Vor gut einem Jahr sah ich den Dokumentarfilm „Sonntagskind - Das Leben der Helga Schubert“, der mich sehr beeindruckt hat. Und zum Wiederlesen des längst vergilbten Buchs „Lauter Leben“ brachte. Nun also ...
Vor gut einem Jahr sah ich den Dokumentarfilm „Sonntagskind - Das Leben der Helga Schubert“, der mich sehr beeindruckt hat. Und zum Wiederlesen des längst vergilbten Buchs „Lauter Leben“ brachte. Nun also etwas Neues, etwas Altes, etwas Unveröffentlichtes vermischt, Rückblick und Ausblick in einem. Es ist ein Buch vom Leben und vom Tod, von dem ganz besonders, von Vernunft und Verderben, von den drei unterschiedlichen Deutschlands, die die Autorin durchlebte und durchlitt. Ich bin 14 Jahre später geboren als sie, meine Mutter war 14 Jahre älter als Helga Schubert. Für mich, die ich sozusagen mittendrin nur zwei Deutschlands kennengelernt habe, eine merkwürdige Art, noch einmal zurückzublicken auf die Jahre in der DDR. Aus heutiger Sicht sind die Stasiprotokolle und -berichte bizarr, eigentlich lächerlich, wenn sie damals nicht existenzbedrohend gewesen wären, könnte man sie mit einem Kopfschütteln abtun. Mir aber haben sie direkt ins Fleisch geschnitten, mir hat die Perversität die Luft abgedrückt.
Helga Schubert ist durch ihr ganzes Leben, nicht nur durch politische Ereignisse, auch durch schwere persönliche Zeiten immer mit erhobenem Kopf gegangen. Das fordert mir höchste Achtung ab, selbst wenn nicht alle Geschichten in diesem Buch meinen Geschmack getroffen haben.
Mir fiel es nicht immer leicht, ihrem Stil zu folgen, besonders ihr Versuch eines Porträts der legendären Tänzerin Galina Ulanowa in Moskau bedurfte besonderer Konzentration beim Lesen, aber die Geschichten über ihre Großmütter haben mich entschädigt! Hätte ich dem Buch einen Titel geb dürfen, dann würde es jetzt „Lauter Leben, lauter Sterben“ heißen. Das Cover ist wiederum reine Geschmackssache, mir gefällt es nicht. Vielleicht ist es vom Cover „Vom Aufstehen“ inspiriert, soll eine Reihe bilden, vielleicht.
Dieses Zitat lässt mich ein wenig vertrauensvoller in die Zukunft schauen: „Es bleibt mir nichts anderes als Vertrauen und Zuversicht übrig, dass der Mensch hinter mir auf der Rolltreppe mir nicht ein Messer in den Rücken rammt.“ Nur so kann man die schwierigsten Zeiten überstehen, danke Frau Schubert.
Fazit: Wer Helga Schubert kennt und gern liest, wird ohne Zögern zugreifen, allen anderen lege ich diese Geschichten sehr ans Herz. Lassen Sie sich nicht vom kühlen Cover abschrecken. Sie werden etwas kennenlernen, das langsam in Vergessenheit gerät: die Jahre der Autorin in der DDR-Diktatur, ihre Gedanken vor und hinter der Mauer, und die danach. Eine stimmungsvolle Zusammenstellung, ein ganzes mutiges Schriftstellerleben.
Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.
Mascha Kalėko hadert mit ihrem Gott, und doch wird sie glückliche Momente in ihrem Leben finden, denn sie erkennt „Schicksal muss man annehmen.“ Volker Weidermann erkundet ihre Wege, besonderes Augenmerk ...
Mascha Kalėko hadert mit ihrem Gott, und doch wird sie glückliche Momente in ihrem Leben finden, denn sie erkennt „Schicksal muss man annehmen.“ Volker Weidermann erkundet ihre Wege, besonderes Augenmerk liegt auf dem Jahr 1956, dem Wahnsinnsjahr für Mascha, die endlich wagt, ihr verlorenes, verlassenes Land und ihren Sehnsuchtsort Berlin zu besuchen. Und die Literaturgeschäfte will sie natürlich auch wieder ankurbeln. Daraus wurde ein Buch, das bis zur letzten Seite fesselt. Aber so weit bin ich hier noch nicht.
Vor ein paar Tagen fiel mir zufällig ein Interview auf, das die Jüdische Allgemeine (online am 08.11.2025) mit Volker Weidermann führte. Für mich von großem Interesse, weil ich den Buchspuren dieses Autors schon länger folge, nach Mexiko wegen Anna Seghers, nach Oostende wegen der Literaten, ans Meer mit Thomas Mann. Immer habe ich seine Bücher gern gelesen, sie haben mein Literaturinteresse immer weiter gesteigert. Nun also Mascha Kalėko. Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches hat mich beeindruckt, ist der Inhalt, insbesondere was die Deutschlandreise betrifft, doch das Ergebnis der intensiven Rezeption von Kalékos Briefen an ihren Mann Chemjo in New York. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaléko war 17 Jahre zuvor mit ihrem Ehemann und dem zwei Jahre alten Sohn in die USA emigriert, gerade noch rechtzeitig, gerade noch mit Affidavit ausgestattet, die Eltern und Geschwister waren schon in Palästina, nur ihre Schwester Lena (Puttel) in der Sowjetunion. Eine zerrissene Familie, zerrissene Lebenläufe, aber gerettet.
Chemjolein, wie sie ihren Ehemann liebevoll nennt, musste doch all ihre Sehnsüchte, Erlebnisse, Ärgernisse und ihr überbordendes Talent nicht nur in natura, sondern auch auf Papier aushalten. Dass sie ihn manchmal wohl auch eifersüchtig machte, nahm sie gelassen. Wie an ihm die Elogen der fremden Herren nagten, gibt er nicht preis – seine Briefe sind verbrannt. In dem genannten Interview erzählt Weidermann ganz zum Schluss, wie es zu der Widmung „Für Mascha“ gekommen ist, und genau an dieser Stelle wusste ich, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Ein paar Tage später konnte ich starten.
Der Schreibstil Weidermanns widersetzt sich meinem Gehirn des Öfteren, in meinen Gedanken bin ich schon voraus, am Satzende muss ich feststellen, dass er ganz anders formuliert hat, als ich es in Gedanken tat. Aber das lesende Gehirn gewöhnte sich. Ich habe das E-Book gelesen und festgestellt, dass es zwischen der Kindle-App und der iBook-App einige Unterschiede in der Formatierung gab. Was mich aber in beiden störte, lag nicht am Satz, sondern am Autor. Er zitiert mehrere Male Gedichte im laufenden Text, Zeilenumbrüche werden nur durch Schrägstriche markiert. Ich weiß, dass das die übliche Art der Zitierung von Gedichten ist, aber ich hätte wesentlich lieber auch diese Gedichte in ihrer ursprünglichen Form gelesen. Gerade der Zeilenfall ist bei Mascha Kaléko doch Bestandteil ihrer Kunst.
Die Lebens- und Liebesgeschichte von Mascha Kaléko war mir in Teilen schon gut bekannt, vor Jahren habe ich die Biografie von Jutta Rosenkranz gelesen, erst im Frühjahr den Roman Die Liebe der Mascha Kaléko von Charlotte Roth als Hörbuch gehört. Weidermanns neues Buch passt mitten hinein, erzählt von so vielen Begebenheiten, die ich noch nirgends erfahren hatte, einfach fantastisch, diese Fülle an Leben. Hinzu kommt, dass ich mir die beiden rororo-Büchlein Das lyrische Stenogrammheft und Verse für Zeitgenossen gekauft habe, ich musste sie unbedingt beide haben, obwohl mir das Stenogrammheft viel besser gefällt: nur beide zusammen ergeben auf den Covern aber ihr ganzes Gesicht. Das ist übrigens ein kluger Marketingtrick, mit Speck…
Das Leben hält für Mascha Kaléko auch in den 1950er Jahren nicht nur Rosen bereit, sie erfährt viel Ablehnung, aber sie lehnt auch ab, nämlich den Fontane-Preis, von einem Nazi wollte sie den nicht entgegennehmen. Hochachtung! Einen weiteren Literaturpreis hat man ihr nie mehr angetragen.
Sehr aufschlussreich sind die Wochen, in denen Chemjo sie im Sommer 1956 für kurze Zeit in Deutschland besucht. Es gibt zwar keine Briefe, aber manches hat sich doch überliefert. Auch, dass zwei so egozentrische und künstlerisch begnadete Menschen in einem kleinen Doppelzimmer nur schwer miteinander auskommen. Ihr Ruf zum Abschied ist „Ich brauche Dich. Wenn auch nicht von früh bis spät!“.
Sehr gut gefallen haben mir Weidermanns „Abschweifungen“ zu anderen Schriftstellern, zu Verlegern oder Lektoren. Zum Beispiel der Nachruf auf Franz Hessel! Einfach wunderbar. Was Mascha Kaléko in Berlin noch widerfährt, was sie aus dem Gleichgewicht bringt, drüber lasse ich hier nichts verlauten. Spoiler verderben die Lesefreude.
Und dann reist Mascha Kaléko weiter, wird endlich bis Ascona kommen, wird berühmte und weniger berühmte Menschen treffen, u. a. Erich Maria Remarque, Autor von Arc de Triomphe, der das Emigrantenleben so drastisch beschreibt, wird sich nach ihrem Mann verzehren, auch nach ihrem Sohn, wird klamm sein und bisweilen ungehalten, wird Berlin lieben und gleichzeitig manch Deutsches hassen. So manche Verklärung aus der Erinnerung löst sich auf. Weidermann nimmt den Leser überall mit, lässt ihn ganz tief hineinschauen in den schwarzen Brunnen ihrer Leidenschaften. Das macht mir das Buch so wertvoll, es ergänzt die Gedichte, die ich immer in Reichweite in meinem Schlafzimmer habe. Hier schließt sich für mich der Kreis. Im „Dank“ löst Weidermann dann aber das Rätsel um die Widmung doch nicht ganz auf „(für) Mascha, der das Buch gewidmet ist und die wirklich keinen besseren Namen tragen könnte als diesen.“
Das gut gelungene Cover, das verwendete Foto und der passende Titel Wenn ich eine Wolke wäre werden jeden Literaturfreund im Buchladen zugreifen lassen.
Wie hält man sich an Wunder, wenn sie ausbleiben? Wie weckt man Gott, wenn er wieder schläft? Das fragt der Autor nicht umsonst, vielleicht sind es Mascha Kalékos Gedichte, die helfen, Gott zu wecken und Wunder zu bewirken. Danke, Herr Weidermann. Ich freue mich auf Ihr nächstes Buch.
Fazit: Mascha Kalékos erste Reise nach Europa, 17 Jahre nach der Emigration, ist ein Abenteuer, dass sich kein Literaturfreund entgehen lassen sollte. Es lässt tief in die verletzte und verletzliche Seele dieser Ausnahmelyrikerin schauen. Trotz meiner kritischen Anmerkungen gebe ich gern 5 Sterne für dieses gelungene Buch!
Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.
John Irving, mein Lieblingsschriftsteller über mehr als 40 Jahre, hat nach „Der letzte Sessellift“ (ein Buch, das mir leider nicht gefallen hatte) wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich hatte schon ...
John Irving, mein Lieblingsschriftsteller über mehr als 40 Jahre, hat nach „Der letzte Sessellift“ (ein Buch, das mir leider nicht gefallen hatte) wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich hatte schon große Befürchtungen, dass Irving keine Romane mehr schreiben würde, immerhin ist er unterdessen 83 Jahre alt, aber mit diesen weit über 500 Seiten bewies er das Gegenteil. Und so hat man mit „Königin Esther“ noch einmal mit allen Lieblingsthemen dieses erzählfreudigen Autors zu kämpfen, denn leicht liest sich dieses Buch nicht.
In die Familiengeschichte von Thomas und Constance Winslow hinein gerät Esther, „die Jüdin“, die in einem Waisenhaus groß wird, groß auch im wahrsten Sinne des Wortes, das von einem Arzt namens Dr. Wilbur Larch geführt wird. Spätestens hier klingeln bei jedem Irving-Fan die Ohren, denn dieser Dr. Wilbur Larch war schon vor vielen Jahren in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ eine Hauptfigur. Womit ich wieder bei den Lieblingsthemen von Irving bin, die da sind: Familien, möglich groß und weitläufig, verrückt und innig, aber auch Waisenhäuser bzw. Waisen per se, hinzu kommen feministische Kampfgeister, Abtreibungsgegner und -befürworter, lesbische oder homosexuelle Personen, gern auch bisexuell veranlagt, und nicht zu vergessen die Ringer, ihre Blumenkohlohren und ihre eigenartigsten Herkünfte und Charaktereigenschaften. Seine Lieblingsorte sind New Hampshire und Maine bis rauf nach Kanada, aber auch Wien und Amsterdam, dortige Unterkünfte, Prostituierte, Kinder mit Gewaltfantasien, immer wieder auch Hunde oder andere Tiere, Kneipen und Nachtlokale, diverse Studenten und unsympathische Vermieterinnen. All dem wird man nun noch einmal nachspüren können, Irving breitet sein ganzes Repertoire an Figuren und Szenen noch einmal wollüstig aus.
Jene oben erwähnte Esther, die auch die Titelfigur und als Kind auf dem Cover verewigt ist, nimmt aber nur einen Teil des Buches für sich in Anspruch. Die andere Hälfte belegt James Winslow, gezeugt von Esther mit einem jüdischen kleinen Ringer nur zum Zwecke der Mutterschaft von Honor Winslow, der Tochter der oben genannten Eheleute. Denn Honor möchte zwar ein Kind, aber möglichst ohne alles Unangenehme drum herum. Und Esther, die jahrelang Honors Kindermädchen war, aber trotzdem gut ausgebildet wurde und die höhere Schule besuchte, Krankenschwester aus Passion wird, gibt sich gern als Gebärmaschine her, möchte aber keine Mutterpflichten aufgenötigt bekommen. Und so kriegt erst einmal jeder, was er möchte. Der kleine James wächst heran in den amerikanischen 1940er- und 1950er-Jahren, wird natürlich auch Ringer und geht dann ins weltläufige Wien zum Studium, weil dort auch seine Zweitmutter Esther sein soll und er zudem nun richtig Deutsch lernen soll und will. Was Jimmy – Alter Ego seines Erfinders – aber über alles will, ist Schriftsteller zu werden. Und so kämpft er sich durchs Studium, schreibt und ringt, was das Zeug hält, verliebt sich auch noch in seine Deutschlehrerin und wird irgendwann (nicht von ihr) entjungfert. Hier will ich stoppen, die kuriosen Erlebnisse, die sich durchs ganze Buch ziehen, kann man auf die Schnelle nicht erzählen und die Überraschungsmomente nehme ich nicht vorweg. Davon gibt es aber wirklich ausreichend. Sie werden sich wundern…
Wie es die Art von John Irving ist, wird all das nicht in knapper Form und kurzen Sätzen erzählt, sondern manchmal recht ausufernd und weitschweifig. Auch wenn ich seine Formulierungskünste mag – besonders im englischen Original sind seine Bücher eine Freude – empfand ich vieles als überflüssig. Aber die Neugierde hielt mich bei der Stange, die Geschichte von Esther wollte ich zu Ende erzählt haben. Und auf jeder Seite blitzen die vielen Romane von Irving auf, aus denen er das eine oder andere Stückchen entleiht. Wie immer frage ich mich am Schluss, ob das das letzte Werk des großen amerikanischen Schriftstellers ist. Ich hoffe nicht!
Fazit: John Irvings neues Alterswerk, ein wenig lang, aber doch sehr unterhaltsam, wer seine früheren Bücher kennt, wird es lieben.
Wieder habe ich mit Vorfreude auf Simon Beckett und Dr. David Hunter gewartet, es ist jedes Mal wieder sehr ungewiss, was der forensische Anthropologe erleben und erforschen wird. Wie immer liest der Sprechen ...
Wieder habe ich mit Vorfreude auf Simon Beckett und Dr. David Hunter gewartet, es ist jedes Mal wieder sehr ungewiss, was der forensische Anthropologe erleben und erforschen wird. Wie immer liest der Sprechen Johannes Steck mit unnachahmlichem Timbre, düster, düsterer geht es nicht. Kein Wunder, dass es von den ersten sechs Hörbüchern eine Platinbox zum Dauergruseln gibt. In Knochenkälte ist es wahrlich kalt und Knochen werden so viele gefunden in dem abgelegenen Edendale in den Cumbrian Mountains, das würde direkt für drei weitere Bücher reichen. Trotzdem begann die Story recht langatmig, bis Hunter sich auf dem Weg zu einem Auftrag dann endgültig verfahren hatte und in einem regelrechten Sackgassendorf gelandet ist. Hunter kommt für die Nacht in einem ehemaligen Hotel unter, Dummerweise wird ihm von einem der mehr als unfreundlichen Bewohner der Rückweg abgeschnitten und ihm und allen anderen in dieser Sackgasse gleich der Strom und das Netz mit. Dass er sich mitten in einem regelrechten Verbrechensnest befindet, das bemerkt er erst später. Skelettfunde und Tote machen ihm das Leben schwer, manch unausstehlicher Edendale-Bewohner noch mehr. Da erfreut er sich zwischendurch an einem Baby und einem jungen Labrador. Und landet irgendwann in einer Grube. Ob er da lebend wieder heraus kommt aus diesem Elend? Der Titel lässt auf Ungemütliches schließen, die Kälte und das Unwetter in den Bergen kommen obendrauf.
Die Story ist sehr verworren und aus jetziger Sicht wäre es wohl besser gewesen, angesichts dieser Ausgangslage besser das Buch zu lesen, da kann man einfacher zurückblättern, wenn einem ein Zusammenhang entfallen ist. Das ist beim Hörbuch schwieriger. Dafür hat man aber einen regelrechten Film für den Kopf gehört. Steck macht das perfekt.
Fazit: Nach anfänglichem Zögern geht Beckett in die Vollen und facht die Spannung immer wieder an. Mir hat es gefallen und wer auf Beckett und Hunter steht, kommt wieder voll auf seine Kosten.
Obwohl ich noch nie ein Buch von Carmen Korn gelesen habe, griff ich nach dem Lesen des Klappentextes sofort zu. Ich habe die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt, bin geboren, als das Schlimmste überstanden ...
Obwohl ich noch nie ein Buch von Carmen Korn gelesen habe, griff ich nach dem Lesen des Klappentextes sofort zu. Ich habe die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt, bin geboren, als das Schlimmste überstanden war in den deutschen zerbombten Großstädten, aber ich habe noch Ruinen, Lebensmittelmarken und Mangel kennengelernt. Ich habe mich in den letzten Jahren vielen Büchern über den Nationalsozialismus und den Holocaust, Krieg, Flucht und Vertreibung gewidmet. Die Nachkriegszeit ist etwas zu kurz gekommen. Mit diesem Roman habe ich für mich diese Lücke etwas schließen können.
Die Geschichte, die Protagonisten, deren Lebenswege haben mich sehr bewegt. Hamburg, in dessen Speckgürtel ich lebe, ist mir ein wenig nähergekommen, manches betrachte ich beim nächsten Besuch vielleicht mit anderen Augen. Carmen Korn hat ein lebendiges, authentisches Kaleidoskop erschaffen, mit ihrem Roman schaut man als Leser in die Abgründe, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg hinterlassen haben. Bombentrichter in den Städten und in den Seelen der Deutschen, die Täter und Opfer, Mitläufer oder Wegschauer waren. „Wir sind noch einmal davongekommen.“, hört man allenthalben.
Carmen Korn stellt uns, den Lesern, einige dieser Deutschen vor: im Mittelpunkt des Romangeschehens steht Friede Wahrlich, die ehemalige Volksschauspielerin, die zu Kriegsende kaum mehr besitzt als ihr halbzerbombtes Haus, die nicht verbrannten Wintersachen und ein sehr schlechtes Gewissen. Ihr Leben vor dem Hamburger Feuersturm war gut und manchmal etwas ausschweifend, sie hatte Chancen bei den Männern, allen voran Viktor Franke, der jüdische Theaterkritiker, aber auch Palutke, der sich vom Rivalen auf schäbige Weise befreite. Friede wähnt Franke unter den Ermordeten des Ghettos Litzmannstadt. Den Palutke gibt es auch nach Kriegsende noch, einer von denen, der immer auf die Füße fällt. Nur bei Friede kann er nicht mehr landen. Dafür landen bei ihr andere, der 16-jährige Gert, Kriegsteilnehmer der letzten Stunde, nun Kriegswaise und obdachlos. Er kann bei Friede im Keller wohnen, in den ihm nach einem halben Jahr das Mädchen Gisela durchs Fenster hereinfällt. Und bleibt. Wie hart diese ersten Nachkriegsjahre, besonders die Winter, waren, erfährt man hier bei Carmen Korn sehr eindrücklich. Immer wieder frage ich mich, wie würde ich das heute aushalten? Würde ich das überhaupt aushalten? Heutige Berichte über Frauen und Kinder in der bombardierten Ukraine stehen mir vor Augen. Woher kommt immer wieder die Hoffnung, damals wie heute?
Zu Friedes Kreis gehörte und gehört auch Marta, noch nicht ganz 60, also ein paar Jahre jünger als Friede, aber ausgebufft genug, sind bei dieser immer wieder lieb Kind zu machen, sie ist vom „Stamme Nimm“, wie Friede passend sagt. Und sät Zwietracht, wo es nur geht. Zwischenzeitlich bewohnt Marta dann eines der, man glaubt es kaum, im oberen Stock von Friedes Haus neu hergerichteten Zimmer. Ein Künstlerpension sollte es werden, aber es wird eher ein Mehrgenerationenhaus, wie man das heute nennen würde, und die Herz- und Schmerzgeschichten der Bewohner können einen tatsächlich zu Tränen rühren.
Gisela und Gert, die mittlerweile von Freunden zum Liebespaar geworden sind, finden Arbeit und es geht ein bisschen aufwärts. Wenn da nicht die schwelenden Gedanken um das Schicksal der Angehörigen wäre. Dass die Mütter der beiden tot sind, damit finden sie sich ab, aber Gisela sucht ihren Vater, der als Fotograf einer Propagandakompanie an der Front war und Gert hofft noch immer darauf, seine kleine Schwester wiederzufinden. Gisela arbeitet für einen Professor Nast, recherchiert für dessen neues Buch und dieser erweist sich als ein neuer guter Freund der beiden. Dass er sich zufällig auch mit Viktor Franke befreundet, bringt eine besondere Ebene ins Geschehen.
Viktor Franke wiederum hat eine rothaarige Freundin, Marianne, die jahrelang fern von Hamburg an den Münchener Kammerspielen schauspielert. Sie ist nach Friede sein neues „Leitlicht“, aber er wird lange brauchen, um sein angeschlagenes Selbstbewusstsein dieser Frau entgegenstellen zu können. Nast ist ihm auch dabei eine moralische Stütze.
Das Kaleidoskop ist hier noch längst nicht ausgeschöpft, aber ich möchte niemandem durch zu viele Spoiler die Lust am Lesen nehmen. Es lohnt sich wirklich jede Seite bis zum Schluss. Es geschieht Trauriges und Lustiges und Unerwartetes, die Rollen sind gut verteilt.
Carmen Korn wird für diesen Roman viele Recherchen unternommen haben, mir fehlte nach dem Ende des Romans aber doch ein Nachwort der Autorin. Mich würde sehr interessieren, was sie zu diesem Thema Nachkriegszeit geführt hat, ob es vielleicht Tagebücher oder Berichte von Menschen gegeben hat, die dann für den Roman fiktionalisiert wurden. Ich bin gespannt, ob und wie dieser Roman im Feuilleton besprochen oder ob es irgendwo ein Interview mit der Autorin geben wird.
Die Detailgenauigkeit und die emphatische Charakterisierung jedes Protagonisten haben dazu beigetragen, dass ich zeitweise völlig aus meinem wohl behüteten Alltag hinauskatapultiert wurde, mit Gert und Gisela im Keller stand oder am Familienküchentisch bei Frieda saß. Jeder findet ja beim Lesen auch eine Lieblingsfigur, deren Schicksal besonders nahe geht. Für mich ist das Victor Franke, der entrechtete und deportierte Jude, totgeglaubt, in den Gedanken von Friede aber immer wieder auftauchend. Dass er sich nach dem Krieg in Hamburg doch wieder einlebte, arbeitete, verliebt war, nie rachsüchtig, nie auftrumpfend, manchmal melancholisch, fast depressiv, immer am Ende standhaft, das hat mir sehr gefallen. Es erinnert mich sehr an meine Eltern, die zwar vollkommen andere Schicksale erlitten hatten, aber gerade in der Nachkriegszeit die Nazizeit nur mit der gleichen Stärke überstehen konnten.
Fazit: Dieses Buch empfehle ich gern weiter, es liest sich gut, auch wenn es sich vielleicht nicht zur hohen Literatur aufschwingt und keine „Gespräche wie die von Naphta und Settembrini“ (Zitat) hervorbringt, so hat es mich doch von der ersten bis zur letzten Seite begeistert und tief berührt.