstil, der trägt. Die Dialoge zwischen Eleanore und Dex haben Witz und Tempo, die Kleinstadt Lower Whilby bekommt eine eigene Atmosphäre, und die Festival-Kulisse gibt dem Buch eine Leichtigkeit, die gut zur Geschichte passt. Eleanore als Figur hat mich von Anfang an interessiert, weil sie nicht die übliche selbstzweifelnde Heldin ist, sondern jemand der weiß wer er ist und trotzdem etwas verändern will. Das ist ein Unterschied, den ich schätze.

Dex ist der komplexere Charakter von beiden, und seine innere Blockade als ausgebrannter Musiker ist nachvollziehbar aufgebaut. Die Dynamik zwischen den beiden funktioniert, die Deal-Prämisse trägt durch den Roman, und ich wollte wissen wie es endet.

Was mich persönlich gestört hat, ist die Gewichtung im zweiten Drittel des Buches. Für mein Empfinden verschiebt sich der Fokus zu stark in Richtung expliziter Szenen, und dabei bleibt die emotionale Entwicklung stellenweise auf der Strecke. Das ist keine Kritik am Genre, sondern an der erzählerischen Balance. Wenn Intimität im Roman die Funktion übernimmt, die eigentlich dem emotionalen Durchbruch gehören sollte, verliert die Romanze etwas von ihrer Tiefe.

Dazu kommen einige Szenen, die mir gewollt wirkten, als ob sie einen externen Zweck erfüllen sollten statt organisch aus dem Handlungsbogen zu wachsen. Das hat mich mehrfach kurz aus dem Lesefluss gerissen.

Mein Fazit: Drei Sterne, die ich mit echtem Respekt für das vergebe was Kyra Groh kann. Wer den Stil der Autorin liebt, mit expliziterem Inhalt gut umgehen kann und einfach eine schön geschriebene Small Town Romance mit Festivalflair möchte, wird hier auf seine Kosten kommen. Wer wie ich vor allem die emotionale Erzählebene sucht, wird vielleicht ähnlich ambivalent zurückbleiben wie ich.

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Veröffentlicht am 04.05.2026

Das klang nach genau dem richtigen Buch für einen langen Abend

Furye
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Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, durch die man sich liest. Furyé von Kat Eryn Rubik gehört für mich klar in die zweite Kategorie.

Ich bin mit einer gewissen Erwartung in diesen Roman gestartet. ...

Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, durch die man sich liest. Furyé von Kat Eryn Rubik gehört für mich klar in die zweite Kategorie.

Ich bin mit einer gewissen Erwartung in diesen Roman gestartet. Die Prämisse klang nach genau dem, was ich gerade lesen wollte: Eine namenlose Erzählerin, eine dunkle Küstenstadt, eine Vergangenheit, die nicht begraben bleibt. Dazu ein Notizbuch, in dem sie das zusammensetzt, was passiert ist. Das hat Versprechen.

Was ich nicht erwartet hatte, war, wie lange ich brauchen würde, um wirklich anzukommen. Die erste Hälfte ist erzählerisch sehr ruhig, beinahe gedämpft. Das Tempo nimmt sich Zeit, sehr viel Zeit, und obwohl ich den Schreibstil von der ersten Seite an mochte, hatte ich über weite Strecken das Gefühl, vor einer Tür zu stehen, die sich nur langsam öffnet.

Was Kat Eryn Rubik mit Sprache macht, ist ihr stärkstes Werkzeug. Die Erzählstimme ist präzise und bissig, mit einem leichten Zynismus, der die Figur sofort charakterisiert, ohne dass man seitenlange Beschreibungen braucht. Literarische Mittel werden nicht dekorativ eingesetzt, sondern tragen die Handlung. Das ist handwerkliches Können, das ich anerkenne.

Das Problem liegt für mich in der Dramaturgie. Die emotionale Entwicklung der Protagonistin setzt zu spät ein. Sie ist als Figur früh interessant, aber ihre innere Bewegung, ihr Auftauen, ihr Verarbeiten, beginnt in einem Bereich des Romans, in dem man als Leserin eigentlich schon lange investiert sein sollte. Das Notizbuch-Format verstärkt dieses Problem stellenweise, weil es eine Erzähldistanz schafft, die Nähe erschwert.

Für wen ist Furyé das richtige Buch? Für Leserinnen und Leser, die stilistisch anspruchsvolle Literatur schätzen und bereit sind, einer Erzählerin Zeit zu geben. Wer Spannung und Sog von der ersten Seite erwartet, wird möglicherweise frustriert sein. Wer Geduld mitbringt und Sprache über Tempo stellt, wird belohnt.

Drei Sterne, mit echtem Respekt vor dem, was hier handwerklich geleistet wird.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Was The Faraway Inn über Cozy Fantasy und über Calisas stille Kraft erzählt.

The Faraway Inn
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Calisa ist von Anfang an jemand, den ich sofort mochte. Nicht weil sie besonders laut oder besonders cool ist, sondern weil sie verletzt ist und sich trotzdem an die Arbeit macht. Das Inn zu renovieren ...

Calisa ist von Anfang an jemand, den ich sofort mochte. Nicht weil sie besonders laut oder besonders cool ist, sondern weil sie verletzt ist und sich trotzdem an die Arbeit macht. Das Inn zu renovieren ist ihr Weg, mit sich selbst klarzukommen, und dieser Prozess ist so organisch erzählt, dass er nie nach Therapiestunde oder Coming-of-Age-Schablone wirkt. Jack als Gegenüber ist warm, geerdet und unfassbar sympathisch. Ihre Liebesgeschichte entwickelt sich durch geteilte Arbeit und echtes Gespräch, nicht durch Missverständnisse und Dramaturgie-Gewitter.

Die Atmosphäre ist das, was mich am längsten beschäftigt hat. Das Faraway Inn mitten in den Vermont-Wäldern ist kein generisches Cottagecore-Setting, Durst macht daraus einen Ort mit Charakter, mit Geschichte, mit einer Magie, die sich nicht aufzwängt sondern herausschält. Die Gäste sind skurril ohne albern zu sein, jeder hat ein kleines Geheimnis, und die Enthüllung der magischen Regeln des Ortes ist elegant dosiert.

Was mich als Lektorin besonders beeindruckt hat: die Parallelstruktur zwischen dem Zustand des Hauses und dem Zustand von Calisas Selbstbild ist konsequent durchgehalten ohne je plakativ zu wirken. Das ist handwerklich wirklich stark.

Mein einziger Vorbehalt, und er ist klein: einige der Gastfiguren hätten mehr Seiten verdient. Aber das ist keine Schwäche, das ist eher der Beweis, dass Durst eine Welt erschaffen hat, in der man länger bleiben möchte.

Empfehlung: uneingeschränkt für alle, die atmosphärische Cozy Fantasy mögen, für YA-Leserinnen und für alle, die Bücher suchen, die nach Sommer und Kiefernharz und einem zweiten Anfang riechen.

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