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Veröffentlicht am 11.05.2020

Zeitreise

Der Sommer, in dem Einstein verschwand
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Zur Zeit der Weltausstellung 1923 in Göteborg ist der Roman „Der Sommer, in dem Einstein verschwand“ von Marie Hermanson angesiedelt. Es ist ein Zeitreise-Krimi in unterhaltsamen Stil verfasst.

Magisch ...

Zur Zeit der Weltausstellung 1923 in Göteborg ist der Roman „Der Sommer, in dem Einstein verschwand“ von Marie Hermanson angesiedelt. Es ist ein Zeitreise-Krimi in unterhaltsamen Stil verfasst.

Magisch ist die Atmosphäre, die das Schwedische Göteborg umfliegt, mittendrin die junge Journalistin Ellen, die von der Weltausstellung berichten soll und darüber hellauf begeistert ist.
Moderne Zeiten, viel Aufregung um die Austellung selbst und um neue Technologien und Erfindungen, ein Hauch der großen weiten Welt erfasst die aufgeregte ländliche Kleinstadt und ihre Menschen. Erregte Aufbruchstimmung in einem sommerlichen Flair. Dazu passt Ellen, die als Frau berufstätig sein möchte und für die damalige Zeit damit neue Wege beschreitet.

Eingeladen ist ebenfalls Albert Einstein, zu dieser Zeit unter anderem wegen seiner Relativitätstheorie bereits angesehener und berühmter Wissenschaftler, der seine Nobelpreisrede halten soll, ohne die es für ihn kein Preisgeld gibt. Bei ihm herrscht darüber Aufregung, denn er glaubt, dass er angegriffen, sogar verfolgt wird, aus antisemitischen Kreisen, die Wissenschaft ablehnen und die auf offene Ohren stoßen. Er fürchtet um sein Leben, insbesondere von seinem Gegner Paul Weyland, einem zwielichtigen Hochstapler.

Einstein kam zwei Tage zu spät nach Göteborg, soweit die Realität, die die Autorin in ihrem Roman aufrollt und als Erklärung einen von Weyland geplanten Mordanschlag ersinnt, mit dessen Entdeckung und Verhinderung letztlich Ellen und der Polizist Niels sich beschäftigen.
Die Autorin schafft es, daraus einen unterhaltsamen leichten Sommerroman zu spinnen, mit einem kriminalistischen Touch und Augenzwinkern. Ein paar Episoden von der Weltausstellung und aus Eisteins Leben geben den nötigen historischen Bezug für diesen Unterhaltungsroman.
Gut gelungen finde ich die Stimmung, die von leiser Trauer über verlorene Traditionen bis zur hellen Begeisterung für die Moderne mit Automobilen und Flugzeugen reicht. Leichtfüßig und und unterhaltsam, gut zu lesen, vielleicht ein bisschen zu süßlich für meinen Geschmack, aber stellenweise interessant gestaltet sich das Buch, das ich denen empfehlen kann, die auf leichte historische Unterhaltung mit Wohlfühlflair stehen und dabei keine hohe Literatur erwarten. Ich vergebe gute 3 Lesesterne für dieses Buch.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.04.2020

Unwiderstehliches Buch

Das Museum der Welt
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Eine Mischung aus klugen Abenteuerroman, Spionagethriller und Coming-of-Age Geschichte ist dem Autor Christopher Kloeble in seinem großartigen Roman „Das Museum der Welt“ gelungen.

Die Indien-Expedition ...

Eine Mischung aus klugen Abenteuerroman, Spionagethriller und Coming-of-Age Geschichte ist dem Autor Christopher Kloeble in seinem großartigen Roman „Das Museum der Welt“ gelungen.

Die Indien-Expedition der deutschen Gebrüder Schlagintweit, erzählt aus der Sicht des indischen Waisenjungen Bartholomäus, mindestens 12 Jahre alt und höchst sprachbegabt, ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches. Auf den ersten Blick gewagt weil aus kindlicher Sicht, beim Lesen aber unwiderstehlich eben gerade deswegen betrachtet man die mir bis dahin unbekannte Entdeckungsreise der im Schatten des großen Alexander von Humboldt stehenden Brüder.

Von Humboldt gefördert brachen kurz vor dem ersten indischen Unabhängigkeitskrieg in den 1850er Jahren die aus Bayern stammenden Brüder Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit zur größten Forschungsexpedition ihrer Zeit auf. Unterwegs als Forscher und als Vertreter der allmächtigen East India Company bereisten sie das Land. Soweit die Historie, die mit der fiktiven Geschichte des in Bombay aufgewachsenen neunmalklugen Waisenjungen Bartholomäus verknüpft wird.
Vater Fuchs, der Mentor von Bartholomäus und Leiter des Waisenhauses, stammt wie die Brüder aus Bayern und legt ihnen den sprachbegabten Knaben als Übersetzer ihrer Expedition and Herz.
Bartholomäus ist anfangs von der Idee wenig begeistert, doch im Laufe der Reise ändert er seine Meinung wie auch seine Einstellung gegenüber den Brüdern.

Christopher Kloeble verwebt historische Fakten und Figuren aus hervorragender Recherche mit spannender Fiktion in einer interessanten und höchst unterhaltsamen Geschichte, die sprachlich äußerst detailreich aber nie ausschweifend erzählt ist. Bartholomäus möchte das erste Museum Indiens eröffnen, und seine gesammelten bemerkenswerten Objekte dienen als ungewöhnliche sehr passende Kapiteleinteilung des Romans. Dabei spielt zum Beispiel auch ein Haar des von Bartholomäus sehr verehrten und bewunderten Alexander von Humboldt eine Rolle. Der große Forscher konnte aus politischen Gründen nicht selbst nach Indien reisen, versorgte aber die Brüder Schlagintweit mit Empfehlungsschreiben.

Das Museum wächst im Notizbuch von Bartholomäus während der Reise, als Leser schaut man ihm beim Schreiben über die Schulter und betrachtet die Reise und die Erlebnisse durch seine Augen. Ein äußerst geschickter und kluger Kniff des Autors, wodurch kindliche Wahrheit und staunende Neugier gepaart mit der Sichtweise eines Einheimischen dafür sorgen, dass sich das Buch lobenswert von andern aus kolonialer Sicht geschriebenen Expeditionsromanen abhebt. Ganz davon abgesehen ist Bartholomäus ein absolut umwerfender Erzähler und Protagonist, dessen Erstaunen über die Apparate, Methoden und Gewohnheiten der Europäer gepaart mit der ihm eigenen Neugier und Klugheit unwiderstehlich wirken und den Funken beim Lesen überspringen lassen.
Man nimmt Bartholomäus die naiven Fragen ab, ebenso wie die Gewissens- und Loyalitätskonflikte, in die er im Laufe der Reise durch Mitglieder des indischen Widerstandes gestürzt wird, so dass der Waisenjungen letztlich sogar zum Spion mutiert.

Christopher Kloeble hat ein für mich beispielloses wunderbares Buch geschrieben, großartig recherchiert, genial verknüpft mit einer fiktiven Figur, die all den namenlosen Expeditionsbegleitern eine Stimme gibt und das Geschehen aus einheimischer Sicht betrachtet. Er könnte tatsächlich existiert haben, Bartholomäus, Waisenjunge aus Bombay und genialer Übersetzer der Expedition der Brüder Schlagintweit, zumindest möchte man das dem Autor gerne glauben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.02.2020

Die Last der Vergangenheit

Die Bagage
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Monika Helfer erzählt in ihrem gerade mal 160 Seiten langen Roman „Die Bagage“ von der Last der Vergangenheit über mehrere Generationen hinweg, von der Zähigkeit des dörflichen Lebens, vom Fluch der Schönheit ...

Monika Helfer erzählt in ihrem gerade mal 160 Seiten langen Roman „Die Bagage“ von der Last der Vergangenheit über mehrere Generationen hinweg, von der Zähigkeit des dörflichen Lebens, vom Fluch der Schönheit und von der Mühsal des Überlebens.
Vom Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht das schmale Buch, das trotz der Knappheit eine Familiengeschichte dreier Generationen enthält, die die eigene der Schriftstellerin ist.
Maria und Josef leben am Rand des österreichischen Bergdorfes, haben viele Kinder, aber an allem anderen herrscht Knappheit. Als Josef eingezogen wird als Soldat im Ersten Weltkrieg verschlimmert sich die Situation für die Familie Moosbrugger. Maria ist eine Schönheit, seit langem von den Männern begehrt und von den Frauen verachtet. Der Bürgermeister des Dorfes, den Josef um Schutz für seine Frau bat, macht sich gewaltsam an Maria heran. Die Vorführung männlicher Potenz, die Eifersucht und Missgunst der Frauen treten immer mehr zutage, dazu der Krieg, der auch die abgegrenzte Dorfwelt berührt.
Maria wird schwanger, und es ist unwahrscheinlich, dass das Kind vom sehr selten gesehenen Josef ist. Fragen kommen auf, ob der Bürgermeister oder Georg, ein Mann aus Hannover, in den sich Maria verliebte, der Vater sein könnten. Das Kind, Grete, ist die Mutter der Autorin, von dem letztlich sogar Josef glaubt, daß ihm ein Kuckucksei ins Nest gelegt wurde. Nach dem Krieg ist die Tochter Grete für ihn nicht existent, er spricht sein ganzes Leben kein Wort mit ihr.
Die Bagage sind arme Menschen und gleichzeitig Lasten, die man mit sich herumträgt. Zeitlebens gemobbt von Josef, was die Autorin äußerst naturalistisch darzustellen vermag, wächst Grete in armen Verhältnissen und umgeben von Geheimnissen und Missgunst auf, trägt die Last ihrer armen Herkunft und den Makel ihrer Geburt.
Das Buch „Die Bagage“ ist dicht erzählt, und durch die Nähe zur Familiengeschichte der Autorin ist man beim Lesen ganz nahe am Geschehen, auch wenn große Zeitsprünge und Vielstimmigkeit höchste Konzentration verlangen. Der emotionale Ballast wird weitergereicht von einer Generation zur nächsten, und alle erzählen davon.
Liebevoll und zugleich schonungslos, ohne Schnörkel, betrachtet Monika Helfer ihre Figuren, die sich auf oft krummen Wegen im Abseits bewegen müssen. Dass es sich dabei um ihre eigene Geschichten handelt, macht das Buch für mich umso eindrucksvoller.
Stilistisches das Buch nur scheinbar einfach verfasst, entsprechend der dörflich-hinterwäldlerischen Redeweise, denn es steckt voller hintersinnigem Witz. Man merkt dem Text an, dass die österreichische Schriftstellerin schon mehrere Romane veröffentlicht hat, von dem einerseits zwei Jahren für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.11.2019

Weitschweifiger Ermittkerkrimi

Verborgen im Gletscher
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Als ich den neuen Roman „Verborgen im Gletscher“ des isländischen Schriftstellers Arnaldur Indriðason in den Händen hielt, habe ich mich auf einen gemütlichen und ausschweifend erzählten Ermittlerkrimi ...

Als ich den neuen Roman „Verborgen im Gletscher“ des isländischen Schriftstellers Arnaldur Indriðason in den Händen hielt, habe ich mich auf einen gemütlichen und ausschweifend erzählten Ermittlerkrimi gefreut, der mit einem neuen Ermittler aufwartet und wie bereits die gefeierten und von mir sehr geschätzten Erlendur-Romane des Autors viel Lokalkolirit enthält. Leider hat es Indriðason nach meinem Geschmack mit Weitschweifigkeit und Beschaulichkeit ein wenig übertrieben, so dass der Roman einige Längen aufweist, auch wenn der Plot sehr spannend ist und mit Konráð als pensioniertem Kriminologen einen sehr interessanten Charakter bietet.

Der Fall, den Konráð nach Jahren erneut aufrollt und der damals wegen mangelnder Beweise Nichtzulassung Abschluss gebracht werden konnte, beginnt mit einem Leichenfund eines seit Jahrzehnten Vermissten Geschäftsmannes im Gletscher. Konráð, schon damals von der Schuld eines Kollegen des Toten überzeugt, befragt viele Zeugen und der Fall erscheint in neuem Licht.
Konráð ist ein ein-Mann-Team, verlässt sich bei den Befragungen auf seine Menschenkenntnis und ist mit seinen Folgerungen auf sich gestellt.

Der Krimi entwickelt sich eher gemütlich und langsam, so wie man davon Autor gewohnt ist. Doch störte es mich ein wenig, dass man einfach zu viele Befragungen des Pensionärs begleitet, auch solche, die in keiner Weise zielführend erscheinen und wohl der Gemütlichkeit des Charakters geschuldet sind. Er ist bedächtig, grast alle Gegebenheiten ab und wechselt bei seinen Ermittlungen nicht schnell den Blickwinkel. Das wirkt sehr realistisch, bremst die Geschichte aber andererseits in meinen Augen zu sehr aus, und Leser temporeicher Krimis werden sich schnell langweilen. Es steht und fällt alles damit, ob man sich auf die Geschwindigkeit von Konráð einlässt und in seinem Tempo vorwärts geht oder nicht.
Mir ist das nicht gut gelungen, und obwohl ich viele Passagen des Romans sehr mochte vergebe ich gute drei Sterne für einen etwas zu weit ausholenden, behäbigem allerdings auch äußerst komplexen und bis zum Ende schwer durchschaubaren Ermittlerkrimi.

Ich möchte Konráð dennoch gerne eine weitere Chance geben und freue mich auf den nächsten Band.

  • Cover
  • Spannung
  • Geschichte
  • Stimmung
  • Figuren
Veröffentlicht am 27.05.2019

Lotosweg

Die Lotosblüte
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Der koreanische Autor Hwang Sok-Yong entführt den Leser in seinem Werk „Die Lotosblüte“ ins 19. Jahrhundert in die konfliktreiche Zeit des Taiping-Aufstandes, der politischen Verwicklungen zwischen China, ...

Der koreanische Autor Hwang Sok-Yong entführt den Leser in seinem Werk „Die Lotosblüte“ ins 19. Jahrhundert in die konfliktreiche Zeit des Taiping-Aufstandes, der politischen Verwicklungen zwischen China, den Briten, Amerikanern und den Japanern.
Vor diesem Hintergrund rollt der Autor die Geschichte der Koreanerin Chong Shim auf, die mit 15 Jahren von ihrer Stiefmutter an einen Mädchenhändler verkauft wird. Sie kommt zu einem 80jährigen Chinesen nach Nanking, dem sie als Zweitfrau Lebenskraft spenden soll und wo sie den Namen Lotosblüte erhält. Später im Bordell ausgebildet, geraubt und wieder verkauft ist ihr „Lotosweg“ mit Stationen in Taiwan, Singapur, Nagasaki, den Ryukyu-Inseln und Satsuma von Namenswechseln begleitet.
Nach ihrem ersten Wandel auf ihrer Reise nach China, auf der sie einer koreanischen Legende gemäß dem Meeresgott begegnet und als andere Person aus dem Meer auftaucht, passt sich Chong Shim Chamäleon-artig den veränderten Gegebenheiten an, wechselt mit jeder Station den Namen und schafft es, besser davon zu kommen als andere Frauen in ihrer Situation.
Das Schicksal der Lotosblüte und ihrer Leidensgenossinnen stellt die Situation der zwangsprostituierten Frauen in Asien dar, die mit ihrer Hoffnung, durch einen reichen und zuvorkommenden Freier durch Heirat zu entkommen eigentlich letztlich helfen, dieses System zu erhalten. Chong Shim ist eine Dienende, und bleibt es auch nach ihrer Heirat.

Historisch beginnt die Handlung in der Zeit kurz vor dem ersten Opiumkrieg, allerdings bekommt man als Leser das Beiwerk nicht geliefert, sondern muss es sich genau wie die Reiseroute der Lotosblüte erarbeiten. Das ist mühsam, weil zum Beispiel Orte in alte chinesische Ortsnamen übertragen wurden und schwer auffindbar sind. Im Gegensatz dazu steht die wahrscheinlich durch die Übersetzung bedingte sehr einfache und moderne Sprache, die dem Buch in meinen Augen viel Authentizität nimmt.
Sehr detailliert und kalt beschreibt der Autor Landschaften, aber auch gewaltvolle Sexszenen, die dann im krassen Gegensatz zum angeblichen Lustempfinden der prostituierten Frauen in Zwangslage stehen - für mich ist das zum einen zu viel und zum anderen so absolut nicht nachvollziehbar und glaubhaft.

Ich weiß nicht, ob ich der asiatischen (Sprach)Kultur für diese Geschichte zu fern bin. Und ohne Recherche zu historischem Hintergrund wären sehr viele Informationen nur an mir vorbei geflogen, weil nur angedeutet. Ich denke, dass der Roman für Leser, die besser mit asiatischer Kultur und Geschichte vertraut sind als ich, gewinnbringend ist. Ich habe mich gestoßen an den nicht greifbaren Figuren, an Orten und Geschichtsdaten, mit denen ich erst beim Nachschlagen etwas anfangen kann und an der in meinen Augen nicht wirklich gelungenen Übersetzung aus dem Koreanischen.
Es ist durchaus interessant von Trostfrauen, Konkubinen und Mädchenhandel in Asien im 19.Jahrhundert zu lesen, aber für den nicht-asiatischen Buchmarkt wäre eine kurze Zeit- und Ortstafel sehr hilfreich gewesen.