Vor zwei Jahren habe ich die ergreifende Lebens- und Familiengeschichte „Solange wir leben“ von David Safier gelesen, Katharina Thalbach kenne ich seit frühester Jugend als Theater-, später als Filmschauspielerin. ...
Vor zwei Jahren habe ich die ergreifende Lebens- und Familiengeschichte „Solange wir leben“ von David Safier gelesen, Katharina Thalbach kenne ich seit frühester Jugend als Theater-, später als Filmschauspielerin. Beide zusammen ergeben eine brisante Mischung für das neue Buch von Safier, dass die Thalbach mit ihrer wahnsinnig intensiven Stimme liest.
Safier fokussiert seinen Roman auf wenige Stunden im Warschauer Ghetto, im Theater, das an diesem einen Abend das Stück „Die Liebe sucht ein Zimmer“ als Premiere aufführt. Dieses unfassbar traurige, trotzdem manchmal zu Lachtränen führende Stück hat Darsteller, die am Rande ihres Grabes, ihres Daseins auf der Bühne den Zuschauern vor sich 90 Minuten Ablenkung bieten. Die junge Sara, hin- und hergerissen zwischen Edmund und Michal, wie wird sie sich entscheiden? Michal macht ihr ein verlockendes Fluchtangebot, aber sie hängt genauso am Leben wie an ihrem Edmund. Wird sie das Ghetto und Edmund in dieser Nacht für immer verlassen? Oder denkt sie an die Waisenkinder, die dann niemanden mehr haben werden, der ihnen Geschichten erzählt.
Jeder weiß, dass das Warschauer Ghetto und seine Bewohner den Nazis zum Opfer fiel, dass kaum jemand überlebt hat. Diesem Hörbuch über sechseinhalb Stunden zuzuhören mit der Gewissheit, dass die meisten der Protagonisten über kurz oder lang ihr Leben verlieren werden, ist eine harte Probe. Besonders auch deshalb, weil die Stimme von Katharina Thalbach das Grauen so miterlebbar macht.
Fazit: Ja, hören oder lesen sie dieses Buch. Es ist faszinieren und einzigartig. Und es schnürt einem die Luft ab, so nahe ist man den Helden. 5 Sterne.
Die Autorin Birgitta M. Schulte kannte ich bisher nicht. Mit „Ruhrgemüse, polnisch“ hat sie bei mir mit ihrem offenbar ersten Roman einen Nerv getroffen. Meine Großeltern waren auch sogenannte Ruhrpolen, ...
Die Autorin Birgitta M. Schulte kannte ich bisher nicht. Mit „Ruhrgemüse, polnisch“ hat sie bei mir mit ihrem offenbar ersten Roman einen Nerv getroffen. Meine Großeltern waren auch sogenannte Ruhrpolen, um 1900 aus Westpreußen eingewandert und in Hamborn (heute Duisburg) sesshaft geworden. Über meine eigenen Vorfahren und ihre Lebensbedingungen weiß ich aber fast gar nichts, so dass dieses Buch jetzt auf ganz besondere Weise eine Lücke gefüllt hat.
Der Leser lernt die Koszyńskis kennen, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem äußersten, immer ärmlicher werdenden Westpreußen nach Dortmund kommen. Westpreußen gehörte zwar nach den Teilungen Polens zu Preußen, aber viele Bewohner waren polnischer Herkunft, sprachen besser Polnisch als Deutsch. Adam Koszyński findet Arbeit in einer großen Fabrik, seine Ehefrau Zuzanna ist vorerst zu Hause, es kommen die ersten Kinder. Das Leben in einer kleinen Wohnung ohne jeglichen Komfort ist beschwerlich, die Lebensbedingungen sind von verpesteter Luft bis hin zu stinkenden Abwässern in den Straßen geprägt. Krankheiten sind an der Tagesordnung und gefährden besonders die nicht gut ernährten Kinder. Schmalhans ist Küchenmeister, trotz eines besseren Verdienstes als in Westpreußen. Doch dann verliert Adam zuerst durch einen Arbeitsunfall ein Auge, später durch widrige Umstände auch seine Arbeit. Er ist ein engagierter Arbeiter gewesen, nun wird er ein engagierter Sozialdemokrat. Zuzanna versucht das fehlende Geld mit Näharbeiten auszugleichen, was ihr aber immer schwerer fällt, je größer die Familie wird.
Das Polnischsein wurden den Koszyńskis schon rechtzeitig ausgetrieben, sie heißen nun Kosshofer. Aber Polen sind sie immer noch, Polak ist noch das geringste Schimpfwort, das sie aushalten müssen. Aber besonders Zuzanna versucht sich zu integrieren, ständig schimpfende und wütende polnische Nachbarinnen und Freundinnen sind dem nicht zuträglich.
Schwer lastet auf beiden bis zum Schluss, dass der Kontakt in die alte Heimat abgebrochen bzw. nie wieder hergestellt wurde. Auch die Scham, nicht so zu sein wie die Deutschen, bedrückt. Kinder und Enkelkinder wollen andere, neue Wege gehen, aber die Last der polnischen Herkunft lässt sich nicht so einfach abschütteln.
Die politischen Bedingungen sind für Zuwanderer noch schwerer, als für die Einheimischen. Die Entwicklung der Sozialdemokratie, der Große Krieg, 1918 die Soldatenräte, Bürgerkriegsähnliche Zustände, Kapp-Putsch, französische Besatzungszeit und Weimarer Republik, beginnende Inflation, all das wirkt sich auch bedrohlich auf den Haushalt der Kossdorfers aus. Die Autorin flicht in die Familiengeschichte auch gekonnt die deutsche Geschichte ein. Das hat mir sehr gefallen, auch wenn mir nur die Details aus Dortmund neu waren.
Beim Epilog habe ich geschmunzelt und an meine mühsam erarbeitete Vater-Biografie gedacht. Auch mein Vater (Jahrgang 1911) verleugnete seine polnische Herkunft. Selbst der eingedeutschte Familienname war ihm nicht gut genug, er änderte die Endung von k auf g. Und er erfand sich eine hugenottische Herkunft und hielt daran bis zum Tode fest. Als Kind lernte ich meine Oma bei einem einzigen Besuch in Ostberlin kennen, ich verstand sie kaum, erst 20 Jahre nach dem Tod meines Vaters erfuhr ich, dass meine Großeltern polnischer Herkunft waren. Meine Großmutter war vielleicht auch ein bisschen wie Zuzanna, klein und zäh, brachte sie die große Familie durch die schweren Zeiten. Selbst meine Mutter, die damals noch lebte, konnte die Wahrheit über die Herkunft meines Vaters kaum glauben. Mein Großvater war Maschinist und Kranführer in der August-Thyssen-Hütte in Duisburg, ähnlich wie Vater Adam im Buch, ein gut ausgebildeter Facharbeiter.
Mehr will ich jetzt auch nicht erzählen über die Lebenswege der Koszyński/Kosshofer-Familie. Ich kann das Buch aber mit gutem Gewissen jedem empfehlen, der sich für deutsche, auch polnische Geschichte interessiert, der authentische Familienromane mag und außerdem einen Blick für gute Typografie hat. Denn dieses Buch bietet nicht nur blanken Text, es ist mit einigen wunderbaren, passenden Illustrationen zu jedem neuen Kapitel geschmückt, die mich sehr angesprochen haben. Initialen und eine Jugendstilschrift für die Überschriften runden das Gesamtbild perfekt ab. Das Personenverzeichnis hätte ich mir an den Anfang gewünscht. Normalerweise beginnt man ein Buch vorne, so habe ich es erst sehr spät entdeckt. Schade ist, dass nicht ein einziges Foto der Familie (es wird zumindest eines erwähnt), im Buch gezeigt wird. Es hätte die Authentizität sicher noch mehr erhöht.
Das Cover scheint mir zumindest online nicht besonders gut gelungen, der Gegensatz zu den Illustrationen im Inneren ist sehr stark. Ob ich das Buch auf dem Ladentisch ergriffen hätte, das kann ich nicht sagen, meine Rezension bezieht sich auf eine digitale Version.
Fazit: ein gut geschriebener Familienroman, gleichzeitig ein Geschichtsbild des Ruhrgebietes ab Ende des 19. Jahrhunderts. Leseempfehlung von mir. Glatte 5 Sterne.
Christian Berkel, bekannt durchs Schauspiel, Fernsehen, Filme und bei mir seit rund 20 Jahren besonders durch Hörbücher beliebt, versucht sich an einer Autobiographie. Das Buch habe ich noch nicht gelesen, ...
Christian Berkel, bekannt durchs Schauspiel, Fernsehen, Filme und bei mir seit rund 20 Jahren besonders durch Hörbücher beliebt, versucht sich an einer Autobiographie. Das Buch habe ich noch nicht gelesen, das neue Hörbuch mit etwas Mühe zu Ende gehört. Seine teilweise auch biografischen Romane Der Apfelbaum und Ada hatten mir wesentlich besser gefallen.
Der Spitzname Sputnik geht auf den ersten von den Sowjets ins All geschickten Satelliten zurück. Berkel beginnt aber weit vor seiner Geburt, noch im Bauch seiner Mutter, dem Hörer/Leser über seine schwierige Kindheit und Jugend und die problematische Beziehung zu seiner Mutter zu berichten. Die zum Vater ist auf andere Art nicht weniger konfliktreich. Man hört sich durch all seine Kinder- und feuchten Jugendträume und hofft als Außenstehender bisweilen nur, dass er endlich zum Punkt kommt. Man begleitet ihr auf seine Reise nach Paris, die doch etwas länger als gedacht, mit einer enttäuschten Heimkehr endet. Er muss feststellen, dass auch sein exzellentes Französisch nicht ausreicht, um ihn zu einem Bühnenstar der Comédie française zu machen. Wobei mich die betont exaltiert gesprochenen französischen Passagen im Buch doch arg genervt haben. Beim Lesen des E-Books wäre es ja ein Leichtes, sich schnell die Übersetzung anzeigen zu lassen, im Hörbuch plätschert der Text so schnell vorüber, dass ich nicht alles verstehen konnte. Und nicht alles wurde, zumindest sinngemäß, auch übersetzt. Zumindest bekommt man einen Eindruck von der Stadt Paris in den späten 1960er Jahren, die Lebensentwürfe seiner neuen Freunde dort sind dann doch andere, als er sie in Berlin kennenlernte.
Berkel berichtet die tragische Lebensgeschichte seiner Mutter, die wegen ihrer jüdischen Abstammung in Frankreich verhaftet und im Lager Gurs gefangen gehalten wurde, nach dem Krieg aber nach Argentinien auswandern konnte und dort auch mit ihrer Tochter Ada lebte, ehe sie zurück nach Berlin übersiedelte. Der Holocaust aber bleibt ihr Trauma. Als Anfang 1979 die Fernsehserie Holocaust auch in die (west)-deutschen Wohnzimmer eindrang, war Berkel erst 21 Jahre. Zu dieser Zeit endet auch sein autobiografischer Bericht.
Fazit: Berkel gelingt es mit seiner Stimme, den Hörer zu faszinieren und bei der Stange zu halten. Über die Längen und Untiefen im Buch tröstet er damit hinweg.
Ich bin mindestens so sehr Mallorca- wie Krimifan, das Cover und die Vorankündigung lockte mich sofort. Anna Nicholas hat The Devil’s Horn schon 2019 geschrieben, jetzt hat der Diogenes Verlag es in sein ...
Ich bin mindestens so sehr Mallorca- wie Krimifan, das Cover und die Vorankündigung lockte mich sofort. Anna Nicholas hat The Devil’s Horn schon 2019 geschrieben, jetzt hat der Diogenes Verlag es in sein Programm aufgenommen. Aus meiner Sicht erfüllt Das Teufelshorn nicht ganz die aus meiner Sicht recht hohen Ansprüche, aber es ist ein Krimi, der zur Unterhaltung beiträgt und mir insgesamt gut gefallen hat.
Die Erzählweise entsprach zuerst eher einer leichten Regionalstory mit viele Personen, die vorgestellt wurden und mit vielen Beschreibungen von Land und Leuten, Natur und Meer, Essen und Trinken, Liebe und Leidenschaften fehlen auch nicht. Erst langsam wurde ein Krimi daraus, der mit Verbrechen aller Art regelrecht gespickt wurde. Nach dem Verschwinden eines kleinen Mädchens wird die Hauptperson, Isabel Flores, die sich aus dem Polizeidienst verabschiedet hat, als unterstützende Ermittlerin auf die Fährte der Entführer geschickt. Polizeichef Tolo Cabot, mit dem sie eng befreundet ist, braucht aber bald noch mehr Hilfe bei der Verbrecherjagd. Es geschieht ein bizarrer Mord an einem alten Mann, der offensichtlich mit der vermutlichen Kindesentführung nichts zu tun hat, der aber auf ganz andere Weise den kleinen Ort bewegt. Für Abwechslung sorgen Isabels Haustier, ein Frettchen namens Furó, und ihr Auto mit dem Namen Pequeñito. Auch die anderen Protagonisten sind liebevoll beschrieben und man hat das ganze Dorf vor Augen, wenn man von ihnen liest. So auch vom „Wiesel“, das mit Knöllchen droht, sogar den Einheimischen, wie Isabel total entsetzt feststellt.
Isabels Mutter unterhält einige Ferienwohnungen und Isabel ist auch hier eine unerlässliche Hilfe. Dass es bei den Feriengästen nicht immer mit rechten Dingen zugeht, wird sich erst später zeigen. Der Krimi verfängt sich ein wenig in seiner eigenen Geschichte, Drogen sind im Spiel, von Diamanten ist die Rede, am Teufelshorn geht es auch nicht mit rechten Dingen zu usw. Der erste Fall von Isabel sind so gesehen zwei oder drei, hinzu kommt das mysteriöse Verschwinden ihres Onkels.
Ich habe immer abwechselnd, je nachdem, wo ich war, gelesen oder gehört. Das Buch liest sich leicht und schnell, da ich leider nicht Spanisch kann, sind die spanischen Ausdrücke für mich eher Beiwerk. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich lieber das Buch lesen, aber nun bin ich mit beidem fertig.
Gute drei Sterne!
Fazit: Ein Krimi für den heißen Strand, der gute neun Stunden Unterhaltung bietet.
Selten habe ich mich über einen Krimi so amüsiert, das mag schon was heißen. Es wimmelt nur so von herrlich schrägen Figuren, allen voran Sigi, der Antiquitätenhändler, mit seinem Freund Anton, der wohl ...
Selten habe ich mich über einen Krimi so amüsiert, das mag schon was heißen. Es wimmelt nur so von herrlich schrägen Figuren, allen voran Sigi, der Antiquitätenhändler, mit seinem Freund Anton, der wohl mehr Ahnung von Antiquitäten hat. Dazu gesellt sich Sigis Freundin Doro, die aber schon nach dem ersten Toten und rund 50 Seiten vom Erdboden verschwindet. Hilfsbereit tritt ihr Rollator fahrender Vater Isä auf den Plan, verstärkt durch einen schielenden Polizisten versucht das Quartett, die offensichtlich entführte Doro wiederzubeschaffen. Ein komisches Vergnügen, bei dem auch ein bisschen Blut und Tränen fließen. Das Autorenteam Waldi Lehnertz (mir nicht mal vom TV bekannt, welch Versäumnis) und Miriam Rademacher (mir schon bekannt durch „Im Blut“ und „Wintergrab“) gibt alles, um die amüsante Spannung aufrecht zu erhalten. Der Satz „Wir sind hier in der Eiffel und nicht in Guantanamo.“ ließ bei mir sämtliche Dämme brechen, einfach zum Totlachen. Nein, nicht totgelacht, aber herzlich. Natürlich wird die eingangs gestellte Frage „Was ist bloß Zeidis?“ am Ende ganz ordentlich aufgelöst, auch wenn ich es vollkommen blödsinnig fand. Aber von so weit her muss man eben seine Pointen erst mal holen und dann niederschreiben. Das kann bestimmt auch nicht jeder.
Fazit: Mit Witz und Ironie lesen sich die rund 300 Seiten schnell und leichtfüßig, ohne ins Triviale abzurutschen. Mir hat es Spaß gemacht, weil es gut Unterhaltung ist und Abwechslung in meine Lesegewohnheiten brachte. Gute 4 Sterne.