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Veröffentlicht am 09.12.2025

Tina packt aus

Warten auf Susy
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Cristina Karrer, der Name sagte mir zunächst gar nichts, aber dann ich erinnerte mich an einen Dokumentarfilm, den sie gedreht hatte. Die Autorin ist Schweizerin, wuchs sie in einem Kinderheim auf und ...

Cristina Karrer, der Name sagte mir zunächst gar nichts, aber dann ich erinnerte mich an einen Dokumentarfilm, den sie gedreht hatte. Die Autorin ist Schweizerin, wuchs sie in einem Kinderheim auf und studierte später Geografie. Man erfährt gleich zu Beginn, dass sie nicht mehr ganz gesund ist, schlecht laufen kann (das habe ich mit ihr gemeinsam) und nach Jahren als Korrespondentin in Irak und anderswo nach Südafrika auswanderte. Dort lebt(e) sie nun seit 25 Jahren. Im Buch, das ihr afrikanisches Leben beschreibt und ihre afrikanischen Dramen, die sie erlebte, ist sie alles andere als eine Superheldin. Sie stellt ihre Schwachstellen ohne zu zögern ins Rampenlicht ihres Schreibens, als Leser schüttelt man mitunter verwundert den Kopf ob der gewissen Naivität, aber auch der Abgebrühtheit, mit der sie ihrem Alltag begegnet. Wie schwierig es ist, sich in diesem afrikanischen Land, das ein Jahrhundert der Umbrüche, der Apartheid und der politischen Wirren hinter sich hat, als weiße Frau zu etablieren, eventuell sich einzufügen, das beschreibt sie sehr drastisch.
Mich hat es verlockt, über eine Frau zu lesen, die aus dem sicheren Europa in die Welt hinausgegangen ist, ohne Furcht und mit sehr viel Urvertrauen. Dass ihr Letzteres am Ende doch nicht ganz verloren gegangen ist, hat sie wohl weniger anderen Menschen als sich selbst zu verdanken. Tina, das ist das Alter Ego von Cristina Karrer, die so unheimlich viel Aufregendes erlebt hat, dass es mir schier den Atem verschlug. Aus der konventionellen Schweiz war sie ja bereits in jungen Jahren ausgebrochen, bevor sie nach Südafrika auswanderte. Ich habe in den 1980er Jahren bis zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid und der Freilassung von Mandela mit Emigranten aus Südafrika (ANC), Rhodesien (ZANU und ZAPU), heute Simbabwe, und Namibia (SWAPO) zusammengearbeitet, so dass mich sehr interessiert hat, wie die Autorin diese Menschen in ihrer natürlichen Heimat wahrnahm.
Als Journalistin und Kamerafrau hatte die Autorin tiefen Einblick in die Verhältnisse, in die unterschiedlichsten Lebenslagen und merkwürdigsten Charaktere. Tief im Inneren ist sie ein Mensch mit Helfersyndrom, anders kann ich es nicht beschreiben. Sie erinnert mich an die euphorischen Menschen, die 2015 während der Flüchtlingskrise und nach Beginn des Ukrainekrieges aufopfernd für vollkommen fremde Menschen alles nur Menschenmögliche unternahmen. Und früher oder später enttäuscht feststellen mussten, dass sie weder mit Dankbarkeit noch mit Verständnis überschüttet wurden, dass die aufgenommenen Flüchtlinge nicht unbedingt ihrem Idealbild folgten. Das Wort Gutmensch wurde regelrecht zum Schimpfwort. Auch Tina begibt sich in diese Lage, noch schlimmer, sie „fraternisiert“ mit ihren Hausangestellten und wird für Freunde wie Liebhaber zur melkenden Kuh. Es dauert sehr lange, bis sie bemerkt, dass zum Beispiel Drogenkonsum und Alkoholsucht für ihre meist schwarzen Mitbewohner, die sie nach und nach ins Haus holt, vollkommen normal sind. Mir war die Beschreibung dieser Art des menschlichen Zusammenseins regelrecht zuwider, die Autorin schlachtete zudem sämtliche Ereignisse geradezu selbstzerfleischend aus.
Ich habe das Buch zu Ende gelesen, aber es hat mir nicht so gefallen, wie ich es erhoffte. Das Warten auf Susy gestaltete sich zu einem ewigen Warten auf Besserung der Verhältnisse, der Menschen, des Lebens. Susy, die Titelfigur, wird trotz ihrer Unzuverlässigkeit, ihrer Ansprüche, jeglicher Unzulänglichkeiten als die große Liebenswürdige dargestellt. Trotzdem lernt man sie nicht richtig kennen. In Afrika, auf Afrikaner muss man wohl oder übel immer warten, ihr Lebensrhythmus ist weder konventionell noch europäisch, schon gar nicht wie der einer Schweizer Taschenuhr. Das weiß ich aus meinen früheren Erfahrungen sehr gut. Ihre Hilfsbereitschaft lebt den Augenblick, Drogen oder Alkohol können beste Vorsätze binnen Minuten vergessen machen. Trotzdem sollte man, wie die Autorin es am Ende betont, endlich dazu übergehen, Afrika nicht ständig in der Opferrolle zu sehen oder als Almosenempfänger. Afrika kann gut allein fertig werden mit seinen Problemen, nur eben auf afrikanische Art.
Was mich an diesem Buch sehr verärgert hat, ist die feministische und gendergerechte Art, teilweise liest sich der Roman eher wie eine Reportage. Und mit all den überflüssigen Doppelnennungen von Journalisten und Journalistinnen, Afrikanern und Afrikanerinnen etc. eher wie ein gewöhnlicher Zeitungsartikel.
Fazit: Der Lebensbericht einer Ausgewanderten, die bei aller Liebe zur neuen Heimat Südafrika auf unzählige Probleme stößt. Mit nun Mitte 60 ist sie einigermaßen bei sich angekommen, ich wünsche ihr, dass sie ihr Leben mit ihrem Ehemann genießen kann.

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Veröffentlicht am 06.12.2025

Spannende Spurensuche – ergreifende Schicksale

Hilde und Robin
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Vor knapp einem Jahr habe ich den ersten Roman der freien Autorin Rachel Soost gelesen und unter dem Titel „Eine unvergessliche Liebesgeschichte“ rezensiert, schon damals war die Geschichte von „Bernie ...

Vor knapp einem Jahr habe ich den ersten Roman der freien Autorin Rachel Soost gelesen und unter dem Titel „Eine unvergessliche Liebesgeschichte“ rezensiert, schon damals war die Geschichte von „Bernie und Luise“ für mich eine besondere Entdeckung. Schon Monate vor dem langersehnten Veröffentlichungstermin am 27. November 2025 verfolgte ich die Entstehungsgeschichte des zweiten Teils der geplanten Trilogie auf dem Instagram-Account @SchwarzGrauBunt und in persönlichen Mails. Denn seit dem ersten Buch hat sich eine liebevolle Brieffreundschaft entwickelt, die ich sehr schätze. Jetzt die Rezension zur Geschichte von „Hilde und Robin“ zu schreiben, fällt mir gar nicht so leicht. Ich bin auch von diesem Buch wieder begeistert, nun könnte ich viele Absätze der ersten Rezension noch einmal schreiben oder einfach hier hineinkopieren. Das werde ich aber nicht tun, sondern einige neue Gedanken äußern.
Ich habe seit dem 7. Oktober 2023 immer mehr das Gefühl, dass sich gerade jüdische oder jüdischstämmige, sich vollkommen fremde Menschen sehr viel näherkommen, als das vor einigen Jahren noch der Fall war. Ich glaube, es gibt eine innere Verbundenheit, die nun nicht mehr nur durch den Holocaust, sondern auch durch das Hamas-Massaker und die Folgen im täglichen Leben ständig weiterentwickelt und wieder erneuert wird.
In diese Situation hinein ist der Roman geschrieben, er vermittelt aufs Eindringlichste jene oben genannte Verbundenheit, aber auch die Solidarität von nichtjüdischen Personen, die ungeachtet der Gefahren zu helfen bereit waren und auch heute sind.
Robin, er ist das Glückskind der Familie Smedresman, er ist derjenige, der gutes Geld verdient als Vertreter in der Modebranche, und der in der Lage ist, seiner Mutter Chana ein sorgenfreies Leben in einer Genossenschaftswohnung zu ermöglichen. Robin, er ist derjenige, der am längsten zögert, Deutschland zu verlassen, der gern die Augen verschließen möchte vor dem Nationalsozialismus nach der Machtübernahme, der seinen Bruder Bernie und dessen Frau bei der Auswanderung schon 1935 unterstützt, daraus aber nicht die richtigen Schlüsse zieht. Robin lernt Hildegard kennen zu einer Zeit, als der Judenhass noch lange nicht seinen Gipfel erreicht hat. Hildegard, aus gutem, aus protestantischem Hause, wird seine große Liebe. Als die Nürnberger Gesetze normales jüdischen Leben fast vollkommen verhindern, begreift auch er langsam, dass er in Deutschland nicht mehr sicher ist. Und dass sein Traum von der Hochzeit mit Hilde in Deutschland geplatzt ist. Wie viele andere Juden hofft auch Robin immer noch, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird. Ein fataler, ja tödlicher Irrtum.
Rachel Soost hat ihren Roman mit einem literarischen Kunstgriff zu einem heutigen Ereignis gemacht. Ihre erfundenen Protagonisten Frederike und Sören sind die Spurensucher in der Gegenwart, ihre Eheprobleme treten in den Hintergrund und beide recherchieren mal allein, mal gemeinsam, nachdem Frederike versteckte Dokumente von Hilde entdeckt hat. Diese Art der Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart hat mir sehr gut gefallen, auch lässt sich dadurch ein wenig die Recherche der Autorin, oft begleitet von ihrem Mann, nachvollziehen. Mein Mann wäre auf jeden Fall auch mit mir nach Belgien oder Frankreich gefahren, um Originalschauplätze zu sehen, dieser Gedanke verbindet mich noch mehr mit der Autorin. Die Besuche von Frederike und Sören auf den beiden jüdischen Friedhöfen erinnerte mich jedenfalls sehr an meine eigenen Erlebnisse, einschließlich der Befreiung eines fast unsichtbaren Grabsteins aus dem Gestrüpp. Vieles bei uns verläuft und verlief ähnlich bei der Familienforschung wie bei der Autorin.
Hilde wird in diesem Roman die eigentliche Hauptfigur, sie ist diejenige mit dem stärksten Willen, sie lässt sich durch nichts und niemanden von ihrer Liebe zu Robin abbringen. Was sie alles durchzustehen hat, das muss jeder selbst lesen. Ich will das Ende nicht schon vorwegnehmen.
Der Roman liest sich gut, die Kapitel sind nicht zu lang und die Klammer der Recherchen von Frederike und Sören hält das Geschehen gut zusammen. Für mich war es trotzdem schwer, den Roman unbefangen zu lesen, ich wusste schon vorher zu viel, dabei hatte ich es aber tatsächlich vermieden, bereits erschienene Rezensionen zu lesen, um zumindest unbeeinflusst für mich selbst sprechen zu können. Das war auch ein Härtetest. Auch den Beitrag der Wohnungsbaugesellschaft im Mitgliederheft „Charlotte07“ habe ich nur zur Hälfte gelesen, Robins Schicksal, dort noch einmal dokumentiert, habe ich mir aufgehoben. Die Stolpersteinverlegung ist jedenfalls aus meiner Sicht ein Höhepunkt der Recherchearbeit der Autorin. Ich weiß, wie emotional das ist, freue mich gleichzeitig darüber.
Besonders gut gelingen der Autorin im Übrigen Dialoge, diese erscheinen sehr natürlich und bringen dem Leser die Situationen sehr anschaulich nahe. Das offene Ende bahnt nun den Weg zu Bernhards und Robins Bruder Alfred, genannt Freddy, und seiner Frau Helene, die man beide in diesem Roman schon etwas mehr kennenlernt. Ich werde mir auch den dritten Band der Trilogie nicht entgehen lassen, freue mich auf die Fortschritte, die ich vielleicht mitverfolgen kann auf Instagram.
Wie schon beim ersten Teil ist das Cover aus meiner Sicht viel romantischer als der Inhalt, im Roman hatte ich nur einmal das Gefühl, dass eine Situation etwas zu pathetisch geschildert wurde. Ich würde wahrscheinlich im Buchladen nicht auf den Gedanken kommen, zuzugreifen, es sei denn, ich hätte den Untertitel gelesen: Die vergessene Geschichte einer jüdischen Familie. So kann man sich also auch täuschen, wenn man nur oberflächlich hinschaut.
Fazit: wer sich für jüdische Lebensgeschichten und Familiengeschichten im Allgemeinen interessiert, wer die deutsche Geschichte aus einem persönlichen Blickwinkel miterleben will, dem empfehle ich diesen Roman sehr.

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Veröffentlicht am 02.12.2025

Die Stimmen der Väter

Der unsichtbare Elefant
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Mir hat dieser Roman von Anfang an gut gefallen, ungewöhnlich und beobachtungsstark! Der Autor Max A. Edelmann ist so alt wie meine Kinder, hat sich aber einem Thema zugewendet, das sehr viel älter ist ...

Mir hat dieser Roman von Anfang an gut gefallen, ungewöhnlich und beobachtungsstark! Der Autor Max A. Edelmann ist so alt wie meine Kinder, hat sich aber einem Thema zugewendet, das sehr viel älter ist als er. Was kann Erziehung bewirken, wie lassen sich Traumata überwinden, die schon „mit der Muttermilch“ auf die nächste Generation übergegangen sind? Wie kommt man heraus aus seiner Haut? Wie lange will man auf die Stimme des Vaters hören, auch wenn sie in die falsche Richtung führt? Muss man wirklich stark sein und auf fremde Hilfe verzichten?
Was war geschehen? Thomas Siebenmorgen war ganz offensichtlich dabei, sich in einer depressiven Phase das Leben zu nehmen. Ein plötzlich klarer Gedanke hielt ihn davon ab, aber er hatte die eigene Kraft überschätzt, die Gravitation unterschätzt. Der Tod kam schnell und schrecklich, nicht nur für Siebenmorgen, auch für seine Kollegin Mariá, die nicht mehr helfen konnte, für den Wachmann, der noch zur Seite springen konnte, für das moderne Kunstwerk à la Beuys, das zu Bruch ging. Für eine Sekunde stand das Leben still im Büroturm in Düsseldorf, dann begann sich die Maschinerie von Aufklärung, Trauer, Bestürzung und Unverständnis gnadenlos zu bewegen.
Siebenmorgen, Anwalt für Pensionsrecht, angestellt in einer gut beleumundeten Kanzlei, stellt sich im Verlauf der Geschichte als „ein Mann ohne Eigenschaften“ heraus. Ganz im Gegensatz zu dem als interner Ermittler der Kanzlei eingesetzten jüngeren Anwalt Simon Nyakuri, dessen Name in der ruandischen Heimat seines Vaters prägend „Der nichts als die Wahrheit sucht“ bedeutet. Dass dieser Protagonist zwar hehre Absichten, aber auch jede Menge Karriereversessenheit an den Tag legt, verwundert nicht. Anwälte haben gemeinhin nicht den besten Ruf. Wie sich am aus der Kanzlei ausgeschiedenen Jens Peters wunderbar beweisen lässt. So wurde ich der Klischees manchmal überdrüssig beim Lesen. Ein weiterer Protagonist versucht etwas Ruhe ins Ganze zu bringen, KIT-Mitarbeiter (Kriseninterventionsteam) Viktor Kemper, der sich zuerst um Mariá und später um die Eltern des Toten kümmert. Diese Eltern sind eine besondere Herausforderung, waren das für den Sohn, und machen es auch den genannten Protagonisten nicht leicht. Viktor wird von ihnen als ehemaliger Klassenkamerad erkannt, ihm selbst ist vieles im Hause Siebenmorgen eher unangenehm.
Simon versucht nicht als Einziger, die Gründe für den geplanten Selbstmord zu erkunden, auch Viktor und Mariá forschen munter drauflos, noch unterstützt von einer Reinigungsfrau aus der Kanzlei. Und da wird es dann doch etwas märchenhaft. Aber ich spoilere nicht und lasse den Protagonisten freie Hand!
Allen Protagonisten war eins gemeinsam, ihre Väter, auch die selbsterwählten, gaben ihnen einiges mit auf den Lebensweg. Es hat sie stark gemacht oder schwach, es hat aber immer auf sie gewirkt.
Der Autor hat sich an mancher Stelle zu ausufernden Szenen (das Klassentreffen z. B. gefiel mir nicht besonders) hinreißen lassen, die dem Roman nicht nur gutgetan haben. Es lenkte einfach zu sehr ab, besonders unterhaltsam war es auch nicht.
Die drei Hauptkapitel sind mit Causa, Instructiones und Conclusio überschrieben, passend zur Juristensprache in Latein, das erste Kapitel hat mich überzeugt, im zweiten war Chaos zu spüren, im dritten ging es kurz und halbwegs schmerzlos zum Ende. Der Epilog war fast zu schön, um wahr zu sein.
Auch der unsichtbare Elefant taucht einmal auf, wird dann aber noch auf philosophische Weise ins Spiel gebracht: „Dieser unsichtbare Elefant aus unterdrückter Scham, verdrängtem Schmerz und unerträglicher Selbstgerechtigkeit mitten im Wohnzimmer. Dieses Ungetüm, das sich von der Unfähigkeit zu trauern ernährte. Das allgegenwärtig und doch nie zu greifen war.“
Die Sprache im Roman verwunderte mich ab und an, das schlimmste Wort war für mich „Visibility“, denkt man in Kanzleien wirklich so? Ich hoffe, ich brauche nie einen Anwalt.
Teilweise ist der Roman denn auch ein Kriminalroman, dieses Genre könnte der Autor gern weiter bedienen. Die Vergangenheitsaufarbeitung wurde noch nicht zu meiner vollen Zufriedenheit bewältigt. Da ist definitiv Luft nach oben.
Zum Schluss kann ich trotzdem sagen „Lessons learnt, Kuh vom Eis.“ Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Drei Buchstaben reichen für ein ganzes Leben: MUT

Luft zum Leben
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Vor gut einem Jahr sah ich den Dokumentarfilm „Sonntagskind - Das Leben der Helga Schubert“, der mich sehr beeindruckt hat. Und zum Wiederlesen des längst vergilbten Buchs „Lauter Leben“ brachte. Nun also ...

Vor gut einem Jahr sah ich den Dokumentarfilm „Sonntagskind - Das Leben der Helga Schubert“, der mich sehr beeindruckt hat. Und zum Wiederlesen des längst vergilbten Buchs „Lauter Leben“ brachte. Nun also etwas Neues, etwas Altes, etwas Unveröffentlichtes vermischt, Rückblick und Ausblick in einem. Es ist ein Buch vom Leben und vom Tod, von dem ganz besonders, von Vernunft und Verderben, von den drei unterschiedlichen Deutschlands, die die Autorin durchlebte und durchlitt. Ich bin 14 Jahre später geboren als sie, meine Mutter war 14 Jahre älter als Helga Schubert. Für mich, die ich sozusagen mittendrin nur zwei Deutschlands kennengelernt habe, eine merkwürdige Art, noch einmal zurückzublicken auf die Jahre in der DDR. Aus heutiger Sicht sind die Stasiprotokolle und -berichte bizarr, eigentlich lächerlich, wenn sie damals nicht existenzbedrohend gewesen wären, könnte man sie mit einem Kopfschütteln abtun. Mir aber haben sie direkt ins Fleisch geschnitten, mir hat die Perversität die Luft abgedrückt.
Helga Schubert ist durch ihr ganzes Leben, nicht nur durch politische Ereignisse, auch durch schwere persönliche Zeiten immer mit erhobenem Kopf gegangen. Das fordert mir höchste Achtung ab, selbst wenn nicht alle Geschichten in diesem Buch meinen Geschmack getroffen haben.
Mir fiel es nicht immer leicht, ihrem Stil zu folgen, besonders ihr Versuch eines Porträts der legendären Tänzerin Galina Ulanowa in Moskau bedurfte besonderer Konzentration beim Lesen, aber die Geschichten über ihre Großmütter haben mich entschädigt! Hätte ich dem Buch einen Titel geb dürfen, dann würde es jetzt „Lauter Leben, lauter Sterben“ heißen. Das Cover ist wiederum reine Geschmackssache, mir gefällt es nicht. Vielleicht ist es vom Cover „Vom Aufstehen“ inspiriert, soll eine Reihe bilden, vielleicht.
Dieses Zitat lässt mich ein wenig vertrauensvoller in die Zukunft schauen: „Es bleibt mir nichts anderes als Vertrauen und Zuversicht übrig, dass der Mensch hinter mir auf der Rolltreppe mir nicht ein Messer in den Rücken rammt.“ Nur so kann man die schwierigsten Zeiten überstehen, danke Frau Schubert.

Fazit: Wer Helga Schubert kennt und gern liest, wird ohne Zögern zugreifen, allen anderen lege ich diese Geschichten sehr ans Herz. Lassen Sie sich nicht vom kühlen Cover abschrecken. Sie werden etwas kennenlernen, das langsam in Vergessenheit gerät: die Jahre der Autorin in der DDR-Diktatur, ihre Gedanken vor und hinter der Mauer, und die danach. Eine stimmungsvolle Zusammenstellung, ein ganzes mutiges Schriftstellerleben.

Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.

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Veröffentlicht am 20.11.2025

Gott hatte eine große, schreckliche Pause gemacht.

Wenn ich eine Wolke wäre
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Mascha Kalėko hadert mit ihrem Gott, und doch wird sie glückliche Momente in ihrem Leben finden, denn sie erkennt „Schicksal muss man annehmen.“ Volker Weidermann erkundet ihre Wege, besonderes Augenmerk ...

Mascha Kalėko hadert mit ihrem Gott, und doch wird sie glückliche Momente in ihrem Leben finden, denn sie erkennt „Schicksal muss man annehmen.“ Volker Weidermann erkundet ihre Wege, besonderes Augenmerk liegt auf dem Jahr 1956, dem Wahnsinnsjahr für Mascha, die endlich wagt, ihr verlorenes, verlassenes Land und ihren Sehnsuchtsort Berlin zu besuchen. Und die Literaturgeschäfte will sie natürlich auch wieder ankurbeln. Daraus wurde ein Buch, das bis zur letzten Seite fesselt. Aber so weit bin ich hier noch nicht.
Vor ein paar Tagen fiel mir zufällig ein Interview auf, das die Jüdische Allgemeine (online am 08.11.2025) mit Volker Weidermann führte. Für mich von großem Interesse, weil ich den Buchspuren dieses Autors schon länger folge, nach Mexiko wegen Anna Seghers, nach Oostende wegen der Literaten, ans Meer mit Thomas Mann. Immer habe ich seine Bücher gern gelesen, sie haben mein Literaturinteresse immer weiter gesteigert. Nun also Mascha Kalėko. Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches hat mich beeindruckt, ist der Inhalt, insbesondere was die Deutschlandreise betrifft, doch das Ergebnis der intensiven Rezeption von Kalékos Briefen an ihren Mann Chemjo in New York. Die jüdische Lyrikerin Mascha Kaléko war 17 Jahre zuvor mit ihrem Ehemann und dem zwei Jahre alten Sohn in die USA emigriert, gerade noch rechtzeitig, gerade noch mit Affidavit ausgestattet, die Eltern und Geschwister waren schon in Palästina, nur ihre Schwester Lena (Puttel) in der Sowjetunion. Eine zerrissene Familie, zerrissene Lebenläufe, aber gerettet.
Chemjolein, wie sie ihren Ehemann liebevoll nennt, musste doch all ihre Sehnsüchte, Erlebnisse, Ärgernisse und ihr überbordendes Talent nicht nur in natura, sondern auch auf Papier aushalten. Dass sie ihn manchmal wohl auch eifersüchtig machte, nahm sie gelassen. Wie an ihm die Elogen der fremden Herren nagten, gibt er nicht preis – seine Briefe sind verbrannt. In dem genannten Interview erzählt Weidermann ganz zum Schluss, wie es zu der Widmung „Für Mascha“ gekommen ist, und genau an dieser Stelle wusste ich, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Ein paar Tage später konnte ich starten.
Der Schreibstil Weidermanns widersetzt sich meinem Gehirn des Öfteren, in meinen Gedanken bin ich schon voraus, am Satzende muss ich feststellen, dass er ganz anders formuliert hat, als ich es in Gedanken tat. Aber das lesende Gehirn gewöhnte sich. Ich habe das E-Book gelesen und festgestellt, dass es zwischen der Kindle-App und der iBook-App einige Unterschiede in der Formatierung gab. Was mich aber in beiden störte, lag nicht am Satz, sondern am Autor. Er zitiert mehrere Male Gedichte im laufenden Text, Zeilenumbrüche werden nur durch Schrägstriche markiert. Ich weiß, dass das die übliche Art der Zitierung von Gedichten ist, aber ich hätte wesentlich lieber auch diese Gedichte in ihrer ursprünglichen Form gelesen. Gerade der Zeilenfall ist bei Mascha Kaléko doch Bestandteil ihrer Kunst.
Die Lebens- und Liebesgeschichte von Mascha Kaléko war mir in Teilen schon gut bekannt, vor Jahren habe ich die Biografie von Jutta Rosenkranz gelesen, erst im Frühjahr den Roman Die Liebe der Mascha Kaléko von Charlotte Roth als Hörbuch gehört. Weidermanns neues Buch passt mitten hinein, erzählt von so vielen Begebenheiten, die ich noch nirgends erfahren hatte, einfach fantastisch, diese Fülle an Leben. Hinzu kommt, dass ich mir die beiden rororo-Büchlein Das lyrische Stenogrammheft und Verse für Zeitgenossen gekauft habe, ich musste sie unbedingt beide haben, obwohl mir das Stenogrammheft viel besser gefällt: nur beide zusammen ergeben auf den Covern aber ihr ganzes Gesicht. Das ist übrigens ein kluger Marketingtrick, mit Speck…
Das Leben hält für Mascha Kaléko auch in den 1950er Jahren nicht nur Rosen bereit, sie erfährt viel Ablehnung, aber sie lehnt auch ab, nämlich den Fontane-Preis, von einem Nazi wollte sie den nicht entgegennehmen. Hochachtung! Einen weiteren Literaturpreis hat man ihr nie mehr angetragen.
Sehr aufschlussreich sind die Wochen, in denen Chemjo sie im Sommer 1956 für kurze Zeit in Deutschland besucht. Es gibt zwar keine Briefe, aber manches hat sich doch überliefert. Auch, dass zwei so egozentrische und künstlerisch begnadete Menschen in einem kleinen Doppelzimmer nur schwer miteinander auskommen. Ihr Ruf zum Abschied ist „Ich brauche Dich. Wenn auch nicht von früh bis spät!“.
Sehr gut gefallen haben mir Weidermanns „Abschweifungen“ zu anderen Schriftstellern, zu Verlegern oder Lektoren. Zum Beispiel der Nachruf auf Franz Hessel! Einfach wunderbar. Was Mascha Kaléko in Berlin noch widerfährt, was sie aus dem Gleichgewicht bringt, drüber lasse ich hier nichts verlauten. Spoiler verderben die Lesefreude.
Und dann reist Mascha Kaléko weiter, wird endlich bis Ascona kommen, wird berühmte und weniger berühmte Menschen treffen, u. a. Erich Maria Remarque, Autor von Arc de Triomphe, der das Emigrantenleben so drastisch beschreibt, wird sich nach ihrem Mann verzehren, auch nach ihrem Sohn, wird klamm sein und bisweilen ungehalten, wird Berlin lieben und gleichzeitig manch Deutsches hassen. So manche Verklärung aus der Erinnerung löst sich auf. Weidermann nimmt den Leser überall mit, lässt ihn ganz tief hineinschauen in den schwarzen Brunnen ihrer Leidenschaften. Das macht mir das Buch so wertvoll, es ergänzt die Gedichte, die ich immer in Reichweite in meinem Schlafzimmer habe. Hier schließt sich für mich der Kreis. Im „Dank“ löst Weidermann dann aber das Rätsel um die Widmung doch nicht ganz auf „(für) Mascha, der das Buch gewidmet ist und die wirklich keinen besseren Namen tragen könnte als diesen.“
Das gut gelungene Cover, das verwendete Foto und der passende Titel Wenn ich eine Wolke wäre werden jeden Literaturfreund im Buchladen zugreifen lassen.
Wie hält man sich an Wunder, wenn sie ausbleiben? Wie weckt man Gott, wenn er wieder schläft? Das fragt der Autor nicht umsonst, vielleicht sind es Mascha Kalékos Gedichte, die helfen, Gott zu wecken und Wunder zu bewirken. Danke, Herr Weidermann. Ich freue mich auf Ihr nächstes Buch.
Fazit: Mascha Kalékos erste Reise nach Europa, 17 Jahre nach der Emigration, ist ein Abenteuer, dass sich kein Literaturfreund entgehen lassen sollte. Es lässt tief in die verletzte und verletzliche Seele dieser Ausnahmelyrikerin schauen. Trotz meiner kritischen Anmerkungen gebe ich gern 5 Sterne für dieses gelungene Buch!
Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.

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