Atmosphärisch stark, emotional distanziert – ein schillerndes Porträt mit blinden Flecken
Der ewige Tanz„Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Schon das Cover hat mich neugierig gemacht, und auch die Zeit der 1920er Jahre, in der Anita Berber gelebt hat, fasziniert ...
„Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Schon das Cover hat mich neugierig gemacht, und auch die Zeit der 1920er Jahre, in der Anita Berber gelebt hat, fasziniert mich sehr. Dass ihr Leben wie ein Roman war, macht diesen biografischen Roman eigentlich zu einem dankbaren Stoff. Und tatsächlich: Schroeder versteht es, die Atmosphäre dieser schillernden Epoche mit vielen Details lebendig werden zu lassen – das ist eine der großen Stärken des Buches. Ich hatte teilweise wirklich das Gefühl, direkt mit durch die verrauchten Salons, Bars und Hotelzimmer zu streifen, berauscht von einem Lebensgefühl zwischen Kunst, Exzess und Absturz.
Was mir leider gefehlt hat, war der Zugang zur Hauptfigur. Die Tänzerin Anita Berber bleibt in ihrer Persönlichkeit seltsam fern – fast wie eine stilisierte Erscheinung, nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut. Obwohl ich nun viel über ihren Lebensweg weiß, hat sich zwischen ihr und mir keine emotionale Verbindung entwickelt. Ich habe die Künstlerin gesehen, aber nicht den Menschen dahinter gespürt.
Das liegt für mich vor allem an der Art der Erzählung. Schroeders Stil ist handwerklich gut und oft auch sehr elegant, aber es fehlt an Nähe, an Dialogen, an echten Momenten zwischen den Figuren. Stattdessen gibt es immer wieder längere Passagen, die eher berichten als erzählen. Und manchmal wird der Erzählfluss durch übermäßige Hintergrundinfos ausgebremst – von Hypnose bis Schmetterlingen, vieles wirkt hineingestopft, ohne echten Mehrwert für die Handlung oder die Figurenentwicklung.
Auch die Nebenfiguren bleiben oft blass. Neue Namen tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder, ohne dass man sie wirklich greifen kann. Gerade bei einem so komplexen Umfeld wie dem von Anita Berber hätte ich mir mehr Kontinuität und Tiefgang gewünscht. Das Verhältnis zu ihrer Mutter oder die Liebesgeschichten werden angerissen, aber nie wirklich entfaltet – und das ist schade, denn genau hier hätte man dem Menschen Anita näherkommen können.
Was mich jedoch durch das Buch getragen hat, war Schroeders Sprache. Sie ist stellenweise bildhaft, manchmal poetisch, immer flüssig zu lesen. Und die Rückblenden vom Sterbebett aus geben der Geschichte immerhin eine melancholische Grundstimmung, die der Tragik dieser Figur gerecht wird.
Insgesamt würde ich sagen: Ein Roman, der viel zeigt, aber wenig fühlen lässt. Wer Anita Berber als Symbol ihrer Zeit kennenlernen möchte, wird fündig. Wer ihr als Mensch begegnen will, bleibt wohl wie ich etwas außen vor. Kein schlechtes Buch – aber auch keines, das mich wirklich berührt hat.