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Veröffentlicht am 15.11.2025

Geheimtipp aus der Pfalz

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Ein alter Winzer wird übel zugerichtet unter seinem Traubenvollernter gefunden. Kurz später wird im gleichen Dorf ein Polizist überfahren. Kann es sich hier um Zufall handeln? Das Dorf Nussdorf ist nicht ...

Ein alter Winzer wird übel zugerichtet unter seinem Traubenvollernter gefunden. Kurz später wird im gleichen Dorf ein Polizist überfahren. Kann es sich hier um Zufall handeln? Das Dorf Nussdorf ist nicht gerade der Hotspot der Gewaltverbrechen, dennoch beginnen Kommissar Frank Achill und seine Kollegin Verena Bertling mit ersten Nachforschungen, vor allem nachdem bei beiden Toten Einstichstellen gefunden wurden.

Allerdings hat das Kommissariat Rheinpfalz einen neuen Oberstaatsanwalt, der sich in die Ermittlungen einmischt und die beiden Kommissare an die Kette legt. So bleibt Achill und Bertling nichts weiter übrig, als ihre Freunde und Hobby-Ermittler André Sartorius und seine Mitbewohnerin Irina Worobjowa um Unterstützung zu bitten.

Das allerdings hat für Irina ungeahnte Konsequenzen.



Ittensohns Krimis spielen in Speyer und der Südpfalz und der Wein spielt fast immer eine herausragende Rolle. Der Autor ist außerdem Wein- und Kulturbotschafter, er versteht also etwas vom Wein und das bringt er in seinen Büchern auch zum Ausdruck.

Hier geht die Handlung allerdings weit über das Winzermilieu hinaus. Ittensohn thematisiert z. B. die Veränderungen, manchmal sogar den Generalverdacht, den russische Staatsbürger seit dem Überfall Putins auf die Ukraine bei ihren deutschen Mitbürgern erleben. Hierunter hat vor allem Irina zu leiden, die in die Fänge der Justiz gerät. Eine parallele Handlung, die im Schwarzen Meer ihren Anfang nimmt, zeigt allerdings, dass Misstrauen auch angezeigt sein kann.



Thema sind außerdem die Ölvorkommen der Südpfalz, die eigentlich weitestgehend erschöpft sind, aber doch noch manchen Umweltschützer auf die Barrikaden rufen. Die Angst vor Fracking treibt auch die Biowinzer um.



Ich hatte bisher den Folgeband „Winzerkrieg“ gelesen, bin also in der falschen Reihenfolge unterwegs. Man kommt als Quereinsteiger jederzeit problemlos in die jeweilige Geschichte hinein. Es gibt zwar hin und wieder Verweise auf Vorgängerbände, aber das stört den Lesefluss nicht und beeinträchtigt auch nicht das Verständnis.

Ittensohn greift regionale Bezüge auf, so wird der Protest der Winzer zu einem Bauernkrieg 2.0, der erste fand 1525 statt.

Die Scheingefechte zwischen André und Irina lockern den Lesefluss auf und sind sowieso nur Ausdruck ihrer großen Zuneigung zueinander.

Viele Perspektivenwechsel erhöhen die Spannung. Gerade zum Schluss hin wechselt die Handlung von einem Schauplatz zum anderen, auch zeitlich erleben wir Sprünge vor und zurück und von einem Protagonisten zum anderen.

Die Juristerei spielte in diesem Band eine stärkere Rolle als im Folgeband, was aber auch dem Auftreten des dominanten Oberstaatsanwalts geschuldet war. Mir war relativ schnell klar, wo der Schuldige zu finden war, schwierig wurde es aber, ihm die Tat auch nachzuweisen. Es ging auch um juristische Kniffe und mit welchen Argumenten man sich aus der Verantwortung stehlen kann. So fieberte der Leser bis zum Schluss mit, ob der Gerechtigkeit Genüge getan werden kann.

Den "Geheimtipp" aus der Pfalz empfehle ich mit voller Punktzahl gerne weiter


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Veröffentlicht am 14.11.2025

War es Mord oder Selbstmord?

Winzerkrieg
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Auf den Autor war ich durch eine Lesung auf einem Weingut in Rohrbach in der Pfalz aufmerksam geworden. Kombiniert mit Weinprobe und einem mehrgängigen Menü war es eine perfekte Mischung für einen gelungenen ...

Auf den Autor war ich durch eine Lesung auf einem Weingut in Rohrbach in der Pfalz aufmerksam geworden. Kombiniert mit Weinprobe und einem mehrgängigen Menü war es eine perfekte Mischung für einen gelungenen Abend.

Uwe Ittensohn stellte dort seinen neuesten Krimi „Winzerkrieg“ vor, die Kapitel, die er vorlas, machten Lust auf mehr und ich habe nicht bereut, mir das Buch gekauft zu haben.

Die Protagonisten auf Ermittlerseite sind der Kriminalhauptkommissar Frank Achill sowie André Sartorius, eigentlich Stadtführer in Speyer, der aber immer wieder in die Aufklärung von Kriminalfällen hineingerät. Dieses Mal findet er sogar eine Leiche beim Joggen am Speyerer Rheinufer. Seiner Mieterin Irina waren rote Spuren an einem abgestellten Auto beim Kanuhaus aufgefallen und tatsächlich finden die beiden im Auto die Leiche eines Deidesheimer Winzers. Die Tatwaffe fehlt, also geht die Polizei von Mord aus, allerdings hat der Tote einen Abschiedspost auf Facebook hinterlassen, was wiederum auf einen Selbstmord hindeuten würde.

Die Ermittlungen konzentrieren sich recht bald auf die Ex-Frau des Winzers Celi, auch Sally genannt und ihre neue Partnerin, eine Winzerkollegin des toten Kuno Körber aus Deidesheim. In Rückblenden lernen wir sowohl Körber als auch seine Frau besser kennen. Kuno hatte Celi während eines Praktikums auf einem Weingut in Spanien kennengelernt. Schon damals hatten sich die Familien einer Verbindung der beiden entgegengestellt, in Spanien hatte man die Stieftochter verstoßen, der Vater Kunos in Deidesheim war schon zu krank, um seine Ablehnung noch so offen zeigen zu können. Die Ehe der Körbers hatte über 20 Jahre Bestand, zum Schluss war sie so zerrüttet, dass Celi ihren Mann verließ. Unterhalt konnte sie nicht durchsetzen, weil das Weingut ihres Mannes immer noch hoch verschuldet war, vor allem nach durchgeführten, aber nie genehmigten Bauprojekten, aus denen sich kein Gewinn ziehen ließ.

Der Leser schwankt in seinen eigenen „Ermittlungen“ und Mutmaßungen hin und her, kann man den beiden eher zierlichen Frauen tatsächlich einen so grausamen Mord zutrauen, gab es in den verschwiegenen Winzerkreisen in Deidesheim noch mehr Menschen, die mit Körber eine offene Rechnung hatten?

Während der Kommissar und seine Mitarbeiterin sich auf die beiden Frauen konzentrieren, geht André Sartorius von Anfang an in seinen Ermittlungen eigene Wege. Ihm fallen Dinge auf, die für die Ermittlungen der Polizei noch gar keine Rolle spielen. Etwas gesetzeswidrig verschafft er sich Zugang zu Körbers Weinkeller und Werkstatt und sucht dort nach Spuren, die ihm einen Hinweis oder eine Antwort auf seine Vermutungen geben könnten.

Der Krimi hat neben Spannung sehr viel Lokalkolorit, die vorkommenden Personen sprechen noch Pälzisch, was der Autor, wie wir bei der Lesung erleben konnten, auch perfekt beherrscht. Ich bin sicher, auch die Ortsbeschreibungen in Deidesheim und Forst entsprechen den Tatsachen. Gut gefallen haben mir auch die „Generationenkonflikte“ zwischen André und Irina und die humorvollen Seitenhiebe auf die Deutsche Bahn. Überhaupt kommt der Humor im Buch nicht zu kurz und die Pfälzer werden treffend charakterisiert. Der Autor hat dem Volk aufs Maul geschaut.

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Veröffentlicht am 12.11.2025

Von Bienen und Menschen

Wilder Honig
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Caryl Lewis hat eine kleine Farm in Wales zum Schauplatz ihres Romans „Wilder Honig“ gemacht.

Hannah hat ihr ganzes Leben dort verbracht, anders als ihre Schwester Sadie ist sie nie von zuhause weggezogen. ...

Caryl Lewis hat eine kleine Farm in Wales zum Schauplatz ihres Romans „Wilder Honig“ gemacht.

Hannah hat ihr ganzes Leben dort verbracht, anders als ihre Schwester Sadie ist sie nie von zuhause weggezogen. Ganz im Gegenteil, ihr Mann John zog zu ihr und ihren Eltern in das Haus, schrieb dort seine Bücher und pflegte seine Bienen.

Nun ist er gestorben und Hannah ist untröstlich. Der Roman beginnt mit der Beerdigung, mit der walisischen Tradition, eine Witwe während der ersten Trauerzeit nicht alleine zu lassen. Dabei hatte Hannah sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich zur Ruhe zu kommen. Kurz danach taucht ihre Schwester Sadie bei ihr auf und quartiert sich zunächst einmal in ihrem alten Zimmer ein. Und mit Megan kommt eine weitere Besucherin.

John hat seiner Frau 11 Liebesbriefe hinterlassen, er beichtet ihr darin, was er ihr nie sagen konnte, aber er versichert sie andererseits seiner Liebe über den Tod hinaus. Diese Liebesbriefe sind sehr poetisch und lehnen sich eng an das Leben der Bienen an, die John Zeit seines Lebens ans Herz gewachsen waren.

Im über die Weihnachtszeit eingeschneiten Wales nähern sich die drei Frauen einander an. War da am Anfang noch Eifersucht, Misstrauen und Angst so schaffen sie es, sich durch Gespräche und Ehrlichkeit miteinander anzufreunden. Aus einem Besuch wird ein längerer Aufenthalt.

Es ist bemerkenswert, dass 95 % der Handlung tatsächlich nur auf diesem Hof und im Obstgarten spielen. Dabei ist der Garten, sind die Apfelbäume ebenso wichtig zur Heilung von Hannahs Seele wie die sie umgebenden wenigen Menschen. Der Roman ist einfühlsam geschrieben und wirkt, da nicht wirklich viel passiert, entschleunigend. Mit den Bienen und den Obstbäumen gehen wir durch ein ganzes Jahr, wir starten in der Ruhephase im Winter, erleben wie im Frühling wieder das Leben zurückkehrt und auch Hannah sich wieder soweit erholt hat, dass sie ihre lange gereiften Ideen für den Apfelgarten nun endlich verwirklichen kann. Megan hingegen widmet sich den Bienen und lernt von Jack, einem jungen Mann aus dem Dorf und ehemaligen Schüler von John alles über ihre Pflege. Gemeinsam holen sie im Herbst die Ernte ein und bereiten den Garten auf den nächsten Winter vor.

Als Leser war ich beeindruckt, wie sehr das Leben der Bienen dem der Menschen ähneln kann. Gemeinsinn wird großgeschrieben, jeder kennt seinen Platz und erfüllt seine Verpflichtungen. John schreibt in seinen Briefen an Hannah viel von Bienen, er überträgt es aber auch immer wieder auf das menschliche Zusammenleben und er versucht ihr damit zu erklären, was er ihr nie sagen konnte. Und ich denke, Hannah hat ihn zum Schluss verstanden. Sie hat den Weg zurück ins Leben gefunden.

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Veröffentlicht am 10.11.2025

Eine dysfunktionale Familie

Sieben Jahre
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Der Titel des Buches umfasst die sieben Jahre zwischen 1756 und 1763, die Zeit des Siebenjährigen Krieges Friedrichs des Großen gegen Österreich, Frankreich, Russland, Schweden, also große Teile Europas.

Friedrich ...

Der Titel des Buches umfasst die sieben Jahre zwischen 1756 und 1763, die Zeit des Siebenjährigen Krieges Friedrichs des Großen gegen Österreich, Frankreich, Russland, Schweden, also große Teile Europas.

Friedrich II. hatte kurz nach seinem Machtantritt Schlesien überfallen, seine Kontrahentin Maria Theresia in Österreich konnte sich mit diesem Verlust nie abfinden und schmiedete in den Folgejahren Allianzen mit den großen Mächten Europas, um Schlesien zurückzugewinnen.

Das Buch ist mitnichten eine Wiederholung dessen, was man im Geschichtsunterricht gelernt hat oder zwischenzeitlich in Sachbüchern, Biografien oder Romanen gelesen hat. Der Ansatzpunkt ist ein anderer, denn es steht nicht Friedrich im Vordergrund, sondern sein jüngerer Bruder Heinrich.

Die Kinder sind geprägt von der unglücklichen Ehe der Eltern, des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. und der Prinzessin aus Hannover Sophie Dorothea. Der Soldatenkönig war ein Choleriker, der von seinen Kindern absoluten Gehorsam forderte, zwei seiner Kinder leiden ein Leben lang darunter, dass sie vom Vater zu Dingen gezwungen wurden, die sie ablehnten. Dennoch wiederholt sich dieses Muster, auch Friedrich wird später als Vormund seiner Geschwister diesen Gehorsam einfordern, auch wenn er selbst als Ältester am meisten unter seinem Vater leiden musste.

Entlang der Geschehnisse des Siebenjährigen Krieges begleiten wir den König und drei, manchmal auch vier seiner Geschwister in Berlin und Magdeburg, auf den Schlachtfeldern und in den eroberten Städten.

Heinrich war 14 Jahre jünger als Friedrich, Sein ältester Bruder wurde nach dem Tod des Vaters sein Vormund. Ihr Verhältnis zueinander war schwierig. Während Friedrich vor allem ein inniges Verhältnis zu der nur leicht jüngeren Wilhelmine hatte, so hatten sich die jüngeren Geschwister ebenfalls zusammengetan. Heinrich hatte sich eng an Wilhelm, den Thronfolger angeschlossen, später ergab sich auch ein enges Verhältnis mit der Schwester Amalie.

Während des Krieges wurde von den Preußenprinzen Engagement für ihr Land gefordert und Heinrich lag der Beruf des Soldaten. Ganz anders Wilhelm, er wurde beim Militär nicht glücklich und nach einem Misserfolg vom König, seinem Bruder mit Schimpf und Schande entlassen.

Der König forderte Unterwerfung und eine Entschuldigung, die Wilhelm nicht zu geben bereit war, Heinrich stand lange zwischen beiden, aber eine Versöhnung der beiden Brüder gelang ihm nicht. Wilhelm starb 1758, ohne den König noch einmal wiedergesehen zu haben.

Heinrich wird, anders als Friedrich, als ein General mit Gewissen dargestellt. Es belastete ihn, dass dieser lange Krieg so viele Opfer forderte. Seine Soldaten liebten ihn dafür, dass er sich für sie einsetzte, dass er die Verwundeten im Lazarett besuchte und dass er eher einer Schlacht aus dem Weg ging und dem Gegner auswich, als weitere Tote und Verletzte zu riskieren. Friedrich schien oft genug eifersüchtig auf den jüngeren Bruder zu sein, im Endeffekt mussten sie aber aufeinander zugehen und Kompromisse schließen.

Ich fand das Buch hochinteressant. Es war genial von der Autorin, die Position Heinrichs zum Ausgangspunkt ihres Romans zu machen. Zum einen rückte damit einer der weniger bekannten Brüder Friedrichs, der einen großen Anteil am letzendlichen Sieg hatte, in den Vordergrund, zum anderen erlaubte es aber auch, die komplizierten Familienverhältnisse unter den Hohenzollern näher unter die Lupe zu nehmen. Tanja Kinkel hat sehr gut dazu recherchiert, im Nachwort beschreibt sie ihre Faszination für die Familie und die vielen Quellen, die sie für das Buch zu Rate zog.

Der Schutzumschlag in Gelb oder Sepiabraun, der sich auch im Farbschnitt fortsetzt, weist auf ein historisches Buch hin. Ich musste allerdings näher hinschauen, um das zu erkennen. In der Buchhandlung wäre es mir nicht direkt ins Auge gefallen.

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Der 1. Fall für ein neues Ermittlerteam

Die Chemie des Verbrechens - Die Fährte
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Dr. May Barven hat sich kürzlich als Strafverteidigerin selbstständig gemacht, nachdem sie zuvor und noch vor einem Jurastudium lange Jahre als DNA-Forensikerin gearbeitet hatte. Bisher sind es eher unbedeutende ...

Dr. May Barven hat sich kürzlich als Strafverteidigerin selbstständig gemacht, nachdem sie zuvor und noch vor einem Jurastudium lange Jahre als DNA-Forensikerin gearbeitet hatte. Bisher sind es eher unbedeutende kleine Mandate, die sie erringen konnte und sie träumt vom großen Durchbruch.
Da geht der Fall des Unternehmers Ruben Rickleffs durch die Presse. Seine DNA-Daten scheinen identisch mit denen eines Mörders zu sein, also ein idealer Fall für Dr. May Barven, an dem sie sich in ihren beiden Fachgebieten beweisen kann.
Ruben Rickleffs ist Chef eines Reiseportals, der darüber hinaus auch seinen Kunden anbietet, per DNA-Abgleich ihre ursprüngliche geografische Herkunft zu ermitteln. Unter dem Motto „Reisen Sie dahin, wo Ihre Ahnen herkommen“ hat er eine Lawine losgetreten und werbewirksam auch seine eigene DNA bestimmen lassen. Das wird ihm nun zum Verhängnis, denn seine DNA stimmt mit dem Erbgut aus einem Cold Case von vor 15 Jahren überein.
Ruben Rickleffs beteuert seine Unschuld. Er will nichts zu tun haben mit einem Fall, der in seine Jugendzeit hineinreicht. In Kirchwerder war damals ein junges Mädchen ermordet worden und an ihrem Schal fanden sich Spuren, die erst mit der neuen Technologie weiterverfolgt werden können.
Der Leser wandert zwischen der Jetzt-Zeit und dem Jahr 2007 hin und her und erfährt scheibchenweise, was sich damals zugetragen hat. Die später tot aufgefundene Ute war Teil einer Clique von jungen Leuten, die zusammen nach einem Fest noch in einer ehemaligen Gärtnerei abhingen. Am nächsten Morgen wurde sie von ihrer jüngeren Schwester Beate tot aufgefunden und der Vater hatte, bevor die Polizei eintraf, noch einen Schal seiner Tochter einstecken können. An diesem Schal wird später die Spur gefunden, die auf Ruben Rickleffs als Täter hindeutet.
Die Polizei hatte lange ermittelt, aber jeder der zuvor anwesenden jungen Leute hatte für die Tatnacht ein Alibi und so hatte der Mord nie aufgeklärt werden können.
May hat während einer Autofahrt aus dem Autoradio von der Anschuldigung erfahren und erfasst sofort, dass dieser Fall wie auf sie zugeschnitten ist. Tatsächlich gelingt es ihr, Ruben zu überzeugen, sie als seine Strafverteidigerin zu engagieren und das gegen namhafte Kanzleien aus Hamburg.
Zunächst einmal scheint alles gegen Ruben zu sprechen und er ist seiner Anwältin auch nicht sonderlich sympathisch. Er ist arrogant und gewohnt, alles mit Geld regeln zu können. Die Justiz lässt sich allerdings nicht korrumpieren und er muss in Untersuchungshaft.
Vorher konnte er noch seinen alten Freund und Detektiv Tarek anheuern, der seiner Anwältin zuarbeiten soll. Auch bei diesen beiden ist es alles andere als Sympathie auf den ersten Blick. Sie misstrauen einander und erst nach einiger Zeit und ersten positiven Ermittlungsergebnissen wächst das Vertrauen.
Als Leser hat man zunächst einmal das Gefühl, dass May sich mit dem Fall zu viel zugemutet hat. Manchmal wirkt sie unsicher, aber die Ablehnung und der Neid aus Kollegenkreisen lässt sie an sich selber wachsen. Sicherheit gibt ihr die eigene Familie, ihr Mann Adrian nimmt ihr tatsächlich ganz oft die Hausarbeit und die Kinder ab, so dass sie sich ganz auf den Fall konzentrieren kann, der, je weiter er voranschreitet, auch immer mehr Zeit beansprucht.
Als Leser lernt man eine ganze Menge über DNA-Abgleiche und ihre Aussagekraft. So reicht es nicht, wenn nur einzelne Loki übereinstimmen, die Analysemethoden sind mit der Zeit immer ausgereifter geworden.
Der Fall ist durchgehend spannend und der Leser schwankt hin und her zwischen verschiedenen Verdächtigen. Der medizinische Hintergrund ist ein weiteres Add-on, welches dem Fall zusätzliche Spannung verleiht.
Wir erleben aber auch die Entwicklung der Protagonisten während der Ermittlungen und ersten Gerichtsstage. War May am Anfang noch eher unbedarft, und gelang es ihr nicht, ihren Klienten aus der Untersuchungshaft herauszuholen, so ist ihr Opening Statement schon deutlich überzeugender. Sie muss sich gegen einen voreingenommenen Richter und eine Verteidigung durchsetzen, die ihr Urteil bereits gefällt haben und da bedarf es eines perfekten Auftritts und Statements.
Aber auch der arrogante Ruben reift im Gefängnis. Er muss erkennen, dass nicht alles mit Geld zu bezahlen ist und reagiert empathisch auf die Schilderung der Eltern, wie sie den Tod ihrer Tochter empfunden haben.
Tarek war eigentlich von Anfang an auch für May eine gute Unterstützung. Ihr anfängliches Misstrauen wandelt sich im Laufe der Ermittlungen in eine sehr gute und hilfreiche Kooperation.
Das Buch soll der erste Band einer neuen Serie sein und schon jetzt ist abzusehen, dass die Protogonisten aus Band 1 auch in weiteren Bänden wieder eine Rolle spielen könnten.
Ganz kleine Einschränkungen ergeben sich durch Lektoratsfehler bzw. -versäumnisse, dass hin und wieder die Namen verwechselt werden oder der gleiche Richter unter zwei unterschiedlichen Namen geführt wird. Das könnte man in einer zweiten Auflage noch korrigieren.

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