ein emotional sehr forderndes Buch
Mit beiden Händen den Himmel stützenDass die Startbedingungen eines Menschen für sein späteres Leben wichtig sind, wissen wir schon lange. Was aber kann mit einer Kinderseele passieren, wenn es diese guten Startbedingungen nicht hat, keine ...
Dass die Startbedingungen eines Menschen für sein späteres Leben wichtig sind, wissen wir schon lange. Was aber kann mit einer Kinderseele passieren, wenn es diese guten Startbedingungen nicht hat, keine Struktur erlebt, keine Wärme, keine Geborgenheit und Verlässlichkeit?
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, erschienen im @aufbau_verlage , erzählt die autofiktionale Geschichte von Lale, die in den 80 ziger Jahren in einer Berliner Männerkommune groß wird. Ihre Mutter ist drogenabhängig und muss öfter wegen Beschaffungskrminalität ins Gefängnis und der Grund, warum Lale in die Männer WG einzieht ist, dass ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen wurde und ihr Vater gerade wegen Einbruchs im Gefängnis sitzt. So kommt Lale zu einem Freund ihres Vaters.
Das Leben in der WG ist geprägt von Drogenkonsum, wechselnden Partnerschaften der dort wohnenden Männer und sogenannter „antiautoritärer Erziehung“.Lale kann bestimmen , was und wann sie essen und schlafen will, was sie im Fernsehen sehen will und bekommt das Liebesleben der Männer „hautnah“ mit ,im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch vor Missbrauch ist sie nicht geschützt.Das „freie Leben“würde ich Verwahrlosung nennen und war schon erstaunt,wie schnell sich ein Jugendamt zufrieden gibt. Als Lale größer wird ,findet sie ein wenig Struktur in der Schule, in die sie gerne geht. Doch die Sozialisation hinterlässt Spuren bei Lale. Sie trudelt durch‘s Leben, ohne ihren Platz darin zu finden. Ihr ganzes Leben besteht aus „losen Fäden“, sie fängt vieles an, bringt aber nichts zu Ende.Da sie auch nie eine verlässliche Bindung zu ihren Eltern hatte, ist sie immer auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und festen Freundschaften, hält sich selbst aber nie für „wertvoll“ genug, um diese einzugehen. Auch sie gerät in einen Strudel von Drogen, bindungslosem Sex und Kriminalität, nur um sich zu spüren. Depressionen bleiben da nicht aus.
Ich muss sagen, dass das mich das Buch emotional stark gefordert hat.Ich hatte eine Wut auf die Erwachsenen, die ihr verantwortungsloses Verhalten hemmungslos auslebten und hatte die ganze Zeit das Verlangen Lale in den Arm zu nehmen, ihr Halt und Stabilität zu geben.
Die sexuellen Übergriffe der Männer waren für mich schwer erträglich und ich spreche hier eine‼️ „T r i g g e r w a r n u n g „ ‼️aus, denn dieses Buch ist an manchen Stellen kaum auszuhalten,vor allem,weil man weiß , dass es Kinder gibt, die genauso aufwachsen.
Erträglich wird dem Leser das Geschriebene ein bisschen dadurch gemacht, dass die Autorin, von der ich annehme, dass sie Ähnliches erlebt hat, mit einer gewissen Distanz zum Geschehen schreibt, als wenn sie das Geschehene als dritte Person beobachtet,doch meine Vorstellungskraft reicht aus, um eine Ahnung davon zu bekommen, was das mit einer Kinderseele macht. Verletzungen, die nie richtig verheilen.
Immer wieder wird mir beim Lesen bewusst, welche Verantwortung man übernimmt, wenn man ein Kind in die Welt setzt.
Dieses Buch trifft mitten ins Herz und benötigt eine stabile Grundstimmung, denn das Schicksal von Lale lässt niemanden kalt. Ich wünsche der Autorin nur das Allerbeste für sich selbst , aber auch für den Erfolg des Buches, der hoffentlich ein Befreiungsschlag für sie war, für mich war es ein sehr intensives Leseerlebnis, das ich nicht so schnell vergessen werde.