Geheimtipp aus der Pfalz
Ein alter Winzer wird übel zugerichtet unter seinem Traubenvollernter gefunden. Kurz später wird im gleichen Dorf ein Polizist überfahren. Kann es sich hier um Zufall handeln? Das Dorf Nussdorf ist nicht ...
Ein alter Winzer wird übel zugerichtet unter seinem Traubenvollernter gefunden. Kurz später wird im gleichen Dorf ein Polizist überfahren. Kann es sich hier um Zufall handeln? Das Dorf Nussdorf ist nicht gerade der Hotspot der Gewaltverbrechen, dennoch beginnen Kommissar Frank Achill und seine Kollegin Verena Bertling mit ersten Nachforschungen, vor allem nachdem bei beiden Toten Einstichstellen gefunden wurden.
Allerdings hat das Kommissariat Rheinpfalz einen neuen Oberstaatsanwalt, der sich in die Ermittlungen einmischt und die beiden Kommissare an die Kette legt. So bleibt Achill und Bertling nichts weiter übrig, als ihre Freunde und Hobby-Ermittler André Sartorius und seine Mitbewohnerin Irina Worobjowa um Unterstützung zu bitten.
Das allerdings hat für Irina ungeahnte Konsequenzen.
Ittensohns Krimis spielen in Speyer und der Südpfalz und der Wein spielt fast immer eine herausragende Rolle. Der Autor ist außerdem Wein- und Kulturbotschafter, er versteht also etwas vom Wein und das bringt er in seinen Büchern auch zum Ausdruck.
Hier geht die Handlung allerdings weit über das Winzermilieu hinaus. Ittensohn thematisiert z. B. die Veränderungen, manchmal sogar den Generalverdacht, den russische Staatsbürger seit dem Überfall Putins auf die Ukraine bei ihren deutschen Mitbürgern erleben. Hierunter hat vor allem Irina zu leiden, die in die Fänge der Justiz gerät. Eine parallele Handlung, die im Schwarzen Meer ihren Anfang nimmt, zeigt allerdings, dass Misstrauen auch angezeigt sein kann.
Thema sind außerdem die Ölvorkommen der Südpfalz, die eigentlich weitestgehend erschöpft sind, aber doch noch manchen Umweltschützer auf die Barrikaden rufen. Die Angst vor Fracking treibt auch die Biowinzer um.
Ich hatte bisher den Folgeband „Winzerkrieg“ gelesen, bin also in der falschen Reihenfolge unterwegs. Man kommt als Quereinsteiger jederzeit problemlos in die jeweilige Geschichte hinein. Es gibt zwar hin und wieder Verweise auf Vorgängerbände, aber das stört den Lesefluss nicht und beeinträchtigt auch nicht das Verständnis.
Ittensohn greift regionale Bezüge auf, so wird der Protest der Winzer zu einem Bauernkrieg 2.0, der erste fand 1525 statt.
Die Scheingefechte zwischen André und Irina lockern den Lesefluss auf und sind sowieso nur Ausdruck ihrer großen Zuneigung zueinander.
Viele Perspektivenwechsel erhöhen die Spannung. Gerade zum Schluss hin wechselt die Handlung von einem Schauplatz zum anderen, auch zeitlich erleben wir Sprünge vor und zurück und von einem Protagonisten zum anderen.
Die Juristerei spielte in diesem Band eine stärkere Rolle als im Folgeband, was aber auch dem Auftreten des dominanten Oberstaatsanwalts geschuldet war. Mir war relativ schnell klar, wo der Schuldige zu finden war, schwierig wurde es aber, ihm die Tat auch nachzuweisen. Es ging auch um juristische Kniffe und mit welchen Argumenten man sich aus der Verantwortung stehlen kann. So fieberte der Leser bis zum Schluss mit, ob der Gerechtigkeit Genüge getan werden kann.
Den "Geheimtipp" aus der Pfalz empfehle ich mit voller Punktzahl gerne weiter