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Veröffentlicht am 07.12.2025

In der Politik braucht man Freunde, aber keine Parteifreunde

Die Frau der Stunde
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Heike Specht hat mit „Die Frau der Stunde“ ihren ersten Roman geschrieben, sie ist Historikerin und hatte über die Familie Lion Feuchtwangers promoviert. Ihre Biografien und Bücher über Frauen, die sich ...



Heike Specht hat mit „Die Frau der Stunde“ ihren ersten Roman geschrieben, sie ist Historikerin und hatte über die Familie Lion Feuchtwangers promoviert. Ihre Biografien und Bücher über Frauen, die sich in der Männerwelt behaupten konnten basierten auf Fakten, in diesem Roman sind allerdings sämtliche handelnden Personen rein fiktiv. Da die Handlung allerdings in einem realen Umfeld spielt, nämlich der Bonner Politikszene Ende der 70er Jahre, so ertappt man sich immer wieder dabei, in tatsächlichen Akteuren der Politik dieser Zeit, die Protagonisten des Buches zu suchen und zu erkennen und ich könnte mir vorstellen, dass die Autorin das auch so gewollt hat.

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt, die jeweils wieder in Kapitel unterteilt sind. Die Handlung spielt zwischen dem Herbst 78 und dem Frühjahr 79. Es ist so aufgebaut, dass wir als Leser von einem Schauplatz zum anderen wandern und das auch oft innerhalb eines Kapitels. Das sorgt im Lesefluss schon einmal für Stockungen, weil man sich zunächst einmal wieder zurechtfinden muss. Oft entsteht auch ein leichter Cliffhanger, wenn genau beim Sprung zum nächsten Plot eine Handlung unterbrochen wurde.

Worum geht es?

Catharina Cornelius hat sich im Bonn der späten 70er Jahre als Liberale einen Namen gemacht. Als der amtierende liberale Außenminister in der sozial-liberalen Koalition wegen einer Affäre seinen Hut nehmen muss, schlägt er Catharina als seine Nachfolgerin vor. So wird sie völlig überraschend zur ersten Außenministerin und Vizekanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

Catharina ist eng befreundet mit Suzanne, einer belgischen Journalistin und Azadeh, einer Filmemacherin aus dem Iran. Die drei hatten sich in einem Schweizer Internat kennengelernt und ihre Freundschaft hat über die langen Jahre nach der Schulzeit gehalten. Während Suzanne ihrer Freundin Catharina mehr den Rücken stärkt, aber beruflich weniger mit ihr zu tun hat, ist Azadeh von ganz anderem Kaliber. Ende der 70er Jahre waren die Menschen im Iran von ihrem Staatsoberhaupt, dem Schah tief enttäuscht und wünschten sich Veränderungen. Gerade auch die intellektuelle Oberschicht forderte mehr Freiheiten und Azadeh marschiert und protestiert mit ihnen in Teheran. Im ganzen Land herrschte eine revolutionäre Stimmung, die sich schließlich in der iranischen Revolution entlud, nur leider mit ganz anderen Folgen, als eigentlich erwünscht, vor allem für die Frauen.

Es geht im Buch nicht so sehr um politische Inhalte, es geht mehr darum, wie sich eine Frau in der damaligen Männerwelt überhaupt behaupten konnte. Catharina kommt ihre gute Erziehung zugute, sie kann sich in der Welt der Mächtigen auf internationalem Parkett bewegen. Ihr elegantes Auftreten und ihre mehrsprachige Eloquenz hinterlassen Eindruck. Es sind viel mehr die Männer, die dort versagen oder die sich nicht in ihre Gesprächspartner hineinversetzen können oder schlicht ständig einen Dolmetscher brauchen. Ganz häufig sind es die Frauen, die ihren Männern Rückhalt und Inspiration für ihre Ziele geben. Deutlich gemacht wird das an der Person der Ex-Gattin des ehemaligen Außenministers Helmut Busch.

Klar wird aber auch, dass über Parteigrenzen hinweg die Solidarität unter Frauen ganz wichtig ist. Die Bedeutung von Mentorinnen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Catharina profitiert sehr von Hilde von Rochow, der Grande Dame der Liberalen, die aber keine politischen Ambitionen mehr hat. Auch ihr Büroteam steht voll und ganz hinter ihr. Die Autorin hat sich auf die weibliche Perspektive konzentriert, sowohl in Bonn als auch bei den Geschehnissen in Teheran. Dabei macht sie aber auch klar, dass auch Männer gute Freunde und Unterstützer sein können. Nur selten in der Politik! Nicht umsonst gibt es im Politikbetrieb die makabre Steigerungsform „Feind – Todfeind - Parteifreund“.

Gut fand ich, dass Catharina trotz aller Machtfülle doch immer Mensch blieb, die ihre alten Kontakte pflegte und sich bei menschlichen Enttäuschungen auch mal von Freunden trösten ließ. Nur durfte sie diese Schwächen nach außen nicht zeigen.

Auch tatsächliche Entwicklungen der Zeit spielen in die Handlung hinein. Die Umweltschutzbewegung, die sich später in der Partei der Grünen politisch formierte, spielt ebenso eine Rolle wie auch die alten Seilschaften der Nazis, die gerne wieder mehr Einfluss ausgeübt hätten.

Ich fand das Buch ausgesprochen lesenswert und die feinen Spitzen, die Catharina hier und da gegen die Männerwelt austeilte, haben mich schmunzeln lassen. Dumm nur, dass viele Männer die feinen Anspielungen nicht einmal verstanden, für die Zwischentöne schienen sie kein Ohr zu haben.

Das Buch endet zwar mit einer klaren Entscheidung, ruft aber auch nach einer Fortsetzung. Man würde schon gerne wissen, wie es im Bonner Politikbetrieb der 80er Jahre weitergeht. In der Realität wissen wir das zwar, in der Fiktion hätte es auch ganz anders sein können.

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Veröffentlicht am 03.12.2025

Morde, die wie Unfälle aussehen sollen

Reben und Sterben
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Im rheinhessischen Rebenheim kommt ein Winzer nach einer Weinverkostung zu Tode. Zunächst glaubt man, er sei im eigenen Weinkeller in den Gärgasen erstickt, später findet die Polizei Hinweise auf ein Verbrechen.
Wer ...

Im rheinhessischen Rebenheim kommt ein Winzer nach einer Weinverkostung zu Tode. Zunächst glaubt man, er sei im eigenen Weinkeller in den Gärgasen erstickt, später findet die Polizei Hinweise auf ein Verbrechen.
Wer könnte dem angesehenen Winzer nach dem Leben getrachtet haben?
Die Polizei verdächtigt den Gastgeber der Weinverkostung, den Winzer Pierre Fabron. Pierre kommt ursprünglich aus Aquitanien, seine Frau Miriam, eine Rebenheimerin, hatte ihn dort während eines Praktikums kennen- und lieben gelernt.
Pierre ist gut befreundet mit einem ehemaligen Kommissar der Polizei namens Hannes Willenscheidt, dessen Enkelin hat die Ermittlungen übernommen. Das klingt zunächst einmal danach, dass die aufkommenden Verdächtigungen gegen Pierre schnell entkräftet werden können. Aber Hannes hatte lange keinen Kontakt zu seiner Enkelin und ihr Verhältnis ist ausgesprochen unterkühlt. Als aufstrebende Polizeioberkommissarin will sie alles richtig machen und versucht mit allen Mitteln, sich zu beweisen. Und so sammelt sie fleißig Indizien, die auf eine Schuld von Pierre hinweisen.
Nach und nach lernt der Leser die Hintergründe in Rebenheim besser kennen. Wie in jedem Dorf gibt es Streitigkeiten, die schon seit Jahrzehnten gepflegt werden und immer dann wieder zum Vorschein kommen, wenn Kontrahenten zu viel getrunken haben. Da ist zum einen die Tatsache, dass Pierre einem Winzer aus dem Dorf die Freundin ausgespannt hatte. Matthias verfolgt Pierre seit 10 Jahren mit seinem Hass und macht immer wieder deutlich, dass Miriam ja eigentlich sein Mädchen sei.
Da sind aber auch Entscheidungen im Gemeinderat, die die Winzer im Dorf gegeneinander aufgebracht haben und natürlich geht es dabei auch um Geld.
Pierre ist schon allein aufgrund der Verdächtigungen gegen ihn dazu gezwungen, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Zusammen mit Hannes drehen und wenden sie den Fall in alle Richtungen. Eigentlich kann der Mörder sich nur unter den Teilnehmern der Weinverkostung befinden und hier handelt es sich um einen relativ kleinen Kreis von Personen.
Als sich langsam absehen lässt, wer wirklich für den Tod von Knut Waldholz verantwortlich war, nimmt die Handlung noch einmal Fahrt auf und sie bleibt spannend bis zum Schluss.
Der Krimi hat vieles, was einen Cozy Crime anziehend macht: Er spielt in einer lieblichen Weingegend in der Nähe von Ingelheim. Ingelheim liegt zwischen Mainz und Bingen und gehört zum Weinanbaugebiet Rheinhessen. Da sind Pierre, der Winzer und Hannes, der pensionierte Kommissar, beides sympathische Charaktere, die besonnen versuchen, Licht ins Dunkel des Falles zu bringen. Beide haben sie ihre Hunde, nämlich Blanca und Lazlo, später gesellt sich dann noch Alf dazu. Auch sie spielen eine wichtige Rolle im Buch.
Die Kommissarin Alexandra Willenscheidt, Enkelin von Hannes, wirkt zunächst einmal vollkommen abweisend und voreingenommen. Glücklicherweise ermittelt sie dann doch in alle Richtungen.
Das Buch liest sich flüssig, je nach Situation wirken die Orte düster und gefährlich oder auch angenehm und entspannt. Es werden Probleme in der Weinwirtschaft angesprochen, wie z. B. die Differenzen zwischen Bio-Winzern und herkömmlichen Winzern, außerdem kommen natürlich auch die finanziellen Probleme zur Sprache. In Rebenheim scheinen die schwierigeren Jahre in der Mehrzahl gewesen zu sein, denn viele Winzer kämpfen mit dem Überleben und können nicht so investieren, wie es eigentlich notwendig wäre.
Glücklicherweise kommt auch der Wein nicht zu kurz. Der Arbeit im Weinberg und im Keller wird immer mal wieder kurz Beachtung geschenkt und man merkt, dass sich die Autorin gerade zu Bio-Weinbau und den Mitteln gegen Schädlingsbefall informiert hat.
Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und empfehle das Buch gerne weiter.

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Veröffentlicht am 27.11.2025

Seniorenmomente - Wenn das Gedächtnis einen im Stich lässt

Der Tag, an dem Barbara starb
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Margaret ist 89 und wird zunehmend vergesslicher. Ihre Tochter macht sich darum große Sorgen und würde ihre Mutter am liebsten in einem Altersheim unterbringen.
Margaret kann sich mit diesem Gedanken aber ...

Margaret ist 89 und wird zunehmend vergesslicher. Ihre Tochter macht sich darum große Sorgen und würde ihre Mutter am liebsten in einem Altersheim unterbringen.
Margaret kann sich mit diesem Gedanken aber gar nicht anfreunden. Sie hat fast ihr ganzes Leben in diesem Haus verbracht und ist eine Institution in der Nachbarschaft. Mit den meisten Nachbarn ist sie gut befreundet, vor allem mit Barbara, ihrer direkten Nachbarin.
Leider wird Barbara in einer Februar-Nacht ermordet, sie wurde erdrosselt. Bei ihrem letzten Treffen hatte sie Margaret noch etwas mitgeteilt, aber Margaret kann sich beim besten Willen nicht erinnern. Die Polizei ermittelt, auch die Nachbarn werden zu Verdächtigen und alte Streitigkeiten brechen wieder auf. Man erinnert sich an diesen oder jenen Vorfall, der zwar Jahre her ist, aber doch vielleicht ein Grund für den Mord gewesen sein könnte.
Typisch englische Gepflogenheiten spielen eine große Rolle, so darf die Tasse Tee gegen alle Unwägbarkeiten des Lebens auch hier nicht zu kurz kommen.
Für James, den 15jährigen Enkel von Margaret, ist das alles ganz spannend. Das was er bisher nur aus dem Fernsehen kannte, spielt sich jetzt direkt vor Omas Haustür ab.
Margaret ist in ständiger Zwiesprache mit ihrem vor einem Jahr verstorbenen Ehemann Albert. Die Erinnerung an längst vergangene Zeiten funktioniert wesentlich besser als an das, was gestern passiert ist. Dennoch glaubt sie, es Barbara schuldig zu sein, ihren Mörder zu finden.
Zusammen mit ihrem Enkel versucht sie, den Geschehnissen der letzten Tage nachzuspüren. In den Gesprächen mit seiner Oma lernt James Margaret von einer ganz anderen Seite kennen. Sie erzählt ihm von lange vergangenen Zeiten. Für James sind das ganz wichtige Erfahrungen, es erstaunt Kinder und Enkel doch immer wieder, dass ihre Eltern und Großeltern auch einmal jung waren und ein Vorleben hatten.

Das Buch war für mich nur in zweiter Linie ein Krimi, Margarets Schwierigkeiten mit dem Älterwerden und ihre Erinnerungen an bessere Zeiten nehmen den meisten Raum ein. Es hat mich ein bisschen an Band 4 des Donnerstagsmordclubs erinnert. Dieser Band hatte ebenfalls die Gebrechen älterer Leute in den Blick genommen und war ehrlicher und authentischer als die vorausgegangenen Bände. Dennoch nimmt die Handlung im letzten Viertel des Buches noch einmal spannende Fahrt auf, schließlich will der Fall gelöst werden.
Wir haben es auf jeden Fall mit einem ungewöhnlichen Ermittlerduo zu tun und die Zuneigung der beiden zueinander lässt Generationenkonflikte vergessen.
Ich könnte mir vorstellen, dass James sich in einem Folgeband tatsächlich für eine juristische Ausbildung interessiert. Ob seine Oma dann allerdings noch so tatkräftig dabei sein kann, sei dahingestellt.

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Veröffentlicht am 17.11.2025

Gewalt ist ein Ausdruck von Schwäche

Russische Spezialitäten
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Dmitrij und seine Familie kommen 1990 als Flüchtlinge nach Deutschland und werden in Leipzig sesshaft. Dort eröffnen sie ein kleines Geschäft – Magasin – in dem russische Spezialitäten verkauft werden. ...

Dmitrij und seine Familie kommen 1990 als Flüchtlinge nach Deutschland und werden in Leipzig sesshaft. Dort eröffnen sie ein kleines Geschäft – Magasin – in dem russische Spezialitäten verkauft werden. Für die vielen Aussiedler, die in den 90er Jahren aus dem Osten kommen, ist dieser kleine Laden ein Stück Heimat und Treffpunkt. Selbstverständlich behalten sie auch ihre Sprache bei, im Laden wird Russisch gesprochen und Dimitrij lernt zwar Deutsch in der Schule, kann sich aber auch immer noch in Russisch verständigen, wenn ihm auch hin und wieder die Worte fehlen. Der Laden läuft gut, die Familie fährt mehrere Male im Jahr zum Einkaufen nach Kiew, bis es 2014 mit der russischen Annexion der Krim einen ersten Dämpfer gibt.
2022, als Putin im Februar die gesamte Ukraine angreift, werden aus Freunden plötzlich Feinde. Gleichzeitig erkrankt der Vater ernsthaft und die Familie entschließt sich, den Laden zu schließen. Er läuft auch lange nicht mehr so gut wie in den Jahren und Jahrzehnten zuvor.
Kapitelman bringt diese Zerrissenheit auch innerhalb der Familie deutlich zum Ausdruck. Dmitrij selbst steht auf Seiten der angegriffenen Ukraine, seine Mutter folgt der russischen Propaganda, die sie täglich über das russische Fernsehprogramm empfängt. Die Spaltung trifft aber auch langjährige Freunde, die einen glauben der Putin-Propaganda, die anderen der westlichen Berichterstattung. Mit einigen Freunden in Kiew bricht daher der Kontakt ab, obwohl er doch gerade in Kriegszeiten so notwendig wäre.
Dmitrij weiß sich irgendwann keine andere Lösung mehr, er macht sich auf in die Ukraine, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort passiert.
Die alten Freunde der Familie, mit denen sich seine Mutter lange zerstritten hat, nehmen ihn herzlich auf und bewirten ihn großzügig. Sein alter Freund Rustik trifft sich mit ihm und stellt ihm seine Familie vor, vieles scheint normal zu sein, wären da nicht der häufige Bombenalarm sowohl tagsüber als auch in der Nacht und die zerstörten Häuserfronten in den besonders betroffenen Städten.
Es wundert ihn, dass die Menschen dennoch ihr Leben weiterleben, sie treffen sich zum Shoppen, zum Essen, im Park zu einem Spaziergang, nach außen will man Normalität zeigen. Aber da sind dann auch immer die Kriegsversehrten, die im Stadtzentrum betteln und die Menschen daran erinnern, dass dieser Krieg grausam geführt wird und bleibende Wunden hinterlässt. Außerdem wird überall für die Armee rekrutiert und Dmitrij kann dem nur durch seinen deutschen Pass entgehen.
War es vor dem Überfall egal, welcher Sprache man sich bediente, so versuchen die Menschen in Kiew jetzt, das Russische nicht mehr in der Öffentlichkeit zu gebrauchen. Dieses Nebeneinander der beiden Nachbarstaaten, der selbstverständliche Umgang miteinander dürfte auf Jahrzehnte hinweg nicht mehr möglich sein. Da entsteht eine Grenze, die nicht mehr so einfach überwunden werden kann. Zu viel persönliches Leid hat sich dazwischen gestellt. Die Zerrissenheit zeigt sich auch in der Sprache des Buches. In den Kapiteln wechseln die Sprachen, zwischen Deutsch, Russisch, Ukrainisch – wie Gedanken, die sich nicht entscheiden wollen, wohin sie gehören.
Dimitrij wünscht sich, dass die Politik nicht auch noch die Familie auseinandertreibt, für ihn ist es ein Hoffnungsschimmer, dass seine Mutter ihm zumindest gesteht, dass sie während seiner Ukraine-Reise Angst um ihn hatte und sie gesteht ihm damit auch, dass ihre Liebe zu ihm größer ist, als ihre Hörigkeit gegenüber Russland.
Als Leser, der immer im Westen gelebt hat, ist es schwer zu verstehen, wie man hier in Deutschland der Propaganda Russlands verfallen kann und ihr Glauben schenkt. Dafür muss man wohl in der ehemaligen Sowjetunion großgeworden sein und obwohl es einen Grund gab, diese in den 90er Jahren hinter sich zu lassen und im Westen einen neuen Anfang zu suchen, so verklärt sich diese Vergangenheit mit der Zeit doch zusehends.
Putin bedient dieses Heimweh sehr erfolgreich, mir ist diese Putin-Verehrung bei ehemaligen Russen schon häufiger aufgefallen.

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Veröffentlicht am 15.11.2025

Geheimtipp aus der Pfalz

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Ein alter Winzer wird übel zugerichtet unter seinem Traubenvollernter gefunden. Kurz später wird im gleichen Dorf ein Polizist überfahren. Kann es sich hier um Zufall handeln? Das Dorf Nussdorf ist nicht ...

Ein alter Winzer wird übel zugerichtet unter seinem Traubenvollernter gefunden. Kurz später wird im gleichen Dorf ein Polizist überfahren. Kann es sich hier um Zufall handeln? Das Dorf Nussdorf ist nicht gerade der Hotspot der Gewaltverbrechen, dennoch beginnen Kommissar Frank Achill und seine Kollegin Verena Bertling mit ersten Nachforschungen, vor allem nachdem bei beiden Toten Einstichstellen gefunden wurden.

Allerdings hat das Kommissariat Rheinpfalz einen neuen Oberstaatsanwalt, der sich in die Ermittlungen einmischt und die beiden Kommissare an die Kette legt. So bleibt Achill und Bertling nichts weiter übrig, als ihre Freunde und Hobby-Ermittler André Sartorius und seine Mitbewohnerin Irina Worobjowa um Unterstützung zu bitten.

Das allerdings hat für Irina ungeahnte Konsequenzen.



Ittensohns Krimis spielen in Speyer und der Südpfalz und der Wein spielt fast immer eine herausragende Rolle. Der Autor ist außerdem Wein- und Kulturbotschafter, er versteht also etwas vom Wein und das bringt er in seinen Büchern auch zum Ausdruck.

Hier geht die Handlung allerdings weit über das Winzermilieu hinaus. Ittensohn thematisiert z. B. die Veränderungen, manchmal sogar den Generalverdacht, den russische Staatsbürger seit dem Überfall Putins auf die Ukraine bei ihren deutschen Mitbürgern erleben. Hierunter hat vor allem Irina zu leiden, die in die Fänge der Justiz gerät. Eine parallele Handlung, die im Schwarzen Meer ihren Anfang nimmt, zeigt allerdings, dass Misstrauen auch angezeigt sein kann.



Thema sind außerdem die Ölvorkommen der Südpfalz, die eigentlich weitestgehend erschöpft sind, aber doch noch manchen Umweltschützer auf die Barrikaden rufen. Die Angst vor Fracking treibt auch die Biowinzer um.



Ich hatte bisher den Folgeband „Winzerkrieg“ gelesen, bin also in der falschen Reihenfolge unterwegs. Man kommt als Quereinsteiger jederzeit problemlos in die jeweilige Geschichte hinein. Es gibt zwar hin und wieder Verweise auf Vorgängerbände, aber das stört den Lesefluss nicht und beeinträchtigt auch nicht das Verständnis.

Ittensohn greift regionale Bezüge auf, so wird der Protest der Winzer zu einem Bauernkrieg 2.0, der erste fand 1525 statt.

Die Scheingefechte zwischen André und Irina lockern den Lesefluss auf und sind sowieso nur Ausdruck ihrer großen Zuneigung zueinander.

Viele Perspektivenwechsel erhöhen die Spannung. Gerade zum Schluss hin wechselt die Handlung von einem Schauplatz zum anderen, auch zeitlich erleben wir Sprünge vor und zurück und von einem Protagonisten zum anderen.

Die Juristerei spielte in diesem Band eine stärkere Rolle als im Folgeband, was aber auch dem Auftreten des dominanten Oberstaatsanwalts geschuldet war. Mir war relativ schnell klar, wo der Schuldige zu finden war, schwierig wurde es aber, ihm die Tat auch nachzuweisen. Es ging auch um juristische Kniffe und mit welchen Argumenten man sich aus der Verantwortung stehlen kann. So fieberte der Leser bis zum Schluss mit, ob der Gerechtigkeit Genüge getan werden kann.

Den "Geheimtipp" aus der Pfalz empfehle ich mit voller Punktzahl gerne weiter


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