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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.09.2017

Hat was von »Das Schicksal ist ein mieser Verräter«.

Mein bester letzter Sommer
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»Mein bester letzter Sommer« ist ein Roman, der meines Erachtens schon seit seiner Erscheinung so gehyped worden ist, wahrscheinlich ähnlich wie »Das Schicksal ist ein mieser Verräter«. Und genauso wie ...

»Mein bester letzter Sommer« ist ein Roman, der meines Erachtens schon seit seiner Erscheinung so gehyped worden ist, wahrscheinlich ähnlich wie »Das Schicksal ist ein mieser Verräter«. Und genauso wie in John Greens Geschichte geht es hier um zwei Jugendliche, die nur begrenzt lange Zeit miteinander verbringen können. Einer von den zweien stirbt nämlich schon bald. In diesem Buch ist es Tessa. Und ich finde, das lässt die Protagonistin uns Leser auch ständig wissen: so oft und teilweise makaber, dass es mir persönlich zu viel war. Das ist der Grund, weshalb Tessa mir anfangs eher unsympathisch war: sie spricht mir zu häufig völlig emotionslos über ihren Tod, übers Sterben im Allgemeinen und macht schlechte Scherze darüber. Galgenhumor würde man das nennen. - Ist nicht ganz das, worauf ich stehe.

Bis ca. Seite 100 hat man auch nicht gewusst, was eigentlich mit Tessa los ist. Dass irgendwas mit ihrem Herzen nicht stimmt und sie deswegen wohl bald das Zeitliche segnen wird, stand da, nichts aber von einer genauen Diagnose, unter der man sich mehr vorstellen hätte können. Erst dann hat man erfahren, dass ihr Herz seit ihrer Geburt "ein Loch" hat und ihre Lungenschlagader fehlt, aber den genauen Grund, warum sie denn gerade jetzt sterben soll/wird, hat man bis zum Schluss nicht herauslesen können.

~ Ich liebe alles an ihm, aber am meisten liebe ich, wie lebendig ich mit ihm bin. Und wie oft er mich vergessen lässt, dass ich es nicht mehr lange sein werde. ~
(S. 271)

OSKAR, DER PERFEKTE OSKAR

Und dann, in der wahrlich ungünstigsten Zeit ihres Lebens, taucht plötzlich dieser Junge auf, Oskar.
Allein dieses erste einander Erblicken und Ansehen wird schon so unwirklich magisch beschrieben, dass ich mir bereits da gedacht habe, dass die weiteren Situationen mit Oskar nur ähnlich kitschig ablaufen können. Großteils war dem dann auch so ...
In Tessas Augen ist Oskar ein Gott, ein übermenschliches Wesen. Sie glorifiziert ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Deshalb, und weil ihr ja auch bewusst ist, dass ihre Tage hier auf Erden gezählt sind, ist sie wahrscheinlich auch so nachdenklich, verkrampft und eifersüchtig. Auf diese Weise verkompliziert sie leider alles. Man fragt sich manchmal wirklich, warum Oskar sich das mit ihr "antut".

Meine Rezension liest sich bisher wahrscheinlich eher wenig begeistert. Zur Verteidigung der Geschichte muss man aber auch betonen, dass »Mein bester letzter Sommer« als Jugendbuch ab 14 Jahren ausgewiesen ist und ich finde, genau so wirkt es auch: Ein bisschen zu romantisch und zu perfekt um wahr zu sein. Jugendliche, die verliebt sind (in Tessas Fall sogar zum ersten Mal!), haben eben manchmal diesen Blick auf den Stand der Dinge, denke ich. Ich glaube, das hat Anne Freytag ganz gut eingefangen.

~ Ich dachte, ich gehe als unbeschriebenes Blatt, aber das werde ich nicht. Oskar hat Spuren hinterlassen. Seine Gefühle in meinem Herzen, seine Stimme in meinem Kopf und seine Hände auf meiner Haut. Ich glaube, ich habe es verstanden. Liebe ist genug. Und ich wurde geliebt. ~
(S. 350)

Aber außerdem enthält diese Geschichte eine wunderschöne Botschaft. Je mehr Zeit die beiden gemeinsam auf ihrem Roadtrip durch Italien verstreichen lassen (und es ist wirklich nicht viel Zeit), desto mehr kann man auch die Veränderung in Tessa beobachten. Ihr Tod naht und sie versteht immer mehr die Bedeutung des Lebens und versucht das auch in ihr noch vorhandenes Leben zu integrieren. Das fand ich wirklich schön: dass Tessa letztlich verstanden hat, worum es geht und sie das glücklich gemacht hat.
Die letzten Seiten fand ich sehr berührend, sie haben mich schlussendlich doch noch mit der Geschichte versöhnt und mich etwas traurig zurückgelassen.

Wer über meine Kritikpunkte hinwegsehen will und kann, sollte sich dieses Buch gönnen. Die letzten Seiten und die schöne Botschaft darin (Worum es im Leben wirklich geht!) sind die Lektüre auf jeden Fall wert.

Veröffentlicht am 27.08.2017

Eine Medizin gegen Krieg?

Ich rette die Welt - aber erst mal eine rauchen
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Der Buchtitel klingt erst mal ganz witzig und lässt auf einen unterhaltsamen Inhalt schließen, dass dem aber gar nicht so ist, hätte ich mir eigentlich schon nach dem Lesen der Buchrückseite denken können ...

Der Buchtitel klingt erst mal ganz witzig und lässt auf einen unterhaltsamen Inhalt schließen, dass dem aber gar nicht so ist, hätte ich mir eigentlich schon nach dem Lesen der Buchrückseite denken können ... Wenn es um Krieg mit all seinen unschönen Facetten und Folgen geht, hat man meist nicht viel zu lachen. Auch in vorliegendem Buch ist das nicht der Fall, eher regt es zum Nachdenken an und führt dazu, unserer aktuellen, relativ sicheren, Lebenssituation mehr Beachtung zu schenken und sie wertzuschätzen.

Lea, die Protagonistin in diesem Buch, ist eine hoffnungslos optimistische Pessimistin, eine Kriegsreporterin in Syrien. Unterwegs ist sie mit Nathan, einem Kriegsfotografen und von den Medien so betitelten "Immortal War Baby". Zusammen reisen sie (oftmals rauchend) durch das als immer wieder so wunderschön beschriebene Land Syrien und berichten schriftlich und visuell von den Schrecken des Bürgerkrieges. Dass diese Reise sehr gefährlich ist, lässt die Autorin in den verschiedensten Szenen häufig durchkommen.

~ Was stimmt nicht mit mir, dass ich mich von einem Ort angezogen fühle, vor dem alle flüchten? ~
(S. 41)

Als einen seicht zu lesenden Roman darf man sich »Ich rette die Welt - aber erst mal eine rauchen« bitte nicht vorstellen. Es geht sehr viel um das Zwischenmenschliche in allen Belangen, es geht um die politische Lage, um das Kriegsgewirr, um die Tiefgründigkeit von Gefühlen wie die Liebe und nicht zuletzt um die Wahrheit. Dass ich in solch einem Buch zitatemäßig voll auf meine Kosten gekommen bin, ist klar. Ich war wirklich begeistert von all dem Tiefsinn, von dem dieser Roman durchzogen ist.

Ich mochte beide Protagonisten sehr gerne. Lea und Nathan sind keine gewöhnlichen Menschen, die ein 08/15-Leben führen, sie beschäftigen sich lieber mit für die gesamte Menschheit wirklich wichtigen Dingen. Sie wälzen Gedanken, führen Diskussionen und philosophieren über Themen, die von Bedeutung für jedermann sind. Von Zeit zu Zeit wundert man sich nur über Nathans fast schon unheimliche Menschenkenntnis. Aber genau das ist auch das Faszinierende an ihm und vermutlich außerdem der Grund, weswegen Lea ihm so verfallen ist.

~ »Wenn ich etwas im Leben gelernt habe, dann dass Menschen nicht durch Hunger und Waffen sterben - sie verhungern und verbluten aufgrund von Gleichgültigkeit!« ~
(S. 185)

Die eine oder andere Szene ist wahnsinnig schockierend, die Beschreibungen sind mitreißend und die Atmosphäre zu großen Teilen drückend, aber auch von einer gewissen Hoffnung durchzogen. Im Großen und Ganzen eine Mischung, die mich außerordentlich fesseln konnte.
Für dieses wertvolle und tiefgreifende Stück Literatur gibt es von mir begeisterte 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung an alle!

Veröffentlicht am 14.08.2017

Gibt es immer nur DIE EINE Wahrheit?

Die einzige Wahrheit
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Oder kann es nicht auch sein, dass jeder seine eigene gültige Wahrheit hat, geprägt durch die subjektive Wahrnehmung? - Genau diese Frage stellt in Jodi Picoults »Die einzige Wahrheit« das Zentralthema ...

Oder kann es nicht auch sein, dass jeder seine eigene gültige Wahrheit hat, geprägt durch die subjektive Wahrnehmung? - Genau diese Frage stellt in Jodi Picoults »Die einzige Wahrheit« das Zentralthema dar.

Die Autorin hat sich für diese Thematik ein ganz besonderes Setting mit Buchfiguren, von denen man wahrscheinlich noch nicht so viel gelesen oder gehört hat, ausgedacht. Es geht um eine Amisch-Farm im US-Bundesstaat Pennsylvania, in der die junge unverheiratete Katie ein Baby zur Welt gebracht und es getötet haben soll. In weiterer Folge taucht dann noch Ellie, eine erfolgreiche Anwältin, auf, um für Katie die Verteidigung zu übernehmen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dieser Fall ist insofern bemerkenswert, weil Amische unter den "Englischen" eine ganz besondere Stellung einnehmen: Sie gelten sozusagen als heilig. Niemand würde annehmen, dass jemand aus dieser Gemeinde zu so einer Straftat fähig wäre, insbesondere keine so unschuldig wirkende 18-Jährige wie Katie.

~ Ihre Gemeinde lebte unauffällig inmitten der normalen Welt, wie eine kleine Luftblase, unberührt von allem anderen. ~
(S. 14)

Allein diese Umstände haben mich schon wahnsinnig neugierig auf den Verlauf der Geschichte gemacht!
Begonnen hat das Ganze schon sehr spannend: Man erlebt mit Katie die Geburt ihres Babys mit und erfährt ebenso ihre anschließende Bewusstlosigkeit. Nach ihrem Erwachen ist das Baby verschwunden ...
Was ist in der Zwischenzeit passiert? Hat Katie dissoziiert? Hat sie sich das alles nur eingebildet? Wurden ihre Gebete erhört und hat Gott alles wieder in Ordnung gebracht?

~ Man sieht nur das, was man sehen will. ~
(S. 344)

Für mich war es anfangs sehr schwer, mich in Katie hineinzuversetzen, da mir die amische Lebensweise ja völlig fremd ist. Bevor ich mir nicht den Wikipedia-Artikel über diese Leute durchgelesen habe, ist mir das also ziemlich schwer gefallen. Die 18-jährige Katie kam mir lange so vor wie ein kleines naives Mädchen, das unglaublicherweise das absolut Offensichtliche leugnet - und das trotz all der erdrückenden Beweise. Dazu dachte ich mir erst: Ignoranz in seinem vollen Ausmaß! - Das kann doch nur dazu führen, dass all die Leute glauben werden, sie sei psychisch nicht ganz auf der Höhe. Oder nicht?

~ Wenn man sich an etwas nicht erinnerte, lag das daran, dass es nie passiert war? Oder daran, dass man sich wünschte, es wäre nie passiert? ~
(S. 238)

Erst später, im weiteren Verlauf, konnte ich Verständnis für die junge Frau entwickeln. Ich fand die Entwicklung, Aufklärung und schlussendlich auch die Lösung echt gut durchdacht und schlüssig sowieso. Picoult hat es hier, im Gegensatz zu ein paar ihrer anderen Werke, echt geschafft, die Spannung dauerhaft hoch zu halten und immer wieder neue Fragezeichen bei mir entstehen zu lassen.

Besonders interessiert hat mich die Sprache der Amischen, die teilweise immer wieder in die Gespräche mit eingeflossen ist. Die Amischen reden kein reines Englisch, es ist eher so eine Mischung aus Deutsch und Englisch und nennt sich Deitsch.
Was ich am Anfang als schwierig empfunden habe, war, mir so viele Namen merken zu müssen, denn man wird in meinen Augen zu Beginn regelrecht erschlagen davon und läuft deswegen Gefahr, Buchfiguren zu verwechseln.

~ Wenn du einen Fehler machst und bereust, wird dir vergeben. Du wirst mit offenen Armen wieder aufgenommen. Wenn du lügst und immer weiter lügst, gibt es keinen Platz mehr für dich. ~
(S. 272)

Alles in allem bin ich aber hochzufrieden mit der Geschichte gewesen. Die brisante Thematik und die für mich ganz neuen Informationen über die Amisch-Gemeinde haben mich gut beschäftigt und unterhalten. Meiner Meinung nach also definitiv eine Empfehlung wert!

Veröffentlicht am 12.08.2017

Rationalisierung emotionaler Handlungen

Homo faber
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Walter Faber, der Protagonist dieses Buches, ist ein durch und durch sachlicher und rational denkender Mann, der zwar mit Gefühlen nichts großartig anfangen kann, mit Maschinen und Technik dafür umso mehr. ...

Walter Faber, der Protagonist dieses Buches, ist ein durch und durch sachlicher und rational denkender Mann, der zwar mit Gefühlen nichts großartig anfangen kann, mit Maschinen und Technik dafür umso mehr. Mit Frauen hat er's deswegen besonders schwer, da diese doch oft ausschließlich in ihrer Gefühlswelt leben und mit seiner Sachlichkeit nicht umgehen können.
In dieser durch einen unglaublichen Zufall geprägten Geschichte trifft Mr. Faber auf seinen Reisen eine junge Frau, in die er sich nicht nur verliebt, sondern von der er schon bald sogar herausfindet, dass sie seine eigene Tochter ist. Und ab dem Moment beginnt das Schlamassel. Oder anders ausgedrückt: die wichtigste und mit Sinn gefüllteste Zeit seines restlichen Lebens, die dennoch nicht ohne Probleme und Katastrophen auskommt.

~ Ich bin nicht zynisch. Ich bin nur, was Frauen nicht vertragen, durchaus sachlich. ~
(S. 91)

Geschrieben wurde »Homo faber« von Max Frisch in den 1950ern, und ich finde, genau das merkt man auch ganz deutlich an der Schreib- bzw. Ausdrucksweise des Autors: Viele alte, heute nicht mehr gebräuchliche Wörter und Ausdrücke sind hierin zu finden und lassen dadurch das typische Klassiker-Feeling aufkommen.

Walter Faber berichtet in Form eines Tagebuchs von der Zeit mit seiner Jugendliebe Hanna, von seinem Dasein danach, den Frauen, die anschließend Teil seines Lebens waren und natürlich auch der Jetzt-Zeit, in der er viel herumreist und schlussendlich seine nie gekannte Tochter kennenlernt.
Während der gesamten Zeit des Lesens, so hatte ich das Gefühl, ist es mir schwer gefallen "am Ball zu bleiben". Phasenweise fand ich Fabers Bericht anstrengend, bin hin und wieder also auch abgeschweift. - Was ich natürlich nicht wollte, trotzdem konnte ich manchmal dem vielen Blabla über Technik und dem ganzen Gedenke, das mir oftmals wie ein Zerdenken vorgekommen ist, nicht folgen. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin und mir so ein bisschen der Zugang zur typisch männlichen Rationalität fehlt? - Ich weiß es nicht.
Jedenfalls besteht der Bericht, besonders vermehrt zum Ende hin, aus vielen sehr kurzen Sätzen, die mir das Lesen zusätzlich erschwert bzw. meinen Lesefluss gestört haben.

~ Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. ~
(S. 24)

Das, worum es geht, Fabers Schicksal/seine Geschichte, fand ich hingegen gar nicht mal so uninteressant. Auch die Veränderung seiner Person, die sich sogar im Schreibstil ein wenig niederschlägt, war deutlich erkennbar und sollte an dieser Stelle noch hervorgehoben werden.
Dies war mein erster Max Frisch und ich bin mir auch noch nicht so ganz sicher, ob es beizeiten einen weiteren für mich geben wird. Von diesem Klassiker, von dem ich eigentlich viel erwartet habe, bin ich nämlich leider etwas enttäuscht worden. Vielleicht war es auch einfach die falsche Zeit, in der ich mir das Buch zu Gemüte geführt habe?

Veröffentlicht am 06.08.2017

Überflüssige Menschen?

Selfies
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»Selfies«, der 7. Fall für Carl Mørck und sein Team vom Sonderdezernat Q (Assad, Rose und Gordon), hat mich, um ehrlich zu sein, nicht komplett von den Socken gehauen.
Der Autor hat in der Vergangenheit ...

»Selfies«, der 7. Fall für Carl Mørck und sein Team vom Sonderdezernat Q (Assad, Rose und Gordon), hat mich, um ehrlich zu sein, nicht komplett von den Socken gehauen.
Der Autor hat in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt, dass er ein Händchen bei der Kreierung absonderlicher Charaktere und kranker Persönlichkeiten hat. Auch in vorliegendem Buch hat er diesbezüglich wieder ganze Arbeit geleistet. Denn nicht nur einmal habe ich mich gefragt: »Sind denn hier alle des Wahnsinns?«. Besonders die Buchfiguren, die ausschließlich in diesem Band auftauchen, haben alle (mehr oder weniger) einen an der Waffel. - In meinen Augen ein wenig zu viel der Wahnsinnigen.

Zum einen gibt es hier die Sozialarbeiterin Anneli, die normalerweise die Wohlanständigkeit in Person ist, sich andererseits aber auch einen irren Plan zur "Reinigung" der Gesellschaft ausgedacht hat, den sie nicht müde ist, in die Tat umzusetzen. Schließlich hat sie ja auch nicht mehr viel zu verlieren - mit ihrer Krebserkrankung ... - Erinnert hat mich ihr Vorhaben ganz stark an das Horror-Buch »Population Zero« von Wrath James White. Die Idee ist gut und schafft Aufmerksamkeit - keine Frage - ich fand lediglich die Umsetzung bzw. die Herangehensweise, die die Täterin gewählt hat, um ihre Opfer um die Ecke zu bringen, etwas fad. Da hat sich Adler-Olsen wohl ein bisschen zu sehr ein Beispiel am Tathergang von Band 6 (Verheissung) genommen ... Schade.

~ Was zum Teufel bedeuteten ein paar Morde an Sozialschmarotzern verglichen mit dem Mord am Ruf einer ganzen Nation! ~
(S. 149)

Ganz zu Beginn des Buches lernen wir eine Großmutter kennen, die ebenfalls alles andere als gutmütig ist. Omis kennt man in der Regel ja nur als herzengute Wesen, die ihren Enkeln jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Das großmütterliche Wesen in »Selfies« ist hingegen eine Dame, die sich eher mit einer Giftspritze vergleichen lässt. - Einfach eine provokante, abwertende und erniedrigende Person, mit der man am liebsten nichts zu tun haben möchte. Dass die Alte wegen ihren Charakterzügen (durch Nachhilfe) schon bald das Zeitliche segnet, war (für mich) schon beinahe zu erwarten gewesen.
Von den anderen eigensinnigen Gestalten in diesem Fall möchte ich gar nicht erst beginnen, das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen.

Warum ich hier so offen über ein paar der Charaktere schreibe? Weil ich eben finde, dass der Fokus im Buch sehr stark auf den einzelnen Protagonisten liegt und ich das gerne verdeutlichen möchte. Also, der 7. Band wird, wie auch seine Vorgänger, aus mehreren Sichtweisen erzählt. Ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergessen, aber ich denke, dass sind alle Buchfiguren, aus deren Sicht man abwechselnd lesen kann: Carl, Rose, die Sozialarbeiterin Anneli und Denise, eine ihrer Klientinnen.

Anders als in anderen Thrillern oder Krimis, ist hier von Anfang klar, wer aller eine gestörte Persönlichkeit aufweist bzw. wer es aufs Morden abgesehen hat. Wir begleiten den Täter ja sogar bei seinen Handlungen, haben Einblick in seine Gedankenwelt und können so außerdem ein wenig verstehen, warum er auf diese Art versucht, seine Angelegenheiten zu regeln. Wir schlüpfen also quasi direkt in seine kranke Rolle. - Manchen gefällt das, manchen nicht. Ist Geschmackssache. Ich finde, das und das hat seine Vor- und Nachteile. Auf diese Weise war es vielleicht nicht ganz so spannend, wie ich mir das für ein Buch, das als Thriller ausgewiesen wird, wünschen würde.

~ »Das ist wie bei den Kamelen. Keiner hat die leiseste Ahnung, warum sie tun, was sie tun.«
»Ich weiß nicht, ob mir der Vergleich gefällt, Assad.«
»Das liegt daran, dass du Kamele nicht genügend respektierst, Carl. Dabei sind sie es, die uns Menschen heil durch die Wüste bringen, vergiss das nicht.« ~

(S. 146)

Unser guter Assad, der mit seinen häufigen Wortverdrehern oder Aussagen (über Kamele), vor allem in den vorherigen Bänden, für den starken Gebrauch der Lachmuskeln gesorgt hat, war mir im 7. Band leider etwas zu unwitzig bzw. war seine Witzigkeit nicht ganz so stark ausgeprägt wie sonst immer.

Der "Mord" an Roses Persönlichkeit

Und zum Schluss möchte ich gerne noch kurz etwas zu Rose sagen. Auf der Buchrückseite steht, dass Roses Geheimnis dunkler ist, als alles, was das Sonderdezernat Q bislang erlebt hat. - Klar, so eine Aussage macht natürlich wahnsinnig neugierig, aber man erwartet dadurch eben auch viel ... das meiner Ansicht nach nicht ganz erfüllt wird. Dass mit Rose "etwas nicht stimmt" weiß man ja schon aus den vorherigen Bänden. In »Selfies« werden wir über ihre Eigenartigkeit nun endlich (nach und nach) aufgeklärt und können diese auch verstehen. Soooo dunkel, wie man das erwarten würde, finde ich Roses "Geheimnis" allerdings nicht. Ein bisschen übertrieben finde ich den Satz auf der Buchrückseite also schon.

Alles in allem war ich zufrieden mit dem neuen Sonderdezernat Q - Band. Spannung war ausreichend vorhanden, hätte für meinen Geschmack jedoch ruhig noch mehr sein können. Die wahnsinnigen Buchfiguren waren mir einen Ticken zu viel, ansonsten bin ich mit der Charakterskizzierung mehr als glücklich gewesen. Adler-Olsen hat es echt drauf, was die Besonderheiten und den Wiedererkennungswert seiner Protagonisten betrifft. Die Idee/der Grundgedanke des Buches und die verschiedenen Baustellen, die nach und nach ein gemeinsames Bild ergeben, fand ich ebenfalls großartig. Nur die Umsetzung, wie oben schon erwähnt, fand ich ein wenig einfallslos, da es diesbezüglich Ähnlichkeiten zum 6. Band gibt.