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Veröffentlicht am 24.01.2026

✎ Francis Kaiser - Wilmo

Wilmo
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Ich sehe „Wilmo - Ein Bilderbuch über Depression in der Familie“ von Francis Kaiser als einen Versuch, einem Thema, das in vielen Familien präsent ist, ein greifbares Gesicht zu geben. Erzählt wird aus ...

Ich sehe „Wilmo - Ein Bilderbuch über Depression in der Familie“ von Francis Kaiser als einen Versuch, einem Thema, das in vielen Familien präsent ist, ein greifbares Gesicht zu geben. Erzählt wird aus der Perspektive des jüngsten Kindes einer Familie, in der die Mutter an einer Depression erkrankt ist. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Es macht sichtbar, was im Alltag oft verschwiegen wird, obwohl Kinder es längst spüren. Vertraute Abläufe brechen weg, Nähe verändert sich, und zurück bleiben Fragen, für die es keine Worte gibt.

Die Geschichte fängt diese kindliche Verunsicherung ein, ohne sie zu beschönigen. Gedanken, die sich viele Kinder machen, werden aufgegriffen und ernst genommen. Mit „Wilmo“ findet die Erkrankung eine bildhafte Gestalt, die erklärbar macht, was sonst diffus und beängstigend bleibt. Depression wird nicht vereinfacht, aber so übersetzt, dass Kinder verstehen können, was passiert - und vor allem, dass sie keine Schuld tragen. Diese Perspektive entlastet und ordnet Gefühle, die sonst namenlos bleiben würden.

Über die eigentliche Erzählung hinaus öffnet das Buch den Blick für das, was Familien konkret brauchen. Umfangreiche Zusatzmaterialien richten sich an Eltern, Angehörige und Fachkräfte und gehen auf die Begleitung unterschiedlicher Altersstufen ein. Dadurch wird „Wilmo“ mehr als ein Bilderbuch: Es wird zu einem Werkzeug, das hilft, Gespräche zu führen und Handlungsspielräume zu erkennen, statt hilflos zu schweigen.

Besonders deutlich wird dabei eine Haltung, die vielen Familien fehlt: Kinder nicht zu vertrösten, nicht zu schützen, indem man ihnen die Wahrheit vorenthält, sondern sie einzubeziehen. Dieses Buch schlägt eine Brücke zwischen kindlicher Wahrnehmung und der oft schwer greifbaren Realität psychischer Erkrankungen - eine Brücke, die längst überfällig ist.

Wer „Wilmo“ liest, bekommt keine distanzierte Fachlektüre, sondern eine emotionale Geschichte, die zeigt, wie leise und gleichzeitig tief Depressionen Familien prägen. Das Buch lädt dazu ein, Scham zu durchbrechen und Sprache zu finden, wo sonst Schweigen herrscht. Enttabuisierung beginnt hier nicht abstrakt, sondern im Alltag, bei den Jüngsten - und bei den Menschen, die Verantwortung für sie tragen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 22.01.2026

✎ Lilli Tollkien - Mit beiden Händen den Himmel stützen

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Vor mir liegt „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, ein autofiktiver Roman, er sich in meinem Kopf wie ein schwerer Stein festgesetzt hat. Nicht, weil er laut wäre, sondern weil er ...

Vor mir liegt „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, ein autofiktiver Roman, er sich in meinem Kopf wie ein schwerer Stein festgesetzt hat. Nicht, weil er laut wäre, sondern weil er unter die Haut geht. Dieses Buch erzählt von einer Kindheit im Chaos, von einem Mädchen, das in einer Berliner Kommune der 80er Jahre aufwächst, wo politische Träume, wilde Partys und ein stetes Gefühl von Freiheit durch permanente Grenzüberschreitungen begleitet werden.

Die Geschichte spart nichts aus. Verbale und psychische Gewalt, sexualisierte Übergriffe an Kindern, Alkohol- und Drogenmissbrauch gehören ebenso dazu wie die Schattenseiten eines Lebens, das nach außen frei wirkt, im Inneren jedoch Halt vermissen lässt. Wer zu diesem Buch greift, sollte sich dessen bewusst sein.

Von der ersten Seite an hat mich die Intensität der Sprache gepackt. Mareike Fallwickl bringt es treffend auf den Punkt: »Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt - und gerade deshalb lesen muss.« Ich habe das Buch nicht einfach gelesen, ich habe es ausgehalten. Abends bin ich darüber eingeschlafen, nur um am nächsten Tag weiterzumachen, weil ich wissen wollte, ob Lale einen Weg für sich findet.

Dabei ist es keine Lektüre, die man verschlingt - und doch konnte ich mich ihr kaum entziehen. Starker Ausdruck, authentische, verletzliche Figuren und eine intensive Auseinandersetzung mit einer Kindheit, die alles andere als behütet verläuft. Die Erlebnisse sind kompromisslos und lassen kaum Raum für eine gemütliche Lektüre. Genau das macht dieses Buch aus, aber zugleich fordert es von uns Lesenden eine stabile Verfassung.

Besonders berührt hat mich, wie real sich alles anfühlt. Immer wieder war ich wütend: auf Erwachsene, die wegsehen, auf Strukturen, die versagen, auf ein Umfeld, das ein Kind alleinlässt. Gleichzeitig empfand ich tiefes Mitgefühl für Lale, deren Suche nach Geborgenheit von Anfang an unter schlechten Vorzeichen steht. Unweigerlich stellen sich Fragen: Warum fällt niemandem ihr Leid auf? Wie kann ein Kind in einem Umfeld überleben, in dem Grenzen verschwimmen und Verantwortung diffus bleibt? Diese Fragen sind unangenehm, weil sie eine Realität spiegeln, die es noch immer gibt.

Zwar blitzt zwischendurch Hoffnung auf, etwa durch die Schule, die Lale kurzzeitig Halt verspricht, doch auch sie bleibt nicht von Dauer. Stattdessen rutschen Drogen, falsche Nähe und das ständige Ringen um Selbstwert in den Mittelpunkt. Die Geschichte wird dadurch mehr als eine persönliche Erzählung - sie hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor.

In dieser Schonungslosigkeit erinnerte mich das Buch stark an Jeannette Walls’ „Schloss aus Glas“. Nicht nur wegen des autobiografischen Flairs, sondern weil beide Texte zeigen, wie dünn der Grat zwischen Überleben und Zerbrechen sein kann.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Leben selbst die härtesten Geschichten schreibt. Ungefiltert, schmerzhaft und zugleich durchzogen von einer tiefen Sehnsucht nach Liebe und einem Ort, den man Zuhause nennen kann. Genau deshalb lässt mich dieses Buch nicht los - und wird noch lange in mir nachhallen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 20.01.2026

✎ Michael Gantenberg - Neu-Erscheinung

Neu-Erscheinung
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„Neu-Erscheinung“ von Michael Gantenberg war einer dieser SuB-Titel, die still Staub ansetzen und ohne äußeren Impuls wohl nie geöffnet worden wären. Weder Thema noch Humorversprechen trafen meinen Geschmack, ...

„Neu-Erscheinung“ von Michael Gantenberg war einer dieser SuB-Titel, die still Staub ansetzen und ohne äußeren Impuls wohl nie geöffnet worden wären. Weder Thema noch Humorversprechen trafen meinen Geschmack, entsprechend niedrig lag meine Erwartungshaltung.

Der Einstieg überraschte mich positiv. Trotz aller Skepsis fühlte ich mich zunächst gut unterhalten, einzelne Passagen funktionierten, manche Pointe saß sogar. Für einen Moment dachte ich, das könnte besser werden als erwartet. Dieses Gefühl hielt jedoch nicht an.

Nach dem Anfang verlor der Text zunehmend an Zug. Längere Abschnitte wirkten zäh, ohne Entwicklung, ohne echten Sog. Mehr als einmal spielte ich mit dem Gedanken, das Buch einfach liegen zu lassen. Dass ich dennoch bis zum Ende gelesen habe, lag weniger an innerem Antrieb als an der Hoffnung, dass sich die begonnenen Erzählansätze noch lohnen würden.

Genau diese Hoffnung wurde enttäuscht. Der Autor eröffnet Handlungsstränge, verfolgt sie aber nicht konsequent weiter. Fragen bleiben offen, Andeutungen verlaufen im Nichts. Statt eines runden Abschlusses entsteht das Gefühl, dass Erwartungen geweckt, aber nicht ernst genommen wurden.

Besonders schwach bleiben die Figuren. Nach dem Zuklappen bleibt keine von ihnen haften. Keine Kontur, keine Eigenheit, nichts, woran man sich erinnern möchte. Sie wirken austauschbar und beliebig, was der Geschichte zusätzlich Gewicht und emotionale Bindung nimmt.

Der Humor ist deutlich vorhanden, aber sehr spezifisch. Wer diesen Ton trifft, wird einzelne Szenen mögen. Für mich blieb es bei vereinzeltem Schmunzeln ohne nachhaltige Wirkung.

Am Ende bleibt es ein Buch, das man lesen kann, aber nicht lesen muss. Eine einmalige Erfahrung ohne Nachhall, ohne den Wunsch nach Wiederholung oder Empfehlung. Dafür fehlt es an Konsequenz, Tiefe und erzählerischer Verbindlichkeit.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 20.01.2026

✎ Astrid Lindgren - Lustiges Bullerbü

Lustiges Bullerbü
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Ich bin spät bei Astrid Lindgren gelandet. Erst im letzten Jahr habe ich mit „Ronja Räubertochter“ mein erstes Buch von ihr gelesen, zwei weitere warten noch ungelesen. Vorgelesen wurde mir Lindgren als ...

Ich bin spät bei Astrid Lindgren gelandet. Erst im letzten Jahr habe ich mit „Ronja Räubertochter“ mein erstes Buch von ihr gelesen, zwei weitere warten noch ungelesen. Vorgelesen wurde mir Lindgren als Kind nicht, eine emotionale Bindung aus dieser Zeit existiert also nicht. Was geblieben ist, sind die Pippi-Langstrumpf-Filme, die ich mochte und heute deutlich kritischer betrachte. Vielleicht lese ich ihre Bücher gerade deshalb ohne nostalgischen Filter.

„Lustiges Bullerbü“ entwirft das Bild einer Kindheit, die heute fast wie ein Gegenentwurf wirkt. Kinder sind viel draußen, bewegen sich frei, streifen ohne Erwachsene durch ihr Dorf, getragen von einer Gemeinschaft und einer Natur, die keinen Spielplatz braucht. Darin erkenne ich Teile meiner eigenen Kindheit wieder. Auch wir waren ständig unterwegs, allein im Dorf, im Ried, beschäftigt mit uns selbst. Vergleiche ich das mit der Lebensrealität meiner achtjährigen Tochter, entsteht ein deutlicher Bruch. Wir leben zwar in einer grünen Kleinstadt, doch allein losziehen lassen würde ich sie nicht. Zu viele Risiken, zu viele Unwägbarkeiten. Wiesen gibt es, aber sie sind oft vermint mit Hundehaufen. Einen Wald auch, doch der taugt eher als Mückenbiotop denn als Abenteuerschauplatz. Bullerbü fühlt sich dadurch wie eine ferne Welt an.

Genau an diesem Punkt setzt berechtigte Kritik an. Die in Bullerbü gezeigte Kindheit ist idealisiert und kaum auf heutige Lebensrealitäten übertragbar. Das Buch bildet keine Gegenwart ab, sondern einen Zustand, der längst vergangen ist. Gleichzeitig liegt darin seine Stärke. Lindgren zeigt, was möglich war und was vielleicht immer noch möglich wäre, wenn Kinder mehr Freiräume hätten. Sie schreibt über Freundschaft, Zusammenhalt, kleine Mutproben und die Schönheit der Natur, ohne sie kitschig zu überhöhen, sondern mit einem ruhigen, klaren Blick.

Dabei blendet sie Verantwortung nicht aus. Tiere sind keine Spielzeuge, sie bedeuten Arbeit. Freiheit existiert nicht ohne Konsequenzen. Die Mutproben der Kinder sind nicht immer harmlos, manches wirkt aus heutiger Sicht sogar riskant. Das fordert Einordnung und Gespräche. Gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass auch meine eigene Kindheit voller Dinge war, die heute vermutlich Stirnrunzeln auslösen würden. Der Unterschied liegt weniger im Verhalten der Kinder als im gesellschaftlichen Rahmen, der sich verändert hat.

Die Illustrationen von Ilon Wikland unterstützen diesen Eindruck. Die Kinder sind klar gezeichnet, während der Hintergrund oft verschwimmt. Die Welt tritt zurück, die Figuren rücken in den Fokus. Das verstärkt die kindliche Perspektive und lenkt den Blick konsequent auf das Erleben, nicht auf die Kulisse.

Erzählt wird die Geschichte aus Lisas Sicht - und das spürt man. Der Ton ist kindlich, die Sprache einfach, manchmal mit diesen typischen Aufzählungen, bei denen ein „und“ das nächste jagt. Das wirkt nicht unbeholfen, sondern ehrlich. Es klingt nach einem Kind, das erzählt, wie es denkt und fühlt, ohne literarischen Filter.

Für uns ist „Lustiges Bullerbü“ eine warmherzige, emotionale Geschichte, die gerade durch ihre zeitliche Distanz zum Nachdenken anregt. Sie weckt Sehnsucht, provoziert aber auch Diskussionen darüber, wie Kindheit heute aussieht und aussehen darf. Ob uns „Michel aus Lönneberga“ ähnlich berühren wird, wird sich zeigen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 19.01.2026

✎ Katharina Wieker - Dinorinos 1 Die Dinorinos können alles

Die Dinorinos können alles
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Ein Blick auf „Die Dinorinos können alles“ von Katharina Wieker vermittelt einen soliden Einstieg in eine Kinderbuchreihe über drei lebendige Mini-Dinosaurier und ihren Freund Juri.

Zur kurzen Orientierung ...

Ein Blick auf „Die Dinorinos können alles“ von Katharina Wieker vermittelt einen soliden Einstieg in eine Kinderbuchreihe über drei lebendige Mini-Dinosaurier und ihren Freund Juri.

Zur kurzen Orientierung werden die Dinorinos kurz vorgestellt und es wird knapp erklärt, woher sie kommen. Somit rücken die Figuren unmittelbar ins Zentrum.

Dann setzt die Handlung ein. Das wirkt klar und kindgerecht. Nichts zieht sich unnötig, nichts überfordert. Die Geschichte entfaltet sich Schritt für Schritt und bleibt dabei zugänglich.

Der hohe Illustrationsanteil trägt entscheidend dazu bei. Die Zeichnungen von Steffen Winkler lockern jede Seite auf und verhindern, dass der Text erdrückend wirkt. Die große, gut lesbare Schrift unterstützt geübte Erstlesende dabei, dranzubleiben. Mit knapp 80 Seiten ist das Buch kein schneller Happen, sondern eher eine Geschichte für mehrere Abende. Für meine Erstleserin war genau das reizvoll.

Gleichzeitig muss man auf stilistische Entscheidungen hinweisen. Fantasiewörter, ungewöhnliche Lautmalereien und bewusst „falsch“ geschriebene Ausdrücke zur Darstellung von Sprachfehlern können den Lesefluss bremsen und Unsicherheit erzeugen. Doch mein Kind und ich sind darüber ins Gespräch gekommen und so konnte sie lernen, dass Sprache nicht immer perfekt ist und dass Abweichungen dazugehören. Beim Vorlesen empfand ich diese Stellen als willkommene Abwechslung.

Die Mischung aus Humor und Spannung funktioniert meist gut im Vorlesekontext oder beim gemeinsamen Entdecken der Seiten. Der Game Boy als wiederkehrendes Element dürfte vielen heutigen Kindern wenig sagen, für mich war er ein unerwarteter nostalgischer Moment, der mir persönlich ein Lächeln entlockt hat.

Irritierend ist der Klappentext. Er stellt die Suche nach verschwundenen Dinorinos in den Vordergrund, obwohl sie in der Handlung keine Rolle spielt. Stattdessen geht es um das unmittelbare Abenteuer der drei, um ihre Dynamik und ihre Erlebnisse. Das ist nicht schlechter, im Gegenteil, aber es ist etwas anderes, als angekündigt.

Meiner knapp 8 Jährigen hat das Buch so gut gefallen, dass wir in der Bibliothek nach den Folgebänden Ausschau halten müssen.

©2026 Mademoiselle Cake