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Veröffentlicht am 12.03.2026

✎ Efua Traoré - Kuki und das Flüstern der Muscheln

Kuki und das Flüstern der Muscheln
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Dieses Buch hat mich ehrlich gesagt zuerst ganz oberflächlich erwischt - durch sein Cover. Dieses satte Lila hat sofort etwas in mir ausgelöst. Für mich sah das nach Magie aus, nach Geheimnissen, nach ...

Dieses Buch hat mich ehrlich gesagt zuerst ganz oberflächlich erwischt - durch sein Cover. Dieses satte Lila hat sofort etwas in mir ausgelöst. Für mich sah das nach Magie aus, nach Geheimnissen, nach einer Geschichte, die ein wenig anders sein könnte als viele andere Kinderbücher. Genau dieses Gefühl hat mich neugierig gemacht.

Auch der Klappentext klang vielversprechend. Besonders hängen geblieben bin ich an den Namen Kuki, Enilo und Moji - drei Namen, die man hierzulande eher selten hört. Schon dadurch entstand in meinem Kopf die Erwartung, dass mich „Kuki und das Flüstern der Muscheln“ in eine andere kulturelle Welt führen könnte. Da Efua Traoré eine deutsch-nigerianische Kinder- und Jugendbuchautorin ist, lag die Vermutung nahe, dass Nigeria eine Rolle spielen würde. Gerade solche Perspektiven fehlen im Kinderbuchbereich noch immer erstaunlich oft, weshalb mich dieser Hintergrund besonders interessiert hat.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Kuki, die nach einem Umzug versucht, sich in einer neuen Schule zurechtzufinden. Der Neustart gestaltet sich allerdings schwieriger als erhofft. Einsamkeit, Unsicherheit und Konflikte prägen ihren Alltag, vor allem durch ihre Mitschülerin Moji, die sie unter Druck setzt und manipuliert. Gleichzeitig begegnet Kuki dem geheimnisvollen Mädchen Enilo, das plötzlich eine ganz andere, fast magische Ebene in ihr Leben bringt. So verbindet der Roman Schulalltag, Freundschaft und mythologische Elemente miteinander.

Vor allem das Thema Mobbing hat mich beim Lesen stark beschäftigt. Szenen, in denen Kinder gezielt andere (verbal) verletzen, gehen mir immer nahe, und auch hier war das nicht anders. Besonders Moji hat bei mir viele Gefühle ausgelöst - Wut, Mitleid, aber auch eine gewisse Neugier. Immer wieder wird angedeutet, dass hinter ihrem Verhalten mehr steckt. Während des Lesens habe ich darauf gewartet, mehr über ihre persönliche Geschichte zu erfahren. Diese Hinweise bleiben jedoch recht vage und verlieren am Ende an Bedeutung. Gerade hier hätte ich mir gewünscht, dass die Geschichte emotional noch etwas tiefer geht.

Kuki selbst hingegen funktioniert als Hauptfigur sehr gut. Sie wirkt glaubwürdig, verletzlich und gleichzeitig mutig. Obwohl sie ein Schwarzes Mädchen ist und die Handlung in einem anderen kulturellen Umfeld spielt, glaube ich, dass sich viele Kinder problemlos in sie hineinversetzen können. Ihre Sorgen sind universell: neu in der Schule sein, Anschluss suchen, mit Ausgrenzung umgehen, Freundschaften aufbauen, Dinge vor den Eltern verheimlichen. Genau diese alltäglichen Erfahrungen machen sie als Figur greifbar.

Enilo wiederum hat mich lange im Unklaren gelassen. Anfangs wirkt sie beinahe unheimlich und schwer einzuordnen, als würde sie ein Geheimnis mit sich tragen. Mit der Zeit wächst die Spannung darum, wer sie wirklich ist und welche Rolle sie in Kukis Leben spielt. Als schließlich mehr über sie ans Licht kommt, fügen sich einige zuvor rätselhafte Momente sinnvoll zusammen. Diese Enthüllung gehört für mich zu den gelungenen Teilen von „Kuki und das Flüstern der Muscheln“.

Insgesamt hat mir gut gefallen, wie differenziert die Figuren angelegt sind. Es gibt kein klares Schwarz-Weiß-Schema. Niemand ist einfach nur gut oder böse. Die Charaktere wirken vielschichtig und menschlich; sie haben eigene Motive, Unsicherheiten und Fehler. Gerade für ein Kinderbuch wirkt diese Differenzierung angenehm realistisch.

Ein besonderes Highlight ist außerdem der Schauplatz. Nigeria als Handlungsort für einen Kinderroman zu wählen, ist ungewöhnlich und gerade deshalb spannend. Solche Geschichten öffnen Türen zu anderen Kulturen und Perspektiven und geben Einblicke in andere Lebensrealitäten. Sie erweitern den Horizont junger Lesenden. Zusätzlich fließen mythologische Elemente ein, die auf nigerianischen Erzähltraditionen basieren. Im Anhang des Buches geht Efua Traoré auf einige dieser Hintergründe näher ein, was dem Ganzen zusätzliche Tiefe verleiht.

Trotz vieler interessanter Ideen bleibt für mich jedoch ein kleiner Kritikpunkt bestehen. Der Roman greift sehr viele Themen gleichzeitig auf: Mobbing, Neuanfang, Scham, Manipulation, Diebstahl, Geheimnisse innerhalb der Familie, Schuldgefühle und moralische Entscheidungen. Jedes dieser Themen hätte für sich genommen genug Stoff für eine eigene Entwicklung geboten. Stattdessen werden manche Konflikte nur angerissen und nicht vollständig ausgearbeitet. Kindern ab etwa zehn Jahren kann man meiner Meinung nach durchaus zutrauen, komplexere Entwicklungen auszuhalten.

Am Ende bleibt „Kuki und das Flüstern der Muscheln“ für mich ein Kinderbuch mit einer starken Grundidee, einer sympathischen Hauptfigur und einem faszinierenden kulturellen Hintergrund. Gleichzeitig hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass einige emotionale und erzählerische Fäden noch mehr Raum verdient hätten. Gerade weil der Roman so viele spannende Ansätze bietet, hätte er an manchen Stellen ruhig noch ein Stück tiefer gehen dürfen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 09.03.2026

✎ Liz Moore - Der andere Arthur

Der andere Arthur
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Erst vor Kurzem habe ich wieder gesehen, wie gnadenlos das Internet sein kann. Ein übergewichtiger Mensch wurde zur Zielscheibe eines regelrechten Shitstorms. Kommentare flogen nur so unter die Gürtellinie, ...

Erst vor Kurzem habe ich wieder gesehen, wie gnadenlos das Internet sein kann. Ein übergewichtiger Mensch wurde zur Zielscheibe eines regelrechten Shitstorms. Kommentare flogen nur so unter die Gürtellinie, manche gingen sogar so weit, ihm den Tod zu wünschen. In solchen Momenten frage ich mich immer wieder, wie schnell vergessen wird, dass hinter jedem Bildschirm ein echter Mensch sitzt. Einer mit Gefühlen. Einer, der all das liest.

Vielleicht hat mich genau deshalb Arthurs Geschichte so stark getroffen.

Während ich den Passagen über Arthur zugehört habe, hatte ich ständig das Bild dieses Menschen aus dem Internet vor Augen. Arthur ist stark übergewichtig und lebt seit Jahren völlig zurückgezogen in seinem Haus in Brooklyn - mitten in einer Stadt voller Menschen und doch unsichtbar für sie. Sein Leben scheint sich immer weiter zu verkleinern, bis kaum noch Kontakt zur Außenwelt bleibt.
Arthur habe ich sofort ins Herz geschlossen. Seine Scham, seine Unsicherheit und dieses vorsichtige Herantasten an die Welt haben mich wirklich berührt. Über der Geschichte liegt eine schwere, melancholische Stimmung. Themen wie extreme Adipositas und soziale Isolation ziehen sich durch den gesamten Roman.

Und trotzdem bleibt Arthur für mich erstaunlich schwer zu greifen. Emotional war ich ihm nah, erzählerisch blieb er jedoch oft auf Distanz.

Liz Moore hält sich mit detaillierten Beschreibungen auffallend zurück. Man bekommt eine Ahnung davon, wie Arthur lebt und wie still seine Wohnung geworden ist, doch vieles bleibt nur angedeutet. Ich hätte mir gewünscht, tiefer in diese Welt eintauchen zu können. Stattdessen hatte ich beim Hören häufig das Gefühl, nur an der Oberfläche entlangzugleiten.

Bei Kel war es für mich ganz anders.

Wenn ich das Buch gelesen und nicht gehört hätte, hätte ich seine Kapitel vermutlich sogar übersprungen. Er blieb für mich erstaunlich blass. Nicht unbedingt unsympathisch - eher seltsam leer. Seine Geschichte konnte mich emotional kaum erreichen. Während ich bei Arthur ständig mitgefühlt habe, ließ mich Kel merkwürdig kalt, obwohl sich auch sein Leben um schwierige Themen wie Alkoholismus und Isolation dreht.

Der Roman selbst ist sehr ruhig erzählt und konzentriert sich stark auf Beobachtungen und das Innenleben der Figuren. Große dramatische Wendungen sucht man hier vergeblich. Diese Art zu erzählen kann durchaus reizvoll sein, doch für mich hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Am Ende bleiben unglaublich viele Fragen offen.

Ich verstehe den Gedanken dahinter. Vermutlich sollen Lesende selbst weiterdenken und die Lücken füllen. Für mich fühlte es sich jedoch eher wie ein halbfertiges Puzzle an. Da war so viel Potenzial, so viele emotionale Fäden - und ich hätte einfach gerne mehr darüber erfahren.

Genau hier liegt für mich das größte Problem des Romans.

Liz Moore greift wichtige Themen auf: gesellschaftliche Ausgrenzung, Einsamkeit und Menschen, deren Leben nicht spektakulär zerbrechen, sondern langsam und leise entgleiten. Doch trotz dieser starken Ansätze bleibt vieles seltsam flach.

Beim Hören habe ich immer wieder darauf gewartet, dass die Geschichte sich traut, noch näher an ihre Figuren heranzurücken. Stattdessen blieb sie für mich immer ein Stück zu weit entfernt.

Und vielleicht beschreibt genau das mein Gefühl nach diesem Buch am besten:
Ich hatte mehr erwartet. Mehr Tiefe. Mehr Mut, wirklich dorthin zu schauen, wo es weh tut.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 03.03.2026

✎ Tom Fletcher - Space Band

Space Band - Die schlechteste Band der Erde ... aber die beste Band des Universums
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Als ich „Space Band - Die schlechteste Band der Erde … aber die beste Band des Universums“ von Tom Fletcher entdeckte, war ich sofort neugierig. Meine Achtjährige steckt gerade total im Rockfieber. Ihr ...

Als ich „Space Band - Die schlechteste Band der Erde … aber die beste Band des Universums“ von Tom Fletcher entdeckte, war ich sofort neugierig. Meine Achtjährige steckt gerade total im Rockfieber. Ihr Vater hat ihr Gitarrenriffs und Songs vorgespielt, seitdem läuft hier nichts anderes mehr. Die Idee einer coolen Musik-Weltraum-Geschichte klang somit vielversprechend.

Der Einstieg hat meine Geduld allerdings auf die Probe gestellt. Die Figuren werden ausführlich eingeführt, jede noch so kleine Eigenheit bekommt Raum. Das kann man als liebevollen Aufbau verstehen, für mich wirkte es eher zäh. Die Handlung kommt nur langsam in Fahrt, bevor das eigentliche Abenteuer beginnt.

Musikalisch hatte ich keine große Vorstellung und doch war ich von den dargebotenen Songs zumeist enttäuscht. Die Texte waren langweilig und trafen überhaupt nicht meinen Humor.
Besonders störend empfand ich auch Georges ständigen Kommentar in Klammern - dieses wiederkehrende „(ich weiß!)“. Die Pointe nutzt sich schnell ab. Statt Nähe zu schaffen, hat es bei mir eher Augenrollen ausgelöst.

Nach rund hundert Seiten hebt die Geschichte endlich ab, im wahrsten Sinne des Wortes: Die drei Hauptfiguren werden ins All katapultiert. Ab da wird es visuell und fantasievoll, die Konkurrenz der intergalaktischen Bands nimmt Form an. Allerdings wird schon sehr früh offengelegt, wie der Wettbewerb funktioniert. Die einzelnen Runden werden detailliert erklärt, jede rivalisierende Gruppe erhält eine genaue Beschreibung. Dadurch fehlt der Überraschungsmoment. Natürlich ist klar, dass ein Kinderroman ab acht Jahren auf ein positives Ende zusteuert, doch ein wenig mehr Ungewissheit hätte der Spannung gutgetan. Dadurch hat die Dramaturgie unheimlich an Intensität verloren.

Erst ab etwa Seite 300 zieht das Tempo deutlich an. Die letzten Kapitel haben mich tatsächlich gepackt. Da spürt man die Energie, die ich mir schon zu Beginn gewünscht hätte. Bei insgesamt rund 330 Seiten kommt dieser Effekt allerdings spät.

Unübersehbar ist jedoch die positive Botschaft zum Ende hin, die besagt, dass Diversität kein Makel ist und auf der Erde alle willkommen sind. Sie kommt ohne erhobenen Zeigefinger daher.

Unterm Strich hat mich diese Science-Fiction-Geschichte für Kinder nicht erreicht. Die Idee, verschiedene Aliens auf galaktischer Bühne gegeneinander antreten zu lassen, bleibt großartig, doch die Umsetzung konnte meine Erwartungen nicht erfüllen. Ich werde das Buch dennoch in unsere Schulbibliothek geben. Vielleicht trifft es dort genau den Nerv der jungen Lesenden, die sich weniger an erzählerischen Längen stören und einfach Lust auf schräge Weltraumklänge haben.

Was zusätzlich irritiert, sind formale Fehler: Ein fehlerhaftes Inhaltsverzeichnis mit unpassenden Seitenzahlen und ein falsch geschriebener Name im Klappentext sowie auf der offiziellen Seite. Solche Patzer wirken lieblos und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack - gerade bei einem Werk, das Kinder für Geschichten und Musik begeistern soll.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 03.03.2026

✎ Steve Setford - Weshalb? Deshalb! 10 Wetter

Weshalb? Deshalb! Wetter
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Die klare Gestaltung, die Mischung aus kurzen Texten und starken Bildern sowie das direkte Beantworten typischer Kinderfragen haben uns überzeugt. Seitdem steht der Band griffbereit im Regal und wird hin ...

Die klare Gestaltung, die Mischung aus kurzen Texten und starken Bildern sowie das direkte Beantworten typischer Kinderfragen haben uns überzeugt. Seitdem steht der Band griffbereit im Regal und wird hin und wieder herausgezogen.

Als ich dann „Weshalb? Deshalb! Wetter“ von Steve Setford entdeckte, war die Entscheidung schnell getroffen. Wetterphänomene sorgen bei uns seit Jahren für Gesprächsstoff. Kaum zieht ein Sturm auf oder prasselt Hagel gegen die Scheiben, folgt zuverlässig die Frage: Wie entsteht das eigentlich? Meine inzwischen Achtjährige will es genau wissen. Nicht oberflächlich, sondern mit Ursache und Wirkung.

Der neue Band liefert Antworten - mehr, als ich erwartet hatte. Auf rund 130 Seiten werden grundlegende Zusammenhänge verständlich erklärt: von der Entstehung atmosphärischer Prozesse über typische Erscheinungen wie Gewitter oder Regenbögen bis hin zu globalen Klimazonen, Naturkatastrophen und den Herausforderungen des Klimawandels. Die thematische Struktur reicht von der Frage, wie Luftdruck und Temperatur zusammenwirken, über weltweite Besonderheiten bis hin zu extremen Ereignissen und dem menschlichen Umgang mit Umweltveränderungen.

Besonders eindrücklich fand ich die Doppelseite zur Zukunft unserer Sonne. Dort wird erklärt, dass sie etwa 4,5 Milliarden Jahre alt ist und sich ungefähr in der Mitte ihres Lebenszyklus befindet. Dieser nüchterne Fakt löste bei mir ein mulmiges Gefühl aus. Die Vorstellung, dass unser Zentralgestirn eines Tages verglühen wird und damit die Grundlage für Leben auf der Erde entfällt, wirkt gleichzeitig abstrakt und beunruhigend. Es betrifft uns nicht unmittelbar - und doch rückt es die eigene Existenz in einen größeren Zusammenhang.

Visuell setzt das Buch stark auf großformatige Fotografien, die jede Doppelseite dominieren. Ergänzt werden sie durch erklärende Illustrationen, die komplexe Abläufe vereinfachen. Diese Kombination spricht nicht nur lesesichere Kinder an, sondern holt auch jüngere Geschwister ab, die vor allem über Bilder lernen.

Gleichzeitig ist der Text inhaltlich anspruchsvoll. Trotz der Altersempfehlung ab sechs Jahren eignet sich das Buch eher für gemeinsames Lesen oder für Kinder, die bereits geübt mit Sachtexten umgehen.
Der Band ist gehaltvoll. Er will erklären, nicht nur unterhalten. Genau das macht ihn für mich wertvoll. Es ist kein Buch für einmaliges Durchblättern, sondern eines, das immer wieder zur Hand genommen wird - bei konkreten Fragen, für Referate oder einfach aus Neugier. Auch ich habe Neues gelernt, Zusammenhänge verstanden, die mir vorher nicht bewusst waren.

Für uns ist „Weshalb? Deshalb! Wetter“ mehr als ein weiterer Titel im Kinderbuchregal. Es ist ein fundiertes Nachschlagewerk für junge Entdeckende und große Mitlesende, das Wissen greifbar macht und dabei nie den Respekt vor der Komplexität der Natur verliert.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 02.03.2026

✎ Maja Ilisch - Die verborgenen Bilder

Die verborgenen Bilder
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Als ich den Klappentext zu „Die verborgenen Bilder“ von Maja Ilisch gelesen habe, war meine Erwartung klar: eine bewegende Geschichte, die jungen Lesenden die NS-Zeit auf besondere, vielleicht sogar behutsam ...

Als ich den Klappentext zu „Die verborgenen Bilder“ von Maja Ilisch gelesen habe, war meine Erwartung klar: eine bewegende Geschichte, die jungen Lesenden die NS-Zeit auf besondere, vielleicht sogar behutsam fantastische Weise näherbringt. Dass der Roman in den späten 1920er Jahren einsetzt, hat mich zwar stutzen lassen, aber genau das hat meine Neugier geweckt. Ich wollte wissen, wie dieses Setting später mit der angekündigten historischen Dimension verknüpft wird.

Der Einstieg ist ausführlich, beinahe ausufernd. Zunächst begleiten wir Frieke durch ihren Alltag, lernen ihre Familie und die Spannungen zu Hause sehr genau kennen. Diese intensive Fokussierung auf das familiäre Gefüge hat bei mir früh die Sorge ausgelöst, dass die angekündigte Zeitreise eher ein erzählerisches Beiwerk bleiben könnte. Genau dieses Gefühl hat sich im weiteren Verlauf bestätigt. Das fantastische Element, das laut Beschreibung eine tragende Rolle spielen sollte, bleibt deutlich hinter der Gegenwartshandlung zurück. Stattdessen dominiert die Gegenwart mit langen Passagen, die vieles erklären, ausdehnen und mehrfach absichern. Die historischen Abschnitte dagegen, die für mich das eigentliche Herzstück hätten sein können, bleiben vergleichsweise knapp und bleiben in ihrer Einordnung zurückhaltend.

Gerade beim Zeitreiseaspekt hätte ich mir mehr Konsequenz gewünscht. Die Regeln wirken nicht durchgängig klar definiert, Möglichkeiten verändern sich situativ, ohne dass ihre Logik ausreichend erklärt wird. Was einmal unmöglich scheint, funktioniert später doch. Diese Flexibilität mag erzählerisch praktisch sein, schwächt jedoch die innere Stringenz. Für ein Publikum ab etwa zehn Jahren halte ich das für eine verpasste Chance. Kinder in diesem Alter sind durchaus in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, wenn man sie ernst nimmt.

Auch die historische Ebene bleibt hinter ihrem Potenzial zurück. Die Gewichtung zwischen Gegenwart und Vergangenheit wirkt unausgewogen, zentrale Hintergründe werden eher angerissen als fundiert erläutert. Gerade bei einem Thema wie der Zeit vor dem Nationalsozialismus hätte ich mir mehr Kontext gewünscht, um Entwicklungen nachvollziehbar zu machen und Fragen nicht offen im Raum stehen zu lassen.

Hinzu kommt, dass mehrere inhaltliche Fäden nicht wirklich zusammengeführt werden. Ohne ins Detail zu gehen, weil es zentrale Wendungen vorwegnehmen würde, bleiben Fragen offen, die für das Gesamtverständnis relevant sind. Es entsteht der Eindruck, als seien bestimmte Aspekte gekürzt oder bewusst knappgehalten worden. Ob das eine redaktionelle Entscheidung war oder eine bewusste Schwerpunktsetzung von Maja Ilisch, lässt sich von außen nicht beurteilen - spürbar ist jedoch, dass erzählerisches Potenzial ungenutzt bleibt.

Auch die familiäre Entwicklung hätte für mich einen stärkeren emotionalen Bogen vertragen. Friekes Vater verliebt sich neu und sie muss diese Veränderung akzeptieren. Dieser Konflikt trägt viel Sprengkraft in sich, wird jedoch relativ nüchtern abgehandelt. Die Auseinandersetzung innerhalb der Familie bleibt oberflächlich, obwohl hier Raum für echte Reibung, für Unsicherheit, vielleicht sogar für Wachstum gewesen wäre.

Unterm Strich sehe ich „Die verborgenen Bilder“ als möglichen Einstieg in die Thematik für Kinder ab etwa zehn Jahren, die bislang wenig Berührungspunkte mit dieser Epoche hatten. Als erste Annäherung kann der Roman funktionieren, weil er Hemmschwellen abbaut und historische Ereignisse in eine persönliche Geschichte einbettet. Gleichzeitig bleiben viele Hintergründe unerklärt, Zusammenhänge werden vorausgesetzt, die aus Erwachsenensicht selbstverständlich erscheinen mögen, aus Kindersicht jedoch erklärungsbedürftig sind. Zurück bleibt bei mir weniger das Gefühl einer geschlossenen Erzählung als vielmehr eine Reihe offener Gedanken - und die Frage, wie viel stärker dieses Buch hätte sein können, wenn es seinen eigenen Anspruch konsequenter verfolgt hätte.

©2026 Mademoiselle Cake