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Veröffentlicht am 04.01.2026

emotionale Familiengeschichte

Niemands Töchter
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„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch ist genau die Art von Roman, die mich anspricht: Geschichten auf mehreren Zeitebenen, die sich langsam entfalten und irgendwann berührend ineinandergreifen.
Im Kern ...

„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch ist genau die Art von Roman, die mich anspricht: Geschichten auf mehreren Zeitebenen, die sich langsam entfalten und irgendwann berührend ineinandergreifen.
Im Kern geht es um zwei Frauen:
Alma, ein Mädchen, das in den 80ern in der Eifel aufwächst und sich in ihrer eigenen Familie fremd fühlt – vor allem, weil über ihre Herkunft geschwiegen wird. Und Isabell, die 2019 in Berlin lebt und den Verlust ihrer Mutter nie überwunden hat. Beide tragen eine Leerstelle in sich, die ihr Leben, ihr Denken und ihr Gefühl von Zugehörigkeit prägt. Als sich ihre Wege überraschend kreuzen, entsteht eine generationsübergreifende Geschichte über Identität, Familienwunden und die Suche nach dem eigenen Platz.
Zu Beginn war ich von den vielen Perspektiven etwas verwirrt – es dauert, bis man sich sortiert hat. Aber genau diese Vielstimmigkeit habe ich schließlich sehr gemocht. Die verschiedenen Blickwinkel geben der Geschichte Tiefe, selbst wenn man am Anfang ein bisschen Durchhaltevermögen braucht.
Hier und da wirkte einiges auf mich etwas konstruiert, fast zu perfekt aufeinander abgestimmt. Das hat mich zwar kurz aus dem Lesefluss gebracht, ändert aber nichts daran, dass mich das Buch insgesamt emotional erreicht hat.
Ein besonders schöner Aspekt ist die Bildsprache des Romans – mit Polaroids, verlorenen Träumen und dem Gefühl von Nostalgie, das sich durch die gesamte Geschichte zieht. Man merkt, wie sehr hier nicht nur über Familien gesprochen wird, sondern über das Schweigen innerhalb von Familien, das Menschen formt – und wie befreiend es sein kann, wenn die Wahrheit endlich Raum bekommt.
Fazit: Ein berührendes, klug erzähltes Debut, das mich trotz kleiner Schwächen überzeugt hat. Wer Geschichten mit Zeitsprüngen, viel Gefühl und mehreren Perspektiven mag, wird hier viel finden, das lange nachhallt. Für mich kein perfektes, aber ein sehr gutes Buch.

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Veröffentlicht am 04.01.2026

vorhersehbar

Verbrenn das Negativ
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„Verbrenn das Negativ“ von Josh Winning hat mich definitiv gut unterhalten – so richtig vom Hocker gerissen hat es mich aber leider nicht.
Die Grundidee ist stark: Laura kommt nach L.A., um über das Remake ...

„Verbrenn das Negativ“ von Josh Winning hat mich definitiv gut unterhalten – so richtig vom Hocker gerissen hat es mich aber leider nicht.
Die Grundidee ist stark: Laura kommt nach L.A., um über das Remake einer verfluchten Horrorserie zu berichten – und wird direkt mit einem grausigen Todesfall konfrontiert, der sie an ihre eigene Vergangenheit erinnert. Denn als Kind spielte sie in einem Horrorfilm der 90er mit, bei dessen Dreh mehrere Menschen unter mysteriösen Umständen starben. Der Film zerstörte ihr Leben, sie tauchte ab und änderte ihre Identität. Doch nun scheint der „Fluch“ erneut zuzuschlagen, sobald sie wieder in die Produktion involviert ist …
Der Einstieg und die Atmosphäre sind wirklich gelungen und teilweise richtig spannend. Trotzdem fehlte mir am Ende das gewisse Etwas, das ein gutes Buch zu einem herausragenden macht.
Was mir besonders gefallen hat, waren die schwarzen Seiten am Anfang der Kapitel. Diese fiktiven Internet-Berichte, Posts oder Forenauszüge geben der Geschichte einen modernen, multimedialen Touch und haben für mich viel zur Stimmung beigetragen – ein echtes Highlight.
Leider konnte das Ende für mich nicht mithalten. Die Auflösung war mir zu vorhersehbar, und genau deshalb hat sie mich emotional auch nicht gepackt. Hier hätte ich mir mehr Überraschung, mehr Risiko, mehr Mut zum Ungewöhnlichen gewünscht.
Fazit: Spannend, atmosphärisch und kreativ in der Umsetzung – aber insgesamt für mich nicht herausragend, und das Ende war leider nicht mein Fall. Für Fans von Horror-Thrillern trotzdem einen Blick wert!

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Veröffentlicht am 04.01.2026

Anspruchsvoll

Dius
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Dius von Stefan Hertmans ist ein anspruchsvoller, vielschichtiger Roman, der mich nicht nur wegen seiner dichten Sprache, sondern auch wegen seiner kunstvollen Komposition beeindruckt hat. Hertmans verwebt ...

Dius von Stefan Hertmans ist ein anspruchsvoller, vielschichtiger Roman, der mich nicht nur wegen seiner dichten Sprache, sondern auch wegen seiner kunstvollen Komposition beeindruckt hat. Hertmans verwebt kunsthistorische Referenzen, persönliche Beziehungen und gesellschaftliche Fragen zu einem melancholisch gefärbten Erzählnetz, das sowohl Konzentration als auch Bereitschaft zur emotionalen Offenheit verlangt.

Im Zentrum steht Egidius De Blaeser, genannt Dius – ein begnadeter Kunststudent, dessen außergewöhnliches Talent ebenso auffällt wie sein komplexer, manchmal schwer greifbarer Charakter. Sein Charme zieht sowohl Kommilitoninnen als auch seinen Dozenten Anton in den Bann. Zwischen Anton und Dius entsteht eine besondere Verbindung: lange Spaziergänge, Gespräche über Kunst, Musik und Natur, ein intellektuelles und emotionales Hin- und Herpendeln zweier Menschen, die sich gegenseitig inspirieren und herausfordern. Doch eine Lüge zerstört diese fragile Freundschaft – ein Bruch, der nachhallt.

Jahre später steht Dius plötzlich wieder vor Antons Tür, gezeichnet von Narben und begleitet von einem Mädchen. Diese Begegnung öffnet alte Wunden und neue Fragen: Was bedeutet Freundschaft wirklich? Was kann ein Gemälde in uns auslösen? Und wie gehen wir mit der fortschreitenden Zerstörung der Natur um, die im Roman immer wieder wie ein melancholischer Unterton mitschwingt?

Hertmans erzählt mit einer feinen, poetischen Traurigkeit, die den gesamten Roman durchzieht. Gerade diese Stimmung und die vielen Kunstbezüge machen Dius zu einer fordernden, aber lohnenden Lektüre. Wer bereit ist, sich auf die leisen Zwischentöne einzulassen, findet hier ein tief bewegendes Buch. Für mich sind es klare vier Sterne.

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Veröffentlicht am 04.01.2026

im Zwiespalt

Wenn die Sonne untergeht
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Zum Thomas-Mann-Jahr habe ich mich ganz besonders auf Wenn die Sonne untergeht von Florian Illies gefreut – ein Roman über die Familie Mann im Jahr 1933 klang nach genau der richtigen Lektüre. Und in gewisser ...

Zum Thomas-Mann-Jahr habe ich mich ganz besonders auf Wenn die Sonne untergeht von Florian Illies gefreut – ein Roman über die Familie Mann im Jahr 1933 klang nach genau der richtigen Lektüre. Und in gewisser Weise war es das auch: äußerst informativ, detailreich recherchiert und voller historischer Bezüge, die man so kompakt selten findet.

Gleichzeitig habe ich das Buch jedoch als erstaunlich sperrig empfunden. Es liest sich weniger wie ein Roman und deutlich mehr wie ein Sachbuch, das in eine romanhafte Form gegossen wurde. Das kann spannend sein, wirkt hier allerdings häufig etwas verkopft und nimmt dem Text die Leichtigkeit, die man sich bei einem Roman wünschen würde.

Was mich zudem irritiert hat, war der wertende Ton, der an manchen Stellen mitschwang. Da es sich offiziell nicht um ein Sachbuch handelt, kann man Illies das eigentlich nicht vorwerfen – ein Roman darf schließlich interpretieren. Aber trotzdem habe ich mich gefragt, weshalb der Autor an bestimmten Stellen so klare Positionen einnimmt, gerade im Hinblick auf Thomas Mann. Dieser kommt insgesamt überraschend unvorteilhaft weg. Besonders befremdlich fand ich die Darstellung seines Todes als eine Art „Befreiung“ für manche Familienmitglieder. Das hat mich befremdet zurückgelassen, vor allem weil ich mich auf einen Roman über Thomas Mann gefreut hatte und mir gewünscht hätte, dass die zentrale Figur etwas ausgewogener oder zumindest empathischer gezeichnet wird.

Insgesamt also: ein informatives, stellenweise brillantes, aber stilistisch sperriges Buch, das mich eher rational beeindruckt als emotional berührt hat. Drei Sterne.

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Veröffentlicht am 22.12.2025

Nicht ganz überzeugend

Sonnenaufgang Nr. 5
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Mit Sonnenaufgang Nr. 5 wollte Carsten Henn erneut einen warmherzigen Roman über das Leben, Erinnerungen und zwischenmenschliche Begegnungen erzählen. Die Themen klingen vielversprechend: ein junger Mann, ...

Mit Sonnenaufgang Nr. 5 wollte Carsten Henn erneut einen warmherzigen Roman über das Leben, Erinnerungen und zwischenmenschliche Begegnungen erzählen. Die Themen klingen vielversprechend: ein junger Mann, der vor seiner Vergangenheit davonläuft, und eine ältere Frau, die ihr Leben im besten Licht festhalten möchte. Die Idee, diese beiden Figuren über das Schreiben einer Lebensgeschichte zusammenzubringen, hat durchaus Charme.

Leider konnte mich der Roman insgesamt nicht so begeistern wie erhofft. Ich habe nur schwer einen Zugang zu den Protagonisten gefunden. Sowohl Jonas als auch Stella blieben für mich emotional auf Distanz, sodass ihre Entwicklung und ihre Gespräche mich nicht wirklich berührt haben. Die Beziehung zwischen den beiden wirkte stellenweise konstruiert und weniger organisch, als ich es mir gewünscht hätte.

Der Roman ist ruhig, poetisch und mit klarer Botschaft geschrieben, doch genau diese Lebensweisheiten empfand ich teilweise als zu offensichtlich. Statt zwischen den Zeilen zu wirken, werden viele Gedanken sehr direkt formuliert, was der Geschichte für mich etwas von ihrer Tiefe genommen hat.

Insgesamt ist Sonnenaufgang Nr. 5 ein solides, angenehm zu lesendes Buch, das sicher seine Leser:innen finden wird – vor allem Fans von Carsten Henns gefühlvollen Erzählungen. Mich persönlich konnte es jedoch nicht vollständig abholen, da die emotionale Verbindung zu den Figuren fehlte.

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